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Angst, die stärker macht

4 Min
Wir sind umgeben von den schrecklichen Bildern dieser Welt.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Durch das Smartphone rücken Kriege und Krisen immer näher an die Kinder und Gen Z heran – doch das muss gar nicht schlecht sein.


Die Breaking News flimmern über die Bildschirme von Smartphone und Fernseher – und mit ihnen Bilder irgendeines aktuellen Krieges dieser Welt. Und der Klimakatastrophe. Und darüber, wie viel weniger wert das Geld schon wieder geworden ist. Vom fünfjährigen Kindergartenkind, das die angstverzerrten Gesichter der flüchtenden Männer, Frauen und Kinder des Krieges nicht mehr vergisst, bis zur 20-jährigen Studentin ist den Menschen vor den Bildschirmen eines schnell klar: Die heile Welt gibt es nicht. Und: Durch Smartphone und Internet rücken die Katastrophen und Krisen noch näher an jede:n Einzelne:n heran.

Gerade die Älteren fürchten sich vor einer Krise ganz besonders, hat der aktuelle, achte Bericht zur Lage der Jugend in Österreich zu den größten Ängsten unter den 16- bis 29-Jährigen ergeben: „Dass die Inflation immer weiter ansteigt und mein Geld dadurch immer weniger wert wird" befürchten 45 Prozent dieser Altersgruppe, ist in dem Bericht, den das Bundeskanzleramt, basierend auf Umfragen, jährlich herausgibt, zu lesen. Dicht danach folgen die Angst, dass in Europa ein Krieg ausbricht (41 Prozent) und die Angst vor dem Klimawandel (39 Prozent).

Dass Katastrophen und Krisen über die Sozialen Medien wie Instagram oder TikTok in die Lebenswelten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen gespült werden, lässt sich nicht verhindern. Das muss es auch nicht. Wichtig sei dabei nur, dass die Eltern oder Bezugspersonen so früh wie möglich mit dem Kind diese Ängste besprechen und ihm helfen, damit zurechtzukommen. „Dann wird das Kind insgesamt stärker für das, was kommt", sagt die klinische Psychologin Sabine Völkl-Kernstock von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Wien zur WZ.

Die Fähigkeit, sich anzupassen

Resilienz ist der Fachausdruck für die Fähigkeit, sich anzupassen. Das Gefühl der Sicherheit und Zuversicht wachse mit dem Wissen, selbst etwas bewegen zu können, sagt Silvia Exenberger, klinische und Gesundheitspsychologin am Landeskrankenhaus Hall in Tirol. Bei der Angst vor den Teuerungen zum Beispiel geht es vor allem darum, sich um das Geld, das man verdient, das Leben und Wohnen nicht leisten zu können. Was kann der junge Mensch hier selbst bewegen? „Er kann sich ein realistisches Ziel setzen und Wege suchen, wie er es ungefähr erreichen kann", sagt Exenberger. Wie einen Bildungsweg, der für ihn passt. Oder nach leistbaren Wohnmöglichkeiten suchen, etwa in einer WG.

Was Kriege und die Klimakrise betrifft, gilt ebenfalls: „Dem Kind – egal, wie alt es ist – hilft es enorm, wenn Ereignisse erklärt werden und man aufzeigt, wie es sich selbst engagieren könnte", sagt Susanne Greber-Platzer, Leiterin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der MedUni Wien und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin. Ob es nun die Mülltrennung oder das Pflanzen junger Bäume gegen die Klimakrise ist, oder es sich an Spenden für Kinder in Krisen- oder Kriegsgebieten beteiligt: „Wenn das Kind selbst eingebunden wird, dann kann das Negative sogar motivierend sein und zur positiven Stärkung werden."

„Kind soll nicht zum Grabstein für Ängste der Eltern werden”

Aber kann der Krieg auch zu uns kommen? Fragen wie diese kommen mitunter schon aus dem Mund des/der Fünfjährigen. „Nein, im Moment nicht. Aber es gibt Länder, in denen Menschen einander nicht so gut verstehen wie wir", sei eine mögliche Antwort darauf, sagt Völkl-Kernstock. Das Wichtigste bei einem Kindergarten- und Volksschulkind sei, fachlich – und nicht emotional – zu erklären, dass es hier in Sicherheit lebt. Das, was das Kind brauche, sei ein Gefühl der Geborgenheit. Deshalb solle man das Thema auch nicht aktiv ansprechen, sondern warten, bis das Kind von sich aus fragt. „Das Kind soll nicht zum Grabstein für die Ängste der Eltern werden", sagt Völkl-Kernstock. Man dürfe es aber auch nicht anlügen oder etwas herunterspielen – das Kind würde es ohnehin sofort durchschauen. „Die Botschaft sollte sein: Das Leben ist ungewiss. Wir müssen uns aber nicht fürchten."

Gibt es niemanden, der mit den Kindern oder Jugendlichen über all die Krisen, Katastrophen und Kriege spricht, die sie belasten, dann können Schlafstörungen, Alpträume oder psychische Auffälligkeiten die Folge sein, sagt Greber-Platzer. Vor allem Kinder aus Familien, in denen sie keine Bezugsperson haben, seien betroffen. „Sie haben kein Vertrauen, fühlen sich unsicher, und es fehlt ihnen der Halt. Sie können kein Selbstbewusstsein aufbauen, und folglich fehlt ihnen die Resilienz." Erst durch langjährige Therapien könnten sie Strategien entwickeln, diese Spirale zu durchbrechen.

Die Ängste nehmen kann man generell niemandem. Auch seinem Kind nicht. Darum gehe es aber auch gar nicht, wenn man von Resilienz spricht, meint Exenberger: Es gehe darum, das Kind mit seinen Ängsten nicht allein zu lassen.


Anlaufstellen für Familien und Kinder und Jugendliche:


Infos und Quellen

Genese

„Wie soll ein Lawinenunglück von 1999 die jungen Menschen von heute interessieren?" Diese Frage, gestellt vom Social-Media-Team der WZ, geisterte im Kopf von WZ-Redakteurin Petra Tempfer herum, als sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Bernd Vasari einen Dokumentar-Podcast zum Lawinenunglück von Galtür gestaltete. Die Antwort: Es gehe darum, dass Katastrophen wie diese aufgrund des Klimawandels immer unvorhersehbarer und bedrohlicher werden – und dass junge Menschen dadurch lernen, damit zu leben. Der Klimawandel ist allerdings nicht die einzige Krise, mit der sie täglich konfrontiert sind. Durch die Sozialen Medien gehören Bilder aus dem Ukraine-Krieg oder dem Nahost-Konflikt zwischen Israel und Palästina schon zu ihrem Alltag, und auch die Corona-Pandemie liegt noch nicht so lang zurück. Doch wie nimmt man Kindern mögliche Ängste und spricht mit ihnen darüber, fragte sich WZ-Redakteurin Petra Tempfer, die selbst Mutter von drei Kindern ist? Und – können sie vielleicht sogar daran wachsen?

Gesprächspartnerinnen

Quellen

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