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Bitte ausspr., thx!

3 Min
WZ-Autorin Lara Marmsoler kriegt Ohrenschmerzen, wenn ihre Freund:innen „GaLiGrü", „sponti" oder „Urli" sagen.
© Illustration: WZ

Verkürzte Wörter waren immer schon Teil menschlicher Sprachen, selbst in der Antike. WZ-Autorin Lara Marmsoler kann sie trotzdem nicht ausstehen. Ein Ins-Bewusstsein-Rufen der Aufgaben und Auswirkungen von Abkürzungen.


Es ist Donnerstagabend, ich gehe mit Freunden zu einem Architekturvortrag. Wir reden über unser Leben, unsere Arbeit. Auf einmal sagt einer: „Ja und dann hab’ ich zu ihm gesagt, sorry, dafür hab’ ich grad keine Kappas.“ Mein Auge zuckt und meine Nackenhaare richten sich auf. Kappas. Drei Silben zu kurz, um ein richtiges Wort zu sein.

Ja, ich oute mich hiermit als Sprach-Grantlerin, als pedantische Aussprecherin, als Kurzwort-Hasserin. Wenn jemand „sponti“ eine „Sprachi“ schickt, um zu sagen, dass sie bald in den „Urli“ fährt, dann krieg ich einen „Wuti“.

Sagen ist hier das Stichwort. Es geht mir nicht darum, „et cetera” oder „post scriptum” auszuschreiben. Ich verstehe nur einfach nicht, warum man auch im Gesprochenen abkürzen muss. Die Aufmerksamkeitsspanne meiner Freund:innen ist hoffentlich lang genug, dass sie bei mir bleiben, wenn ich mir die Hundertstelsekunde nehme, um das gesamte Wort auszusprechen.

Die Ressourcen sind der Knackpunkt

Das schriftliche Abkürzen hat eine lange Geschichte. Bevor es Papier, Pergament, oder Leder gab, hämmerte man mit Mühe und Schweiß in Stein. Auch im Lateinischen kürzte man ab; amicus, annus oder aurum wurden zu „A”. Und bevor man vor der Erfindung des Buchdrucks mühsam lange Geschichten mit Hand kopieren musste, entschied man sich für Ressourcenschonung. Im Zeitalter der elektronischen Kommunikation musste man dann keine körperlichen Ressourcen sparen, sondern finanzielle. Bei den wertvollen SMS überlegte man gut, wie man Nachrichten so verschlüsseln konnte, dass man am Ende des Monats noch eine für den Crush übrighatte. Und Twitter bzw. X hat diesen Trend sicherlich auch verstärkt.

Heutzutage spielt das in diesem Ausmaß nicht mehr wirklich dieselbe Rolle. Aber trotzdem hat sich das Abkürzen irgendwie gehalten und ist sogar in den verbalen Sprachgebrauch übergeschwappt.

Gehörst du dazu?

Da hat es vor allem auch soziale Gründe: Insiderausdrücke können Zugehörigkeit und Verbindung schaffen. Doch sie können auch das Gegenteil erreichen. Das fällt mir vor allem im beruflichen Kontext auf. Kennt man ab Tag eins einzelne Abkürzungen, wird man für kompetenter befunden als jemand, der zunächst nur fragend schaut. Gerade weil viele Begriffe mit Selbstverständlichkeit genutzt werden, besteht nicht immer die Notwendigkeit, sie zu erklären. Vieles lässt sich aus dem Kontext erschließen, doch ein bürointerner Duden könnte sicherlich nicht schaden.

Rational kann ich das Abkürzen ja irgendwie nachvollziehen. Wo meine Geduld aber aufhört, ist, wenn meine Freund:innen das Gefühl haben, sie müssen bei jedem zweiten Wort das Ende verschlucken. Da schafft ihr vielleicht mit anderen Zugehörigkeit, bei mir eher Entfremdung.

Wenn ihr „peinlo” statt peinlich sagt, spart ihr euch ja nicht mal eine Silbe! Geht’s euch um die Stimmband-Schonung? Dann solltet ihr warme Milch mit Honig trinken, und nicht „Kommis” aus „Kommentare” machen. Wenn ich das höre, dann denke ich sofort an so Startup-Bros, die auf Familie im Unternehmen machen und das Einhalten der eigenen „Kappas” predigen, aber Arbeitszeiten bis 21 Uhr vorschreiben. Oder an Neubau-Bobos, die von ihrem lebensverändernden Südostasien-Urli erzählen, in dem sie sich selbst gefunden haben.

Also, liebe friends: Wenn’s euch um die Zugehörigkeit geht, dann lasst mich sagen, ihr seid auch cool, wenn ihr nicht „sponti” sagt. Ich bin ja aus einem Grund mit euch befreundet, und mit dem Abkürzen hat das nichts zu tun, glaubt mir.

Wer an diesem Punkt des Textes also schon nicht wegen meiner Rant-Exzesse die eigene Alltagssprache hinterfragt, könnte das aus Solidarität gegenüber Abkürzungs-Fremdsprachler:innen tun.

In diesem Sinne, GaLiGrü, eure Abkühassi (Abkürzungshasserin).


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