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Austria Wien: Raus aus der Schuldenfalle

9 Min
Ein Fußballspieler der von an einer Euromünze angekettet in eine Schlucht runtergezogen wird.
Die neue Austria-Ära gleicht einem Krimi – und dieser handelt von Pleiten, Pech und Pannen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Die Wiener Austria wollte hoch hinaus, machte aber fast alles falsch: sportlich und wirtschaftlich. Nun steht der Klub vor der Pleite und muss sich selbst verkaufen. Die Geschichte eines Desasters – und: einer letzten Chance.


Das Fußballgeschäft ist ein Ort der großen Träume. Funktionär:innen, Spieler:innen und Fans träumen von Siegen, Titeln, von vielen Millionen Euro. Beim FK Austria Wien hatte dieser Traum ein fixes Datum: die Eröffnung des neuen, 48 Millionen Euro teuren Stadions im Sommer 2018. Klublegende Herbert Prohaska sang, 17.000 Zuschauer jubelten, Vorstand Markus Kraetschmer sprach vom „Start in eine neue Ära“.

Im November 2020 gestand Kraetschmer dann ein Fiasko: 18,8 Millionen Euro Jahresminus, der Umsatz war von 38 auf 22 Millionen Euro gesunken – die Verbindlichkeiten: stolze 71 Millionen Euro. Die Lage sei „für den Klub existenzbedrohend“, erklärte der Vorstand.

Die neue Austria-Ära gleicht einem Krimi – und dieser handelt von Pleiten, Pech und Pannen. Von arabischen Sponsoren, dubiosen Partner:innen und heimischer Freunderlwirtschaft. Einer der renommiertesten Fußballklubs des Landes ist ein Sanierungsfall. Zur Hälfte musste man sich bereits an Investor:innen verkaufen. Doch es wurde nicht besser. Nun wird an der Rettung gebastelt. Wieder einmal. Der Unterschied: Es ist die wohl letzte Chance.

Zwischen Kuddelmuddel und großen Plänen

Bei der Austria herrscht dieser Tage ein hektisches Treiben. Es wird an etwas Großem gearbeitet, heißt es. Was allen bewusst ist: Geht der Plan nicht auf, ist der Klub bald insolvent. Die Verbindlichkeiten sind laut aktuellem Geschäftsbericht unverändert hoch: knapp 67 Millionen Euro. Der Stadionkredit macht zu schaffen. Alleine die Zinslast beträgt 2,8 Millionen Euro pro Jahr.

Wie kommt die Austria da wieder raus? Geld lukrieren Fußballvereine mit Sponsor:innen, Transfererlösen und UEFA-Prämien im Europacup. Der Gewinn von Branchenprimus RB Salzburg betrug zuletzt 32 Millionen Euro. Die Austria schrieb zweimal infolge sieben Millionen Euro Verlust.

Es hakt am Geschäftsmodell: dem Fußballspiel. Die Fehlerkette ist lang. Ex-Spieler ohne Erfahrung stiegen in Spitzenpositionen auf. 2015 empfahl Vereinslegende Prohaska seinen Spezi Franz Wohlfahrt als Sportdirektor. „Die Überphilosophie ist, dass ich keine fixe Philosophie habe“, erklärte der Ex-Tormann. Die Geschäftsführung agierte ähnlich. Wohlfahrt wurde 2018 entlassen – kurz nachdem sein Vertrag um drei Jahre verlängert worden war.

Ein Foto von Franz Wohlfahrt und Herbert Prohaska.
2015 empfahl Vereinslegende Herbert Prohaska (r.) seinen Spezi und Ex-Austria-Goalie Franz Wohlfahrt (l.) als Sportdirektor.
© Fotocredit: HERBERT PFARRHOFER / APA / picturedesk.com

Schon davor wurde der Ex-Kicker Ivica Vastic unerwartet zum Trainer – auf Empfehlung des Austria-Sponsors Raimund Harreither, dessen Heiztechnik-Betrieb mit Vastic als Testimonial warb. Es fehlte an einem klaren Konzept. 2019 übernahm die Klublegende Peter Stöger den Sportbereich und redete dem Trainer Christian Ilzer drein (weshalb der entnervt hinschmiss und seither beim SK Sturm Graz von Erfolg zu Erfolg eilt). Jedes Jahr traten neue Trainer und Sportchefs an – mit neuen Philosophien. Dafür wurden immer neue Spieler verpflichtet. Das Ergebnis: Ein teures Kuddelmuddel und kein Erfolg.

Dubiose Geldgeber

Die Wiener Austria, 1911 gegründet, 24-facher Fußballmeister, gilt als Klub der noblen Leute. In den Gremien sitzen Kapazunder aus Wirtschaft und Politik. Die letzten Präsidenten: der Gewerkschafter Wolfgang Katzian, Ex-REWE-Chef Frank Hensel, seit Mai 2023 ist der CEO der Wien-Holding Kurt Gollowitzer im Amt. Die Sponsorensuche verlief trotzdem tollpatschig.

Vor einigen Jahren sollte ein Deal zehn Millionen Euro bringen – doch das Geld aus dem arabischen Raum kam nie an und musste wertberichtigt werden. Es blieb ein dickes Minus. Die Funktionäre waren verzweifelt – doch wer mit ihnen sprach, hatte immer den Eindruck, sie wären der Rettung so nah wie nie.

Im März 2021 präsentierten sie stolz einen „strategischen Partner“: die Insignia-Gruppe des Georgiers Michael Surguladze. Diese wollte Millionen-Sponsor:innen und Top-Kicker liefern. Surguladze Jr., ein junger Mann in schwarzem Anzug und mit gegeltem Haar, wollte die Austria zu einer „Top-Marke im europäischen Fußball“ formen. Doch das Unternehmen, das – wie der „Falter“ später berichtete – in Malta eine Strafe wegen Verstößen gegen Geldwäscherichtlinien ausfasste, blieb ein Luftschloss. Es floss kein Geld, es kam zum Streit, im Oktober 2021 wurde die Partnerschaft beendet; auch Vorstand Kraetschmer musste gehen. „Am Ende des Tages waren wir halt alle gutgläubig“, räumt ein Ex-Mitarbeiter ein.

Drohender Zwangsabstieg

Seit 2019 muss der Klub regelmäßig Fortbestehensprognosen abliefern – und darlegen, wie man zahlungsfähig bleiben und sich selbständig sanieren will. Man bat Lieferant:innen um Zahlungsaufschübe und die Bank um Hilfe. „Hätte sich die Bank damals nicht bewegt, wäre es eine Insolvenz gewesen“, erzählt einer, der involviert war. Es gab Rückzahlungsstopps und Zinsstundungen – aber nie einen Schuldenerlass, den sogenannten „Haircut“.

Das wurde zum Problem. Die Austria suchte Investoren – fünfzig Geldgeber:innen hatten Interesse. Wien und die Liga gelten als attraktiv, es gibt eine tolle Infrastruktur und VIP-Logen. Das Problem: der riesige Schuldenberg. Die Investor:innen verlangten einen Schuldenschnitt. Nur einer nicht: die Investoren-Gruppe um den Ex-Spielerberater Jürgen Werner, ein oberösterreichischer Ex-Fußballer und studierter Betriebswirt, der sich mit Spielertransfers eine goldene Nase verdient hat. Dessen Gruppe kaufte im Jahr 2022 49,9 Prozent der FK Austria Wien AG – um 12,5 Millionen. Das rettete den Klub. Kurzfristig.

Ein Foto der Generali Arena des Vereins Austria Wien.
Der Plan: Das Stadion (einst von der Stadt Wien mit 20 Millionen Euro subventioniert und 40 Millionen Euro Wert) soll verkauft werden.
© Fotocredit: Thomas Pichler / SEPA.Media / picturedesk.com

Investor Werner, ein erfahrener Funktionär, wurde zugleich Sport-Vorstand und nahm sich vor, die Austria auf sportlichem Wege zu sanieren. Er wollte talentierte Spieler verpflichten, eine attraktive Spielweise entwickeln, im Europacup aufzeigen – und so ein Millionenrad in Gang setzen. Das Problem: Bislang klappte das nicht. Die Austria griff bei Spielern daneben, verpasste den Europacup, konnte keine hohen Transfererlöse generieren – stattdessen musste die Investorengruppe mehrmals Millionen zuschießen, damit der Klub überhaupt die Spielberechtigung für die Bundesliga erhielt. Einem Klub, der insolvent ist, erteilt die Liga nämlich keine Lizenz. Die Kriterien werden bald noch weiter verschärft. Ab 2025 schreibt die Bundesliga den Klubs vor, dass sie im Falle eines negativen Eigenkapitals (bei der Austria zuletzt von 16,3 auf 20,7 Millionen Euro gestiegen), dieses innerhalb eines Jahres um zehn Prozent verringern müssen. Ansonsten: Zwangsabstieg.

Doppelrolle des Bankmanagers

Intensiv wird an der Rettung des Klubs gebastelt. Der Plan: Das Stadion (einst von der Stadt Wien mit 20 Millionen Euro subventioniert und 40 Millionen Euro wert) soll verkauft werden. Der Klub will es dann bloß mieten. Davor benötigt es aber einen Schuldenerlass beim größten Kreditgeber, der Bank Austria. Die Idee geisterte schon lange herum, fiel aber immer flach. Denn: Der CEO der UniCredit Bank Austria AG Robert Zadrazil ist zugleich ein gewichtiger Funktionär in einem Austria-Gremium. Einst soll er sich dafür eingesetzt haben, dass der Klub die Finanzierung fürs Stadion bekommt. Die Folge: eine Zwickmühle. Während der ersten Pandemiejahre hätte die Austria aufgrund der Ausnahmesituation eine Insolvenz unter vereinfachten Bedingungen abwickeln können – ohne aus der Bundesliga absteigen zu müssen.

Das Problem: Die Bank hätte ihr Geld nicht wiedergesehen. Im Sommer 2021 wurde Gerhard Krisch, der über 30 Jahre für die Bank Austria tätig war, überraschend zum Finanz-Vorstand. Viele sahen in ihm einen Aufpasser, damit die Bank am Ende nicht mit leeren Händen dasteht. Die Schulden habe man „selbst gemacht“, sagte Krisch, diese „wollen wir auch selbst wieder zurückführen“. Die Austria schrieb weiterhin hohe Verluste. Im Juni 2023 musste auch Krisch gehen.

Verschwiegenheitserklärungen

Seit wenigen Monaten agiert Harald Zagiczek, einst Geschäftsführer der Wirtschaftsbetriebe Burgenland, als Finanz-Vorstand. Er hat den Ruf als Sanierer und ist nun auf der Suche nach einem Käufer für das Stadion. Mit mehreren Interessent:innen soll es gute Gespräche geben. Wer sich im Verein umhört, erlebt hektische, aber zuversichtliche Menschen. „Wir sind auf einem guten Weg“, erklärt Präsident Gollowitzer auf WZ-Nachfrage. Mehr darf derzeit niemand sagen. „Wir unterschreiben ständig Verschwiegenheitserklärungen in alle Richtungen, weil so viele Player am Tisch sitzen“. Bald, so viel wird verraten, will man den rettenden Deal präsentieren.

Doch selbst wenn die Entschuldung gelingen sollte: Ein Geschäftsmodell ist die Austria weiterhin keines; sie hinkt in der Liga hinterher. „Das ist ein Marathon und kein Sprint“, erklärt Jürgen Werner, der Investor und Sport-Vorstand im WZ-Gespräch. Sein Problem: Es gibt kaum Kapital, er kämpfe am Transfermarkt „mit stumpfen Waffen“, sagt er. „Als ich gekommen bin, hat es geheißen, wir haben fünf tolle junge Spieler“. Sprich: millionenschwere Transferaktien. Beim letzten Lizenzierungsverfahren der Bundesliga hatte man mit Millionen-Transfereinnahmen argumentiert. Doch, wie könnte es bei der Austria anders sein: Es kam das Pech dazwischen. Werner sagt: „Drei davon haben sich je zweimal das Kreuzband gerissen.“