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Die FIFA hat WM-Gastgeber USA einen Vorteil verschafft – nach Intervention von Donald Trump. Interessant: Dem kritisierten Gremium gehört ein Österreicher an. Eine WZ-Recherche auf den Spuren einer seltsamen Entscheidung.
Donald Trump war sichtlich stolz. Freimütig erzählte er vorigen Montag im Weißen Haus von seiner Intervention bei FIFA-Boss Gianni Infantino, mit der er die rote Karte gegen einen US-Spieler beeinsprucht hatte. „Ich kenne mich in solchen Sachen gut aus“, betonte der US-Präsident, „und ich dachte nicht, dass es ein Foul war.“
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Kurz erklärt: US-Stürmer Folarin Balogun flog Anfang Juli nach einem Foulspiel gegen Bosnien vom Platz. Damit wäre er laut den FIFA-Regeln für das WM-Achtelfinale gegen Belgien gesperrt gewesen – dabei handelte es sich um das vielleicht wichtigste Spiel in der US-Fußballgeschichte. Doch dann wurde die Strafe nachträglich aufgehoben. Auf Zuruf des mächtigsten Staatschefs der Welt und WM-Gastgebers, wie es scheint. Der Schiedsrichter sei ihm „ein bisschen suspekt“ gewesen, erklärte Trump. Anfangs habe er nicht gewusst, dass eine rote Karte eine Sperre nach sich ziehe. Aber: Die besten Spieler sollten doch spielen, meinte Trump. Also habe er bei Infantino angerufen „und eine Überprüfung gefordert“, worauf die FIFA eine „wirklich brillante Entscheidung“ getroffen habe.
Nun stehen Trump und Infantino in der Kritik. Wegen eines Falls, der die Integrität der WM infrage stellt. Und den Sport zum Spielball mächtiger Männer degradiert. Ein Tabubruch. Und ein Skandal. Sogar der europäische Fußballverband UEFA verwies auf „eine rote Linie“, die da überschritten worden sei. Wie konnte es dazu kommen? Eine WZ-Recherche auf den Spuren einer seltsamen Entscheidung, die auch nach Österreich führt.
ÖFB-Geschäftsführer Teil des FIFA-Gremiums
Denn: Die Sperre wurde von der FIFA-Disziplinarkommission aufgehoben, einem 18-köpfigen Gremium, in dem neben Vertretern aus Togo, Tahiti oder Vietnam auch ein Österreicher sitzt: der Jurist Thomas Hollerer. Der Mann ist nicht irgendjemand im heimischen Fußballbetrieb, sondern Geschäftsführer des ÖFB. Das Gremium hat nun für einen internationalen Skandal gesorgt. Memes, die sich über Trumps Intervention und die skurrile Entscheidung lustig machen, haben Hochsaison auf Social Media. Die WM, bloß noch eine Witzveranstaltung?
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Eigentlich war die Sache unverfänglich. In Artikel 66.4 des FIFA-Disziplinarkataloges ist geregelt: Eine rote Karte zieht ein Spiel Sperre nach sich. Klarer geht es kaum. Wäre da nicht eine Hintertür: nämlich Artikel 27. Dieser erlaubt es der FIFA, eine Sperre aufgrund besonderer Umstände „auszusetzen“. Und so traf die FIFA-Disziplinarkommission eine fragwürdige Entscheidung. Einerseits wurde die Richtigkeit der roten Karte bestätigt. Andererseits die Sperre dennoch erlassen. Wie kann das sein?
Eine Frage, die man ÖFB-Geschäftsführer Hollerer, Mitglied der umstrittenen FIFA-Kommission, stellen kann. Doch der Jurist sagt auf WZ-Nachfrage: Er könne nicht wirklich weiterhelfen, da er in die Entscheidung nicht eingebunden gewesen sei und erst ab dem WM-Viertelfinale am 9. Juli ins Geschehen eingreife. Für weitere Nachfragen, so bittet er, solle man sich besser an die FIFA wenden.
Fragen an die FIFA
Gesagt, getan. Ein Mail an die Medienabteilung der FIFA, des mächtigen Weltfußballverbands. Wir wollen wissen: Warum wurde die rote Karte bestätigt, aber die Sperre dennoch revidiert? Welche Gründe waren dafür ausschlaggebend? Und warum wurde Südafrikas Themba Zwane im Spiel gegen WM-Gastgeber Mexiko nach einer ähnlich umstrittenen roten Karte drei Spiele gesperrt – ohne Einspruch der Kommission?
Vielen Dank für Ihr Verständnis – und alles Gute für die FIFA-Weltmeisterschaft!
Doch die Antwort fällt ernüchternd aus. Man müsse derzeit „mit einer längeren Antwortzeit“ rechnen, heißt es. Dann wird auf aktuelle Turniernachrichten verwiesen. „Mehrere Zuschauerrekorde bei der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2026“ oder „Die FIFA verstärkt Kampf gegen Diskriminierung“ ist da zu lesen. Am Ende heißt es freundlich: „Vielen Dank für Ihr Verständnis – und alles Gute für die FIFA-Weltmeisterschaft!“
Doch es gibt eine zweite Möglichkeit: Alternativ könne man die FIFA-Medienabteilung auch über ein Kontaktformular erreichen. Also: Nächster Versuch.
Eine automatisch generierte Antwortmail bestätigt: „Fall erfolgreich eingereicht! Ihre Fallnummer lautet: 00047305.“ Doch dann die nächste Ernüchterung: „Aufgrund des hohen Anfrageaufkommens bitten wir Sie um etwas Geduld – die Bearbeitung und Prüfung Ihrer Anfrage kann bis zu 14 Werktage in Anspruch nehmen. Vielen Dank für Ihre Geduld und Ihr Verständnis. Wir freuen uns darauf, Ihnen weiterzuhelfen.“
Eigentlich rechnete nach mehreren WM-Wochen keiner mehr mit einem Trump-Skandal. Der US-Präsident machte sich rarer als erwartet. Bei keinem einzigen WM-Spiel winkte der Mann grinsend von der Tribüne. Unbegründet schien die anfängliche Sorge, dass da ein Egomane den Sport für seine Zwecke kapern werde. Und nun das. Die Sperre eines Spielers revidiert, offensichtlich auf Zuruf von Trump, der sich stolz für sein Einschreiten brüstet. Und die FIFA? Nur schwer zu erreichen!
Die FIFA antwortet dann doch
Doch dann poppt tatsächlich noch eine Antwort aus dem FIFA-Sitz in Zürich im Mailpostfach auf. Kurz nach 21 Uhr. Ein gewisser Will (ohne Nachnamen) verweist in freundlichem Ton auf die offiziellen Statements der FIFA-Disziplinarkommission und von Präsident Infantino, die „in der Berichterstattung zu berücksichtigen“ seien.
Doch aus den von der FIFA nahegelegten Texten wird man auch nicht schlauer. Denn: Infantino betont bloß die Unabhängigkeit seiner Organisation. Diese sei „für die Glaubwürdigkeit und Integrität des Fußballs von entscheidender Bedeutung und muss stets respektiert werden“, so der FIFA-Boss. Dass er „regelmäßig Angelegenheiten“ mit Trump bespreche und er auch „in dieser Angelegenheit einen Anruf von Präsident Donald Trump erhalten“ habe, gibt er zu. Um kurz darauf aber erneut die unabhängige Entscheidung der Kommission zu betonen. „So funktioniert das System der FIFA, und an diesem Grundsatz werde ich mich stets halten.“
Analyse zu Österreichs Leistung bei der WM
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Die zentrale Frage – nämlich nach welchen Kriterien die Sperre, trotz Bestätigung der roten Karte, aufgehoben wurde – beantwortet Infantino nicht. Und auch in der schriftlichen Stellungnahme des Vorsitzenden der FIFA-Disziplinarkommission, Mohammad Al-Kamali, findet sich nur ein karger Satz dazu: „Diese Aussetzung“, heißt es, „erfolgte unter Berücksichtigung aller Umstände des Vorfalls und der verfügbaren Beweise.“ Aber: Welche Umstände sind damit gemeint? Und welche Beweise?
Die WZ hakt erneut per Mail bei der FIFA nach. Worum handelt es sich bei den genannten Umständen? Welche Beweise sind gemeint? Und: Warum wurde die rote Karte bestätigt und die Sperre dennoch revidiert? Doch es folgt keine Antwort.
Männerfreundschaft und Wunschkonzert
Fakt ist: Infantino und Trump haben in den vergangenen Jahren eine Männerfreundschaft entwickelt – oder besser gesagt: ein Abhängigkeitsverhältnis. Der FIFA-Boss möchte die USA, den größten Unterhaltungsmarkt der Welt, zur Umsatzsteigerung nutzen. Ein WM-Rekordergebnis, von dem auch die 211 Mitgliedsverbände der FIFA profitieren, bringt ihm nämlich einige Vorteile. Denn Infantinos Wiederwahl im nächsten Jahr hängt nicht von der Gunst westlicher Medien ab, sondern von den Stimmen der nationalen Fußballverbände. Und Trump sieht im größten Sportereignis der Welt eine perfekte politische Bühne. Deshalb umschmeicheln die beiden einander bei jeder Gelegenheit und schlagen einander kaum Wünsche ab. Grotesker Höhepunkt: Im Dezember 2025 überreichte Infantino dem US-Präsidenten einen neu geschaffenen FIFA-Friedenspreis, von dem bis heute niemand weiß, nach welchen Kriterien er vergeben wurde. Außer: Dass er auf dem Wunschzettel von Trump stand.
Und nun wurde offenbar dem nächsten Wunschkonzert stattgegeben. Sogar ÖFB-Boss Josef Pröll, der zuletzt beim Spiel Spanien gegen Österreich noch neben Infantino auf der Ehrentribüne saß, spricht nun von einem „äußerst bedenklichen Bild“ und sieht „das Vertrauen in unseren Sport“ gefährdet. Die FIFA sei deshalb „gefordert“, den Entscheidungsprozess „lückenlos und transparent offenzulegen“.
Ex-FIFA-Funktionär gibt Einblick
Es gibt da einen Österreicher, der trotz der FIFA-Schweigemauer ein wenig Licht in die vernebelte Sache bringen könnte. Horst Lumper, 64 Jahre alt, Rechtsanwalt und lange Vorarlberger Landesfußballverbandspräsident, war bis 2017 selbst Mitglied der FIFA-Disziplinarkommission. Wie beurteilt er die umstrittene Causa? „Ich kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen“, sagt Lumper zur WZ. Aber, so merkt er an, das Urteil sei „durchs Regelwerk der FIFA gedeckt“. Wie das geht? „Man begründet es einfach mit außergewöhnlichen Umständen, ohne genauer darauf einzugehen.“ Was denn „außergewöhnliche Umstände“ seien? „Das kann alles heißen.“
Nun gut, immerhin wäre das jetzt auch geklärt.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
- Thomas Hollerer, ÖFB-Geschäftsführer und Mitglied der FIFA-Disziplinarkommission
- Horst Lumper, Ex-Mitglied der FIFA-Disziplinarkommission
- Die FIFA-Medienabteilung
Daten und Fakten
- Die FIFA begründete ihre Entscheidung mit Verweis auf Artikel 27 der FIFA-Disziplinarordnung. Dieser erlaubt es dem Weltverband, „die Umsetzung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise auszusetzen“. Sprich: Die FIFA hat damit ein Vetorecht gegenüber Schiedsrichterentscheidungen.
- Die FIFA-Disziplinarkommission setzt sich aus einem Vorsitzenden, einem Vizevorsitzenden und der als notwendig erachteten Anzahl von Mitgliedern zusammen. Der Vorsitzende und der Vizevorsitzende müssen über eine juristische Ausbildung verfügen. Die Kommission handelt nach dem FIFA-Disziplinarreglement. Sie entscheidet in Anwesenheit von mindestens drei Mitgliedern. In besonderen Fällen kann der Vorsitzende alleine entscheiden.
- Immer wieder gab es Fälle, in denen die FIFA von Artikel 27 Gebrauch machte. Vergangenen November sah Cristiano Ronaldo im WM-Qualifikationsspiel gegen Irland eine rote Karte wegen einer Tätlichkeit. Drei Spiele Sperre hätte ihm das eingebracht – doch die FIFA reduzierte die Strafe auf bloß ein Spiel, sodass der portugiesische Superstar pünktlich zum WM-Auftakt dabei sein konnte. Ein weiterer Fall reicht ins Jahr 1962 zurück. Da wurde der Brasilianer Garrincha im WM-Halbfinale ausgeschlossen, jedoch keine Sperre verhängt, womit dieser im Finale dabei sein konnte.
- Brisant ist, dass der aktuellen Causa eine politische Intervention voranging. Ein ähnlicher Fall reicht ins Jahr 1934 zurück, als Italiens Diktator Benito Mussolini bei der WM alles dafür tat, um seiner Nationalmannschaft zum Titel zu verhelfen. Im Halbfinale gegen Österreich ließ der Schiedsrichter den Italienern vieles durchgehen, wie Berichte nahelegen. Mussolini hatte den schwedischen Referee zuvor zu einer Privataudienz eingeladen. Beim Spiel gegen Österreich soll der Mann dann gar eigenmächtig einen Ball der Österreicher aus der italienischen Gefahrenzone geköpft haben.
- Weltweite Reaktionen: „Danke an die FIFA dafür, das Richtige zu tun und eine große Ungerechtigkeit rückgängig zu machen!“ (US-Präsident Donald Trump)
- „Wenn tatsächlich ein Telefonat diese unverständliche Entscheidung erklärt, dann wäre das ein Bruch mit den elementarsten Regeln des Fußballs und des Sports. Das wäre sehr gravierend. Wie könnte die FIFA dann noch glaubwürdig für Fairplay eintreten?“ (Belgiens Außenminister Maxime Prévot)
- „Dass der US-Präsident ernsthaft versucht, in das Spielgeschehen einer Fußball-WM einzugreifen, ist schon für sich gesehen absurd. Dass er damit aber auch noch Erfolg hat, ist ein unglaublicher Tabubruch.“ (Österreichs Sportstaatssekretärin Michaela Schmidt)
- „Wenn ein US-Präsident beim FIFA-Präsidenten interveniert und danach ein Spieler vor einem WM-Achtelfinale begnadigt wird, stellt sich eine einfache Frage: Quo vadis, FIFA? Der Fußball darf nie zum Spielball der Politik werden." (Sepp Blatter, Ex-FIFA-Präsident)
- Am Ende brachten die Intervention und die Rücknahme der Sperre keinen Erfolg. Die US-Nationalmannschaft verlor das Achtelfinale gegen Belgien 1:4 und schied aus dem Turnier aus.
Quellen
- media.fifa.com: Stellungnahme des Vorsitzenden der FIFA-Disziplinarkommission
- X: Stellungnahme von FIFA-Präsident Gianni Infantino
- inside.fifa.com: FIFA-Statuten
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