PodcastMänner, die Frauen am Berg zurücklassen, sind kein Einzelphänomen.
Zeit miteinander, Wald riechen, Vögel schauen, Bewegung an der frischen Luft, vielleicht ein Gipfelkreuz. So stellen sich viele ein gemeinsames Naturerlebnis mit dem Partner vor. Eine Wanderung am Sonntag? Natürlich, sehr gern.
- Kennst du schon?: „Macht ist nie neutral“
Kilometer, Pulsmessung, Belastungsgrenze, Zielerreichung, Sieg über den eigenen Körper. So stellen sich manche anderen Menschen eine Bergbesteigung vor. Performance halt.
Der Prozess im Februar um den Tod einer Bergsteigerin am Großglockner, die von ihrem Partner am Berg alleingelassen wurde, ist um die Welt gegangen. Eine – dürftig ausgerüstete – Frau ist im Winter 2025 erschöpft erfroren. Ihr Partner hatte davor Rettungsversuche seitens der Bergrettung abgewimmelt: Um 22:50 schickte die Alpinpolizei einen Helikopter, der von dem Partner als nicht notwendig erachtet wurde. Im Prozess sagte er: „Da war noch keine Gefahr im Verzug.“ Eine Ex-Freundin hat in einer Aussage angegeben, dass auch sie von ihm am Berg zurückgelassen worden war, es aber glimpflich ausgegangen sei. Und dass der Angeklagte bei den gemeinsamen Touren „grantig“ geworden sei, wenn die Bergbesteigung nicht reibungslos funktioniert habe.
Der Mann ist inzwischen wegen grob fahrlässiger Tötung verurteilt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, weil Rechtsmittel eingelegt wurden.
In brenzligen Situationen allein gelassen
Im Zuge des Prozesses wurde deutlich: Diese Art des Im-Stich-Lassens, insbesondere bei Paaren, ist kein Einzelfall. Unter dem Wortpaar „Alpine Divorce“ (Alpine Scheidung) sammeln Userinnen auf verschiedenen Plattformen (es melden sich vor allem Frauen) ihre Erfahrungen mit Partnern – vom Date bis zum Ehemann –, die sie in einer bedrohlichen Situation alleingelassen haben. Der räumlichen Trennung am Berg folgt meist die formale Trennung im Tal.
Auf Reddit schreibt eine Userin, dass sie als freiwillige Bergretterin viele Paare gerettet habe, wo sich der Mann von seinem Ego leiten habe lassen und gefährliche Entscheidungen getroffen habe. Oder gleich die Partnerin alleinließ: „Sie unterschätzen das Risiko und überschätzen Können und Kompetenz.“
Kein Einzelphänomen
Eine Userin aus der Schweiz erzählt, dass sie sich von ihrem deutschen Freund überreden hat lassen, im Schwarzwald wandern zu gehen. Bei der schwierigen Wanderung, die sie auf diesem Niveau noch nie gemacht habe, fing er auf einmal an zu drängeln, dass man doch den Bus um 17 Uhr erwischen müsse und deswegen die verbleibenden 22 Kilometer wirklich zackig gehen müsse. Irgendwann habe sie kein Wasser mehr gehabt und nicht mehr einen Schritt vor den anderen machen können. Er habe gesagt, ja, er gehe mal vor und frage den Bus, ob er warten würde. Und weg war er. Sie sei für zwei Stunden allein im Niemandsland gewesen.
Nach dieser Pause habe sie den Weg nach unten irgendwie geschafft. Aber er habe sich nicht gemeldet. Sie habe ihn erst erreicht, als sie schon im Zug nachhause gesessen sei. Und am Telefon sei er dann vor allem neugierig gewesen, wie sie es eigentlich runter geschafft habe, wo doch der letzte Bus schon vor Stunden gegangen sei. Die Userin schreibt, sie habe Glück gehabt, dass sie im Sommer und nicht im Winter allein gelassen worden sei. „Die, die ihr meine Geschichte lest: Bitte geht nie zu weit von der Zivilisation weg mit einem Mann, dem ihr nicht vertraut.“
Ehrgeiz vor Rücksicht
Doch selbst wenn man seinen Partner vermeintlich gut kennt, kann eine „Alpine Scheidung“ passieren. „Als ich eine Snowboard-Anfängerin war, hat mich mein damaliger Ehemann davon überzeugt, die steilste schwarze Piste im Skigebiet zu befahren. Ich habe ihm gesagt, ich habe Angst zu fallen und allein nicht mehr hochzukommen. Also mache ich das nur, wenn er mir verspricht, dass er hinter mir bleibt.“ Es war spät am Nachmittag, sehr windig und nebelig und die beiden hätten die letzte Seilbahn des Tages erwischt. Kurz nachdem sie mit der Piste begonnen haben, sei ihr Mann in hoher Geschwindigkeit an ihr vorbeigefahren, woraufhin sie zum ersten Mal gefallen sei. Ihr Mann sei längst weg gewesen, sie wieder und wieder hingefallen und irgendwann mit Tränen und Erschöpfung auf der Piste gelegen.
Durch Zufall sei sie dann von zwei anderen Skifahrern gefunden und gerettet worden, die vom Waldstück neben der Piste aus erst später auf die Piste gefahren seien. „Meinen Mann habe ich kurz danach verlassen“, schreibt sie.
„Ditch Douche”
Eine andere Userin schreibt, dass sie mit ihrem Mann sehr oft und gerne in Colorado (USA) unterwegs sei. Und sie sehen das derart häufig, dass ein Mann seine Partnerin alleinlässt, dass sie dafür einen eigenen Ausdruck haben, nämlich den „ditch douche“ (quasi der „Im-Stich-Lassen-Idiot“). „Letzten Sommer haben wir einer Frau geholfen, deren Partner sie auf einer Geröllhalde zurückgelassen hat.“ Der Partner habe ihr gar nicht gesagt, dass er eine Gipfelbesteigung plane, sie sei völlig unvorbereitet, hungrig, allein und voller Angst gewesen. Die Reddit-Userin und ihr Mann haben sie dann mit Sonnencreme, Snacks und Wasser versorgt.
Die vielen Einträge im Internet zeigen: Wenn man romantisch verwoben ist, neigt man gern dazu, dem Partner gefallen zu wollen. Wenn das mulmige Gefühl da ist, dass es vielleicht zu gefährlich ist, vermeiden manche den Streit. Dass beide Partner gleich versiert in der Route und/oder mit Karten sind und das gleiche Level an Kondition haben, entspricht oft nicht der Realität. Meist gibt es ein Ungleichgewicht und dann herrscht am Berg – und in der Zivilisation – die Regel, dass man sich an den Schwächeren anpasst. Eigentlich.
Manche sehen aber vor lauter Pulsuhren und Gratifikationen der Zielerreichung die gemeinsame Sache nicht mehr – und werfen offenbar den humanen Ballast, der die Bestzeit nur verhindert, ab. Von wegen Berg heil.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Im Februar 2026 kam es zu einem aufsehenerregenden Prozess um den Tod einer Bergsteigerin am Großglockner. Ihr Partner hat sie schlecht ausgerüstet am Berg allein gelassen. Er wurde wegen grob fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Angelastet wurde ihm, dass er die Fähigkeiten der Partnerin nicht realistisch eingeschätzt und die Tour nicht rechtzeig abgebrochen hatte. Dazu komme das Zurücklassen einer bewegungsunfähigen Person im Hochwinter und die fehlende Absetzung eines sofortigen Notrufs. Das Urteil ist nicht rechtskräftig - der Mann hat dagegen berufen.
- Der Prozess hat medial auf der ganzen Welt für Schlagzeilen gesorgt und hat auf den Sozialen Medien viele Personen veranlasst, ihre eigenen Erfahrungen mit (Ex-)Partnern am Berg zu teilen.
- Der Begriff „Alpine Divorce“ stammt aus einer Kurzgeschichte von Robert Barr, geschrieben am Ende des 19.Jahrhunderts: Ein Ehepaar besteigt einen Berg in der Schweiz; der Mann hat vor, seine Frau von der Klippe zu stoßen.
Quellen
- ORF Salzburg: Glockner-Urteil geht nach Berufung in nächste Instanz
- Die Zeit: „Sie hat Ihnen vertraut“
- Krone: Glocker-Drama: Nach über 13 Stunden Schuldspruch
- Alpine.de: Großglockner-Prozess: Zeugenaussagen, Kontroversen und Hintergründe
- Reddit: Climbergirls: Alpine Divorce
- The Guardian: Women are being abandoned by their partners on hiking trails: What’s behind ‘alpine divorce’?
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