Zum Hauptinhalt springen

Die Anziehungskraft alpiner Dämonen 

8 Min
Eine Illustration eines Perchten, der ein Mädchen welches einen Selfie macht, in einem Korb fängt.
Weibliche Teenager lieben das Dämonische.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Krampus- und Perchtenläufe gehen heute zivilisierter als früher über die Bühne. Gewalt ist aber weiterhin Teil des Brauchtums.  


Draußen ist es kalt, aber unter dem Fell, da dampft es. Es ist ein Sonntag im Dezember 2023 im nordburgenländischen Pama. Die Junge ÖVP hat wieder einen Krampuslauf organisiert, ein Dutzend Jugendliche sind mit furchterregenden Masken auf dem Kopf und Zottelfell eine halbe Stunde zum Gaudium des Publikums auf der abgesperrten Hauptstraße herumgelaufen. Sie brüllen, blicken grimmig in die Zuschauermenge, schlagen mit ihren Ketten auf die Straße.

Jetzt kühlen die Akteure zwischen 15 und 20 Jahren langsam aus. Sie haben ihre Masken abgenommen, lehnen an den Tischen der Punschstände und posieren, ganz familienfreundlich, mit kleinen Kindern für Fotos. „Das sind aber fesche junge Männer, warum sieht man die das restliche Jahr nie!“, ist eine Großmutter mit zwei Enkelkindern an der Hand sichtlich angetan.

Mit der Rute ohne Gnade

In der Tat sind es allein die dämonischen Teufel, die so interessant sind, dass sich das halbe Dorf trotz Dunkelheit und Minusgraden hier versammelt hat. Häufig wird aber aus dem bunten Treiben Gewalt, wie im Salzburger Ort Rauris.

Dort ist wirklich der Teufel los, die Grenze zwischen Krampus- und Perchtenlauf verschwimmt. Erstere sind Begleiter des Nikolaus, letztere Alpendämonen, die den Winter verkörpern und vertrieben werden müssen. Die Maskierten ziehen hier seit Jahrhunderten durchs Dorf, Absperrungen gibt es keine. Es sind Burschen aus dem jungbäuerlichen Milieu, die unter das Fell schlüpfen. Im Dezember des Jahres 2013 war es wieder einmal so weit.

Zunächst wird eines der dorfeigenen Gasthäuser gestürmt. Die Wirtin hat hastig alle Gegenstände von den Wänden genommen und die Gläser von den Tischen geräumt. Sie fürchtet um ihr Hab und Gut, weil sie weiß, was jetzt kommt. Ein Trupp Teufel mit traditionell geschnitzten Holzmasken betritt den Raum. Auch erwachsene Wirtshausbesucher:innen bekommen es mit der Angst zu tun, es entspinnt sich eine regelrechte Saalschlacht, die es in sich hat. Gäste nutzen die Tische als Barrieren, um die wildgewordenen Krampusse auf Distanz zu halten. Sie dreschen mit ihren Ruten erbarmungslos zu, dass es durch die Jeanshose richtig weh tut. Alle bekommen etwas ab. Die mit geschnitztem Holz Maskierten schlagen mit ihren Weidenruten Alte, Junge, Frauen und Männer. 

Vor allem aber haben sie junge Mädchen im Visier. Trotzdem verstecken sich diese nicht bei den Eltern, sperren nicht die Türen ihrer Zimmer zu. Es sind viele weibliche Teenager, die in der Dunkelheit auf den Straßen unterwegs sind. Sie fürchten sich und gehen in Deckung; wenn die Teufelsschar mit lauten Kuhglockengeläut naht, laufen sie weg.

Teufel wirken wie Magnete

Oder nicht. Denn gleichzeitig wirken die pelzigen Gesellen, wie das Böse schlechthin, anziehend: Sie habe schon unzählige rote Striemen, berichtet eine etwa 14-Jährige, von der WZ befragt, nicht ohne Stolz. Sogar Blut komme schon. Dann läuft sie weiter. Die Zahl und Schwere der Blessuren − sie ist für die weibliche Dorfjugend ein Gradmesser für die eigene Attraktivität. Jeder Hieb, so scheint es, erhöht das Prestige in der Peergroup. Die jungen Bauernburschen nutzen ihre Anonymität. Sie wollen anbandeln, indem sie sie die Rute unsanft auf Beine und Hintern der Mädchen sausen lassen.

Dazu kommt fallweise eine Mischung aus Alkohol, Aggression und Unbeholfenheit.

Das muss schiefgehen. Männliche Zuseher werden von den Maskenträger:innen spitalsreif geprügelt. Und männliche Zuseher attackieren Krampusse und Perchten. Die schwere Maske über dem Kopf kann bei dem, der sie trägt, im Zuge eines Raufhandels zu ernsten Verletzungen im Halsbereich führen. Manchmal sind es auch Frauen, die im Spital landen. Es ist in der Vergangenheit auch zu Vergewaltigungen gekommen. 

Strikte Kontrolle gegen regelloses Treiben

In den vergangenen Jahren werden überall intensive Bemühungen gesetzt, die Krampusläufe unter Kontrolle zu halten. Die Brauchtumsvereine, die die Veranstaltungen durchführen, verhängen striktes Alkoholverbot und erlassen strenge Verhaltenskodizes. Gewalt ist verpönt, man betont, kinderfreundlich zu sein. Die Polizei steht parat. Die meisten Krampusläufe dieser Tage finden hinter Gittersperren statt, die Perchten erwischen nur die, die in der ersten Reihe stehen. Manche Vereine verzichten überhaupt auf Ruten, mit denen schmerzhafte Schläge ausgeteilt werden.

Das ist gut, berührt aber die ursprüngliche Bedeutung des winterlichen Brauchtums. Bei den Krampus- und Perchtenläufen geht es um Regellosigkeit, um Sexualität, um ein Treiben, das abseits kontrollierender und reglementierender moralischer Autoritäten wie etwa der katholischen Kirche ein Ventil öffnet. Wo Dampf abgelassen werden kann. Übergriffe und Verletzungen sind eher die Ausnahme, nicht die Regel.

In früheren Zeiten waren Bräuche wie diese auch eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen Burschen und Mädels einander näherkommen konnten. Das ist es auch, was die Beliebtheit derartiger Veranstaltungen, die von Ende November bis in den Jänner hinein stattfinden, ausmacht. Dazu kommt der Reiz des Verkleidetseins, des Tragens furchterregender Kostüme. Das Gefühl, als schaurige Perchte aufzutreten, wird von Frauen als „Kribbeln“ beschrieben; es sei wie das Annehmen einer anderen, neuen Identität. Die gebürtige Tirolerin und Standard-Bloggerin Antonia Rauth ist für einen Beitrag extra in ein Perchtenkostüm geschlüpft und erlebte ein Gefühl von Macht und Größe − wobei in ihrem Beitrag sogar eine Verbindung zum Sadomasochismus hergestellt wird.

Schaurig-schöne weibliche Masken

Wenn es später wird in Rauris, versammeln sich die „Teufeln“ in einer Bar, die aus diesem Anlass open end offen hat. Die Masken werden abgenommen, doch vorbei ist es noch lang nicht. Die Burschen hüpfen mit ihren um den Leib geschnallten Riesenglocken vor dem Tresen, veranstalten einen Höllenlärm und trinken, was das Zeug hält. Wer von auswärts und auf eine zünftige Schlägerei aus ist, ist hier an der richtigen Adresse. Anlass kann alles sein, es reicht ein falsch gedeuteter Blick auf eine der wenigen in der Schenke anwesenden Frauen. Es ist besser, die Szenerie rasch wieder zu verlassen.

Strikte Regeln und Absperrungen sind ein Weg, die latente Gewaltbereitschaft der alpinen Brauchtumspfleger in Schach zu halten. Ein anderer besteht darin, die Traditionsvereine für Frauen zu öffnen. Immer mehr Gruppen – vor allem solche, die in den letzten Jahren gegründet wurden – tun das. Verbänden wie den „Teuflischen Kreaturen aus Kittsee“, „Kuinhund“, aber auch den „Seitenstettner Ursprungsteufeln“ wird zwar vorgeworfen, den Boden des originalen Brauchtums durch grotesk überzeichnete Masken, die vom modernen Horrorgenre inspiriert sind, zu verlassen. Auf der anderen Seite sind hier zahlreiche Frauen aktiv mit dabei, was mit Sicherheit zu einem testosteronärmeren, ruhigeren Ablauf der Veranstaltungen und weniger Verletzungen führt. Und optisch bereichert. Auch wenn viele Akteurinnen die gleichen schaurigen Masken wie ihre männlichen Kollegen tragen, sieht man immer öfter Larven, die weibliche Züge tragen.

Perchten – Glücksbringer mit brutalen Zügen 

Weiblich muten auch die Schnabelperchten an, die jedes Jahr am 5. Jänner im Raurisertal von Haus zu Haus ziehen. Perchten haben ursprünglich, anders als die Krampusse, mit dem Christentum nichts zu tun. Es sind heidnische Gestalten, die in den Raunächten zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen den Winter austreiben sollen. Immerhin werden ab dem 21. Dezember die Tage wieder länger. Perchten können gut oder böse, hässlich oder schön, männlich oder weiblich sein. Die Schnabelperchten tragen Röcke, Wolljacken, ein Kopftuch und haben ein schnabelartiges Gebilde vor dem Gesicht. Und sie mögen Schnaps. Die Wesen rücken mit Besen und überdimensionalen Scheren an und kontrollieren, ob es im Haus auch sauber ist.

Wenn nicht, kommt laut Volksglauben die − offenbar faszinierende − brutale Seite der Perchten zum Tragen: Dann wird dem Säumigen der Bauch aufgeschnitten und der Schmutz in die offene Bauchhöhle gekehrt, die dann wieder zugenäht wird.