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Ausgetindert: Warum Datingapps nicht mehr cool sind

4 Min
Ein Herz in einem Quadrat, das an eine App erinnert, landet im Mistkübel.
Datingapps wie Tinder landen bei der Generation Z immer öfter im Mülleimer.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die Generation Z schreibt die Regeln des Online-Datings neu. Die Devise lautet: Qualität statt Quantität.


Es ist ein milder Februarabend. David (richtiger Name der Redaktion bekannt), 24, sitzt zu Hause und schaut aus dem Fenster. „Es funktioniert einfach nicht“, denkt er und fährt sich frustriert durch die Haare. Dann holt er sein iPhone aus der Hosentasche. Er zögert kurz. Wie oft hat er diesen Vorgang schon wiederholt?

Dann tut er es. Zwei Sekunden, zweimal auf den Bildschirm drücken, und schon ist es vorbei. David hat Schluss gemacht. Mal wieder. Aber nicht mit einer Person, sondern mit der Datingapp Tinder.

Was David getan hat, scheint für eine ganze Generation zu stehen, bei der Online-Dating aus der Mode kommt. Nämlich bei jener Gruppe, die mit Social Media aufgewachsen ist: der Generation Z, also den späten Teenagern und Mittzwanziger:innen. Eine US-Studie unter College-Student:innen von November zeigt, dass vier Fünftel keine Datingapps nutzen. Der Kurs des Technologiekonzerns Match Group, zu dem neben dem Vorreiter Tinder auch die Datingapps Hinge und OkCupid gehören, verzeichnete Mitte Jänner ein Minus von 62 Prozent für die vergangenen 365 Tage. In den USA wird Match Group aktuell von sechs Nutzer:innen verklagt.

Dabei erlebten Datingapps seit der Corona-Pandemie einen Boom wie noch nie. Warum zieht sich ausgerechnet die Kernnutzer:innengruppe von diesen Plattformen zurück?

Die Sehnsucht nach Echtheit

„Mein Gefühl ist, dass man oft nicht wirklich aufeinander eingeht. Warum sich bemühen, wenn das nächste Match nur einmal wischen entfernt ist?“ David hat, seitdem er 18 ist, immer wieder auf die Apps Tinder, Bumble und Hinge zurückgegriffen, sie gelöscht, nur um sie wieder herunterzuladen. Doch seine Erfahrungen waren überwiegend enttäuschend. In Zukunft möchte er seine potenzielle Partnerin umso mehr im „realen Leben“ kennenlernen, sei es durch gemeinsame Freund:innen, Hobbys oder im Alltag. „Online-Dating ist für mich zwar immer noch eine Option, aber auf keinen Fall die erste Wahl.“

Die deutsche Psychologin Lisa Fischbach ist, neben ihrer Tätigkeit in der eigenen Praxis, Leiterin im Bereich Forschung und Matchmaking bei ElitePartner. Sie erkennt eine Veränderung in der Art und Weise, wie junge Menschen nach Verbindungen suchen. „Die Generation Z ist stark von der Pandemie geprägt und leidet unter erhöhten Einsamkeitsgefühlen, trotz der vielen digitalen Möglichkeiten. Es besteht ein starkes Bedürfnis nach echter, authentischer Interaktion, welches durch digitale Kontakte nicht erfüllt wird“, sagt sie gegenüber der WZ.

Der Trend zum Slow Dating, also sich bewusst auf eine Person zu konzentrieren, könnte sich als Gegenreaktion auf die permanente Bewertungskultur durch Social Media und Datingapps wie Tinder verstärken, meint Fischbach. Die Herausforderungen der letzten Jahre lösten zudem ein verstärktes Bedürfnis nach Sicherheit aus: „Eine Partnerschaft, verstanden als Bindung und emotionales Zuhause, ist in einer Welt voller Krisen, Veränderungen und Umbrüche relevanter denn je geworden.“

Von Ghosting und Ermüdung

David chattete früher tagelang mit Frauen. Sie vereinbarten Treffen, und mit manchen schaffte er es tatsächlich über den digitalen Raum hinaus. Aber dann plötzlich: Funkstille. „Hallo, bist du noch da?“, schrieb er, doch es kam keine Antwort. Sie lösten sich in Luft auf. Was blieb, war ihr Geist. „Ghosting“ ist heutzutage weit verbreitet. Auch David wurde zum Ghoster. Ohne Erklärung zu verschwinden ist nun mal der einfachste Weg, wenn man es sich anders überlegt hat.

Repetitive Konversationen und der erhebliche Zeitaufwand, der mit Online-Dating einhergeht, münden häufig in einer allgemeinen Erschöpfung: der sogenannten „Dating Fatigue“. Die Schweizer Soziologin Jessica Pidoux, spezialisiert auf Dating-Algorithmen, erläutert im WZ-Interview die Hintergründe dieses Phänomens: „Dating-Apps überfluten uns mit einem Zugang zu unzähligen potenziellen Partnern, was zu kognitiver Überlastung führt. Diese digitale Bewertung, basierend auf Likes, Swipes und sorgsam ausgewählten Bildern, erzwingt ständige Urteile und führt zu enttäuschenden, oberflächlichen Gesprächen.“

Darüber hinaus sei das Geschäftsmodell der Apps ein Problem, indem es nichtzahlenden Nutzer:innen oder jenen, die vom Algorithmus als weniger attraktiv angesehen werden, geringere Erfolgschancen einräumt.

Zwischen Herausforderung und Hoffnung

Mittlerweile würden junge Menschen romantische Beziehungen vermehrt über Social Media statt über traditionelle Datingapps initiieren. Sie treffen sich etwa mit Personen, die sie über Instagram kennengelernt haben, was darauf hindeutet, dass sich die Präferenzen für das Knüpfen neuer Kontakte verlagern. „Das führt auch zur Entwicklung neuer Apps, die speziell auf jüngere Generationen zugeschnitten sind. Sie wollen in soziale Kontexte eingebettet werden, in denen sie als vollständige Personen mit vielfältigen Interessen und Hobbys wahrgenommen werden, und nicht nur im Rahmen von Dating“, sagt Pidoux.

Trotz aller Schwierigkeiten bergen Datingapps auch Chancen für interessante Begegnungen und glückliche Zufälle. In Österreich hat fast jede zweite Partnerschaft, die in den letzten zwei Jahren entstanden ist, ihren Ursprung im Internet. „Online-Dating ist mittlerweile selbstverständlich geworden“, meint Fischbach. Dennoch rät sie zu einem verantwortungsbewussten Umgang und zu Datingpausen, wenn Anzeichen einer Dating Fatigue auftreten.

David legt momentan eine solche Pause ein, versucht dabei aber positiv zu bleiben. „Ich will nicht aktiv suchen. Ich versuche, mich selbst besser kennenzulernen und dann kommt das hoffentlich von ganz allein“, sagt er und lächelt.