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„Siezen Sie Ihren Gefährder“: Männergewalt als Naturereignis

6 Min
Ein Foto von Beatrice Frasl, eingefasst in einen grünen Zickzackrahmen.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine feministische Kolumne zu einem aktuellen politischen Thema für die WZ.
© Illustration: WZ

Eine Kampagne der ÖVP Wien zum Gewaltschutz für Frauen betreibt nicht nur Täter-Opfer-Umkehr, sondern zielt auch darauf ab, dass Frauen sich sicher fühlen. Nicht aber darauf, dass sie auch tatsächlich sicher sind.


„Der sichere Weg ist besser als der kürzere Weg! – Benützen Sie bei Dämmerung und in der Dunkelheit gut ausgeleuchtete Plätze und Straßen, auch wenn dies einen Umweg bedeutet. – Suchen Sie Hilfe bei anderen Personen und fordern Sie zur Zivilcourage auf! – Sprechen Sie diese konkret an, um sie aus der Anonymität zu holen, wie zum Beispiel ’Sie im roten Hemd, rufen Sie bitte die Polizei.’ – Siezen Sie einen möglichen Gefährder oder Gefährderin, damit die Umgebung wahrnimmt, dass Sie die Person nicht kennen.“ 

Das sind nur ein paar der Tipps, die die ÖVP unter der Überschrift „Tipps, um sich im öffentlichen Raum sicher zu fühlen“ aktuell an Frauen verteilt. Die Wiener Volkspartei hat nämlich mit der Website „frau.wien“ eine neue Kampagne gegen männliche Gewalt an Frauen gelauncht. Anstatt die (potenziellen) Täter zu adressieren werden allerdings Handlungsaufträge an die (potenziellen) Opfer verteilt.

Nun ist es selbstverständlich so, dass Frauen – leider und unerträglicherweise – in einer Welt leben, in der es tatsächlich eine gute Idee ist, nach Möglichkeit Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, da männliche Gewalt eine reale und ständige Gefahr darstellt. Allerdings kenne ich keine einzige Frau, die das nicht ohnehin tut und permanent mitdenkt, Risikoabschätzung und Risikominimierung betreibt.

Ich kenne keine Frau, die nicht irgendwann in ihrem Leben männlicher Gewalt ausgesetzt war.

Ich kenne ebenso keine Frau, die nicht trotzdem irgendwann in ihrem Leben männlicher Gewalt ausgesetzt war. Die meisten von ihnen auch nicht nur einmalig, sondern wiederholt. Selbst die vorsichtigsten Frauen werden Opfer männlicher Gewalt oder können Opfer dieser Gewalt werden, da Gewalt die Folge der Entscheidungen jener ist, die die Gewalt ausüben, und nicht die Folge der Entscheidungen jener, die der Gewalt ausgesetzt sind. Gewalt zu verhindern kann also nur dann gelingen, wenn bei den (potenziellen) Tätern angesetzt wird.

Frauen sollen sich sicher fühlen, sind es aber nicht

Das Problem mit der Kampagne beginnt aber nicht erst bei der Täter-Opfer-Umkehr, sondern schon bei der Überschrift, auf die mich meine Freundin, Autorin Linda Biallas, aufmerksam gemacht hat: Das Ziel sollte nämlich nicht sein, dass Frauen sich sicher fühlen, sondern, dass sie, in einem konkreten und tatsächlichen Sinn, sicher sind. Das Problem ist nicht, dass Frauen sich nicht sicher fühlen, sondern dass sie aktuell nicht sicher sind. Das Problem ist auch, dass es offensichtlich keine politischen Ideen gegen diese konkrete Gefährdungslage und gegen männliche Gewalt gibt, außer Frauen zu sagen, dass sie gut ausgeleuchtete Wege nehmen sollen, um sich sicherer zu fühlen. Real sicher wären sie, wenn Männer aufhören würden, gewalttätig zu sein. Das erreicht man nicht mit „Siezen Sie Täter“.

Männliche Gewalt als Naturereignis

Zudem erklärt die Kampagne implizit männliche Gewalt zu einer Art täterlosem und unveränderlichem Naturereignis: Man kann nichts Grundlegendes gegen sie unternehmen, man kann nur versuchen, sich möglichst umfangreich und gewissenhaft gegen sie abzusichern. Wie man sich eben mit Winterstiefeln, warmer Kleidung und Regenschirm gegen die Auswirkungen von schlechtem Wetter und Kälte absichert. Das ist natürlich Unsinn. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Gewalt wird von konkreten Personen ausgeübt. Meist von konkreten Männern. Gewalt findet nicht einfach statt. Gewalt wird ausgeübt. Es ist schon erstaunlich, dass die Wiener ÖVP Männern nicht zutraut, dass sie sich auch anders entscheiden könnten und deshalb potenziell gewalttätige Männer erst gar nicht anspricht.

Für die Wiener ÖVP, so scheint es, gibt es keine Täter, nur Opfer.

Die Worte „Mann“ oder „Männer“ kommen auf der gesamten Webseite im Übrigen gar nicht vor, Information darüber, dass Gewalt meistens von ihnen ausgeht, auch nicht. Für die Wiener ÖVP, so scheint es, gibt es keine Täter, nur Opfer, die dafür verantwortlich gemacht werden, sich zu schützen. Was außerdem völlig fehlt, sind Hinweise auf psychologische Beratungsstellen für Gewalttäter, Täterarbeit oder Anti-Gewalt-Trainings. Kurz: Alles, was darauf verweist, dass es bei Gewalt auch notwendigerweise Täter geben muss, die diese Gewalt ausüben, und dass sie nicht gezwungen sind, diese Gewalt auszuüben, fehlt. 

Falls ihr nun außerdem einwendet, dass der Fokus auf den öffentlichen Raum ein weiteres Problem darstellt, da männliche Gewalt im Privatbereich ein noch weitaus größeres Problem ist, muss ich auf den zweiten Teil der Kampagne verweisen. Der trägt den Titel „Tipps, um sich im privaten Bereich und bei Stalking sicher zu fühlen“ und beinhaltet Tipps wie „Stellen Sie sicher, dass sich der Gefährder oder die Gefährderin keine Ersatzschlüssel für die Wohnung verschaffen kann! Auf etwaige Zugänge über Nachbarbalkone oder -terrassen achten.“ Oder: „Alltagsroutinen überdenken (z. B. gewohnte Wegstrecken immer wieder verändern).“ Oder: „Aus sozialen Netzwerken aussteigen bzw. Sicherheitseinstellungen überprüfen, keine persönlichen Daten (z. B. Adresse, Telefonnummer etc.) öffentlich sichtbar machen bzw. Zielperson blockieren.“ Dass Frauen sich nicht bei Stalking sicher fühlen, sondern gar nicht erst gestalked werden wollen, ist der Wiener ÖVP nicht eingefallen.

Männern zu sagen, dass sie Frauen nicht stalken sollen, auch nicht. 

Keine Maßnahmen gegen Männergewalt

Überhaupt will der ÖVP, die aktuell auf Bundesebene das Frauen-Ressort leitet, nichts so recht einfallen, wenn es darum geht, politische Maßnahmen gegen männliche Gewalt zu setzen. 

Um der Kampagne nicht ganz unrecht zu tun, darf an der Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass es auch eine Grafik gibt, die sich an Männer wendet. Diese ist betitelt mit „Tipps, wie Sie Ihr Kämpferherz zeigen können“. Männer müssen offenbar nicht nur möglichst entlang patriarchaler Männlichkeitsnormen als „Kämpfer“ angesprochen werden, sie dürfen auch, anders als Frauen, tatsächlich etwas sein und müssen sich nicht nur fühlen. Unter der Überschrift finden sich auch ein paar sinnvolle Ratschläge, wie zum Beispiel „Auf der Straße: Wenn Sie nachts auf dem Gehsteig einer ängstlichen Frau begegnen, zeigen Sie Rücksicht und Sicherheitsbewusstsein, indem Sie einen Schritt zurücktreten oder die Straßenseite wechseln.“ Oder: „Im Fitness-Studio: Wenn Sie bemerken, dass jemand ein Mädchen beim Training anstarrt, bitten Sie die Person höflich, damit aufzuhören oder melden Sie den Vorfall an der Rezeption.“

Was man aber gedenkt, ursächlich gegen männliche Gewalt zu tun, anstatt nur zu versuchen, ihre Auswirkungen abzufedern, wenn sie bereits ausgeübt wird (von konkreten Tätern), bleibt auch an dieser Stelle unbeantwortet.


 Hilfe bei Gewalt

  • Frauenhelpline: 0800 222 555 

  • Online-Chat "Halt der Gewalt"

  • Frauenhaus-Notruf: 05 77 22 

  • 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien: 01 71719 

  • Frauenberatung bei sexueller Gewalt: 01 523 22 22 

  • Polizeinotruf: 133 

  • Polizeinotruf für gehörlose Personen: 0800 133 133 

  • Männer Notruf: 0800 246 247

  • Männerberatung: 0800 133 133 


Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.