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Österreich wächst kaum noch: 2025 liegt das Plus laut Statistik Austria bei nur 0,24 Prozent – so wenig wie seit 2010 nicht mehr. Hält der Trend, könnte das Land noch in diesem Jahrzehnt schrumpfen.
Bei der bisher wichtigsten (eventuell auch weil: einzigen) Wahl des Jahres, der Gemeinderatswahl in St. Pölten, war Wachstum ein großes Thema. 2024 war die niederösterreichische Landeshauptstadt ja der Bezirk in Österreich, der am stärksten an Bevölkerung zugenommen hat. Das haben nicht alle Parteien gleich gut gefunden – die Stadt-ÖVP zum Beispiel hat damit geworben, St. Pölten eine „Zuzugsbremse“ verordnen zu wollen.
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Für solche Kritiker:innen der Wachstumsschmerzen an der Traisen gibt es jetzt eine gute Nachricht: St. Pölten hat 2025 seinen Spitzenplatz verloren – und zwar ausgerechnet an eine alte Konkurrentin. Wiener Neustadt, vor 40 Jahren ebenfalls im Rennen um die niederösterreichische Landeshauptstadt, ist im Vorjahr um 1,8 Prozent gewachsen und hat damit (ex aequo mit Eisenstadt) die Krone um den am schnellsten wachsenden Bezirk der Republik erobert.
Zumindest, wenn man nur die politischen Bezirke zählt; rechnet man die irregulären Bezirke Wiens mit, liegt der 22., „Donaustadt“ mit einem enormen Zuwachs von 3,2 Prozent auf Rang eins. Die Gemeinde/das Land Wien als ganzes ist aber nur um 0,7 Prozent gewachsen und damit weit weniger als Wiener Neu- und Eisenstadt.
Bevölkerungsstand
All das geht aus der Erfassung des Bevölkerungsstands mit 1.1.2026 hervor, den die Statistik Austria diese Woche veröffentlicht hat. 9.219.113 Menschen (davon etwas über einem Fünftel Ausländer:innen) leben mit Stand Jahreswechsel in Österreich, exakt 21.900 oder 0,24 Prozent mehr als zu Beginn 2025. Und während Eisenstadt verhältnismäßig am meisten neue Einwohner:innen angezogen hat, ist Burgenland generell der einzige Verlierer des vergangenen Jahres.
„Verlierer“ ist ein hartes Wort, ich weiß – aber nachdem die Bevölkerungszahl für eine ganze Reihe von Verteilungsfragen in der Republik herhalten muss, vom Finanzausgleich über Bundesratssitze bis hin zum Stabilitätspakt, ist die absolute und relative Schrumpfung eines Bundeslands auch ein politischer Faktor.
Auf Bezirke heruntergebrochen stellt sich die Bevölkerungsveränderung so dar:
Wir sehen: Abseits der Hotspots Donaustadt (+3,2 %), Wiener Neustadt (+1,8%), Eisenstadt (+1,8%), Leopoldstadt (+1,4 %), Landstraße (+1,2 %) und Floridsdorf (+1,1%) liegt das Bevölkerungswachstum maximal bei einem Prozent. Und die langfristigen Trends zur Urbanisierung bzw. Landflucht haben sich fortgesetzt: „Rückläufig entwickelten sich die Bevölkerungszahlen in 45 politischen Bezirken, hauptsächlich in ländlich-peripheren und inneralpinen Regionen. Am stärksten schrumpften die beiden obersteirischen Bezirke Murau (−0,9 %) und Bruck-Mürzzuschlag (−0,8 %), die kleine Statutarstadt Rust (−0,7 %) sowie Gmünd im Waldviertel (−0,7 %)“, stellt die Statistik Austria fest.
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Einfach Politik.
Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
Spätestens hier sollte klar werden, warum Bevölkerungswachstum bzw. der Mangel an selbigem ein politisches Thema ist: Während manche Bezirke längst darüber streiten, wie sie mit Zuwanderer:innen umgehen sollen, kämpfen andere um jede:n Einwohner:in – und wenn wir gerade über die Reform der Grundsteuer reden, muss man auch mitdenken, dass für all diese Gemeinden dieselben Aufgaben und Finanzierungsregel gelten, unter anderem der abgestufte Bevölkerungsschlüssel, nach dem jeder Hauptwohnsitzer:in bares Steuergeld wert ist.
Hier sehen wir, wie sich die Bevölkerung in Österreich in den vergangenen Jahren so entwickelt hat:
Good (oder, je nachdem wie man zur Wachstumsfrage generell steht, vielleicht auch bad) news: Österreich wächst immer noch weiter. Weil die absolute Zahl der Einwohner:innen aber nicht viele Rückschlüsse zulässt, habe ich das Wachstum auf Prozent umgerechnet:
Hier sehen wir, dass das relative Wachstum Österreichs in den vergangenen 20 Jahren nur einmal so niedrig war wie heute, nämlich im Jahr 2010. Auch wenn die Detailzahlen zu Zu- und Abwanderung, Geburten und Todesfällen erst im Lauf des Jahres veröffentlicht werden, können wir schon einen educated guess machen, warum das so ist. Hier ist die Statistik der neuen Asylanträge in Österreich pro Jahr:
Wir sehen: Auch hier sticht 2010 als niedrigster Wert der vergangenen Jahrzehnte heraus. Weil das „natürliche“ Bevölkerungswachstum in Österreich (wie in der ganzen Welt“ in den 15 Jahren seither aber signifikant eingebrochen ist – 2010 ist die statistische Zahl der Kinder, die eine Frau über ihre Lebenszeit zur Welt bringt, bei 1,43 gelegen, 2024 nur noch bei 1,31 – macht die 2025 noch höhere Zahl der Asylwerber:innen da einen weit kleineren Unterschied als damals.
Geht der Trend nach der Halbierung der Wachstumsrate von 0,4 auf 0,2 Prozent von 2024 auf 2025 so weiter – bleibt die Fertilität genauso niedrig wie die Migration – könnte Österreich noch in diesem Jahrzehnt erstmals seit Jahrzehnten wieder schrumpfen. Ein Szenario, mit dem die Hauptprognose der Statistik Austria erst in den 2050ern gerechnet hatte.
Die Folgen für uns alle wären beträchtlich.
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Infos und Quellen
Genese
Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.
Quellen
- Statistik Austria: Bevölkerung Österreichs 2025 nur leicht gewachsen
- Statistik Austria: Bevölkerungsprognosen für Österreich und die Bundesländer
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