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Blutzucker-Tracker: Neuer Fitness-Trend oder Marketing-Gag?

4 Min
Immer mehr gesunde Menschen messen ihren Zucker-Level per Sensor am Arm.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Immer häufiger sieht man gesunde Menschen mit einem Zucker-Messsystem am Arm. Ein Social-Media-Hype behauptet, dass mit der Regulierung des Blutzuckers die Vitalität und Leistungsfähigkeit gesteigert werden können. Stimmt das?


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Lebensnotwendig für die einen, ein Lifestyle-Hype für die anderen: die Glukosekontrolle. Während Diabetiker:innen mit einem am Arm angebrachten Sensor und einer Insulinpumpe versuchen, ihren Zucker in gesunden Bahnen zu halten, um zu überleben, folgen gesunde Menschen einem Trend, der auf Instagram von „Glucose Goddess“ Jessie Inchauspé erfunden wurde. Auch sie verwenden − ohne medizinische Notwendigkeit − diese Zuckermessgeräte. Um sich vitaler und leistungsfähiger zu fühlen, propagiert Inchauspé. Doch was ist wirklich dran?

Kein Heißhunger mehr

3,4 Millionen Follower:innen hat die „Zucker-Göttin“ auf Instagram. Jessie Inchauspé hat mit ihrem Buch „Der Glukose-Trick“ im Jahr 2022 einen Bestseller gelandet, der in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Sie hat den Hype erkannt. 2023 schießt die französische Biochemikerin ein Buch nach: „Der Glukose-Trick – Das Praxisbuch“. Heuer hat sie die Nahrungsmittelergänzung „Anti-Spike Formula“ auf den Markt gebracht. Sie ziert die Titelseiten internationaler Magazine und ist gern gesehener Gast in zahlreichen Podcasts und Fernsehshows.

Doch was bringt gesunden Menschen das Glukose-Tracking? Handelt es sich dabei nur um einen Marketing-Gag?

Inchauspé behauptet in einem Video auf ihrer Website, dass ein stark schwankender Zuckerspiegel Heißhungerattacken verursacht. „Wenn jemand übermäßig viel zu Zucker zu sich nimmt, ist es schon möglich, dass man durch die Schwankungen noch mehr Appetit bekommt“, sagt dazu Gersina Rega-Kaun, Oberärztin an der Klinik Ottakring in Wien. „Es gibt viele gesunde Menschen, deren Werte auf Einfach-Zucker sehr stark ansteigen und bei denen dann eine überschießende Insulinproduktion einsetzt.“ Die Folge ist ein schneller Abfall der Glukose, der dann zu Heißhunger führt. „Und dann nimmt man schnell an Gewicht zu. Das ist der Klassiker bei Fast-Food.“ Doch diese Schwankungen halten sich in einem Rahmen, die gesunden Menschen nicht schaden. Bei Menschen mit Diabetes liegt der Fall anders.

Stoffwechsel-Gesunde haben keinen Vorteil davon, den Zucker zu messen.
Gersina Rega-Kaun

Muss ein gesunder Mensch tatsächlich auf Glukose-Spitzen achten? Und dafür sogar einen permanenten Sensor, der mit einer dünnen Nadel in der Haut steckt, zur Kontrolle tragen? „Stoffwechsel-Gesunde haben keinen Vorteil davon, den Blutzucker zu messen“, sagt die Ärztin.

Ferner behauptet der Insta-Star Inchauspé, dass ein stark schwankender Zucker der Auslöser für Hirnnebel, Müdigkeit, Entzündungen und Depressionen sei. Er soll auch das Risiko für Alzheimer, Herzerkrankungen, Haarausfall und Ekzeme erhöhen. Und gibt sie Tipps, etwa dass man Salat vor einem Pastagericht essen solle, um Zuckerspitzen abzuschwächen.

„All diese Aussagen und Tipps kommen aus dem Bereich der Diabetesbehandlung“, sagt Rega-Kaun. „Es sind die klassischen Nebenwirkungen von Diabetes, wenn ein/e Patient:in starke Schwankungen außerhalb des Zielbereichs hat.“ Wichtiger Unterschied: „Stoffwechselgesunde Menschen haben diese Glukoseschwankungen nicht.“ Und: „Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass ein stoffwechselgesunder Mensch, der auf seine natürlichen Zuckerschwankungen achtet, einen Vorteil daraus ziehen kann.“

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Doch der Trend boomt weiterhin: Die Plattform omr.com hat recherchiert, dass der Hashtag #bloodsugar bisher knapp 70 Millionen Aufrufe auf TikTok verzeichnet. Dabei darf man nicht vergessen, dass auch Diabetiker:innen zu den Aufrufer:innen zählen. Und ebenso hoffen die Hersteller:innen der Sensoren, die kurz CGM (Continuous glucose monitoring) genannt werden, von diesem Hype zu profitieren. Denn die „Zucker-Göttin“ Inchauspé trägt auf manchen Fotos in ihrem Insta-Account einen. Den kostengünstigeren traditionellen Stich in den Finger, um dann mit einem Teststreifen den Blutzuckerwert zu messen, propagiert sie nicht. „Den günstigsten Sensor kann man 14 Tage tragen und er kostet rund 65 Euro. Dann braucht man einen neuen. Das wird sich kein stoffwechselgesunder Mensch auf Dauer leisten können oder wollen.“

Vorteil: Man erfährt, wie der Körper auf Lebensmittel reagiert

Und für gesunde Menschen? Kann man da einen Vorteil finden? Es ist möglich, etwas über Ernährung zu lernen: „Wenn ich glaube, dass mein Müsli zum Frühstück gesund ist, dann werde ich merken, wie viel Zucker sich darin befindet und wie mein Körper darauf reagiert. Müsli klingt gesund, ist es aber nicht immer“, erklärt Rega-Kaun. „Menschen mit einem Prädiabetes, einer Vorstufe vom Diabetes, könnten ihr Essverhalten verändern und somit verhindern, dass sich ein Diabetes entwickelt.“ Das klingt doch nach einem Mehrwert? „Beim Schrittzähler wird eine laufende Messung angezeigt, und wenn man weiß, dass die 7.000 Schritte noch nicht erreicht sind, dann kann man das beeinflussen, indem man mit dem Hund noch eine Runde um den Block geht.“ Der CGM-Sensor zeigt bei einem stoffwechselgesunden Menschen sowieso immer die optimalen Werte im Zielbereich: „Wo bleibt da das Erfolgsgefühl?“


Infos und Quellen

Gesprächspartnerin

Gersina Rega-Kaun ist Fachärztin für Innere Medizin, Diabetes und Endokrinologie, Fachärztin für Rheumatologie und Ärztin für Allgemeinmedizin und Oberärztin der Fünften Medizinischen Abteilung mit Endokrinologie, Rheumatologie und Akutgeriatrie der Klinik Ottakring. Ferner ist sie in der Präsidentschaft der Österreichischen Diabetes Gesellschaft die erste Sekretärin und sie organisiert gemeinsam mit Johanna Brix, Ärztin an der Ersten Medizinische Abteilung für Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie in der Klinik Landstraße den Wiener Diabetestag am 3. Mai 2024 mit Vorträgen für Menschen mit Diabetes und Vorträgen für ein Fachpublikum.

Daten und Fakten

  • Der Gehalt der Glukose im Blut, also der Blutzucker, ist keine starre Größe. Es ist normal, dass er im Lauf eines Tages schwankt: Morgens ist er in aller Regel niedrig, weil man über Nacht nichts gegessen hat. Nach einer Mahlzeit steigt er an. Auch körperliche Aktivität und Stress beeinflussen den Blutzucker. Deshalb kann es vorkommen, dass man nach einer großen Anstrengung Hunger hat. Damit meldet der Körper, dass der Blutzuckerspiegel tiefer ist und man Energie in Form von Traubenzucker, Saft oder einer Mahlzeit zuführen soll.

  • Der Zuckergehalt im Blut wird in Milligramm pro Deziliter (mg/dl) oder Millimol pro Liter (mmol/l) angegeben. Stoffwechselgesunde Menschen haben im Fastenzustand einen Blutzuckerwert von ca. 75 bis 100 mg/dl. Nach dem Essen kann dieser sogar bis 180 mg/dl steigen. Bei Menschen mit Diabetes spricht man von Blutzuckerspitzen ab einem Wert von 200 mg/dl.

  • Beim Typ-1-Diabetes bildet die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) zu wenig und nach längerem Verlauf kein Insulin. Ursache ist ein autoimmun bedingter Ausfall der insulinproduzierenden Zellen.

  • Typ-2-Diabetes ist viel häufiger als Typ-1-Diabetes und entwickelt sich über Jahre hinweg. Eine genetische Prädisposition, chronisches Übergewicht, zu wenig Bewegung sowie Fehlernährung erhöhen das Erkrankungsrisiko. Dadurch kommt es mit der Zeit zu einem verminderten Ansprechen der Körperzellen auf Insulin („Insulinresistenz“).

Quellen

Das Thema in der WZ

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