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Frauen berichten der WZ von Gynäkologen, die Grenzen überschritten haben. Warum die Scham noch immer bei den Betroffenen liegt.
In diesem Text geht es um (sexuelle) Grenzüberschreitungen, medizinische Übergriffe und psychische Belastungen. Der Inhalt kann belastend wirken.
Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.
Eine gynäkologische Untersuchung: Man schiebt den Termin vor sich her, verschiebt ihn, ignoriert die Erinnerungsnachricht, die man erhält, wenn der letzte Besuch schon länger her ist. Nicht, weil man nicht weiß, wie wichtig Vorsorge ist, sondern weil man weiß, wie verletzlich man sich auf diesem Stuhl fühlt. Denn selbst in der besten Praxis bleibt der Gang zur Gynäkologin oder zum Gynäkologen für viele ein Moment, in dem man Kontrolle abgibt. Und manchmal wird genau diese Verletzlichkeit ausgenutzt.
- Mehr für dich: „Ich habe keine Hoffnung. Nur Wut.“
Kein Einzelfall
Regelmäßige gynäkologische Untersuchungen sind die Basis zur Vermeidung oder frühzeitigen Behandlung von Krankheiten: Umso mehr sollte es die grundlegende Voraussetzung sein, dass solche relevanten und hochsensiblen Behandlungen mit Einverständnis und Empathie verlaufen. In dieser Geschichte wird sich zeigen, dass das nicht immer der Fall ist.
Als sich vor ein paar Monaten eine Betroffene an die WZ wendete, wurde schnell klar: Es ist kein Einzelfall. Nach einigen Gesprächen zeigt sich, wie viele Frauen und Teenagerinnen ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Manche sprechen zum ersten Mal darüber, andere haben das Erlebte jahrelang verdrängt, heruntergespielt und als „nicht so schlimm“ abgetan. Folgende Aussagen stammen von Frauen, die heute über ihre Erfahrungen sprechen wollen.
Was Frauen erzählen
„Warum melden die das nicht einfach?“
Fälle wie diese kann man bei verschiedenen Beratungsstellen melden. Theoretisch.
Sätze, die in den geführten Interviews immer wieder fallen, klingen ähnlich:
„Ich habe den Gynäkologen schnell gewechselt.“
„Ich hätte mich zu dem Zeitpunkt nie getraut, an die Öffentlichkeit zu gehen.”
„Ich dachte mir, die Story ist verjährt.“
„Ich war so schockiert, dass ich gar nicht reagieren konnte.“
„Ich hab’ mir gedacht: ‚Vielleicht gar nicht so schlimm‘.“
„Meine Therapeutin meinte, ich solle das der Ärztekammer melden, ich hab’ mich dann nicht getraut, weil ich andere gefragt habe, die gute Erfahrungen mit ihm hatten.“
„Ich wollte ihn nicht anschwärzen, weil ich mir dachte, vielleicht hatte er einen schlechten Tag.“
Die Verantwortung liegt wieder bei den Betroffenen. Praktisch ist eine Meldung mit viel Zeit, Energie und Aufwand verbunden, und viele müssen damit rechnen, dass am Ende nichts dabei herauskommt. Denn oft steht Aussage gegen Aussage, Verfahren verlaufen im Sand oder es kommt sogar zu Klagen wegen Verleumdung.
Die Datenlage ist dünn, in Deutschland waren es laut einer Studie rund fünf Prozent der Teilnehmenden – also jede 20. Person –, die schon einmal Grenzüberschreitungen oder sexuelle Übergriffe durch Gesundheitspersonal erfahren haben. Täter waren meist Ärzte. In Österreich gibt es keine solche Studie, die Patient:innenanwaltschaft teilt jedoch der WZ mit:
„Die WPPA (Wiener Pflege- und Patient*innenanwaltschaft) hatte in den letzten Jahren kaum Beschwerden zu sexuellen Grenzüberschreitungen im Rahmen von gynäkologischen Behandlungen. [...] Wendet sich eine Patientin mit einer solchen Beschwerde an uns, wird das dokumentiert und sie über weitere Möglichkeiten wie eine Anzeige bei der Polizei oder zum Beispiel die Kontaktaufnahme mit einer Beratungsstelle der Frauenhäuser aufgeklärt. Mit ihrer Zustimmung können wir ihre Beschwerde auch an die Ombudsstelle der Ärztekammer Wien weiterleiten. Dort kann es zu einem Disziplinarverfahren kommen.“ (Weitere Beratungsstellen sind unten verlinkt.)
Es sind Situationen, in denen Betroffene erzählen, dass Grenzen überschritten wurden, dass sie sich ausgeliefert fühlten und im entscheidenden Moment nicht reagieren konnten. Denn: Es ist eine Form von Machtmissbrauch. Es herrscht ein Machtgefälle. Ärztinnen und Ärzte gelten als Expert:innen, Patientinnen müssen vertrauen.
Gerade im medizinischen Kontext können solche Erfahrungen langfristige Folgen haben. Sie erschüttern das Vertrauen in das Gesundheitssystem, führen dazu, dass Vorsorgeuntersuchungen vermieden oder hinausgezögert werden, und können Betroffene noch Jahre später belasten.
Hilfe und Beratungsstellen
Wenn du selbst von sexueller Belästigung oder Machtmissbrauch betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:
- Frauen- und Mädchenberatungsstellen: Tel.: 01 595 37 60, online hier
- Telefonseelsorge: Tel.: 142 (rund um die Uhr)
- Frauenhelpline: Für Frauen und Mädchen in Gewaltsituationen ist die Nummer 0800 222 555 Tag und Nacht erreichbar.
- Patient:innenombudsstelle: Tel.: +43 1 515 01 1270
E-Mail: sekretariat@patientenombudsmann-wien.at
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Infos und Quellen
Genese
Nach einer Erzählung über einen übergriffigen Gynäkologen hat WZ-Autorin Nora Schäffler mit mehreren Frauen gesprochen und festgestellt, dass einige Grenzüberschreitungen von Gynäkolog:innen erlebt haben.
Daten und Fakten
- Generell wird empfohlen, einmal im Jahr zur Vorsorgeuntersuchung zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt zu gehen, auch wenn keine Beschwerden vorliegen.
- Nach einer DOSSIER-Recherche (2025) über einen Wiener Gynäkologen kündigte das Gesundheitsministerium an, Disziplinarakten bei der Ärztekammer anzufordern und zu prüfen.
- Gleichzeitig arbeitet das Ministerium laut DOSSIER an einer öffentlich zugänglichen Informationsseite, die Betroffenen erklären soll, wie der Beschwerdeweg funktioniert.
- In einer ersten repräsentativen Beobachtungsstudie berichteten bis zu 4,5 Prozent der 2.503 Befragten über professionelles sexuelles Fehlverhalten (PSM), Täter waren meist Ärzte.
Quellen
- Bundesministerium Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Frauen- und Gendergesundheit
- Bundesministerium Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Besuch bei der Frauen-Ärztin: Fragen und Antworten in leichter Sprache
- Deutsches Ärzteblatt: Studie offenbart hohe Prävalenz sexuellen Fehlverhaltens durch Gesundheitsfachkräfte
- gesundheit.gv.at: Der erste Frauenarztbesuch
Gesprächspartner:innen
- Interview mit Betroffenen, die Namen wurden von der Redaktion geändert
- Wiener Pflege- und Patient*innenanwaltschaft (WPPA)
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