)
Immer mehr Österreicher:innen verbringen ihren Sommerurlaub im Norden Europas. Eine Datenanalyse zeigt, warum das so ist und welche Rolle die Klimakrise dabei spielt.
Während im Süden Europas die Sommer immer heißer werden, lockt der Norden mit angenehmen Temperaturen. Für den Urlaub abseits der Sommerhitze hat die Reisebranche seit einigen Jahren einen eigenen Begriff: Coolcation.
- Mehr für dich: So reist Österreich in Zeiten der Inflation
Dass sich das auch im Verhalten der Österreicher:innen niederschlägt, lässt sich an den Nächtigungsstatistiken ablesen. Und die zeigen: Die nordischen Länder, etwa Schweden, Norwegen oder Dänemark, gewinnen in der Sommerurlaubsplanung tatsächlich an Beliebtheit.
Der Norden wächst
Die Zahl der Übernachtungen von Österreicher:innen im Sommer in Skandinavien ist seit 2016 um mehr als 40 Prozent gestiegen, so stark wie in keiner anderen Region Europas. Das belegen Daten der jeweiligen nationalen Statistikbehörden. Der Mittelmeerraum legte im selben Zeitraum um 6 Prozent zu und liegt damit fast auf demselben Niveau wie vor acht Jahren.
Auch beim Österreichischen Reiseverband (ÖRV), der Interessenvertretung der heimischen Reisebüros und Veranstalter:innen, beobachtet man die relative Verschiebung. „Die Zahlen geben einen Trend wieder, aber nicht tatsächlich eine Kehrtwende“, sagt ÖRV-Präsidentin Eva Buzzi gegenüber der WZ.
Urlaub am Mittelmeer weiterhin beliebt
Der relative Anstieg an Übernachtungen ist beeindruckend, in absoluten Zahlen jedoch fällt der Norden noch kaum ins Gewicht. Die nordischen Länder starten von einem so niedrigen Niveau, dass auch hohe relative Zuwächse wenig verändern. Während Kroatien im Sommer 2024 mehr als fünf Millionen Übernachtungen österreichischer Gäste zählte, kam ganz Skandinavien zusammengerechnet auf nur knapp 350.000.
Die Hitze schreckt viele Urlauber:innen offenbar nicht davon ab, ihre Zeit an der Mittelmeerküste zu verbringen. „Für die Wahl der Destination gibt es vor allem zwei große Faktoren: die Sicherheit und den Preis“, sagt Buzzi. Die Temperatur spiele bislang eine untergeordnete Rolle.
Ein Blick auf die Preisniveau-Indizes von Eurostat für Restaurants und Hotels liefert einen Hinweis, warum die große Verschiebung nach Norden bisher ausgeblieben ist. Die Preise in den nördlichen Reisezielen liegen deutlich über dem EU-Durchschnitt, die der klassischen Sommerziele im Süden und Osten teilweise deutlich darunter.
Der Coolcation-Effekt könnte sich laut Buzzi künftig zudem weniger im Ziel als im Zeitpunkt zeigen. „Coolcation heißt auch, dass ich nicht mehr unbedingt im Juli oder August ans Mittelmeer fahre, sondern in den Herbstferien“, sagt sie. Die bisherigen Nebensaisonen im Frühling und Herbst könnten so für viele Mittelmeerziele zur neuen Hauptsaison werden.
Urlaub in Österreich
Gefragt ist zugleich der Urlaub in der Heimat. Rund 14 Millionen Nächtigungen inländischer Gäste verzeichneten Österreichs Tourismusbetriebe im vergangenen Sommer. Am gefragtesten ist dabei Kärnten mit seinen zahlreichen Badeseen.
Je nach Bundesland unterscheidet sich außerdem, wer kommt: In Kärnten und der Steiermark machen vor allem Österreicher:innen Urlaub, Wien und Tirol werden häufiger von Gästen aus dem Ausland besucht.
In den Daten zeigt sich, wie unterschiedlich die Verteilung der inländischen und ausländischen Gäste aussieht. Inländische Tourist:innen verteilen sich gleichmäßiger über die österreichischen Bundesländer, ausländische konzentrieren sich stark auf einige wenige. Besonders beliebt sind dabei Wien, Salzburg und Tirol.
Beliebt bei den Nachbarn
Übrigens: Die meisten aus dem Ausland anreisenden Sommerurlauber kommen laut Statistik Austria nach wie vor aus Deutschland. Abgesehen davon hat Österreich in den vergangenen Jahren auch bei seinen anderen Nachbarländern als Reiseziel an Beliebtheit gewonnen.
Die Zahl der Gäste aus Asien hingegen hat sich seit der Pandemie kaum erholt: Es kommen weiterhin deutlich weniger asiatische Urlauber:innen nach Österreich als noch 2019. Gründe dafür könnten unter anderem die gestiegenen Flugkosten sowie die angespannte wirtschaftliche Lage sein. Deutlich zugelegt haben dagegen Tschechien und Polen. „Osteuropäische Gäste sind für den österreichischen Tourismus wirklich wichtig geworden“, sagt Oliver Fritz, Tourismusökonom beim Wifo, gegenüber der WZ.
Profiteur des Klimawandels?
Erst kürzlich pries Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) bei ihrem Auftritt in der „ZiB 2“ Österreich als attraktive Coolcation-Destination im Sommer an. Ob sich das bewahrheiten wird, ist unklar. Zwar könnte Österreich als kühlere Alternative zu südlicheren Urlaubsdestinationen an Attraktivität gewinnen, doch auch hier steigen die Temperaturen, und zwar schneller als im globalen Mittel. Selbst die Alpen bleiben vom Klimawandel nicht verschont. „Es steigen auch dort die Temperaturen, und es gibt vermehrt Probleme mit Extremwetterereignissen“, sagt Tourismusökonom Fritz.
Noch stärker betroffen sind die Städte, die als Destination vor allem bei ausländischen Gästen beliebt sind. „Gerade für die Städte wird die Hitze eine riesige Herausforderung“, sagt Fritz. Laut dem Zweiten Österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel (AAR2) traten Hitzewellen in Städten in den vergangenen 30 Jahren um 50 Prozent häufiger auf und dauerten ein bis vier Tage länger als in der Periode davor.
Entscheidend für den Tourismus sei, wie gut sich Regionen und Betriebe anpassen, etwa durch kühle Zonen, Begrünung und Beschattung in den Städten sowie die entsprechende Ausstattung der Unterkünfte, meint Fritz. „Es wird kaum mehr eine Unterkunft geben, die es sich erlauben kann, keine Klimaanlage zu haben.“
Sicher ist bislang vor allem, dass der Klimawandel dem Wintertourismus schadet. Ob längere Sommer und stärkere Nebensaisonen die Einbußen im Wintertourismus ausgleichen können, ist derzeit auch für Tourismusökonom:innen noch nicht absehbar.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Eva Buzzi, Präsidentin des Österreichischen Reiseverbands (OERV)
Quellen
- Statistik Austria: Tourismus, Nächtigungs- und Ankunftsstatistik
- TourMIS Aggregator für Nächtigungsstatistiken in Europa, MODUL University Wien
- Spezialauswertung Statistik Austria, Nächtigungen nach Bezirk.
- Nationales Statistikamt Bulgarien: Tourismusstatistiken
- Bank von Italien: Internationaler Tourismus
- Bank von Griechenland: Besuche nach Herkunftsland
- Schwedische Agentur für wirtschaftliches und regionales Wachstum: Tourismus Statistiken Schweden
- Amt für Nationale Statistiken Großbritannien: Freizeit und Tourismus
- Nationales Statistikamt Spanien: Touristen Bewegungen
- Ministerium für Kultur und Tourismus Türkei: Tourismus Statistiken
Daten & Fakten
- Grundlage für die Statistiken sind die Nächtigungen, also gemeldete Übernachtungen in bezahlten Unterkünften. Sie sind besser zugänglich als Ankünfte und gelten in der Tourismusbranche als verlässlichste Quelle, wenn es um Tourismusströme geht.
- Übernachtungen bei Freund:innen und Verwandten werden durch diese Art von Daten nicht erfasst und fließen somit nicht in die Statistik ein. Umgekehrt sind beruflich bedingte Aufenthalte enthalten, die kein Urlaub sind.
- Als Sommer gelten in dieser Auswertung die Monate Juni bis August.
- Zu Skandinavien zählen in dieser Auswertung Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Island. Zum Mittelmeerraum: Italien, Kroatien, Griechenland, Spanien, Portugal und die Türkei.
- Die Trendberechnungen basieren auf dem Prinzip eines Indexes: Ein Basisjahr wird auf den Wert 100 gesetzt (hier 2016), von dort aus werden die prozentuellen Veränderungen im Zeitverlauf gemessen. Ein Index zeigt somit relatives, nicht absolutes Wachstum.
- Vergleichsbasis ist beim ausgehenden Tourismus-Trend das Jahr 2016, beim eingehenden Tourismus das Vorpandemiejahr 2019. Da einige Statistikämter die Daten für 2025 noch nicht publiziert haben, endet die Indexberechnung mit dem Jahr 2024.
Die Preisniveau-Indizes von Eurostat setzen den EU-Durchschnitt auf den Wert 100. Werte darüber bedeuten ein höheres, Werte darunter ein niedrigeres Preisniveau für Restaurants und Hotels im jeweiligen Land.
- Einige Länder sind nicht Teil der Auswertung, da ihre Statistikämter Nächtigungen nicht nach Herkunft der Gäste erfassen. Fehlende Länder sind Frankreich, Irland sowie zahlreiche Westbalkan-Destinationen.
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- Der Standard (Kommentar): Die neue "Coolcation" – die Plebs soll daheimbleiben
)
)
)
)