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Ausgeliefert am Gyn-Stuhl

10 Min
Vielen Frauen ist der Besuch bei Gynäkolog:innen unangenehm. Manchmal wird er zur Qual.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Frauen berichten der WZ von Gynäkologen, die Grenzen überschritten haben. Warum die Scham noch immer bei den Betroffenen liegt.


In diesem Text geht es um (sexuelle) Grenzüberschreitungen, medizinische Übergriffe und psychische Belastungen. Der Inhalt kann belastend wirken.
Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.

Eine gynäkologische Untersuchung: Man schiebt den Termin vor sich her, verschiebt ihn, ignoriert die Erinnerungsnachricht, die man erhält, wenn der letzte Besuch schon länger her ist. Nicht, weil man nicht weiß, wie wichtig Vorsorge ist, sondern weil man weiß, wie verletzlich man sich auf diesem Stuhl fühlt. Denn selbst in der besten Praxis bleibt der Gang zur Gynäkologin oder zum Gynäkologen für viele ein Moment, in dem man Kontrolle abgibt. Und manchmal wird genau diese Verletzlichkeit ausgenutzt.

Kein Einzelfall

Regelmäßige gynäkologische Untersuchungen sind die Basis zur Vermeidung oder frühzeitigen Behandlung von Krankheiten: Umso mehr sollte es die grundlegende Voraussetzung sein, dass solche relevanten und hochsensiblen Behandlungen mit Einverständnis und Empathie verlaufen. In dieser Geschichte wird sich zeigen, dass das nicht immer der Fall ist.

Als sich vor ein paar Monaten eine Betroffene an die WZ wendete, wurde schnell klar: Es ist kein Einzelfall. Nach einigen Gesprächen zeigt sich, wie viele Frauen und Teenagerinnen ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Manche sprechen zum ersten Mal darüber, andere haben das Erlebte jahrelang verdrängt, heruntergespielt und als „nicht so schlimm“ abgetan. Folgende Aussagen stammen von Frauen, die heute über ihre Erfahrungen sprechen wollen.

Was Frauen erzählen


Livia
„Als ich mit 18 Jahren nach Wien zog und einen Frauenarzt suchte, sagte er beim Abtasten der Brust (ich stand nur mit meiner Unterhose vor ihm): ‚Frau Bauer, Sie haben ja mächtig dicke Dinger.‘ Jetzt würd’ ich das sofort melden, damals war ich einfach noch nicht so aware und hab’s tatsächlich erst später schlimmer und schlimmer gefunden.“
Veronika
„Während der Behandlung war er sehr grob, ich hab’ ihn zwei-, dreimal drauf hingewiesen, dass mir die Untersuchung weh tut. Er meinte, er müsse das so machen. Ich war schon den Tränen nahe. Als er die Behandlung dann beendet hat, hat er sich umgedreht und ich hab’ ihn beobachtet, wie er seine Finger, mit denen er mich berührt hatte, abgeschleckt hat. Er hatte keinen Handschuh an und hat sich die Finger abgeleckt, vor meinen Augen.“
Chiara
„Ich hatte ein paar Tage davor Sex gehabt und hatte einen kleinen Einriss am Vaginaleingang. Nach der Behandlung – ich hatte meine Beine noch im Stuhl oben – meinte er: ‚Sie haben da einen kleinen Einriss.‘ Ich meinte: ‚Ja, weiß ich.‘ Dann hat er gesagt: ‚Das passiert beim Sex, wenn junge Männer nicht wissen, wie sie umgehen sollen‘, hat mir das verbal erklärt und hat dann gesagt: ‚Das passiert, wenn der Penis im falschen Winkel ist‘, hat seine Finger in mich eingeführt, nach unten gedrückt, die Hand gerichtet und mir gezeigt, was ‚der richtige Winkel‘ sei – ohne mich zu fragen, ob ich überhaupt darüber reden möchte, und natürlich, ohne mich zu fragen, ob er das machen darf.“
Livia
„Es war kein Kontroll-Termin, sondern ich habe Beschwerden gehabt, hatte dementsprechend auch starke Schmerzen und war sehr empfindlich. Normalerweise kenn ich das, dass der Frauenarzt sagt, was er als nächstes macht, damit man weiß was abgeht. Der hat weder Hallo gesagt noch irgendwie kommuniziert, was er als nächstes macht. Er hat unangekündigt etwas eingeführt und war sehr grob und es war sehr kalt. Ich hab’ mich super erschrocken, hab’ gesagt ‚Scheiße, das tut weh‘. Er hat dann gesagt: Wenn ich doch solche Schmerzen hab’, soll ich doch einfach ins Krankenhaus gehen, hat dann alles rausgezogen, Handschuhe ausgezogen, ist zu seinem Computer gegangen und hat mir eine Überweisung ins Krankenhaus gegeben. Ich hab’ gesagt: ‚Ich hatte das schon öfters, ich brauche keine Überweisung ins Krankenhaus, ich brauche das eine bestimmte Medikament, das mir mein eigentlicher Frauenarzt normalerweise verschreibt.‘ Nein, da könne er mir nicht helfen. Er war nur haaß und hat mich angemotzt. Ich war so perplex, dass ich ihm nicht sagen konnte, wie das gerade für mich war. Er hat nicht tschüss gesagt, als ich gegangen bin. Ich habe nur geheult, als ich rausgegangen bin.“
Ariane
„Bevor ich mich dort auf den Stuhl gesetzt habe, hat er mich schon gefragt, ob ich schon Geschlechtsverkehr hatte und so, weil ich die Hormonspirale hatte. Ich habe ihm erklärt, dass ich Jungfrau bin. Dann hat er da reingeschaut, ist mit dem Stuhl zurückgefahren und hat gesagt: ‚Verarschen kannst du mich aber nicht, wegen Jungfrau sein, gell?‘ Ich so: ‚Hä?‘ Er hat begonnen zu lachen und gemeint: ‚Ich seh’ ja, dass du keine Jungfrau mehr bist.‘ Es hätten ja auch sexuelle Übergriffe stattgefunden haben können, ich fand das sehr unsensibel.“„Ich hab’ Hypochondrie und bin gewohnt, wenn ich das Ärzt:innen sag, dass sie dann eher noch empathischer sind mit mir und mehr aufpassen. Als ich das aber dem Gynäkologen gesagt habe, dass ich mir voll Sorgen mache, hat er erst mal begonnen zu lachen. Dadurch hab’ ich mich schon nicht so gut gefühlt, aber wusste, ich muss das nicht machen. Ich wollte ihm da noch erklären, was genau bei mir Sache ist und er meinte: ‚Wir haben jetzt nicht ewig Zeit, ich schaus mir einfach selbst an‘. Dann hab’ ich mich auf den Stuhl gehockt und er meinte so: ‚Das ist eine Mischinfektion‘ Ich wusste natürlich nicht, was das ist, und habe Fragen gestellt, und er meinte dann: ‚Ja, eine Mischinfektion halt, das ist auf jeden Fall schlecht und kann zu Unfruchtbarkeit führen‘“.
Lisa
„Ich habe Angststörungen und da sind auch medizinische Sachen mit drin, also ich gehe sehr ungern zum Arzt. Als ich dann beim Frauenarzt war, hab’ ich ihm gesagt, dass ich Angststörungen habe, super selten zum Arzt gehe, es mir wichtig ist, dass ich dem Arzt oder der Ärztin voll vertraue, ich Angst vor einer Untersuchung und den Ergebnissen habe und ich es deshalb erstmal abklären wollte. Dann hat er in meine Akte geguckt (zu der Zeit war ich verheiratet) und dann hat er mich angeguckt und gesagt: „Sie haben Angst vor der Untersuchung? Aber Sie sind doch verheiratet, Sie müssen doch eigentlich dran gewöhnt sein, Dinge in Ihnen drin zu haben.“
Sara
„Ich hatte, wenn ich meine Periode hatte, Kreislaufkollapse, Übelkeit und so starke Periodenschmerzen, dass es nicht möglich war, in die Schule zu gehen. Ein Arzt hat mir geraten, ich solle schauen, dass ich so früh wie möglich schwanger werde, dann würde sich der Zyklus resetten, da sei die Chance dann groß, dass ich dann keine Periodenschmerzen mehr habe. Ich war 15 Jahre alt, das kann ja nicht sein, dass die Lösung ist, dass ich bald ein Kind großziehe, damit ich keine Periodenschmerzen mehr hab.“
Sara
„Zu dieser Zeit war ich noch Jungfrau und habe öfters gehört, sie könnten jetzt nichts tun mit mir oder ich sei ‚zu sensibel‘. Ich habe mich davor nicht schlecht gefühlt, dass ich noch Jungfrau war, aber nach den Untersuchungen schon.“
Fiona
„Ich war aufgrund von einem Schwangerschaftsabbruch bei einer Gynäkologin, die ist normalerweise sehr nett zu mir, aber war eindeutig nicht begeistert von meiner Entscheidung. Sie hat Fragen gestellt wie: ‚Willst du nicht den Herzschlag hören?‘ Ich finde, das war das sehr übergriffig, ich war mir sicher mit meiner Entscheidung. Danach hat die Rezeptionistin vor versammelter Mannschaft – es waren sehr viele Leute im Wartezimmer – herumposaunt, ob mir bewusst wäre, in welcher Woche ich schwanger sei, und dass ich deshalb dringend einen neuen Termin vereinbaren muss, obwohl die Entscheidung für mich schon feststand. Im Sinne der Kommunikation fand ich das sehr übergriffig, da hätten ja einfach Arbeitskolleginnen oder Bekannte im Warteraum sitzen können.“

„Warum melden die das nicht einfach?“

Fälle wie diese kann man bei verschiedenen Beratungsstellen melden. Theoretisch.

Sätze, die in den geführten Interviews immer wieder fallen, klingen ähnlich:

„Ich habe den Gynäkologen schnell gewechselt.“
„Ich hätte mich zu dem Zeitpunkt nie getraut, an die Öffentlichkeit zu gehen.”
„Ich dachte mir, die Story ist verjährt.“
„Ich war so schockiert, dass ich gar nicht reagieren konnte.“
„Ich hab’ mir gedacht: ‚Vielleicht gar nicht so schlimm‘.“
„Meine Therapeutin meinte, ich solle das der Ärztekammer melden, ich hab’ mich dann nicht getraut, weil ich andere gefragt habe, die gute Erfahrungen mit ihm hatten.“
„Ich wollte ihn nicht anschwärzen, weil ich mir dachte, vielleicht hatte er einen schlechten Tag.“

Die Verantwortung liegt wieder bei den Betroffenen. Praktisch ist eine Meldung mit viel Zeit, Energie und Aufwand verbunden, und viele müssen damit rechnen, dass am Ende nichts dabei herauskommt. Denn oft steht Aussage gegen Aussage, Verfahren verlaufen im Sand oder es kommt sogar zu Klagen wegen Verleumdung.

Die Datenlage ist dünn, in Deutschland waren es laut einer Studie rund fünf Prozent der Teilnehmenden – also jede 20. Person –, die schon einmal Grenzüberschreitungen oder sexuelle Übergriffe durch Gesundheitspersonal erfahren haben. Täter waren meist Ärzte. In Österreich gibt es keine solche Studie, die Patient:innenanwaltschaft teilt jedoch der WZ mit:

„Die WPPA (Wiener Pflege- und Patient*innenanwaltschaft) hatte in den letzten Jahren kaum Beschwerden zu sexuellen Grenzüberschreitungen im Rahmen von gynäkologischen Behandlungen. [...] Wendet sich eine Patientin mit einer solchen Beschwerde an uns, wird das dokumentiert und sie über weitere Möglichkeiten wie eine Anzeige bei der Polizei oder zum Beispiel die Kontaktaufnahme mit einer Beratungsstelle der Frauenhäuser aufgeklärt. Mit ihrer Zustimmung können wir ihre Beschwerde auch an die Ombudsstelle der Ärztekammer Wien weiterleiten. Dort kann es zu einem Disziplinarverfahren kommen.“ (Weitere Beratungsstellen sind unten verlinkt.)

Es sind Situationen, in denen Betroffene erzählen, dass Grenzen überschritten wurden, dass sie sich ausgeliefert fühlten und im entscheidenden Moment nicht reagieren konnten. Denn: Es ist eine Form von Machtmissbrauch. Es herrscht ein Machtgefälle. Ärztinnen und Ärzte gelten als Expert:innen, Patientinnen müssen vertrauen.

Gerade im medizinischen Kontext können solche Erfahrungen langfristige Folgen haben. Sie erschüttern das Vertrauen in das Gesundheitssystem, führen dazu, dass Vorsorgeuntersuchungen vermieden oder hinausgezögert werden, und können Betroffene noch Jahre später belasten.

Hilfe und Beratungsstellen

Wenn du selbst von sexueller Belästigung oder Machtmissbrauch betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:

  • Frauen- und Mädchenberatungsstellen: Tel.: 01 595 37 60, online hier
  • Telefonseelsorge: Tel.: 142 (rund um die Uhr)
  • Frauenhelpline: Für Frauen und Mädchen in Gewaltsituationen ist die Nummer 0800 222 555 Tag und Nacht erreichbar.

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Infos und Quellen

Genese

Nach einer Erzählung über einen übergriffigen Gynäkologen hat WZ-Autorin Nora Schäffler mit mehreren Frauen gesprochen und festgestellt, dass einige Grenzüberschreitungen von Gynäkolog:innen erlebt haben.

Daten und Fakten

  • Generell wird empfohlen, einmal im Jahr zur Vorsorgeuntersuchung zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt zu gehen, auch wenn keine Beschwerden vorliegen.
  • Nach einer DOSSIER-Recherche (2025) über einen Wiener Gynäkologen kündigte das Gesundheitsministerium an, Disziplinarakten bei der Ärztekammer anzufordern und zu prüfen.
  • Gleichzeitig arbeitet das Ministerium laut DOSSIER an einer öffentlich zugänglichen Informationsseite, die Betroffenen erklären soll, wie der Beschwerdeweg funktioniert.
  • In einer ersten repräsentativen Beobachtungsstudie berichteten bis zu 4,5 Prozent der 2.503 Befragten über professionelles sexuelles Fehlverhalten (PSM), Täter waren meist Ärzte.

Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Interview mit Betroffenen, die Namen wurden von der Redaktion geändert
  • Wiener Pflege- und Patient*innenanwaltschaft (WPPA)

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