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Alles beim Alten auf dem Bauernhof?

3 Min
WZ-Redakteur Michael Schmölzer blickt alle zwei Wochen zurück und zeigt auf, warum Historisches auch heute relevant ist.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Wiki Commons.

Früher waren meist die Schwiegertöchter allein für die Pflege von betagten Angehörigen zuständig. Das bedeutete Arbeit bis zum Umfallen. Heute hat sich hier einiges, aber nicht alles geändert.


    • Pflege auf Bauernhöfen wurde traditionell meist der Schwiegertochter überlassen.
    • Es gibt Veränderungen: Pflegearbeit erfährt mehr Anerkennung.
    • Die junge Generation organisiert Pflege zunehmend, führt sie aber seltener selbst aus.
    • Drei-Generationen-Familien sind auf Österreichs Bauernhöfen weiterhin üblich.
    • Die Pflege der Altbauern wird meist von Schwiegertöchtern übernommen.
    • Innovationen wie mobile Pflegedienste reduzieren soziale Abhängigkeiten.
    • Der Hof wird generell vom Sohn geerbt, ein Umzug ins Seniorenheim ist unüblich.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Wenn die Altbauern hinfällig werden, dann ist die Pflege zuallererst Sache der leiblichen Kinder“, fordert Susanne Fischer im Gespräch mit der WZ. Sie ist selbst als sechstes von sieben Kindern auf einem Bauernhof aufgewachsen und kennt die Verhältnisse aus nächster Nähe. Heute arbeitet sie für das Bäuerliche Sorgentelefon der Landwirtschaftskammer, wird kontaktiert, wenn der Hut brennt. Und das ist nur zu oft dann der Fall, wenn getan wird, was angeblich Tradition ist.

Einer dieser althergebrachten Bräuche besteht darin, dass sich am Hof nicht die leiblichen Kinder, sondern die Schwiegertochter allein um die „Alten“ kümmert. Das tut sie, weil sie als einzige Frau greifbar ist. Und sie tut es neben ihren anderen Verpflichtungen im Stall, am Feld, bei der Bewirtung von Feriengästen. Dazu muss sie sich die Kommentare und die Kritik der Geschwister ihres Mannes anhören, die selbst kaum tätig werden, im Haus aber ein- und ausgehen, wie es ihnen passt. Das Resultat, weiß Fischer, ist viel zu oft ein psychischer und physischer Zusammenbruch.

Alle unter einem Dach

Historisch betrachtet war es auf Bauernhöfen üblich, dass die Frau von auswärts in ein hierarchisch-patriarchal organisiertes System einheiratete. Alle lebten unter einem Dach, der Bauer war Familienoberhaupt. Frau und Kinder, die Knechte und Mägde hatten sich zu fügen. Wenn der Jungbauer übernahm, wanderte die Vorgängergeneration ins Ausgedinge, auch Austrag genannt. Vertraglich wurde genau festgelegt, wieviel Wohnraum den Alten zustand, wie viel Vieh und wie viel Land sie sozusagen als Pension erhielten. Ein wichtiger Punkt war immer der Anspruch auf Pflege im Krankheitsfall und bei Altersschwäche.

Nachdem die leiblichen Töchter bei Eintreten dieses Falles zumeist nicht mehr am Hof waren – Männer kümmern sich bis heute meist nicht um Pflegetätigkeit – musste die Schwiegertochter ran. Auch für die Altbäuerin war es nicht immer angenehm, von der Schwiegertochter, mit der sie unter Umständen über Jahre verfeindet war, gepflegt zu werden.

Neuer Respekt

Und heute? Auf den ersten Blick: alles wie gehabt. Auf Österreichs Bauernhöfen ist weiterhin die Drei-Generationen-Familie üblich, generell erbt der Sohn den Hof. Die Schwiegertöchter sind immer noch in Machtkämpfe mit ihren Schwiegermüttern verstrickt und kümmern sich häufig immer noch um die Pflege, weil sich sonst niemand findet. Ein Abschieben der Altbäuerinnen und Altbauern in ein Seniorenheim ist absolut unüblich.

Und doch, sagt Lebens- und Sozialberaterin Fischer: Es hat sich einiges verändert. „Es ist nicht mehr eine Selbstverständlichkeit, dass die Schwiegertochter die Pflegearbeit übernimmt.“ Aus Verpflichtung ist ein Stück weit Freiwilligkeit geworden. „Und wenn die Schwiegertochter es macht, ist ganz anders anerkannt als früher.“ Manchmal stünden die Frauen heute schon deshalb gar nicht mehr zur Verfügung, weil sie außerhalb des Hofes einem Vollzeit-Job nachgingen. Es finden sich immer weniger Frauen, die sich das Leben als Bäuerin antun wollen. Oft sind die neuen Bäuerinnen selbst nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen und deshalb weniger bereit, sich alten bäuerlichen Traditionen zu fügen.

Wandel für die Ewigkeit

Laut einer Studie der Uni Graz geht es heute bei Österreichs Bauern und Bäuerinnen darum, dass die junge Generation die Organisation der Pflege übernimmt, die Tätigkeit aber nicht mehr eigenhändig durchführt. Innovationen wie Pensionsversicherung, mobile Pflegedienste und Einrichtungen wie Essen auf Rädern haben dafür gesorgt, dass die sozialen Abhängigkeiten geringer geworden sind.

Unbestritten ist: Es hat, wenn schon kein Traditionsbruch, so doch ein Wandel stattgefunden auf Österreichs Bauernhöfen. Wobei auch die Grazer Uni-Studie festhält, dass es die Höfe als Wirtschaftsform deshalb heute noch gibt, weil dort im Wesentlichen doch alles beim Alten bleibt.


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Infos und Quellen

Gesprächspartnerin

Susanne Fischer, Lebens- und Sozialberaterin, als sechstes von sieben Kindern auf einem Bauernhof aufgewachsen. Arbeitet u. a. im Rahmen des Projektes „Lebensqualität Bauernhof“ für das Bäuerliche Sorgentelefon.

Quellen

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