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Auf der Suche nach explosivem Kriegserbe

10 Min
Eine schwarz/weiße Luftaufnahme mit eingezeichneten Bombensymbolen.
Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg werden mithilfe alter Fotos aufgespürt.
© Illustration: WZ, Fotocredit: Unsplash

Tausende Weltkriegs-Bomben liegen in Österreichs Böden. Viele sind immer noch scharf. Die WZ war bei einer Bomben-Bergung dabei.


Erst macht es „tschack“. Dann macht es “„ bumm“. Das „Tschack“ des Zünders hört der Unachtsame noch. Das „Bumm“ nicht mehr. Dann ist die Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg nämlich explodiert.

Ein Schreckensszenario, das der Geschäftsführer der Munitionsbergungsfirma EOD hier skizziert. Der allerschlimmste Fall. Nicht sehr wahrscheinlich, dass er eintritt, aber keinesfalls ausgeschlossen.

Stefan Plainer und seine Männer verstehen ihr „Gewerk“, wie sie es nennen. Ein Unfall ist in den vielen Jahren ihrer Tätigkeit noch nie passiert. Sie räumen Baustellen von Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg, bevor Arbeiter:innen getötet oder verletzt werden. Klassischer Arbeitnehmer:innenschutz, erklärt Plainer. Große Baufirmen nehmen seine Dienste fast automatisch in Anspruch. Die EOD soll verhindern, dass bei Tiefbaumaßnahmen Bohrer auf Bomben stoßen. Sobald diese die schützende Hülle durchstoßen, sich in das mit Sprengstoff gefüllte Innere vorarbeiten, wird es gefährlich. Zuletzt wurde im Jahr 2004 ein Baggerfahrer in Linz schwer verletzt, als unter seinem 40 Tonnen schweren Baufahrzeug ein Blindgänger explodierte.

Eine besondere Ausbildung braucht es für die Kampfmittelbergung in Österreich nicht. Es ist ein freies Gewerbe, das juristisch mit einer dürren Formulierung geregelt ist: Wer Kriegsmaterial findet, hat das umgehend der Polizei oder einer Militärdienststelle zu melden, heißt es im Waffengesetz § 42, Absatz 4. Die Behörden stellen dann das Material sicher. Das war es.

Gnadenloses Kalkül

Mit Sondier-Geräten und Baggern durchforsten die EOD-Männer das Erdreich. „Jedes Projektil, das größer als zwei Zentimeter ist, birgt Sprengstoff“, lautet Plainers Faustregel. Worauf es ankommt, ist der Zündmechanismus: Oft ist er nicht mehr vorhanden und eine Bergung damit vorerst ungefährlich. Fatal können 80 Jahre nach Ende des Krieges jene Bomben sein, die so konstruiert wurden, dass sie erst Stunden nach dem Abwurf detonieren.

Das perfide Kalkül dieser Waffen: Nach dem Bombenangriff geben die Sirenen Entwarnung. Einsatzkräfte und Helfer:innen strömen aus, um Feuer zu löschen und in den Trümmern nach Überlebenden zu suchen. Niemand ahnt, dass die Zeitbombe tickt. Die psychologische Wirkung ist fürchterlich.

„Die Langzeitzünder sind immer hinten drin“

Geschätzte zehn Prozent dieser Bomben explodierten gar nicht. Zahllose Blindgänger liegen in Österreichs Böden. Wie viele genau − ob 10.000 oder 50.000 − ist umstritten. Legen die Kampfmittelräumer ein Geschoß frei, wissen sie nicht, auf welchen Zündmechanismus sie stoßen. „Jede Bombe hat zwei Buchsen für einen Zünder: hinten und vorn. Die Langzeitzünder sind immer hinten drinnen“, weiß Plainer. „Langzeitzünder-Bomben haben vorn immer eine Blindschraube, um das Loch zu verdecken.“

Das ist die entscheidende Information. Die Spitze der Bombe muss zuerst ausgegraben werden. „Wenn da vorn eine Kappe drauf ist, dann überlegen wir uns, was wir machen“, so Plainer zur WZ. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um einen Zeitzünder handelt, der nur noch am sprichwörtlichen seidenen Faden hängt. Ein Damokles-Schwert. „Dann wird es gefährlich, unsere Aufgabe ist getan.“ In dem Fall werden neben der Polizei Experten vom österreichischen Bundesheer gerufen, die entscheiden müssen, ob das Kriegsrelikt durch Sprengung entschärft wird oder nicht. Befinden sich Häuser in der Gegend, muss evakuiert werden.

Enorme Druckwelle und scharfkantige Splitter

Ortswechsel. Plainer und seine Mitarbeiter stehen auf einem Acker in der Nähe des Flughafens Wien Schwechat. Eine große Baufirma hat das Areal gekauft und mit der Arbeit begonnen. Nach 1945 war hier ein russisches Bombentestgelände, sagt Plainer, entsprechend sieht es hier aus. 20 Bomben wurden bereits gefunden, jetzt geht es wieder an die Arbeit. Angst haben die drei Männer von EOD nicht, „höchstens Respekt“, sagen sie.

Doch was würde passieren, wenn jetzt eine Bombe detoniert? Dann entsteht eine enorme Druckwelle, sagt Plainer. Eine Druckwelle, die, je nachdem, wie tief die Bombe unter der Erde liegt, trichterförmig in einem Winkel von 45 Grad nach oben geht und eine Menge Erde, Steine und scharfkantige Splitter mit hoher Geschwindigkeit freisetzt. Die Wirkung ist völlig unterschiedlich. Befindet man sich ganz in der Nähe, liegt aber flach auf dem Boden und hinter einem kleinen Abhang, gehen Druckwelle und Splitter über einen hinweg. „Da kann es dann höchstens zu einem Schaden am Trommelfell kommen.“ Wer sich stehend in der Nähe der Detonation befindet, hat keine Überlebenschance.

Panzerbrechende Kleinbombe

Ein zu- und abnehmendes, knarzendes Geräusch ist zu hören, als Plainer das EOD-Sondier-Gerät über die Ackerfurchen schwenkt. Er misst das Erdmagnetfeld. Befindet sich ein Metallgegenstand im Boden, schlägt das Gerät an. EOD-Mitarbeiter Daniel ist mit dem großen GPS-Sondiergerät unterwegs. Wenn es Metall anzeigt, steckt Daniel an dieser Stelle eine rote Fahne in das Erdreich. Dann ist der Bagger zur Stelle. Zahlreiche Bombensplitter werden so an die Oberfläche befördert – „reiner Schrott“, sagt Plainer.

Ein Mitarbeiter der EOD Munitionsbergung GmbH hält ein Bombenfragment.
Stefan Plainer mit einer russischen Bombe.
© Fotocredit: Michael Schmölzer

Dann stoßen wir wieder auf Metall, zum Vorschein kommt eine kleine Bombe, die von den EOD-Leuten ohne zu zögern in die Hand genommen wird. Es handelt sich dabei um ein Geschoß ohne Zünder, das, einem Stachel gleich, die Außenhülle eines Panzers durchschlagen und gleichzeitig mit Splittern in der Nähe befindliche Soldaten töten konnte. Es wurde in einem großen Behälter mit vielen anderen Bomben darinnen abgeworfen. Die Streuwirkung war groß und groß war auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bombe ihr Ziel trifft.

„Ich würde damit nicht herumwerfen“, warnt Plainer – „und schon gar nicht mit einem Hammer draufschlagen.“ Das hat niemand vor. Der Sprengstoff bilde im Lauf der Jahrzehnte Kristalle und das mache ihn „reibungsempfindlich“. Er weiß von „Waffennarren“, die sich in ihrer Freizeit nicht nur auf die Suche nach altem Kriegsgerät machen, sondern dieses auch mit nach Hause nehmen, es dann in einen Schraubstock spannen und aufsägen. Fahrlässigkeit verursacht die meisten Unfälle.

Kriegsgeschehen minuziös rekonstruiert

Aber wie spüren die Kampfmittelbeseitiger Bomben auf, wenn die Suche schwieriger ist als am ehemaligen sowjetischen Testgelände? Die Arbeit ist detektivisch, erklärt Plainer, es existiert umfangreiches Aktenmaterial, mit dem sich das Kriegsgeschehen in Österreich bis 1945 minutiös rekonstruieren lässt. „Wir wissen genau, an welchem Tag welcher Alliierten-Angriff auf welches Ziel erfolgt ist. Wie viele Flugzeuge geflogen sind, welche Bombe sie an Bord hatten, wer der Pilot war, welche Zünder auf den Bomben waren.“ Alles wurde in Beladungslisten und Einsatzbefehlen vermerkt und ist jetzt in digitalisierten Archiven einsehbar.

Am wichtigsten aber sind die zahllosen Fotos, die vor allem von den Briten vor und nach jedem Angriff aus großer Höhe mit einer Weitwinkel-Kamera geschossen wurden und auf denen die Bombeneinschläge heute genau nachverfolgbar sind. Die Bilder waren einst top secret. Heute kann man sie in einem digitalen Archiv kaufen. Auf den historischen Bildern sind einzelne Menschen erkennbar. Und Blindgänger: „Wenn eine 250-Kilo-Bombe aus 4.000 Metern abgeworfen wird, sieht man einen kleinen Einschlagskrater“, sagt Plainer und deutet auf einen Punkt auf einem Aufklärungsfoto, das in den Kriegsjahren im Raum Ölhafen Lobau aufgenommen wurde. „Das hier könnte eine nicht explodierte Bombe sein.“ Sichtbar wird das nur bei guter Bodensicht und auf freiem Feld. Im dicht verbauten städtischen Bereich sind Blindgänger nicht erkennbar.

„Pazifist, wie er im Buche steht“

Den Rest erledigt Google Earth: Der Einschlagskrater von damals ist heute genau lokalisierbar, die Sondierungen könnten, wenn es einen Auftrag gibt, beginnen.

Wie aber können Fachfirmen Blindgänger wie Artillerie-, Panzer- und nicht detonierte Handgranaten ausfindig machen? Auch hier kommt die historische Recherche zur Anwendung. In Kirchenchroniken und Tagebüchern ist vermerkt, wann wo welche Kämpfe stattgefunden haben. Zudem wurde das Kriegsgeschehen in Österreich von Historiker:innen aufgearbeitet und dokumentiert. Das alles wurde in einfach zu handhabende Tabellen übersetzt, die Munitionssuchern bei ihrer detektivischen Arbeit zur Verfügung stehen.

Kaum zu glauben, dass Plainer ein distanziertes Verhältnis zu Waffen hat, wie er gegenüber der WZ betont. Oft wollen kriegsbegeisterte Männer mit ihm über Panzertypen fachsimpeln. „Das interessiert mich nicht“, sagt Plainer. „Ich bin Pazifist, wie er im Buche steht.“