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Kolumne: Ihr Song „Sue Me“ geht viral, aber das Netz redet über Audrey Hoberts Aussehen. Ein Lehrstück über Cringe Privilege, Misogynie und auch Transfeindlichkeit.
„Cringe ist das neue Cool“: Eigentlich sollte man meinen, dass sich das Internet in den letzten Jahren auf diese erstmal selbstermächtigende Lebenseinstellung geeinigt hat. Durch unsere Feeds flattern haufenweise Memes, die beteuern, dass Cringe Freiheit bedeutet, während Abgebrühtheit und performatives Gefallen dermaßen out sind. Dass aber auch all das oft nicht mehr als eine angesagte Pose ist, zeigt sich dann, wenn sich jemand wirklich traut, ohne ironische Distanz cringe und somit leidenschaftlich zu sein – und an den Reaktionen darauf.
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Musikerin Audrey Hobert macht den vielleicht goofiesten, witzigsten Pop, den die Billboard-Charts gerade zu bieten haben. In diese ist ihr Song „Sue Me“ kürzlich über ein Jahr nach dem Release erstmals eingestiegen, nachdem er sich auf TikTok zum viralen Geheimtipp gemausert hatte. Den Song performt Audrey Hobert übrigens am liebsten, während sie völlig hemmungslos auf einem Trampolin springt. Außerdem Teil ihrer Live-Performances: ein überdimensionaler Trenchcoat, den sie trägt, während sie auf einer Leiter steht. Audrey Hobert macht und hat Spaß, umarmt den Cringe, macht sich dadurch verletzlich und bietet eine Angriffsfläche für all jene, die kein Interesse an Authentizität zu haben scheinen.
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Goofy Girl mit Tiefgang
Denn all das heißt noch lange nicht, dass ihre Lyrics keinen Tiefgang haben. Auf dem Track „Phoebe“ singt sie zum Beispiel über Unsicherheiten in Bezug auf ihr Äußeres und darüber, dass sie sich nie „hübsch genug“ fühle, um das romantische Interesse einer anderen Person zu wecken. In einem Interview mit NPR sagte sie dazu: „Ich wollte einen Song darüber schreiben, dass ich mich die meiste Zeit meines Lebens optisch nicht wertvoll oder hübsch gefühlt habe.“
’Cause why else would you want me?
I think I've got a fucked-up face
And that thought used to haunt me
(...)
And who cares if I’m pretty?
Neben lustigen Break-up-Storys, Geschichten über die Awkwardness des Lebens und catchy Hooks spielt genau dieses Thema auf Audrey Hoberts Album „Who’s the Clown“ immer wieder eine Rolle: ihr Aussehen. Auch auf dem Track „Thirst Trap“ singt sie darüber, wie sie daran scheitert, für ihr Love-Interest ein heißes Bild aufzunehmen, weil sie sich nicht schön fühlt. Da mutet es schon fast ironisch an, dass sich das Internet nach Audreys erstem Schritt in Richtung Durchbruch ausgerechnet an diesem Thema abarbeitet.
Muss man konventionell „hübsch“ sein, um cringe sein zu dürfen?
Nachdem „Sue Me“ die kritische Schwelle überschritten hatte, folgten ein Gig beim US-Lollapalooza inklusive unglaublichem Fan-Ansturm und ein Auftritt beim renommierten Musikformat „Tiny Desk Concerts“, das reduzierte Performances und die Kunst hinter den großen Songs in den Vordergrund rücken soll. Eigentlich ein Pop-Ritterschlag, im Fall von Audrey Hobert aber eher eine Pop-Fallstudie, die mich dramatisch ausgedrückt betroffen macht und Fragen aufwirft: Muss man konventionell „hübsch“ sein, um im Sinne der Internet-Definition cringe sein zu dürfen? Warum muss das Aussehen einer Künstlerin immer eine Rolle in ihrer Bewertung spielen? Und wann sind transfeindliche Beleidigungen eigentlich so salonfähig geworden?
Audrey Hobert sei „really hard to look at“, hieß es da zum Beispiel am vergleichsweise noch harmlosen Ende des Spektrums der Reaktionen. Ein viraler Kommentar lautete: „She has such an unseasoned boiled chicken pilgrim face.“ Andere rotzten aufgrund von Hoberts androgynen Features transfeindliche Beleidigungen ins Internet, die an dieser Stelle nicht näher zitiert werden sollen. Eine Reaktion darauf, die über 100.000 Likes auf der Plattform X kassierte: „So wird dank der wachsenden Feindseligkeit gegen trans Menschen über Cis-Frauen mit leicht androgynen Features gesprochen. Ein weiterer Beweis dafür, dass Transphobie und Misogynie zusammenhängen.“
Humor als Überlebensstrategie
Audrey Hoberts Reaktion auf all den Hate: ein Instagram-Post mit Faschingsbrille, inklusive Schnauzbart, in dem sie sich für all die Liebe bedankt, die sie seit dem Release von „Who’s the Clown“ bekommt. „Ich finde es spannend, komplett ernsthaft aufzutreten und es den Leuten schwer zu machen, herauszufinden, ob ich es ernst meine oder nicht“, sagt Audrey Hobert. Ihre zweite Maxime: „Was ich mehr als alles andere will, ist, das Publikum zum Lachen zu bringen. Ich bewege mich mit Humor durch die Welt. Das ist wie eine Überlebenssstrategie. Ich finde außerdem, dass es so viel mehr Spaß macht, zu sein und zu leben.“ Wer diese Lebenseinstellung nicht checkt, ist ein Clown. Nur nicht auf die silly-goofy-Audrey-Hobert-Art.
Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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