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Aus dem Bunker, auf das Green

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Golftraining als Teil der Rehabilitation für Veteranen und Kriegsversehrte in der Ukraine.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Invalidität ist ein rasant anwachsendes Problem in der Ukraine. Aber was hat Golf damit zu tun? Zu Besuch bei einem Golf-Training mit Veteranen und Kriegsversehrten.


Mykola hat verschraubte Titan-Platten in der Wirbelsäule. Oleksandr fehlt ein Bein – er trägt eine Prothese. Musika sitzt im Rollstuhl – er hat noch keine Prothese. Kyril hat einen gelähmten Arm, der in einer Schlinge hängt, ein zerschmettertes Hüftgelenk, ein vernarbtes Auge. Und Sasha Kikin, der steht da auf dem Übungs-Green mit seiner Beinprothese, auf den Golfschläger gestützt, als wäre er ein Säbel, eine Zigarre im Mundwinkel. Es ist Montagmorgen auf dem Kozyn-Golfplatz nahe Kiew. Und die rund 20 Männer mit Stabilisatoren im Bein, fixierten Armen, Prothesen, im Rollstuhl sitzend oder auf Krücken, schlagen Bälle in die Löcher – oder daran vorbei. Und Sasha Kikin, der stakst zwischen ihnen umher auf seiner Prothese, eine Zigarre im Mund, wie eine Dampflok, ein Wölkchen hinter sich herziehend, gibt Tipps, wie man den Schläger hält, worauf man den Blick richtet, wie man zum Ball steht – oder eben sitzt.

Ein Trainer, der ihre Geschichte teilt

Sasha Kikin ist Golftrainer. Und die Gruppe, die er da trainiert, das sind allesamt Veteranen und Kriegsinvalide. Und Sasha Kikin ist einer von ihnen. Auch er hat gekämpft, sein linkes Bein verloren, damals in Slowjansk. Heute trainiert er Leute, deren Körper und Leben für immer gezeichnet sein werden von Explosionen, Schusswunden, Schrapnellen, Quetschungen und Trauma. Weil es einen Unterschied macht, ob da einer steht, der den Krieg mit eigenen Augen gesehen hat und von Schusszone, Handicap und Bunkern spricht, oder eben nicht.

Elf Jahre Krieg und dreieinhalb Jahre russische Großinvasion haben Invalidität in der Ukraine zu einem sichtbaren Thema gemacht. Ein Thema ist das, das all zu oft verschluckt wird in den Plattenbauten einer Metropole, wie Kiew eine ist. Oder den Häuschen eines Dorfes ohne gepflasterte Straßen. Sasha Kikin sagt: „Der Unterschied zwischen der EU und der Ukraine sind 15 cm.“ So hoch sind Stufen im Durchschnitt. Für einen gesunden Menschen mit zwei gesunden Beinen kein Problem – für jemanden wie Sasha Kikin waren sie unüberwindbar. „Ich habe auch nicht darauf geachtet, bevor ich behindert wurde – und dann habe ich gesehen, wie gefährlich ein 15 cm hoher Randstein sein kann, wenn man den hinuntersteigen muss.“

Und dann hat er angefangen, Golf zu spielen.

2017 war das. Und wieso gerade Golf? Sasha Kikin sagt: „Erstens können praktisch alle Invaliden-Gruppen an diesem Sport teilnehmen. Zweitens ist Golf eine Sportart, die der physiologischen wie auch psychologischen Rehabilitation dient und die Konzentration fördert.“ Und nicht zuletzt mache es einfach Spaß, es sei kommunikativ, man komme zusammen, könne plaudern, aber eben in einer ganz anderen Umgebung – in einem gepflegten Rahmen, in der Natur, draußen. Das helfe dabei, sich von „äußeren Faktoren und Problemen zu lösen“.

Da ruft ein Mann dazwischen: „Und es ist die einzige Sportart, bei der man rauchen und ein Gläschen trinken kann – wenn es später ist.“ Er klopft Sasha auf die Schultern.

Die Golf-Novizen haben mittlerweile auf den Übungs-Fairway gewechselt. Da geht es darum, den Ball aus etwas höherem Gras auf das Green und am besten gleich in das Loch zu bringen, wenn das denn gelingt. Kyril ist zum sechsten Mal hier. Er muss das mit nur einer Hand bewerkstelligen. Auf dem Unterarm seines gesunden rechten Arms steht in großen dicken Buchstaben eintätowiert: „Death“. 34 Jahre ist er alt. Eine Grad-Rakete hat ihn 2022 in einem Dorf nahe Donezk erwischt. Dort war er in einer Mörser-Einheit. 28 Operationen hat er hinter sich, Monate der Reha, einen Spießrutenlauf durch Behörden.

Das sind Dinge, die Sasha Kikin gut kennt. Als russische Spezialverbände im Frühjahr 2014 danach trachteten, den Osten der Ukraine an Russland anzuschließen, es in der Ukraine aber so gut wie keine Armee gab, um das zu verhindern, ist Sasha Kikin mit einem Freiwilligenbataillon in den Donbass gezogen. Sein Bein ist dort geblieben. Das war zu einer Zeit, als es für einen solchen Fall keine angewandten Gesetze gab, keine Praxis in den Regelungen, keine automatischen staatlichen Kompensationen. Und schon gar nicht für Angehörige eines Freiwilligenbataillones. 2015 hat er eine Veteranenorganisation gegründet. Seither kämpft er auch auf politischer Ebene für die Rechte von Invaliden.

Reha, Bürokratie und der lange Weg zum Status

Zwischen dem Umstand einer Invalidität an sich und einem rechtlich abgesicherten Status liegt nach wie vor ein Behördendschungel. Zuständig ist zudem nicht ein Ministerium, dem zugleich auch alle Daten vorliegen. Daher gibt es auch unterschiedliche Zahlen. Laut Sasha Kikin kann man aktuell aber davon ausgehen, dass rund drei Millionen Menschen in der Ukraine einen Invalidenstatus haben – da sind allerdings auch viele Pensionist:innen, beziehungsweise Nicht-Kriegsgeschädigte mit eingerechnet. Da gibt es aber noch ein Problem: Auch ein Katalog an Kriterien für die Zuerkennung eines Status existiert nur im Ansatz. Das öffnet wiederum der Willkür Tür und Tor. Und auch nach zehn Jahren der Lobbyarbeit in diesem Feld sagt Sasha Kikin über die Behörden: „Sie arbeiten mit uns – aber ohne uns. Sie hören nicht zu.“

Auf der Driving Range herrscht mittlerweile Gedränge. Ein solches, dass ein Zwischenruf nötig wird. Denn hier wird weit ausgeholt. Allzu leicht kann man hier eins über die Rübe bekommen – und das kann böse enden. Mykola schafft die 200 Meter. Ein muskulöser Mann ist er, dem man die verschraubten Platten im Rücken nicht ansieht. Er nennt sich selbst scherzhaft den „Star ohne Krücken“ in dieser Gruppe. Maschinengewehrschütze in einem Infanteriefahrzeug bei der Offensive in Kursk war er. Dann ein Hinterhalt. Vor einem Jahr war das. Er ist nach wie vor in Rehab – einen offiziellen Status hat er noch nicht. Das Schwimmen habe ihm sehr geholfen, sagt er. Davor habe er sich kaum aufrecht halten können, sei in seiner Wohnung gesessen. Golf, so sagt er, sei „einfach ein Spiel“, bei dem man in Gesellschaft sei und seine Probleme vergessen könne.

Auch Kyril, der nur mit einem Arm spielen kann, schlägt ab. 20 Meter schafft er. Die Sonne hebt an, er schwitzt. Er bugsiert einen neuen Ball mit dem Schläger auf den Abschlagpunkt. Probiert es erneut. 40 Meter.

Gemeinschaft und Unterstützung auf dem Golfplatz

Dass sich die Veteranen hier jeden Montag einfinden, ist die Initiative der Organisationen United Through Golf, Mission Ukraine, des Clubs selbst sowie der ukrainischen Golf-Vereinigung. Die Nachfrage ist groß. : Mittlerweile bieten mehrere Clubs Gratis-Tage für Veteranen an. Aus einem Freien Montag für Veteranen ist über die Monate ein freier Montag und ein freier Dienstag geworden.

Das Aufwärmen ist beendet. Es geht auf den Platz. Männer platzieren Krücken neben Schlägern in den Golf Caddies. Musika hält sich hinten an einem der Wägen fest und lässt sich mitziehen in seinem Rollstuhl – über einen flachen Schotterweg, über eine kleine Brücke, die über einen Teich führt, auf den Platz. Dann Abschlag. Und dann: Immer weiter ran an das Loch.

Als er begonnen habe, Golf zu spielen, habe er sich keine fünf Minuten auf den Beinen halten können, sagt Sasha Kikin mit der Zigarre im Mund. Und heute: Sein Gehstock mit dem silbernen Totenkopf-Knauf steckt in der Tasche neben den Schlägern – und da bleibt er auch. Kyril tastet sich langsam vor über die Driving Range. Mal sind es 3 Meter, mal 15, die er schafft, bis zum Green, bis zum Loch. Der Dritte im Bunde ist ein unversehrter Veteran. Einer, der, wie er sagt, nur Glück gehabt hat. In Bachmut hatten sie ihre Stellung in einem dreistöckigen Haus – und da hat dann eine Rakete eingeschlagen. Nur ein Raum blieb einigermaßen unversehrt. Das war der, in dem er war.

Einige Männer sitzen beieinander, rauchen, andere machen sich gleich auf den Weg zurück nach Kiew. Sasha Kikin sitzt bei einem Mokka-Orange mit Eiswürfeln noch im Schatten, raucht, schüttelt Hände, sagt: „Das ist ein Spiel für Gentlemen.“


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Infos und Quellen

Genese

Reporter Stefan Schocher behandelt seit mehr als 20 Jahren die Ukraine und is in regelmäßigen Abständen im Land unterwegs, um gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen einzufangen. Und so auch zuletzt.

Gesprächspartner:innen

  • Sasha Kikin - Veteran, Kiegsinvalide und Golf-Trainer.
  • An dem Training Beteiligte - darunter Kyril, ein in Kyiv lebender Veteraan.
  • Die Organisatoren: Vertreter der Organisation United by Golf.

Daten und Fakten

Die Ukraine befindet sich seit dem Jahr 2014 im Krieg. Aktuell leben in der Ukraine etwa 1,2 Millionen Veteranen. Hinzu kommen aber auch viele Angehörige ziviler Strukturen, die direkt im Kriegsgebiet im Einsatz sind: Etwa Freiwillige, die Evakuierungen durchführen oder Rettungskräfte, die Russlands Armee auch gezielt attackiert sowie auch ganz einfach direkt betroffene Zivilisten.

Was die Anzahl der Kriegsinvaliden angeht, so gibt es keine exakten Zahlen. Aktuell haben rund drei Millionen Menschen in der Ukraine einen offiziell anerkannten Behindertenstatus. Darunter fallen aber auch Invaliditäten, die mit dem Kriegsgeschehen nichts zu tun haben, wie zum Beispiel auch alte Menschen mit Einschränkungen. Personen, die sich noch in Rehabilitation befinden, haben keinen Status. Und das gilt zum Beispiel für die meisten Männer, die an diesem Golf-Training teilgenommen haben.

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