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Chris Brown: Warum fahren Frauen auf einen Gewalttäter ab?

4 Min
Neben Konzerten bietet Chris Brown 2025 auch fragwürdige Bilder mit weiblichen Fans an.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Chris Brown spielt im Jahr 2025 Stadionshows – und als wäre das noch nicht genug, bezahlen weibliche Fans viel Geld für fragwürdige Fotos mit dem Sänger. Über die ewige Frage, ab wann man Kunst und Künstler wirklich trennen sollte.


Hinweis: In diesem Artikel geht es um körperliche und sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Falls du auf diese Themen sensibel reagierst, lies diesen Beitrag vielleicht mit einer vertrauten Person, mit der du auch unterbrechen kannst, um dich mit ihr über das Gelesene zu unterhalten.

„Das sind Erinnerungen, die für immer bleiben. Ich existiere nur, weil die Fans etwas in mir sahen, das ich nie für möglich gehalten hätte“: Das schrieb Chris Brown vor gut drei Jahren auf Instagram, als er dafür kritisiert wurde, dass er Fans bei Meet-and-Greets über tausend Dollar aus der Tasche zieht, um sich mit ihm fotografieren lassen zu dürfen. Schon damals standen die teilweise sexuell anmutenden Posen, die er mit ihnen für diese Fotos einnahm, im Fokus der Kritik. Und auch heute bezahlen Frauen nach wie vor dafür, dass Chris Brown sie auf seinen Schoß nimmt und beide Hände in einem angedeuteten Würgegriff um ihren Hals legt. Ja, wirklich.

Apropos „Erinnerungen, die für immer bleiben“: Damit scheinen die Fans von Chris Brown nämlich ein Problem zu haben. Der Sänger, der im Rahmen seiner Welttournee gerade Stadionshows in Deutschland spielte, fiel im Laufe seiner Karriere nicht nur durch seine Musik auf – aber für seine Fans spielt das offenbar keine Rolle. Im Jahr 2009 gingen Fotos von Browns damaliger Freundin Rihanna um die Welt, die sie mit einem blauen Auge, aufgeplatzten Lippen und weiteren Verletzungen zeigten, die Chris Brown ihr zugefügt hatte. Der Gewaltausbruch, für den Brown fünf Jahre Bewährung und gemeinnützige Arbeit ausfasste, ist aber bei weitem nicht der einzige Vorfall in Browns gewalttätiger Geschichte.

Browns „History of Violence“

Sieht man sich diese Geschichte an, bekommt der Begriff „glimpflich“ eine völlig neue Bedeutung. Seit 2009 arbeiteten Größen wie Pitbull, Justin Bieber oder Nicki Minaj mit Brownzusammen, Konsequenzen aus der Musikindustrie blieben also aus. Während seiner Bewährung soll er mehrmals in gewalttätige Auseinandersetzungen involviert gewesen sein, 2017 erwirkte eine Ex-Freundin eine fünfjährige einstweilige Verfügung, weil Brown sie bedroht haben soll, 2022 beschuldigte eine Frau Brown, sie auf einer Yacht, die P. Diddy gehörte, unter Drogen gesetzt und vergewaltigt zu haben.

Im Mai dieses Jahres wurde er in Manchester verhaftet, nachdem er 2023 einem Produzenten in einem Club eine Tequilaflasche über den Kopf gezogen haben soll. Beinahe hätte das Ganze seine aktuelle Tour gefährdet – aber auch hier ging es wieder glimpflich für Brown aus, und ihm wurde erlaubt, dennoch zu touren. Brown bekannte sich nicht schuldig, der Prozess ist für Herbst 2026 angesetzt.

Wo ist die Cancel Culture, wenn man sie braucht?

Nun gibt es angesichts von Chris Browns „History of Violence“, wie auch eine Doku über den Sänger heißt, schlechte Nachrichten für alle Cancel-Culture-Schreier:innen: Denn beinahe könnte man den Eindruck bekommen, dass diese gar nicht wirklich existiert.

Kurz nachdem Brown im Mai 2025 gegen über sechs Millionen Dollar Kaution aus dem Gefängnis entlassen wurde und seine Tour startete, postete er auf Instagram stolz: „From the Cage to the Stage!!!“ Und viele derer, die ihn bejubeln, während er auf besagter Bühne steht, sind Frauen. Frauen, die in den 2000ern zu seinen Hits feierten, sich vielleicht in ihn verknallt haben, den Bad Boy, von dem man sich vorstellt, man könne ihn vielleicht ja doch noch zähmen. Oder auch nicht – vielleicht finden manche genau das spannend, wenn sie sich von Brown für ein Foto „choken“ lassen.

Browns Fans stehen zu ihrem Idol – „immerhin hat er niemanden getötet“

Würden wir hier von Teenies reden, die möglicherweise nur bedingt verstehen, was es bedeutet, wenn mächtige Männer körperliche und sexuelle Gewalt anwenden, wäre das etwas anderes. Aber wir reden hier von erwachsenen Frauen, wahrscheinlich Millennials, die mit Browns Musik aufgewachsen sind. Frauen, die in der Post-Me-Too-Ära leben und deren parasoziale Beziehung zu Brown offenbar so stark ist, dass sie gar nicht bemerken, wie selbstverständlich sie hier Gewalt gegen Frauen trivialisieren.

Die ewige Frage, ob man Kunst und Künstler:in trennen soll, kann oder darf, ist eine leidige. Sie wird bei Michael Jackson genauso gestellt wie Kanye West, und wir müssen sie auch bei Chris Brown stellen. Ich finde: Nein. Viele Fans sehen das anders: Im Rahmen seiner Tour befragten Medien Fans, ob sie denn nichts von den Anschuldigungen gegen Brown wüssten. „Fuck the haters“ oder „Es ist ja nicht so, als hätte er jemanden getötet“, sagen da manche direkt in eine Kamera. Chris Brown behält jedenfalls Recht, wenn er sagt, dass seine Fans etwas in ihm sehen. Was das genau ist, kann ich jedenfalls nicht nachvollziehen.

Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.


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Infos und Quellen

Genese

Beim Scrollen durch ihren TikTok-Feed stieß Verena Bogner auf das virale Meet-and-Greet-Foto, auf dem Chris Brown zu sehen ist, wie er einen weiblichen Fan „choked“, also würgt. Kurz danach wurde ihr eine Straßenumfrage ausgespielt, bei der Fans befragt wurden, warum sie den Künstler immer noch unterstützen. Die Antworten in dem Video fand sie erschreckend.

Quellen

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