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Wie das Auto in die Autofreie Mustersiedlung kam

5 Min
Wie autofrei ist die Autofreie Mustersiedlung in der Praxis?
© Illustration: WZ, Bildquelle: Midjourney

Was ein Wohnprojekt in Wien-Floridsdorf seit fast 25 Jahren einzigartig macht, ist der vertraglich festgehaltene Verzicht der Bewohner:innen auf ein eigenes Auto. Die Realität sieht freilich teilweise anders aus.


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Es ist ein lauschiges Plätzchen an diesem Spätsommertag. Vögel zwitschern, das Wasser im Biotop plätschert, die Blätter der Trauerweide säuseln im sanften Lüftchen. Vom Lärm der Autos auf der Donaufelder Straße und der schweren Maschinen, mit denen gerade der Spielplatz erneuert wird, ist hier im Innenhof der Wohnhausanlage fast nichts zu hören.

Das ist es aber nicht, was den ringförmigen Gebäudekomplex auf halbem Weg zwischen dem Bahnhof Floridsdorf und dem Donauzentrum so einzigartig in Wien macht, sondern eine Klausel, die in den ersten Mietverträgen Ende 1999 enthalten war und bis heute für alle Bewohner:innen gilt: Sie verzichten dezidiert auf Besitz und Nutzung eines eigenen Autos. Daher auch der Name der vom damaligen grünen Stadtrat Christoph Chorherr mitinitiierten Autofreien Mustersiedlung.

Auf den ersten Blick wird der Komplex zwischen Donaufelder Straße und Nordmanngasse seinem Namen voll gerecht. Das Projekt war laut Website sogar ausschlaggebend dafür, dass im Jahr 1996 das Wiener Garagengesetz dahingehend geändert wurde, dass seither nicht mehr für jede Wohneinheit ein Autostellplatz errichtet werden muss, sondern deren Zahl auf bis zu zehn Prozent reduziert werden darf. Für die Autofreie Mustersiedlung bedeutet das 24 Stellplätze bei 244 Wohnungen – ganz auf eine Garage verzichten durfte man weiterhin nicht. Allerdings ist darin tatsächlich kein einziger Pkw zu finden, sondern es reiht sich Fahrrad an Fahrrad, daneben parken ein paar motorisierte Zweiräder, und quer über einen Stellplatz ist ein Tischtennistisch aufgestellt.

Das Geld lieber in die Hausgemeinschaft investiert

Letzterer passt ganz gut ins Bild eines zu seiner Errichtungszeit vorbildhaften Wohnbauprojektes, bei dem man statt in Garagenplätze lieber viel Geld in Gemeinschaftsräume (von Party- über Fitnessraum bis Sauna), Hochbeete auf dem Dach, ein Biotop, Werkstätten oder ein Biolager für Lebensmittel steckte, deren besonders leichte Zugänglichkeit für alle Bewohner:innen für eine sehr starke Hausgemeinschaft sorgt, in der „jeder jeden kennt und jeder für jeden da ist“, wie mehrfach zu hören ist. Damals wurde auch einiges an innovativer Haustechnik von Photovoltaik bis Brunnenwassernutzung installiert, von der allerdings nicht nur Stefan Lanner, ein Bewohner der ersten Stunde, sagt, dass sie wohl in erster Linie PR-Zwecken diente; denn das meiste davon hat sich nicht bewährt, weil es unökonomisch war: „Es war leider sehr viel gut gemeint, aber nicht durchdacht. Man hätte vielleicht weniger machen sollen und das dafür ordentlich.“ Lanner meint auch, dass der Bauträger damals besonders billig bauen wollte, was am Anfang für Probleme sorgte und mehrere Reparaturen notwendig machte. Trotzdem betragen die Betriebskosten laut dem Beirat nur etwa 60 Prozent gegenüber anderen vergleichbaren Wohnbauten, auch weil ein von der Hausgemeinschaft gestellter Beirat die Hausverwaltung unterstützt beziehungsweise ihr auf die Finger schaut.

Es war leider sehr viel gut gemeint, aber nicht durchdacht.
Stefan Lanner, langjähriger Bewohner

Und wie ist das mit dem Autoverzicht? Ist der auch ein PR-Schmäh? Das nicht, denn fast 25 Jahre nach dem Start hält sich offenbar die überwiegende Mehrheit an die selbstauferlegte Regel. „Wir hatten nie ein Auto, und wir brauchen auch keines, nicht einmal gemietet“, betont ein junger Bewohner mit Blick auf ein hauseigenes Carsharing-Angebot, das vor einigen Jahren wieder eingestellt wurde, weil es sich nicht bewährt hatte. Er berichtet aber von „schwarzen Schafen“, die trotzdem ein eigenes Auto haben. „Das wissen auch alle, dass es die gibt.“

Das Auto steht zwei Häuser weiter

Einige stehen ganz offen dazu: „Na sicher habe ich ein Auto. Das ist zwei Häuser weiter geparkt“, sagt ein Mittfünfziger, der gerade seinen Garten gießt, auf die Frage nach dem Autoverzicht. Sein Nachbar ist gar der Meinung, die Verzichtsklausel gelte schlicht nicht mehr. Das stimmt zwar nicht: In den Miet- und Kaufverträgen – viele haben nach zehn Jahren die Kaufoption für ihre Wohnungen gezogen – stand sogar, dass der Verzicht aufs Auto auch im Falle eines Weiterverkaufs oder einer privaten Vermietung gelte; gleichzeitig fand sich aber von Anfang an ein Passus darin, der besagte, dass man sehr wohl ein Auto haben dürfe, wenn die Lebensumstände dies notwendig machten. Allerdings musste man dann einen Garagenplatz im Umkreis von 500 Metern nachweisen. Und für Firmenwagen gab es ebenfalls Ausnahmen.

So kommt es, dass laut einer Befragung, die im Block vor einigen Jahren durchgeführt wurde, rund zehn bis 15 Prozent ein eigenes Auto besitzen dürften, erzählt Lanner – und wer weiß, wer über Umwege eines nutzt, das auf jemand anderen angemeldet ist? Nur die Hälfte der deklarierten Autobesitzer:innen hatte damals den geforderten Stellplatz. Konsequenzen hat das keine, denn spätestens das Mietrecht würde die Mietvertragsklausel ausstechen. Und einklagen kann man den Verzicht sowieso nicht.

„Man kann das auch angebotsseitig lösen“

TU-Professor Georg Hauger, der das neue Konzept für eine möglichst autofreie Wiener Innenstadt mitentwickelt hat, wundert das nicht: „Es ist, wie so vieles im grünen Denken, nett gemeint, aber entweder nicht umsetzbar oder nicht kontrollierbar.“ Er stört sich am negativen Charakter: „Statt die Leute auf das böse Auto verzichten zu lassen, könnte man das auch positiv formulieren und angebotsseitig lösen; indem man zum Beispiel gar keine Tiefgarage baut und an der Oberfläche den Autoverkehr durch bauliche Maßnahmen verunmöglicht und dafür mehr Radwege zur Verfügung stellt. Dann denkt die Bevölkerung ganz von selbst um, und man braucht keine Klausel in einem Mietvertrag, die dann ohnehin nicht eingehalten wird. Im 1. Bezirk verzichten Leute freiwillig aufs Auto, weil sie entweder keinen Parkplatz finden oder ihnen die Garage zu teuer ist.“

Die Geschichte der Autofreien Mustersiedlung zeigt jedenfalls: Eine Siedlung ohne Pkw-Stellplätze macht noch keine autofreie Stadt. Denn im Zweifel werden die Fahrzeuge einfach ausgelagert. Andererseits muss man zugestehen: Eine Erfolgsquote von 85 bis 90 Prozent ist eigentlich gar nicht so schlecht.


Infos und Quellen

Genese

Eigentlich wollte WZ-Redakteur Mathias Ziegler die Autofreie Mustersiedlung in Wien-Floridsdorf nur als Einstieg für einen Artikel über autofreie Stadtteile verwenden. Doch bei einer kurzen Visite kam er zu der Erkenntnis, dass sie nicht ganz so autofrei ist, wie sie eigentlich sein sollte. Und daraus wurde dann ein eigener Artikel.

Gesprächspartner:innen

  • Georg Hauger, Ao. Professor im Forschungsbereich Verkehrssystemplanung an der Technischen Universität Wien

  • Stefan Lanner, Bewohner der Autofreien Mustersiedlung

  • Einige andere Bewohner:innen wollten ihren Namen lieber nicht verraten

Quellen

Das Thema in anderen Medien