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Unter falscher Identität überlebte die jüdische Polin Leokadia Justman den Holocaust in Tirol. Auf hunderten Seiten dokumentierte sie ihr Überleben.
Als die jüdische Polin Leokadia Justman mit 20 Jahren gemeinsam mit ihrem Vater Jakob Justman inmitten des Zweiten Weltkrieges nach Tirol kam, war die Annahme einer neuen Identität eine bittere Notwendigkeit, um zu überleben. Hinter ihnen lag ihre Heimat Polen, wo Leokadias Mutter Sofia bereits von den Nazis ermordet worden war. 1944 wurde Leokadia Justman mit ihrer besten Freundin Marysia in das Innsbrucker Polizeigefängnis in der Adamgasse gebracht. Während sie dort in Haft saßen, wurde Leokadia Justmans Vater im NS-Lager Reichenau ermordet. Mit der Hilfe einiger Polizeibeamter gelang den beiden jedoch im Jänner 1945 die Flucht. Eine aktuelle Ausstellung im Tiroler Landhaus rückt diese Geschichte nun wieder in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit.
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Zwischen Ghetto und Vernichtungslager
Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurden Leokadia Justman und ihre jüdische Familie aus ihrer Heimatstadt Łódź vertrieben und zunächst in das Warschauer Ghetto deportiert. Im Dezember 1940 wurde der Überlebenskampf für die Familie Justman zur täglichen Realität. Leokadia Justman behielt die verstörenden Bilder hungernder Kinder und ihre Begegnung mit Janusz Korczak zeitlebens im Gedächtnis, wie sie in ihren autobiografischen Aufzeichnungen niederschrieb. Korczak war ein jüdisch-polnischer Arzt und Pädagoge, der im Ghetto ein Waisenhaus leitete. Vor allem durch sein selbstloses Handeln ging Korczak in die Geschichte ein: Als die Kinder seines Waisenhauses 1942 von der SS aus dem Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka deportiert wurden, hätte er die Möglichkeit gehabt, sich selbst zu retten. Doch er entschied sich, bei der Deportation bei ihnen zu bleiben – und begleitete sie freiwillig in den Tod.
In einer erschütternden Parallele zu Korczaks Schicksal wurde auch Leokadia Justman Mutter Sofia im selben Jahr in Treblinka von den Nazis ermordet. Am 17. Oktober 1942 entschied sie sich im polnischen Dorf Gorzkowice dazu, anstelle ihrer Tochter in den Deportationszug einzusteigen. Während Korczak seine Schützlinge in den Tod begleitete, ermöglichte Sofia durch ihr Opfer Leokadia die Chance auf ein Weiterleben.
Flucht nach Tirol und ein Leben unter falscher Identität
Die Erinnerung an Sofia Justmans Opfer führt heute auch nach Innsbruck. Auf dem jüdischen Teil des Westfriedhofs in Wilten, der durch eine Mauer vom übrigen Gräberfeld getrennt ist, erinnert eine Steintafel an die Opfer des Nationalsozialismus. Unweit davon befindet sich das Grab von Jakob Justman, auf dessen Grabstein auch Leokadias Mutter Sofia namentlich angeführt ist. Sie wurde zwar weit weg im Vernichtungslager Treblinka ermordet, doch weil sie dort kein Grab erhalten konnte, hält dieser Stein in Tirol ihr Andenken wach. Er schlägt die Brücke von ihrem gewaltsamen Tod in Polen zur späteren Geschichte ihres Mannes und ihrer Tochter in Innsbruck.
Damals noch in Polen war es Leokadias Vater Jakob, der über seine Kontakte jene gefälschten Dokumente beschaffte, die ihnen die Flucht nach Tirol ermöglichten. Um zu überleben, mussten sie ihre jüdische Identität vollständig ablegen und sich als Angehörige des römisch-katholischen Glaubens ausgeben. Aus Leokadia Justman wurde Leokadia Gralińska, wobei man sie meist „Lotte“ nannte. Jakob Justman gab sich von nun an als Leokadias Bruder Jan Graliński aus, und ihre Freundin Marysia Fuks wurde zu Maria Szynurska. Da die Betriebe in Tirol dringend billige Arbeitskräfte benötigten, fanden LeokadiaJustman und ihr Vater bald Arbeit in der großen Textilfabrik „Franz Baurs Söhne“ in dem Innsbrucker Stadteil Reichenau. Trotz der Kennzeichnung als polnische Fremdarbeiter:innen konnten sie sich in Innsbruck freier bewegen und fanden schließlich im Schlachthofblock eine Unterkunft. Ihre Vermieterin in der Erzherzog-Eugen-Straße, die Witwe Anna Lechner, nahm die beiden bei sich auf. Sie wusste nichts von ihrer jüdischen Identität, begegnete ihnen jedoch mit einer Herzlichkeit, die Leokadia Justman in ihren Memoiren sehr eindrücklich schildert.
Von der persönlichen Erinnerung zur öffentlichen Erinnerungskultur
Es sollte Anna Lechners Sohn Martin sein, der das Projekt zur Erinnerung an Leokadia Justman rund 80 Jahre später ins Rollen bringen würde. Er war etwa drei Jahre alt, als seine Mutter Leokadia und Jakob Justman (bzw. „Lotte“ und „Johann“) bei sich aufnahm. Justman beschreibt Martin Thaler in ihren Memoiren mit einem „Gesicht wie ein Engelchen“. Als später ein Gestapo-Spitzel von der jüdischen Identität der polnischen Fremdarbeiter:innen in Innsbruck erfuhr und diese verriet, wurde Jakob Justman verhaftet. Martin Thaler erinnert sich im Alter von über 80 Jahren noch genau an diesen Moment und schildert, wie die Beamten – „dunkle Gestalten, mit langen Mänteln“ – Jakob, den er nur als Johann kannte, schlugen und abtransportierten.
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Die Erinnerung an die Verhaftung veranlasste Martin Thaler schließlich dazu, sich an den Zeithistoriker Niko Hofinger zu wenden, um zu klären, was aus Leokadia Justman – jener Frau, die er als „Lotte“ kannte – geworden war. Durch diese Recherche kam ans Licht, dass Justman ihr Schicksal in autobiografischen Erinnerungen festgehalten hatte, die sie bereits 1945 auf Polnisch und später auf Englisch niederschrieb. Wegweisend für die heutige Sichtbarkeit ihrer Geschichte in Innsbruck war auch die im vergangenen Jahr erschienene deutsche Fassung dieser Überlebensgeschichte mit dem Titel „Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“, die von Niko Hofinger und dem Theologieprofessor Dominik Markl herausgegeben wurde. Die dritte Auflage des Buches, die im April erschienen ist, beinhaltet auch neu entdeckte Quellen, wie etwa einen Brief des berühmten Kinderarztes und Pädagogen Janusz Korczak an Leokadia Justman, der belegt, dass die beiden sich auch persönlich kannten. „Wir wussten zuvor aus Justmans Aufzeichnungen, dass sie Korczak kannte und seine Bücher las, jedoch nicht, ob Korczak auch Justman kannte. Die Kopie des nun gefundenen Briefs, der Justman jedoch vermutlich nie erreicht hat, belegt nun sehr wohl eine gegenseitige Bekanntschaft“, erklärt Dominik Markl im Interview.
Auch die heutige Erinnerungskultur in Innsbruck knüpft unmittelbar an Leokadia Justmans Aufzeichnungen an. Niko Hofinger und Dominik Markl entwickelten auf dieser Grundlage die Sonderausstellung im Landhaus in Innsbruck – einem NS-Bau, der in der Zeit des Nationalsozialismus als Gauhaus diente, also als regionaler Verwaltungssitz der NSDAP. Ebenso bedeutungsvoll ist der konkrete Ausstellungsort. Das sogenannte „Gauleiter-Hofer-Zimmer“ ist eng mit der nationalsozialistischen Herrschaft in Tirol verbunden und führt damit die Geschichte der Verfolgten und Ermordeten mit der Geschichte der Täter zusammen.
Schreiben gegen das Vergessen
Was Leokadia Justman heute zu einer so bedeutenden Stimme macht, ist die immense Genauigkeit ihrer Dokumentation. Ihre Schilderungen der Haft im Innsbrucker Gefängnis sind Markl zufolge von einer außergewöhnlichen Qualität. „Die Quelle ist auch deshalb von großer Bedeutung, weil sie aus der Perspektive einer Überlebenden stammt, die unterschiedlichste Persönlichkeiten des damaligen Systems beschreibt“, so Markl. „Von den zahlreichen Polizeibeamtenetwa, von denen sie berichtet, haben wir tatsächlich auch zu jedem Namen Personalakten im Polizeiarchiv gefunden. Das ist nur eines von vielen Beispielen, in denen sich ihre Schilderungen mit anderen historischen Quellen decken.“
Über das Schicksal ihres Vaters erfuhr Leokadia Justman erst nach ihrem Ausbruch aus dem Polizeigefängnis und nach dem Ende des Krieges. Er war im Lager Reichenau ermordet worden. In der Innsbrucker Polizeidirektion kam es schließlich zur direkten Gegenüberstellung mit dem verantwortlichen Gestapo-Referenten Josef Mösinger. Justman beschreibt hierbei auch, wie Mösinger seine Unschuld beteuerte und behauptete, lediglich Befehle befolgt zu haben – eine Standardrechtfertigung zahlreicher Nazis, um die Schuld am Völkermord und dem NS-Terror von sich zu weisen. Besonders schmerzhaft für Leokadia Justman war jedoch die Tatsache, dass Mösinger nur wenige Monate später wieder freigelassen wurde. In einem Justizsystem, das in den instabilen Nachkriegsmonaten oft von ehemaligen Nationalsozialist:innen infiltriert war, fehlten die Zeug:innen für seine Verbrechen. „Schon während des Kriegs wollten die Innsbrucker nichts vom KZ Reichenau wissen. In den darauffolgenden Nachkriegsjahren ebenso. Justman schrieb dagegen unmittelbar nach dem Krieg Hunderte von Seiten über ihre Erlebnisse – gegen das Vergessen.“
Justman dankt den wenigen Menschen, die ihr Leben retteten
Leokadia Justman zeigt in ihren detailreichen Aufzeichnungen, dass Erinnern mehr ist als Zurückblicken – es ist ein Akt des Widerstands. Ausdruck dessen ist auch, dass sie jenen Menschen in Tirol ein bleibendes Denkmal setzte, die ihr und ihrer Freundin Marysia das Leben retteten. Auf ihre Initiative hin wurden sie 1980 in der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt – ein Ehrentitel für nichtjüdische Menschen, die während des Nationalsozialismus Juden und Jüdinnen vor Verfolgung und Ermordung schützten. Genannt werden die Polizisten Anton Dietz, Karl Dickbauer, Erwin Lutz, Rudolf Moser und Wolfgang Neuschmid sowie die Frauen Maria Petrykiewicz, ihre Tochter Wanda Petrykiewicz-Bottesi und Marianne Stocker.
Zugleich hält Justman fest, dass viele ihrer Helfer:innen nach dem Krieg in Ungnade fielen, während zahlreiche Täter:innen unbehelligt blieben und sich mit dem Verweis auf angeblichen Befehlsgehorsam der Verantwortung entzogen. „Wir hoffen, dass die Menschen, die die Ausstellung über Leokadia Justman besuchen, daraus mitnehmen, dass jedes Individuum Verantwortung trägt – und auch in dunklen Zeiten einen Unterschied machen kann. So wie Justman selbst oder jene, die ihr geholfen haben und von denen sie in ihren Aufzeichnungen berichtet“, sagt Dominik Markl abschließend im Interview.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Dominik Markl ist Jesuit und Theologieprofessor an der Universität Innsbruck.
- Gemeinsam mit dem Zeithistoriker Niko Hofinger hat er Leokadia Justmans Buch herausgegeben (deutscher Titel: „Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“). Die beiden haben außerdem die Sonderausstellung am Tiroler Landhaus gestaltet (Titel der Ausstellung: „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“)
Daten und Fakten
- Ein außergewöhnliches Dokument der Zeitgeschichte entstand bereits kurz nach Kriegsende: Leokadia Justman, damals Sekretärin von Jakob Mendelsohn Fischer im Büro des ‚Jüdischen Komitees‘, hielt ihre Erlebnisse auf über 500 Seiten in polnischer und englischer Sprache fest.
- Unmittelbar nach dem Krieg lernte Justman in Innsbruck Józef (Joseph) Wiśnicki kennen. Er war ebenfalls ein jüdischer Flüchtling aus Polen, dem es gelungen war, die NS-Zeit unter falscher Identität als Gärtner in Vorarlberg zu überleben. Sie heirateten im September 1945 in Innsbruck.
- Nach einigen Jahren in Innsbruck entschlossen sie sich zur Emigration, um ein neues Leben fernab der traumatischen Schauplätze aufzubauen. Im Jahr 1950 entschied sich das Paar schließlich zur Emigration in die USA und ließ sich in New York nieder. Später zog Justman, die dort den Namen Lorraine Justman-Wisnicki annahm, nach Florida. Die beiden bekamen zwei Kinder: Jeffrey und Susan. Leokadia bzw. Lorraine Justman-Wisnicki verstarb am 9. März 2002 im Alter von 79 Jahren in Aventura, Florida.
- Im Jahr 2018 beauftragte der Zeitzeuge Martin Thaler den Zeithistoriker Niko Hofinger mit der Recherche zu seinen Kindheitserinnerungen. Die Nachforschungen führten zu den Nachkommen von Leokadia Justman in Florida. Ihr Sohn, Jeffrey Wisnicki, stellte daraufhin das von ihm veröffentlichte Buch „In Quest for Life“ zur Verfügung, in dem Leokadia Justman den damals dreijährigen Martin LThalererwähnt hatte. In der Folge besuchte Jeffrey Wisnicki mit seiner Frau Becky und den Söhnen Justin und Brandon die Schauplätze sowie Martin Thaler in Innsbruck.
- Am 8. Mai 2025, dem 80. Jahrestag des Kriegsendes, wurde der Baubeginn für den Gedenkort Reichenau mit einem Festakt begangen. Zwischen 1941 und 1945 wurden dort mehr als 9.000 Menschen inhaftiert, gefoltert und systematisch ermordet. Das Projekt und der neue Gedenkort sollen an die Opfer erinnern. Auch Leokadia bzw. Lorraine Justmans Sohn Jeffrey wurde eingeladen und war vor Ort. Seinem Großvater Jakob Justman wurde ebenfalls ein Gedenkstein gewidmet. Jakob wurde 1944 im Lager Reichenau ermordet.
Quellen
- Eröffnung der Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“
- Baubeginn des Gedenkortes Reichenau
- Leokadia Justmans Überlebensgeschichte
- The Righteous Among the Nation Database (Yad Vashem-Datenbank über „die Gerechte unter den Völkern“)
- Vom Gauhaus zum Landhaus. Ein Tiroler NS-Bau und seine Geschichte
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