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Atomkraft, ja bitte?

4 Min
Mathias Ziegler beleuchtet in seiner Kolumne alle zwei Wochen EU-Themen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

In der EU wird wieder Kernenergie forciert und als „nachhaltige Schlüsseltechnologie“ deklariert, um das Klima zu retten. Das ist kurzsichtig.


    • Vor 40 Jahren kam es in Tschernobyl zum Super-GAU.
    • Die EU fördert Atomkraft als nachhaltige Technologie, obwohl dies umstritten ist.
    • Deutschland ist ausgestiegen, Italien will nach Jahrzehnten wieder einsteigen. Polen und Griechenland wollen ihre ersten AKW bauen.
    • Atomkraft verursacht erhebliche Umweltprobleme und birgt das Risiko schwerer Reaktorunfälle. Das Problem der Endlagerung von Atommüll ist ungelöst.
    • Neue Atomreaktoren sind teuer, unsicher und verzögern den Ausbau günstigerer erneuerbarer Energien wie Wind- und Solarenergie.
    • Deutschland stieg 2023 aus der Atomkraft aus, Italien prüft den Wiedereinstieg.
    • Frankreich deckt 70 % seines Stroms mit Atomenergie, Polen und Griechenland wollen AKW bauen.
    • Weltweit gibt es kein Endlager für radioaktive Rückstände.
    • Baukosten: Photovoltaik/Wind 5–15 Cent/kWh, Atomkraft bis zu 50 Cent/kWh.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

In meiner Jugend war das PC-Spiel „SimCity 2000“ populär. Dabei habe ich oft „Nuclear Power Plants“ (ich hatte eine gecrackte englischsprachige Version) mitten in meine Städte gesetzt, weil: viel Strom für wenig Geld und keine Umweltverschmutzung (Klimaschutz war damals noch kein Thema). Dass es sich um Atomkraftwerke handelte, wurde mir dank schlechter Englischkenntnisse erst viel später bewusst. Sonst hätte ich sie sicher nicht gebaut.

Zu frisch war die kollektive Erinnerung an die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vom 26. April 1986. Wir waren einer der ersten Jahrgänge, deren Eltern bei der Einschulung ein Formular zur Notfall-Verabreichung von Kaliumiodid-Tabletten unterschreiben mussten. Und bei uns daheim gab es jahrelang keine Champignons, schon gar nicht aus Osteuropa, aus Angst vor der radioaktiven Belastung.

Deutschland ist raus, Italien will wieder rein

40 Jahre nach Tschernobyl und 15 Jahre nach Fukushima (Reaktorunfall am 11. März 2011 nach einem Tsunami) erinnert mich die europäische Politik an meine Blauäugigkeit bei „SimCity 2000“. Die EU hat die Atomkraft offiziell als „nachhaltige“ und „strategische“ Technologie auf dem Weg zur Klimaneutralität deklariert und ermöglicht damit Investitionen in neue AKW – gegen den Widerstand von seit jeher atomkraftfreien Ländern wie Österreich. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht sogar von einer „Renaissance der Kernenergie“ und nennt den Atomausstieg (Deutschland hat ihn 2023 vollendet) einen „strategischen Fehler“, weil die Erneuerbaren alleine nicht reichen würden, wenn Öl und Gas wegfallen. Damit hat sie die Mehrheit der EU-Staaten auf ihrer Seite, allen voran Frankreich (Europas einziges Land mit Atomwaffen und einem Atomstrom-Anteil von 70 Prozent) und mehrere osteuropäische Mitgliedsländer. Italien, das bereits von 1986 bis 1990 alle seine Reaktoren stillgelegt hat, denkt laut über einen Wiedereinstieg in die Atomenergie nach. Polen und Griechenland, die nie AKW hatten, wollen nun auch welche bauen.

Keine Lösung für radioaktiven Atommüll

Dabei ist Atomkraft in Wahrheit gar nicht „grün“: Das Uran, das laufend ersetzt werden muss, ist ein begrenzter Rohstoff, dessen Abbau und Aufbereitung mit erheblichen Umweltschäden, Energieaufwand und CO2-Emissionen verbunden sind. Durch das erwärmte Kühlwasser von Kernkraftwerken können lokale Ökosysteme geschädigt werden. Und zu den fünf größten Uran-Exporteuren gehören neben Kanada, Australien und Namibia auch die autoritär regierten Länder Kasachstan und Usbekistan. Außerdem strahlt Atommüll hunderte bis hunderttausende Jahre weiter. „Nachhaltig“ ist die Atomkraft also tatsächlich – im negativen Sinne. Bis heute ist weltweit noch kein Endlager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb. Erst im Laufe des heurigen Jahres soll eines in Finnland offiziell eröffnet werden.


Hier tut sich etwas Positives in der EU:


Gefahr von Reaktorunfällen

Zudem sind viele AKW (einige davon in unserer unmittelbaren Nachbarschaft) inzwischen älter als die Laufzeit, für die sie ursprünglich ausgelegt waren. Mit jedem weiteren Betriebsjahr steigt das Risiko eines erneuten Reaktorunfalls. Und da passiert mehr, als vielen bewusst sein dürfte. Seit der Inbetriebnahme des ersten zivilen AKW 1954 in Obninsk (Russland) gab es ein Dutzend Vorfälle in der ehemaligen Sowjetunion, aber auch in Großbritannien (Windscale 1957), den USA (Three Mile Island bei Harrisburg 1979), Japan (Tokaimura 1999), Schweden (Forsmark 2006) oder Frankreich (Tricastin 2008), bei denen Radioaktivität austrat. Und das waren nur die allerheikelsten in einer langen Reihe von Störungen.

Teurer als Sonnen- und Windenergie

Aber die nächste Generation von Reaktoren steht schon am Start – oder auch nicht. Denn zum Beispiel die zuletzt oft genannten „Small Modular Reactors“ (SMR) – modulare Kleinreaktoren, die billig in Serie gebaut und an beliebigen Standorten errichtet werden sollen – existieren bisher nur auf dem Papier. Andere Reaktortypen erfüllen auch nach Jahrzehnten der Entwicklung immer noch nicht alle Sicherheitsanforderungen. Und: Ein Neubau dauert keine Jahre, sondern Jahrzehnte. So viel Zeit lässt uns die Klimakrise womöglich gar nicht. Deshalb warnen Kritiker:innen auch davor, dass die Atomkraft-Ausbaupläne bloß eine Ausrede sein könnten, um andere erneuerbare Energiequellen links liegen zu lassen. Dabei wären diese sicherer und günstiger – aber halt nicht lukrativ für die Atomkraft-Lobby. Das deutsche Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme beziffert die Errichtungskosten für Photovoltaik- und Windstrom mit 5 bis 15 Cent je Kilowattstunde, jene für Atomkraft hingegen mit bis zu 50 Cent – ohne Berücksichtigung der horrenden Entsorgungskosten am Ende der Laufzeit.

1978: Hauchdünne Mehrheit gegen AKW in Österreich

Übrigens: Österreichs „Atomkraft, nein danke!“ war eine denkbar knappe Kiste. Bei der Volksabstimmung 1978 kam die hauchdünne Mehrheit von 50,5 Prozent gegen das AKW Zwentendorf mit lediglich 30.068 Stimmen Unterschied zustande. Heute lehnen drei Viertel der Bevölkerung die Atomkraft ab.



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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Der Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 gilt als erster Super-GAU (die logisch eigentlich gar nicht mehr mögliche Steigerungsform eines „größten anzunehmenden Unfalls“) in der Geschichte der zivilen Kernkraft. Ein Super-GAU bezeichnet technisch einen Atomunfall, der die Sicherheitsauslegung eines Kernkraftwerks überfordert und zu einer Kernschmelze mit massiver Freisetzung von Radioaktivität führt.
  • Die Reaktorkatastrophe wurde von den sowjetischen Behörden zunächst vertuscht. Erst, als eine schwedische Messstation zwei Tage später stark erhöhte radioaktive Werte feststellte, räumte der Kreml einen „Vorfall“ ein. Wie viele Menschen an den Folgen der Katastrophe starben, ist bis heute unklar. Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler:innen sprechen von tausenden bis zehntausenden Opfern.
  • Etwa 80 Stunden nach dem Super-GAU, also am 29. April 1986, erreichte die radioaktive Wolke Österreich und ging insbesondere im Westen des Landes mit Regenschauern nieder. Hier wurden in den Folgetagen des Unfalls verschiedene Schutzmaßnahmen verfügt und Empfehlungen ausgesprochen. Kinder sollten zuhause bleiben, auf öffentlichen Spielplätzen wurde der Sand in Sandkisten ausgetauscht. Schulen blieben zeitweise geschlossen, es gab ein Weideverbot für Kühe und Verzehrverbote für bestimmte Lebensmittel wie Gemüse und Pilze. Der Maronenröhrling gilt bis heute als verstrahlt, auch Wildtiere weisen in manchen Teilen Westösterreichs bis heute erhöhte Werte auf. Bedenklich ist der Verzehr aber nicht mehr.
  • Mittlerweile verfügt Österreich über ein automatisiertes Strahlenfrühwarnsystem mit mehr als 300 Messstationen, um bei Atomunfällen rasch reagieren zu können (etwa mit einem Sirenenalarm). Im Ernstfall würden Kaliumiodid-Tabletten verteilt, die die Schilddrüse mit Jod sättigen und so verhindern, dass sich dort radioaktiv verseuchtes Jod einlagert und zu Krebs führt.
  • Deutschland hat seine zivile Nutzung von Kernenergie 2023 mit der Abschaltung der letzten drei Atomkraftwerke (Isar 2, Neckarwestheim 2, Emsland) offiziell beendet. Dieser Schritt erfolgte nach einem langjährigen politischen Prozess, der nach der Katastrophe von Fukushima 2011 beschleunigt wurde.
  • Im japanischen Fukushima ereignete sich am 11. März 2011 die größte nukleare Katastrophe seit Tschernobyl. Ein Erdbeben führte zu einem Tsunami, Wellen überwanden die Schutzmauern des AKW und fluteten die Atommeiler. Große Mengen Radioaktivität wurden freigesetzt.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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