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Wenn Menschen sich gut verstehen, stimmen sich ihre Gehirne aufeinander ein. Die Wissenschaft kann das messen. Anders gedacht: Könnten wir vielleicht einmal unsere Gedanken teilen, ohne sie aussprechen zu müssen?
Was manche als rein subjektive Wahrnehmung abtun oder gar ins Reich der Esoterik verbannen, lässt sich tatsächlich wissenschaftlich nachweisen: Menschen können nicht nur im bildlichen Sinn, sondern auch physisch auf derselben Wellenlänge sein: Wenn wir einander gut verstehen, nehmen die feinen Signale in unseren Gehirnen dieselbe Schwingung an – und diese Schwingung besteht aus Wellen.
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An sich stammt die Redewendung „auf einer Wellenlänge sein“ aus dem Funkverkehr: Damit sie sich verständigen können, müssen Sender:in und Empfänger:in ihre Geräte auf dieselbe Frequenz bringen. Übertragen auf zwei Kinder, die sich beide für Raumschiffe interessieren und ihr Wissen dazu miteinander teilen, könnte man sagen, sie haben sich auf die Wellenlänge der Weltraumtechnologien eingeschwungen. Oder wenn zwei junge Menschen ein intensives Interesse für Mode entwickeln, surfen sie ganzheitlich auf der Modewelle.
Wenn die Chemie stimmt
Darüber hinaus gibt es die persönliche Ebene, wenn zwei sich auf Anhieb mögen, einander verstehen und sich ergänzen, schnell gemeinsam zu Lösungen kommen und merken: Die Chemie stimmt. Diese Erfahrung beruht auf bestimmten Prozessen im Gehirn, die neuronale Synchronie genannt werden. Sie tritt auf, wenn Menschen miteinander sprechen, gemeinsam etwas betrachten oder dieselbe Aufgabe lösen.
Studien zeigen, dass der Gleichklang schon früh im Leben beginnt, wenn sich die Gehirne von Kleinkindern und ihren Bezugspersonen aufeinander abstimmen. Neuroforscher:innen können diesen Prozess im Gehirn messen. Dazu müssen Versuchspersonen spezielle Kappen aufsetzen, mit denen die elektrische Aktivität im Kopf gemessen werden kann. Auf diesem Weg lässt sich nachweisen, wie sich bestimmte Muster der Gehirnaktivität zweier oder mehrerer Personen allmählich aneinander angleichen, wenn sie etwas miteinander tun.
Gleichklang im Kopf steigert Lernerfolg
„Synchronisierung heißt, dass sich die Gehirnsignale unbewusst ähnlicher werden. Das ist normalerweise automatisch der Fall, wenn wir miteinander interagieren“, sagt die Psychologin Kathrin Kostorz von der Universität Wien zur WZ. Dass diese Ähnlichkeit auch mit Lernerfolg zusammenhängen kann, fand sie bereits im Zuge ihrer Doktorarbeit heraus. Versuchspersonen sahen ein Video, in dem eine Person Origami faltete. Dabei zeigte sich: Je stärker die Gehirnsignale der Proband:innen jenen des Vorzeigers ähnelten, umso besser schnitten sie bei der Kunst des japanischen Papierfaltens ab. Andere Studien fanden vergleichbare Zusammenhänge. In Klassenzimmern etwa lernten Schüler:innen umso erfolgreicher, je synchroner ihre Gehirnaktivität mit jener der Lehrperson lief. Und Menschen, deren Gehirne im Gleichklang laufen, arbeiten besser miteinander. Wer sich stärker verbunden fühlt, erfüllt somit Aufgaben effizienter.
Zwei Köpfe teilen eine Idee
Nun wollen Kathrin Kostorz und ihr Team herausfinden, ob es auch umgekehrt geht. Können wir unsere Gehirnwellen willentlich aneinander angleichen? Können wir uns bewusst aufeinander einstellen und diesen Prozess aktiv gestalten, um beispielsweise auch im Job gemeinsam mehr weiterzubringen? Oder anders: Können zwei Köpfe den gleichen Gedanken haben? Kostorz will den Beweis über Trainingseinheiten erbringen. Dabei lernen Proband:innen, bestimmte Aktivitätsmuster im Gehirn gezielt hervorzurufen, etwa indem sie versuchen, den Regler eines Thermometers im Geiste nach oben zu schieben und dabei Rückmeldung bekommen, ob die anderen gerade dasselbe versuchen.
Ob zwei Menschen ihre Gehirnsignale aktiv auf dieselbe Wellenlänge bringen können, sei in der Forschung eine „heiß geführte Debatte“, sagt Kostorz. Das Thema liege im Trend. Denn letztlich geht es um die Frage, ob zwei Personen zur selben Zeit den gleichen Gedanken haben können und sogar, ob wir Gedanken auf die eine oder andere Art und Weise tatsächlich „lesen“ könnten. ,,Das ist eine große Forschungsfrage, die derzeit keiner beantworten kann”, hebt sie hervor: ,,Was wir wissen, ist, dass man prinzipiell lernt, sich immer besser vorherzusagen, je besser man sich kennt. Momentan geht die Neurowissenschaft davon aus, dass unser Gehirn vor allem dadurch funktioniert, dass wir permanent versuchen, unsere Umwelt und damit unsere Mitmenschen vorherzusagen. Wenn wir uns sehr gut kennen, dann ist unsere „Grundvorhersage“ besonders stark, dann werden kleinere Abweichungen nichts mehr daran ändern.” Zusätzlich spielen hier noch Bindungshormone eine Rolle, von denen man annimmt, dass sie den Effekt verstärken.
Gedankenlesen? Vom Nutzen zur Gefahr
In jedem Fall wollen Kostorz und ihre Kolleg:innen herausfinden, ob und in welchem Ausmaß man sich durch Neurofeedback aktiv synchronisieren kann und ob man dann wirklich ähnlicher zu denken lernen kann. In der Psychologie könnte dies Patient:innen mit Problemen in sozialen Situationen helfen, indem diese lernen, sich stärker auf ihr Gegenüber einzustimmen. Auch Therapeut:innen könnten damit ein besseres Verständnis für ihre Patient:innen aufbauen. Und emotionale Befindlichkeiten anderer Menschen wären bewusster wahrnehmbar. Immerhin spüren wir im Alltag mitunter Stimmungen, die wir an keiner Ursache festmachen können. Wir sagen dann: „Es liegt etwas in der Luft.“ Auch Sätze wie „Das wollte ich auch gerade sagen“ oder „Ich habe mir soeben dasselbe gedacht wie du“ fallen ziemlich häufig.
Fortgeschrittene Yogis berichten davon, in der Lage zu sein, konkrete Gedanken anderer Menschen wahrnehmen zu können, dabei allerdings nicht immer zu merken, dass es nicht die eigenen sind. Wenn sich nachweisen lässt, dass solche Praktiken kein Hokuspokus sind, sondern von uns allen trainiert werden können, könnte es ziemlich interessant werden, sich darin bewusst zu üben.
Das könnte nützlich sein, zum Beispiel am Arbeitsplatz, um Projekte miteinander effizienter zu Ende zu bringen, ,,oder unliebsame Kolleg:innen etwas mehr zu mögen”, so die Forscherin. Weiters könnte es angenehm sein, weil unnötige Diskussionen gar nicht geführt werden müssten. Es könnte mehr Frieden bringen, wenn wir ihn gemeinsam schaffen wollen. Und es könnte gefährlich sein, denn auf der gleichen Wellenlänge zu sein ist nicht an das Streben nach Harmonie gebunden. Auch Kriminelle oder Terrorist:innen müssen sich einig sein, um ihre Vorhaben punktgenau abwickeln zu können.
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Infos und Quellen
Gesprächspartnerin
Kathrin Kostorz, Psychologin an der Fakultät für Psychologie am Institut für Psychologie der Kognition, Emotion und Methoden der Universität Wien, untersucht neuronale Synchronität, Neurofeedback und Hyperscanning mithilfe von Bildgebungsverfahren. https://method-psy.univie.ac.at/research/forschungsbereich-prof-scharnowski/about-us/kathrin-kostorz/
Daten und Fakten
Neurofeedback ist eine wissenschaftliche Methode, bei der Menschen Informationen über ihre eigene Gehirnaktivität erhalten. Eine Messkappe auf dem Kopf registriert die Signale, ein Computer übersetzt diese in eine verständliche Darstellung. Das kann zum Beispiel das Bild eines Thermometers auf dem Bildschirm sein, dessen Regler bewegt werden soll. Über mehrere Trainingseinheiten lernen die Testpersonen, bestimmte Aktivitätsmuster im Gehirn gezielt hervorzurufen, etwa indem sie versuchen, den Regler nach oben zu schieben – ganz ohne das Drücken von Tasten und rein mit der Kraft ihrer Gedanken. Sie bekommen Rückmeldung, ob die anderen dasselbe tun, was sich Hyperfeedback nennt. https://de.wikipedia.org/wiki/Neurofeedback
Quellen
- Wissenschaftsfonds FWF: Auf einer Wellenlänge und Gehirne synchronisieren, um Interaktionen zu verbessern
- MIT Press Direct: Investigating short windows of interbrain synchrony: A step toward fNIRS-based hyperfeedback
- Wiley Online: Exploring Inter-Brain Coherence Between Fathers and Infants During Maternal Storytelling
- Universität Zürich: Soziale Synchronizität: Der Zusammenhang zwischen aufeinander abgestimmten Bewegungen und sozialen Bindungen
- Universität Wien: Wer zusammenarbeitet, bewegt sich eher synchron
- MPI Bildungsforschung Inter-Brain Synchronisation: „Meine Faszination für das Thema hält bis heute an!"
Das Thema in anderen Medien
- Stern: Gleichtakt im Gehirn von Paaren: „Küssen hat die stärkste Wirkung“
- Science.orf.at: Papageruch lässt Babyhirn synchron schwingen
- Spektrum der Wissenschaft: Auf einer Wellenlänge
- Der Standard: Freundschaft lässt sich auch am Gehirn ablesen
- SRF: Gehirn-Synchronisation: ein neues Rätsel der Neurowissenschaften
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