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Antisemitismus: Nie wieder ist jetzt

5 Min
Das Thema Israel spaltet die akademische Welt
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Neue Formen von Antisemitismus erstrecken sich auf die Unis. Was passiert da gerade?


Das Thema Israel spaltet die akademische Welt. So ist etwa Claudine Gay, die erste afroamerikanische Präsidentin der US-Elite-Universität Harvard, im Jänner wegen ihrer Haltung zu Antisemitismus auf dem Campus von ihrem Amt zurückgetreten. Sie war bei einer Kongressanhörung befragt worden, ob Studierende, die auf dem Campus zum "Völkermord an Juden" aufrufen, gegen die Verhaltensregeln der Unis verstoßen. Ihre Antwort war: ,,Es hängt vom Kontext ab.“

Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 bekunden auch Studierende Sympathien für die radikalislamistische Terrororganisation. Freilich sind nicht alle pro-palästinensischen Demonstrationen an den Hochschulen antisemitisch, doch die Zahl der antisemitischen Übergriffe steigt. An der Freien Universität (FU) Berlin etwa hat kürzlich ein Angriff auf einen jüdischen Studenten eine Debatte um Konsequenzen entfacht. Seit den Terror-Attacken der Hamas sei eine Atmosphäre an deutschen Hochschulen verbreitet, die Hass und Hetze möglich gemacht habe, sagte dazu der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. FU-Präsident Günter Ziegler sprach von einem „Spektrum von Maßnahmen“ für einen „sicheren und respektvollen Campus“ und verhängte gegen den Tatverdächtigen ein Hausverbot.

In Österreich machte eine Pro-Palästina-Kundgebung an der Universität für Angewandte Kunst in Wien Schlagzeilen. Eine Rednerin negierte, dass am 7. Oktober eine Aggression gegen Israel stattgefunden habe. Die Angewandte distanzierte sich in einem Statement: Man stehe klar gegen menschenverachtende Vernichtungsideologien und ihre Rechtfertigungen. Und an der Central European University in Wien wurde bei einer Veranstaltung ein Redner, der genau das Gegenteil argumentiert hatte, von Studierenden aus dem Publikum beschimpft.

Solidarisierungen mit der Hamas

„Wir erleben auch in Österreich Schmieraktionen und Solidarisierungen mit der Hamas“, sagte Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), kürzlich bei einem Hintergrundgespräch der Reihe Science Update an der Akademie. „Das alles rüttelt auf. Es darf nicht sein, dass jüdische Studierende sich im 21. Jahrhundert an österreichischen Hochschulen unsicher fühlen. Nie wieder ist jetzt.“

Im Rahmen ihres Forschungsschwerpunktes "Antisemitismus der Gegenwart" will die ÖAW daher die Diskursfähigkeit an den Unis näher untersuchen. Der Historiker Gerald Lamprecht von der Universität Graz will als neuer Leiter des Forschungsschwerpunktes Antisemitismusforschung an der ÖAW diesbezügliche Vorfälle an Hochschulen zunächst in einem Pilotprojekt in den Blick nehmen.

Avant Garde in der Gesellschaft

„Universitäten stellen eine Avantgarde in der Gesellschaft dar, wo gewisse Diskurse ihren Ausgangspunkt nehmen“, sagt Lamprecht zur WZ. Das Ideal einer neutralen, von der Tagespolitik losgelösten Vermittlung von Wissen, sei nur bedingt umsetzbar. „Universitäten und Schulen stehen in der Gesellschaft und sind ihr Spiegel. Den Elfenbeinturm gibt es so nicht“, sagt er. Vielmehr würden viele Diskurse zunächst an den Unis geführt und von dort in die Gesellschaft hinaus strahlen und umgekehrt. Zahlreiche linke Positionen hätten ebenso wie rechte Studentenverbindungen ihren Ausgang an Hochschulen. „Problematisch wird das dann, wenn sich der Diskurs verengt und die universitäre Lehre zu Propaganda wird“, warnt Lamprecht.

Im Zweiten Weltkrieg wurden von 1938 bis 1945 sechs Millionen jüdische Menschen von den Nationalsozialisten ermordet, davon vier Millionen in Konzentrations- und Vernichtungslagern und zwei Millionen durch Massaker in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten. Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Doch dieser Tag habe nicht bedeutet, dass Antisemitismus wie mit dem Lichtschalter ausgeschaltet wurde oder nationalsozialistisches Gedankengut mit einem Mal verschwunden war, erklärt der Historiker. „Vielmehr gab es Kontinuitäten, die sich im Alltag etwa in Kinderliedern, Sport oder Redewendungen mit größter Selbstverständlichkeit artikulierten. Und an den Universitäten unterrichteten Professoren nach einer kurzen entnazifizierungsbedingten Unterbrechung weiter und verbreiteten nicht selten weiterhin rassistische oder antisemitische Inhalte“, sagt er.

Problem weniger sichtbar als früher

Dem Leiter des Centrums für Jüdische Studien an der Universität Graz und seinem Team geht es sowohl um antisemitische Akteur:innen als auch um antisemitische Diskurse. „Um gegen jegliche Formen des Antisemitismus aktiv vorgehen zu können, braucht es zunächst ein genaues Verständnis darüber, wie und wo dieser in Erscheinung tritt“, sagt er. Die Universitäten würden hierbei eine besondere Rolle einnehmen. Allerdings sei davon auszugehen, dass das Problem heute weniger sichtbar ist als früher.

Die Kulturwissenschaftler:innen Ariane Sadjed und Tim Corbett untersuchen in einem laufenden ÖAW-Projekt, wie sich Antisemitismus in Social Media und Online-Foren manifestiert und wie diese Äußerungen von jüdischen Personen wahrgenommen werden. Dazu haben die Forschenden unter anderem Online-Fragebögen über den Medienkonsum und die Wahrnehmung von Antisemitismus an hierzulande lebende Juden und Jüdinnen verschickt und 16 qualitative Interviews mit Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts sowie verschiedener Religionen und Herkunft geführt.

Die Grenzen verschwimmen

Die Gruppe der älteren Personen, die Sadjed und Corbett befragt haben, und die nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich als Juden und Jüdinnen aufgewachsen sind, erzählen von offenem Antisemitismus in der damaligen Zeit - also körperlicher Gewalt, diskriminierenden Aussagen von Universitätsprofessoren oder Beschimpfungen wie "Saujud" auf der Straße von Unbekannten oder auch Klassenkameraden. „So etwas kommt heutzutage aber kaum mehr vor. Es ist schwieriger geworden, Antisemitismus zu erkennen. Er tritt nicht mehr so offen zutage und die Grenzen zwischen dem, was antisemitisch ist und was nicht, sind unklarer geworden“, sagt Sadjed.

„Heute stellen Antisemiten ihren Antisemitismus in Abrede, aber deswegen ist er nicht verschwunden“, hebt auch Lamprecht hervor. „Noch dazu haben wir es zugleich mit Antisemitismus und Antisemitismus-Vorwürfen zu tun.“

Eine Projektion, die so nicht existiert

Konkret heißt das, dass in der Diskussion die Grenzen verschwimmen. Wenn die Zeremonienhalle am jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs angezündet wird oder orthodoxe Juden und Jüdinnen ihrer Kleidung wegen beschimpft werden, ist es klar Antisemitismus. „Aber wann ist eine Kritik am politischen Handeln des Staates Israel antisemitisch und wann ist sie legitim? Diese Frage ist derzeit schwierig zu verhandeln“, sagt der Historiker.

Eines sei jedoch klar: „Ein Wesen des Antisemitismus ist, dass er immer den Köpfen von Antisemiten entspringt, daher gar keine Anwesenheit von Juden benötigt“, meint er. Da die Anlehnung jüdischer Menschen ganz stark für die Identitätsfindung und das Weltbild solcher Leute verantwortlich ist, ist es unerheblich, ob 200.000, 10.000 oder keine Juden und Jüdinnen in der Umgebung leben. „Das Spannende ist, dass Antisemitismus keine Kausalität erzeugt zwischen dem vermeintlich jüdischen Verhalten und den Antisemiten, sondern eine Projektion ist, die in der Form nicht existiert“, sagt Lamprecht.


Infos und Quellen

Genese

Im Rahmen der Recherchen zum Interview mit Andrea Frahm, Leiterin der Helmholtz Gemeinschaft in Tel Aviv, das unter dem Titel ,,Wie der Krieg Innovationen in Israel ausbremst” in der WZ erschienen ist, nahm die Autorin an einem Hintergrundgespräch der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) der Reihe Science Update zum Thema neuer Antisemitismus in Österreich teil. Die Präsentation des Forschungsschwerpunkts eröffnete neue Aspekte und damit eine neue Geschichte.

Gesprächspartner:innen

  • Ariane Sadjed ist Kulturwissenschaftlerin den ÖAW-Instituten für Iranistik und für Kulturwissenschaften der. Am Institut für Iranistik arbeitet sie zur Geschichte der Juden in Iran, Zentralasien und Afghanistan, wofür ihr eine hochdotierte Förderung des Europäischen Forschungsrats (ERC-Grant) zuerkannt wurde. Am Institut für Kulturwissenschaften erforscht sie neue Formen von Antisemitismus, auch im Internet. Ariane Sadjed hat Psychologie und Kulturwissenschaften in Wien, Berlin und Seattle studiert.

  • Gerald Lamprecht ist Historiker, Leiter des Centrums für Jüdische Studien an der Universität Graz und Leiter des Forschungsschwerpunktes Antisemitismusforschung an der ÖAW. Seine Spezialgebiete sind jüdische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, das NS-Herrschaftssystem und die Verfolgungsgeschichte der Jüdinnen und Juden, die Geschichte des Antisemitismus und Gedächtnisgeschichte.

Daten und Fakten

Pauschale Judenfeindschaft hat eine rund 2500 Jahre lange Geschichte, in der Bilder, Gerüchte, Klischees, Vorurteile und Ressentiments Stereotypen von „dem“ oder „den“ Juden bilden. Anders als bei Fremdenfeindlichkeit wird Antisemitismus mit angeblich unveränderlichen Eigenschaften jüdischer Menschen begründet.

Die Antisemitismusforschung in Österreich hatte lange einen historischen Zuschnitt, der von den Anfängen über politischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert bis zu Antisemitismus in der Zwischenkriegszeit reichte. „Der Nachkriegsantisemitismus war bisher in der Wissenschaft etwas unterbelichtet und daher setzen wir hier den Schwerpunkt“, erklärt der Historiker Gerald Lamprecht den Ansatz, der mit der in diesem Artikel beschriebenen Pilotstudie zum Thema Anfang des Jahres die Arbeit aufgenommen hat.

Der Begriff Antisemitismus entstand 1879 als Eigenbezeichnung deutscher Judenfeinde um den Journalisten Wilhelm Marr und bezeichnete eine rassistisch (statt religiös) begründete Judenfeindschaft. 1879 gründete er die erste antisemitische politische Vereinigung des deutschen Kaiserreichs, die Antisemitenliga.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 darf kein Verein und niemand dieses Wort mehr im Namen führen. (Niemand darf etwa von sich etwa sagen „wir sind die antisemitische Gewerbepartei“, oder ähnliches.)

In der Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) eine Sonderauswertung für den Zeitraum zwischen 7. und 19. Oktober 2023 durchgeführt. Gezählt wurden ausschließlich Vorfälle, die in dieser kurzen Zeit verifiziert werden konnten. Das Ergebnis: In den ersten 13 Tagen seit Beginn des Kriegs wurden insgesamt 76 antisemitische Vorfälle gemeldet – laut IKG eine „Steigerung um 300 % im Vergleich zum Durchschnitt der Meldevorfälle im Jahr 2022“.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

  • Der Standard: Der kritische Beobachter Karl Markus Gauß über Antisemitismus heute

  • Der Standard: Warum jüdische Studierende nicht nur in Wien Antisemitismus beklagen

  • Tagesspiegel: Jüdische Studierende klagen an

  • Kurier: Kontroverse Harvard-Präsidentin tritt zurück