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Da wohnen nur „die argen Leute”? Über den Gemeindebau in Graz kursieren viele Klischees.
Lucy thront auf dem Schoß von Sabine (53) mit dem hellroten Buzzcut. An der bellfreudigen Zwergpinscher-Chihuahua-Mischung kommt niemand ohne ein paar Streicheleinheiten vorbei. Lucy ist das inoffizielle Maskottchen der Laudongasse 3. Der Gemeindebau gelben Hauswänden in der Nähe des Grazer galt lange Zeit als Problemadresse. Von herumliegenden Spritzen, alkoholisierten Randalierern und schlafenden Obdachlosen im Keller ist in den Schlagzeilen die Rede.
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An diesem Montag sitzt Lucys Besitzerin Sabine zusammen mit Gitti und zwei anderen Hausbewohner:innen rund um den Holztisch vor der Eingangstür. Cola, Red Bull und Zigaretten liegen vor ihnen. Am Eingangsbereich prangen Graffiti, die zwei Dutzend Klingelschilder sind teils vergilbt oder verrutscht. „Der Kaffee ist schon aufgesetzt“, ruft Viktoria Fröhlich in Richtung Tisch. Sie gehört zum Team Mobile Stadtteilarbeit vom städtischen Friedensbüro. Ihr Kollege Alex Mikusch hält ein Plastiksackerl in der Hand. Darin „Salatpflanzerln, acht Stück, direkt vom Markt“ – für die Hochbeete vorm Haus. Zusammen mit den Bewohner:innen wollen Viktoria und Alex das Zusammenleben in Grazer Gemeindebauten verbessern.
Montags und donnerstags verbringen sie je zwei Stunden in der Siedlung Laudongasse, seit mittlerweile mehr als zwei Jahren. Da wird dann zum Beispiel „zamhuckt“, erzählt Sabine, die derzeit von Beihilfen lebt, etwa ihrer Halbwaisen-Pension. Seit letztem Jahr wohnen sie und Hündin Lucy im dritten Stock, in einer der 36 Wohnungen im Gemeindebau. Manche wohnen hier allein, manche zu zweit, auch drei Familien mit Kleinkindern sind eingezogen.
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Sabine hat sich zuerst nicht getraut, sich beim Projekt des Friedensbüros zu beteiligen. Sie beschreibt sich selbst als eher introvertiert. Gitti hat sie dann dazugeholt. Die 56-Jährige ist von Anfang an dabei. Stolz zeigt sie den Gemeinschaftsraum mit der Küche her, jeden zweiten Donnerstag wird gekocht. Auch Sommer- und Herbstfeste, Filme- und Spieleabende und Vorträge – zum Beispiel über Mobbing oder Ernährung – haben schon stattgefunden. Jeden Monat gibt es einen Plan mit Angeboten.
„Früher nicht zum Aushalten“
Gitti lebt seit 2009 in der Laudongasse, sie hat ihren Partner hier kennengelernt und wohnt inzwischen mit ihm zusammen. In ihrer Vergangenheit war sie Alkoholikerin, nun ist sie seit drei Jahren trocken und restauriert in einer geringfügigen Beschäftigung Möbel. Es hat sich vieles geändert, seitdem das Friedensbüro da ist, sagt sie. „Früher war es nicht zum Aushalten.“ „Wildfremde“ hätten in den Gängen und im Keller geschlafen. Die Gemeinschaftstische und Stiegenhäuser waren regelmäßig verschmutzt und beschädigt. Vandalismus stand an der Tagesordnung. Viele der Bewohner:innen seien lange Zeit unter sich geblieben. „In der Siedlung ist es einerseits um verschiedene Suchterkrankungen gegangen, Alkohol und andere Substanzen – sehr offen und sehr auffällig und sehr problematisch”, erklärt Alex. Andererseits waren auch verschiedene psychische Erkrankungen Thema.
12.000 Gemeindewohnungen gibt es insgesamt in Graz. In Zeiten der Teuerung sind sie gefragt. Doch das schlechte Image hält sich hartnäckig. Viktoria und Alex sind neben der Laudongasse in zwei weiteren Siedlungen tätig. Meistens bleiben sie für drei bis fünf Jahre. Die Zielgruppen und die Schwerpunkte unterscheiden sich von Gebäude zu Gebäude. Einmal ist Alterseinsamkeit mehr Thema, dann Altersarmut oder eben Sucht und Erkrankungen. „All das sind gesamtgesellschaftliche Probleme. Aber im Gemeindebau sind sie halt sichtbarer“, sagt Alex.
In den geförderten Wohnräumen kommen Menschen zusammen, die am Existenzminimum leben und höchstens ein mittleres Einkommen beziehen. Verschiedene Nationen und Generationen treffen aufeinander. Anders als in der „Sozi-Stadt“ Wien sei der Gemeindebau in Graz „sehr stigmatisierend“, sagt Alex. Das Vorurteil: „Dort sind nur die argen Leute.“ ATV-Dokus und Berichte über Messerstechereien und Bandenrivalitäten trugen ihren Teil dazu bei.
Ich vermisse einen vernünftigen Mix bei den Zuweisungen der WohnungenHeinz, Pensionist
Fehlt der soziale Mix?
Für Heinz (78) ist klar, worin das Problem liegt. Seit 15 Jahren lebt der Pensionist in einer der Wohnungen in der Laudongasse 3. Er sei keiner von jenen, der Unterstützung braucht, er sei nicht „konfliktscheu“, packt gerne an, hilft mit. Mit der Situation der Gemeindebauten in Graz ist er unzufrieden: „Ich vermisse einen vernünftigen Mix bei den Zuweisungen der Wohnungen.“ Unter den Bewohner:innen seien viele, die „gesellschaftlich ein bisschen isoliert“ seien, von Institutionen abhängig und nicht in der Lage, auf eigenen Beinen zu stehen. Arbeitslose und Suchtkranke, meint Heinz. Er habe deswegen auch schon Beschwerde beim Wohnungsamt eingereicht.
Die Stadt Graz beteuert: Man achte „sehr wohl“ auf soziale Durchmischung. Allerdings könne niemand gezwungen werden, in eine bestimmte Wohnung zu ziehen – und das spätere Wohnverhalten lasse sich zum Zeitpunkt der Vergabe nicht vorhersehen. Insgesamt will man auf Dauer eine gute soziale Durchmischung durch „eine Verteilung von Gemeindewohnungen im gesamten Stadtgebiet“ erreichen, heißt es aus dem Büro von Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ).
Was die Arbeit des Friedensbüros angeht, sei Bewohner Heinz zuerst skeptisch gewesen. Heute müsse er zugeben, dass sich einiges getan habe. Früher hätten die Bewohner:innen wenige Berührungspunkte gehabt. Gegenüber Alex und Viktoria gesteht er ein, dass sie „Fixpunkte“ für die Bewohner:innen schaffen: „Ihr gebt‘s den Leuten einen Halt.“ Gemeinsam mit den Bewohner:innen und der Hausverwaltung ist es gelungen, den Zugang zum Keller mit einem Tor zu versperren, damit keine hausfremden Personen eindringen können. Und die Gemeinschaftstische können über Nacht geschützt abgeschlossen werden.
Bei der Stadt Graz betont man: Nachbarschaftskonflikte in Gemeindewohnungen würden nicht häufiger auftreten als anderswo, die Nachbarschaftshilfe und die Hausverwaltungen helfen, „Spannungen frühzeitig abzubauen“. Speziell in der Laudongasse hätten sich aber einige Problemfälle „leider nur durch Delogierungen lösen lassen“.
„Vorprogrammiert, dass es crasht“
Heinz findet: „Es ist noch zu wenig erreicht. Den Menschen wird ein bissl z‘wenig geholfen.“ Die Institutionen, die psychosoziale Unterstützung anbieten, sollten präsenter sein, fordert der Pensionist. Viktoria und Alex versuchen, die Menschen an die Institutionen zu vermitteln. „Aber wenn das nicht angenommen wird …“, schüttelt Viktoria den Kopf, „es greift nun mal das Prinzip der Freiwilligkeit.“ Und auch wenn die Bewohnerschaft in den vergangenen Jahren diverser und durchmischter geworden ist – der Spielraum von Alex und Viktoria ist begrenzt: „Mit vier Stunden die Woche kann man auch nicht alles richten.“ Anders als in Wien gibt es in Graz auch weniger Personal für Unterstützung. Alex und Viktoria sind mit ihren Kolleginnen Heidi Bassin und Ursula Hauszer zu viert.
Je früher und niederschwelliger du die Leute unterstützt, desto besserAlex Mikusch, Friedensbüro
Alex würde sich mehr Ressourcen wünschen. Gerade auch, weil in Graz mit Projekten wie Reininghaus und Smart City Wohnprojekte entstehen, die Probleme begünstigten. Teils würden dort „billig gebaute Betonbunker“ entstehen, die Wände sind hellhörig und „jeder Parkplatz ist wichtiger als Spielplätze und Begegnungsräume.“ Alex befürchtet: „Es sind zu viele Leute auf engem Raum. Es ist vorprogrammiert, dass es crasht.“ Umso wichtiger sei die Nachbarschaftsarbeit. „Je früher und niederschwelliger du reingehst und die Leute unterstützt, desto besser.“
KPÖ-Bürgermeistern Elke Kahr will Gemeindebauten in der Stadt forcieren, sie hat sich leistbares Wohnen auf die Fahnen geheftet. Allerdings machen Gemeindewohnungen derzeit nur rund acht Prozent aller Wohnungen in Graz aus. Die Umsetzung werde etwa durch hohe Baukosten und eingeschränkte Budgets erschwert, heißt es. Der für den Gemeindebau zuständige Eigenbetrieb schreibt seit Jahren Verluste – zuletzt lag das Minus bei 8,7 Millionen Euro, der Stadtrechnungshof sprach von einer bedenklichen wirtschaftlichen Lage. Kahr will den Kurs trotz Kritik nicht ändern, Gemeindebauten seien nötiger denn je.
Wie Hündin Lucy alle zusammenbringt
In der Laudongasse sind die Probleme nach zwei Jahren „natürlich nicht auf einmal weg“, sagt Alex. Aber: „Es gibt einen offenen Umgang damit, die Leute trauen sich raus aus ihrer Wohnung.“ Man brauche Geduld, bis sich die Menschen engagieren, sie seien nicht gewohnt, die Räume und die Möglichkeiten dazu zu haben. „Im besten Fall können sie sich dort unterstützen und füreinander da sein.“
Es gehe nicht immer darum, gleich Lösungen für alles zu finden, sondern auch um die richtige Art und Weise, Dinge anzusprechen. An diesem Montag schafft gerade eine neue junge Bewohnerin ein paar letzte Möbelstücke in ihre neue Wohnung in der Laudongasse 3. Sie hat einen Hund, „der hat nachts durchgehend gebellt und Lucy ganz aufgeregt gemacht“, schildert Sabine entrüstet. Gemeinsam mit Alex sprechen die Bewohner:innen die junge Frau mit dem Hund im Vorbeigehen an. Sie entschuldigt sich überschwänglich, verspricht, das Problem in den Griff zu bekommen. Kurz darauf kommen drei Kinder am Holztisch vorbei, schauen neugierig auf Hündin Lucy. „Mögt‘s streicheln?“, fragt Sabine. Das Eis ist gebrochen, die Burschen bleiben kurz.
Alex und Viktoria wechseln einen Blick und lächeln. Schon bevor sie ihre Arbeit hier begonnen haben, hätte es Bekanntschaften unter den Nachbar:innen gegeben, betonen beide, in den letzten zwei Jahren habe man viel verstärken können. „Trotz der Rucksäcke, die die Menschen zu tragen haben, findet diese Begegnung statt und das ist wunderschön“, sagt Viktoria. Wo sich vorher nicht einmal gegrüßt wurde, „kennt man sich heute“, sagt Gitti. „Es gibt keinen Streit mehr und nix.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Sabine (53), Gitti (56) und Heinz (78), Bewohner:innen der Laudongasse 3
- Viktoria Fröhlich und Alex Mikusch vom Friedensbüro
- Büro von Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ)
Daten und Fakten
- Von den knapp 12.000 Gemeindewohnungen in Graz befinden sich 4.404 im Eigentum der Stadt Graz, der Rest verteilt sich auf gemeinnützige Wohngenossenschaften samt Zuweisungsrecht der Stadt. Es gibt derzeit laut der Stadt Graz 179 freie Wohnungen, alle anderen sind bewohnt oder in Sanierung/Brauchbarmachung.
- 302 neue Gemeindewohnungen wurden in dieser Gemeinderatsperiode bereits übergeben, weitere 300 sind aktuell in Umsetzung.
- Bei den Neuzuweisungen im Jahr 2024 zeigt die Statistik, dass 55 Prozent der Gemeindebaubewohner:innen die österreichische Staatsbürgerschaft und 19 Prozent eine andere EU-Staatsbürgerschaft aufgewiesen haben, der Rest fällt auf Drittstaatsangehörige mit Daueraufenthaltstitel.
- Die Richtwertmietzinse für Gemeindewohnungen liegen mehr als 40 Prozent unter dem steirischen Richtwert.
- Zugangsvoraussetzungen: Für eine Einzelperson darf das jährliche Nettohaushaltseinkommen maximal 49.600 Euro betragen. Bei zwei Personen liegt die Obergrenze bei 74.400 Euro, bei drei Bewohnern bei 80.970 Euro und bei einer vierköpfigen Familie bei 87.540 Euro.
- Bewerber müssen mindestens 18 Jahre alt sein und entweder seit mindestens einem Jahr ununterbrochen in Graz wohnen oder arbeiten, oder insgesamt 15 Jahre in Graz gelebt und gearbeitet haben.
- Anspruch auf eine Gemeindewohnung haben nicht nur österreichische Staatsbürger, sondern auch EU-Bürger, Drittstaatsangehörige mit gültiger Aufenthaltsberechtigung sowie Asylberechtigte.
- Laut Stadt verfügt der mit Abstand größte Teil der Ansuchenden über kleinere bis maximal mittlere Einkommen.
- Wartezeiten gibt es laut Stadt keine.
- Es gibt derzeit 430 offene Ansuchen (Ein- und Mehrpersonenhaushalte). In den letzten zwei bis drei Jahren sind die Anträge laut dem Büro von Bürgermeisterin Kahr gestiegen, weil in den Jahren 2017 bis 2021 (in diesem Zeitraum war der damalige FPÖ-Vizebürgermeister Eustacchio zuständig) die Voraussetzungen verschärft waren und viele keine Gemeindewohnung beantragen konnten.
- Durch die Stadtteilzentren und die mobile Siedlungsbetreuung gibt es Angebote für ein gutes Zusammenleben im Gemeindebau.
- Im Beschwerdefall: Laut Stadt wird im Fall einer eingereichten Beschwerde (etwa über Lärmbelästigung) zunächst in einem Gespräch mit den Beschwerdeführer:innen seitens der zuständigen Bediensteten versucht, die Angelegenheit aufzuklären und daraus sich ergebende Maßnahmen zu veranlassen. Bei „unleidlichem Verhalten“ ergeht ein Mahnschreiben an die Verursacher:innen durch die Hausverwaltung und bei Bedarf auch eine Meldung ans Friedensbüro. Nachbarschaftskonflikte können im Extremfall auch zur Kündigung des Mietverhältnisses führen.
- Der Eigenbetrieb, der für den Gemeindebau in Graz zuständig ist, schreibt seit Jahren Verluste – zuletzt lag das Minus bei 8,7 Millionen Euro. Der Stadtrechnungshof spricht von einer bedenklichen wirtschaftlichen Lage.
- Aus dem Büro von Elke Kahr heißt es dazu: Die Bereitstellung von leistbaren Wohnungen ist eine kommunale Kernaufgabe, die, wenn sie einem sozialen Auftrag folgt, nicht gewinnbringend verfolgt werden kann. Auch der öffentliche Verkehr, die Kinderbetreuungseinrichtungen, die Pflegeeinrichtungen und die städtischen Gesundheitsangebote werden – meist mit wesentlich höheren Beträgen – bezuschusst, sind aber gleichzeitig grundlegende Notwendigkeiten.
Quellen
- graz.at: Stadt Graz, Infos zum Thema Gemeindebau
- Friedensbüro Graz: Website
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- Kleine Zeitung: Das Minus im Grazer Gemeindebau wird immer größer
- Der Standard: Soziale Durchmischung im Grazer Gemeindebau
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