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Aus Ekel wird Verlangen: Die Zukunft unserer Ernährung

5 Min
Raupen werden künftig öfter serviert werden.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock, Fotocredit: Klaus Ranger

Prognosen sind riskant, schließlich treffen sie so gut wie nie ein. Gunther Hirschfelder, Professor für Kulturanthropologie, wagt im Rahmen des Symposions Dürnstein trotzdem Vorhersagen zur Zukunft der globalen Ernährung.


Gunther Hirschfelder spricht schnell − und kommt schnell auf den Punkt: „Die Verfügbarkeit von Protein ist die Achillesferse der Menschheitsgeschichte“, postuliert der deutsche Anthropologie-Professor, deshalb hätten wir zu Beginn unserer Menschwerdung alles gegessen, was uns untergekommen ist: „Alle fangbaren Tiere, Insekten, Aas, Krebse, Muscheln.“ Lucy, unsere Vorfahrin, die vor rund 3,2 Millionen Jahren lebte und aufrecht gehen konnte, hatte noch ein affenähnliches Gehirn und die Ernährung war vorwiegend pflanzlich. Erst durch erhöhte Proteinzufuhr konnte sich das menschliche Gehirn laut dem Forscher zu seiner heutigen Größe entwickeln – ein Prozess, der vor etwa 50.000 Jahren abgeschlossen war. Ob Fleisch wirklich für unsere Evolution unabdingbar war, ist wissenschaftlich allerdings umstritten.

Currywurst nur für Spinner

Heute haben wir laut Hirschfelder im Angesicht der Klimakrise eine „Fleischscham“ entwickelt – „wer Currywurst isst, gilt schon als Freak“. Es gibt Insekten-Burger als mögliche Vorboten einer künftigen Ära, die Proteinversorgung wird ohne Fleisch gedacht. Aber was werden wir tatsächlich in Zukunft essen? Und wie werden wir unsere Nahrungsmittel produzieren?

Der Forscher hat versucht, Antworten zu finden. Und er unterstreicht, dass seine Schlüsse unter den Student:innen nicht unwidersprochen bleiben. Zumal „korrektes Essen“ gerade heute eine Definitionsfrage ist und zu einer Ideologie geworden sei.

Hirschfelder hat folgende Zukunftstrends identifiziert:

Genfood, In-vitro-Fleisch und innovative Technologien werden in Zukunft breiter akzeptiert. Weiters gehört die Zukunft laut Hirschfelder einer personalisierten Ernährung: Health Food werde mehr Raum einnehmen, die Konsument:innen würden ihre Körperdaten messen und ihre Ernährung entsprechend darauf abstimmen.

Die Landwirtschaft ist laut dem Forscher einem fundamentalen Wandel unterworfen, angesichts des Bevölkerungswachstums müsse die Produktion bis zum Jahr 2050 um mindestens 60 Prozent gesteigert werden. Lebensmittelsicherheit rücke in den Vordergrund. Laut Hirschfelders Prognose wird der Alptraum eines/einer jeden Klimaschützers/Klimaschützerin bittere Wahrheit sein: „Der globale Fleischverbrauch wird sich verdoppeln.“ Anders ist die überlebenswichtige Proteinversorgung global nicht zu bewerkstelligen. Landwirtschaft werde künftig mit der Erderwärmung fertig werden müssen. Zur Methanreduzierung werde es neue Methoden zur Futtermittelerzeugung geben, die Landwirtschaft werde verstärkt auf eine wissenschaftlich-technologische Basis gestellt.

Ein Foto von Gunther Hirschfelder.
Gunther Hirschfelder in Dürnstein: Er sieht künftig eine Verdoppelung des globalen Fleischkonsums.
© Fotocredit: Klaus Ranger

Rucola, Spinat und Quinoa

Nahrungs- und Umweltkrisen, so die düstere Prognose, werden bis zur Jahrhundertmitte stark zunehmen. Demnach geht es um die Erschließung nachhaltiger, alternativer Proteinquellen – etwa Pflanzen, „die wir im Moment noch gar nicht kennen“. In den nächsten zehn Jahren werden Nutzpflanzen wie Rucola, Spinat und Quinoa verstärkt angebaut, wachsen wird das Gemüse teilweise in einem „controlled environment“ − in großen Glashäusern unter der Erde, die dem Klimawandel trotzen, um so Millionen von Menschen ernähren zu können. Mikroalgen werden im großen Maßstab produziert, ein proteinreiches Futtermittel, weil Sojaimporte zu teuer werden.

„Insekten und Mehlwürmer“ werden in unseren Breitengraden häufiger auf den Teller kommen, „denn Ekel ist kulturell gelernt und kann sich in Verlangen umkehren“, so Hirschfelder. Dennoch sieht er Raupen und Würmer eher als Futtermittel verarbeitet in Mägen von Nutztieren landen als in menschlichen.

Tierische Produkte sind künftig unverzichtbar, behauptet der Wissenschaftler. Schon deshalb, um dem drohenden Proteinmangel entgegenwirken zu können. Die Steigerung des Fleischverbrauchs werde in China als große Errungenschaft gefeiert, auch in Europa bleibe der Absatz stabil – Verbote seien in Demokratien nicht praktikabel.

Gleichzeitig werde es zu einer Aufwertung von Lebensmitteln aus der Region kommen – „regional ist das neue Bio, dieser Trend wird sich fortsetzen“.

„Überlebensdialog“ statt Sorge um Tierwohl

Derzeit forschen Großkonzerne intensiv im Bereich hochverarbeiteter Lebensmittel. „Das machen sie nicht, wenn sie nicht davon ausgehen würden, dass sie es auch verkaufen werden“, sagt Hirschfelder. In Europa wird sich im Bereich Lebensmittel eine Schere auftun zwischen einem wachsenden Luxussegment und wachsender Armut. „Der Konsum qualitativ hochwertiger Produkte könnte sich entdemokratisieren.“

Angesichts der Klimakrise wird es kein Zurück zu einer ursprünglichen bäuerlichen Landwirtschaft geben, ganz im Gegenteil: „Wir sehen eine Tendenz zum großen Agrobusiness.“ Eine Entwicklung, die Hirschfelder für „ethisch beschämend“ hält. Die alte bäuerliche Welt bedeute eine katastrophale CO2-Bilanz, Armut, Hunger und Überweidung. Feststellbar sei das am Beispiel Äthiopien. Die globale Landwirtschaft müsse künftig viel mehr produzieren, nachhaltiger und effizienter werden, um alle ernähren zu können. Dem werde sich eine Ökologiebewegung entgegenstellen, die in ihrer Vorgangsweise radikaler sei als vergangene.

Klimawandel, Kriege wie in der Ukraine und Seuchen wie Covid lassen Hirschfelder für die Zukunft nichts Gutes ahnen. Der Konsum könnte nach Jahrzehnten des Überflusses wieder sinken. Diskutiert werde dann nicht mehr über Tierwohl und Veganismus – für Hirschfelder reine „Luxusdebatten“. In Krisenzeiten „werden wir andere Dialoge führen“, ist er sicher: „Überlebensdialoge“.


Infos und Quellen

Genese

WZ-Autor Michael Schmölzer interessiert sich für Fragen der Vergangenheit, aber auch, wie die Zukunft aussehen könnte. Was unsere Ernährung betrifft, ist der Anthropologe Gunther Hirschfelder in beiden Bereichen einer der führenden Experten im deutschsprachen Raum. Beim Symposion „Was werden wir morgen essen“ in den barocken Räumen des Stifts Dürnstein ergab sich die Gelegenheit, sich mit den Thesen des Regensburger Professors auseinanderzusetzen.

Gesprächspartner

Nach Vertretungsprofessuren in Mainz und Bonn ist Gunter Hirschfelder seit 2010 Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der kulturwissenschaftlichen Ernährungs- und Agrarforschung in historischer sowie gegenwärtiger Perspektive. Er hat unter anderem das Buch „Europäische Esskultur. Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute“, Frankfurt a. M. / New York, 2001 publiziert.

Daten und Fakten

  • In den ersten Hochkulturen aß die Oberschicht viel Fleisch, die Bauern wenig. Sozialer Aufstieg bedeutet damals Zugriff auf Fleisch. Im Zeitabschnitt zwischen dem Jahr 1500 und 1800 nach Christi Geburt ist der Fleischkonsum drastisch zurückgegangen, verbreiteter Proteinmangel stellte sich ein, es kam zu regelmäßigen und verheerenden Hungersnöten. Mit den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hielt der Wohlstand in zuvor nicht gekannter Weise Einzug, schließlich gab es Überfluss. Es ist die Zeit, als in Österreich in „Wienerwald“-Restaurants Brat- und Backhühner in Unmengen verschlungen wurden und der fette Schweinsbraten Objekt der Begierde war, um die dürren Jahre des Zweiten Weltkriegs zu kompensieren.

  • In-vitro-Fleisch: Künstliches Fleisch, das zu den Fleischalternativen gezählt wird. Es handelt sich um das Ergebnis von Gewebezüchtung. In-vitro-Fleisch soll unter anderem helfen, globale Probleme im Zusammenhang mit den Umweltauswirkungen der Fleischproduktion zu lösen.

  • Enzymatische Futtermittelerzeugung: Prozess, der die Futtermittelerzeugung unter der Verwendung von Enzymen besser und umweltverträglicher gestalten könnte.

  • Controlled Environment: In der Landwirtschaft handelt es sich hier um die künstliche Herstellung einer Umgebung für Pflanzen. Alles, was Pflanzen für ihr Gedeihen brauchen, wird, abgeschottet von der Umgebung, künstlich hergestellt.

  • Quinoa ist eine Quelle für hochwertiges pflanzliches Eiweiß. In den Anden ist sie seit 5.000 Jahren bekannt, essbar sind die ein bis zwei Millimeter großen Nüsschen der Pflanze.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien