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Ab August gelten neue Regeln: Keine Cousinehen mehr in Österreich. Der Schritt sorgt für Diskussionen über Schutz und Stigma.
Verliebt, verwandt, verboten – zumindest am Traualtar: In Österreich ist ab 1. August Schluss mit der Möglichkeit, den Cousin oder die Cousine zu heiraten. Der Sex bleibt erlaubt. Das Verbot gilt für Verwandte bis einschließlich vierten Grades – also etwa auch für Onkel und Nichte (3. Grad) oder eben Cousin und Cousine (4. Grad). Heiraten darf man künftig ausschließlich ab 18 Jahren. Die Regierung sieht in dem neuen Gesetz einen Schutz vor möglichen Zwangs- und Abhängigkeitsverhältnissen (Stichwort Zwangs- und Kinderehen) und eine Angleichung an internationale Rechtsstandards.
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Das Framing des Verbots wird von Interessenvertreter:innen aufgrund seiner gesellschaftlichen Signalwirkung mitunter stark kritisiert. Der Verein Peregrina, der migrantische Frauen unterstützt, warnt vor einer Stigmatisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen: „Das Cousinehe-Verbot wird als ‚Kampf gegen Zwangsheirat‘ dargestellt, was jedoch bestehende Stereotype verstärken kann“, sagt Peregrina-Geschäftsführerin Katharina Echsel im WZ-Interview. Es werde dadurch ein falsches Bild von Migrant:innen als „rückständig und hinterwäldlerisch“ vermittelt. Ein differenzierter Umgang mit dem Thema sei nötig, nicht immer gehe es um Zwangsheirat: „Oft spielen ökonomische Zwänge eine Rolle – und nicht selten wollen sich junge Frauen aus traditionellen Strukturen emanzipieren.“ Außerdem gehe der Zweck des Gesetzes an der österreichischen Realität vorbei: „Statt Verboten braucht es mehr Frauenberatungsstellen und soziale Unterstützung.“
Tradition oder Unterdrückung?
Daten zu Cousinehen in Österreich gibt es nicht – über das Verwandtschaftsverhältnis der Verlobten werden keine statistischen Aufzeichnungen geführt. Bis heute sind Verwandtenehen aber in vielen Gemeinschaften weltweit verbreitet und gelten bei etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung – insbesondere in Teilen Asiens und Afrikas – als bevorzugte oder gängige Heiratsform. Laut einer Studie der britischen Fachzeitschrift Reproductive Health Journal von 2009 werden 25 bis 30 Prozent aller Ehen in der arabischen Welt zwischen Cousins und Cousinen 1. Grades geschlossen.
Peregrina-Sozialberaterin Sanaa Ahmed berichtet von syrischen Klientinnen, die jung innerhalb der Familie geheiratet haben – eine in kleinen Dörfern gängige Praxis: „Die Menschen leben dort sehr stark in Gruppen. Innerhalb dieser Gruppen will man Macht sichern und das Eigentum in der Familie behalten, also Land, Häuser oder anderen Besitz“, erklärt Ahmed im Gespräch mit der WZ. Rebellieren Mädchen gegen diese familiären Regeln und Traditionen, bekommen sie oft Vorwürfe von Familienmitgliedern zu hören: „Die Zugehörigkeit zur Familie ist oft das Einzige, was ihnen bleibt.“
Zwangsheiraten haben nicht zwingend etwas mit Cousinehen zu tun und umgekehrtNajwa Duzdar, Orient Express
Aber wann ist eine Ehe noch freiwillig, und wann beginnt der Zwang? Gerade bei arrangierten Hochzeiten können die Grenzen oft verschwimmen. Darauf verweist auch der Verein Orient Express, der Frauen bei Zwangsheirat und verwandtschaftsbasierter Geschlechtergewalt unterstützt. „Aber Zwangsverheiratungen haben nicht zwingend etwas mit Cousinehen zu tun und umgekehrt“, sagt Najwa Duzdar, Leiterin der Orient Express-Beratungsstelle. Eine Schulsozialarbeiterin, die lieber anonym bleiben möchte, hebt hervor, wie wichtig präventive Arbeit ist – besonders im Spannungsfeld familiärer und kultureller Erwartungen: „Als Sozialarbeiterin musst du dich fragen, was hinter der Heiratsabsicht Jugendlicher steckt, wenn sie erzählen, es sei etwas geplant und sie kennen das aus der Familie.“ Man müsse genau hinschauen.
Erhöhtes Krankheitsrisiko
Auch gesundheitliche Risiken sind ein zentrales Argument in der Debatte um Cousinehen: Neue Ergebnisse der umfangreichen „Born in Bradford“-Studie zeigen, dass Kinder von Cousin-Eltern breitere gesundheitliche Probleme haben als bisher angenommen: Sie tragen ein doppelt so hohes Risiko für vererbte Krankheiten wie Mukoviszidose, eine Stoffwechselerkrankung (6 statt 3 Prozent). Außerdem treten Sprachentwicklungsstörungen bei ihnen häufiger auf (11 Prozent im Vergleich zu 7 Prozent bei Kindern nicht verwandter Eltern). Weil nahe Verwandte mehr identische Gene teilen, steigen diese Risiken. Deshalb haben Länder wie Norwegen Cousinehen bereits verboten, Schweden plant ein entsprechendes Gesetz, in Großbritannien wird noch diskutiert – dort setzt man bisher auf Beratung über den Einfluss der Genetik statt auf Verbote.
Folgen für ausländische Ehen
Seit der Ankündigung des Gesetzes verzeichnet das Standesamt Wien (MA 63) keinen Anstieg an Eheschließungen. Wie künftig mit im Ausland geschlossenen Verwandtenehen umgegangen wird, soll weiterhin individuell geprüft werden. Die neue Regelung könnte jedoch Fragen hinsichtlich des ordre public – also den Grundwerten der österreichischen Rechtsordnung, die nicht verletzt werden dürfen – aufwerfen. Es geht etwa um das Recht auf persönliche Freiheit und Selbstbestimmung. Rechtsanwältin Andrea Posch erklärt: „Ob eine ausländisch geschlossene Cousinehe per se einen ordre public-Verstoß darstellt oder erst bei Zwangsheirat, wird der Verfassungsgerichtshof entscheiden.“
Die Verhinderung von Zwangsheiraten und Kinderehen sowie die Anhebung des Heiratsalters auf 18 Jahre seien „gesellschaftspolitisch dringend erforderlich“. Die Rechtsanwältin betont aber: „Ob das Cousinehe-Verbot bei Volljährigen tatsächlich erforderlich und geeignet ist, um Zwangsehen statistisch relevant zu verhindern, bleibt abzuwarten.“
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Infos und Quellen
Genese
Als Land der Habsburger gibt es in Österreich eine lange Geschichte mit Familienehen – diese engen Verbindungen führten in der Adelsdynastie mitunter zu schweren gesundheitlichen Problemen. Trotz intensiver Suche konnte für diesen Artikel keine Person gefunden werden, die über eine Ehe mit einem Cousin oder einer Cousine sprechen wollte – das zeigt, wie tabuisiert, sensibel und mit Angst oder Loyalitätskonflikten behaftet das Thema ist.
Gesprächspartner:innen
- Katharina Echsel, Geschäftsführerin beim Verein Peregrina
- Sanaa Ahmed, Sozialberaterin beim Verein Peregrina
- Najwa Duzdar, Leiterin der Beratungsstelle beim Verein Orient Express
- Andrea Posch, Rechtsanwältin für Familienrecht
- Schulsozialarbeiterin
Daten und Fakten
- Verwandtenehen sind in vielen Kulturen tief verwurzelt und werden oft mit familiärer Bindung, sozialem Zusammenhalt und dem Erhalt von Besitz in Verbindung gebracht. Gleichzeitig bergen sie, insbesondere bei nahen Verwandten, gesundheitliche Risiken und werfen gesellschaftliche und rechtliche Fragen auf.
- Bei Verwandtenehen teilen die Partner mehr Gene, da sie gemeinsame Vorfahren haben. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder bestimmte rezessive Erbkrankheiten wie Mukoviszidose entwickeln. Neue Ergebnisse aus der umfangreichen „Born in Bradford“-Studie (Vereinigtes Königreich) zeigen, dass Kinder von Cousin-Eltern ein doppelt so hohes Risiko für solche Erkrankungen haben (6 statt 3 Prozent). Außerdem treten Sprachentwicklungsstörungen bei ihnen häufiger auf (11 Prozent im Vergleich zu 7 Prozent bei Kindern nicht verwandter Eltern). Auch die allgemeine Entwicklung und der Gesundheitszustand der Kinder sind im Durchschnitt beeinträchtigter.
- Arrangierte Heirat (auch unter Verwandten) ist nicht zwingend eine Zwangsheirat, hier gibt es jedoch Überschneidungen und Graubereiche, die im Einzelfall betrachtet werden müssen.
- Der Verein Orient Express erfasste in Österreich im Jahr 2024 insgesamt 81 Fälle von Zwangsheirat, davon 35 Minderjährige. Zudem wurden 62 Fälle von Verwandtschaftsgewalt („Ehr“-basierte Gewalt) registriert, davon 32 Minderjährige. Diese Formen von Gewalt sind eng miteinander verbunden und erfordern oft ähnliche Schutzmaßnahmen. Orient Express bietet spezialisierte Beratung für Betroffene und Fachkräfte, Sensibilisierung durch Trainings und Workshops sowie anonymen Schutz in Schutzeinrichtungen. Der Verein engagiert sich zudem in Präventionsprojekten und Vernetzung mit anderen Einrichtungen in Österreich.
- Peregrina unterstützt migrantische Frauen mit umfassender Sozialberatung, Integrationshilfe und setzt sich gegen Diskriminierung sowie für den Schutz vor Gewalt ein.
Quellen
- Reproductive Health Journal: Consanguinity and reproductive health among Arabs
- Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften: Genetik im medizinischen Alltag
Das Thema in anderen Medien
- Süddeutsche Zeitung: Wenn Cousin und Cousine heiraten
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