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Vor einem Jahr hätte Taylor Swift zum ersten Mal im Ernst-Happel-Stadion auftreten sollen. Dann kam die Konzertabsage. Und heute? Eine Spurensuche zwischen islamistischem Terror, Popkultur und „Make America great again“.
Das Pärchen neben dem Straßenschild in der Wiener Corneliusgasse kommt aus Großbritannien. Bei ihrer Hochzeitsfeier haben sie zum Song „Love Story“ getanzt, heute tun sie das wieder. Ein Schritt vor, einer zurück, dann drehen. Das Wetter ist gut, es hat über 30 Grad, die Sonne prallt auf den Asphalt. Die mehreren Dutzend Menschen in der Seitengasse im sechsten Bezirk stört das nicht. Dicht an dicht drängen sie sich um eine große Lautsprecherbox mitten auf der Fahrbahn. Viele junge Frauen, ein Haufen Cowboystiefel, jede Menge Freundschaftsarmbändchen und eben: zwei tanzende Brit:innen. Sie haben alle etwas gemeinsam: Taylor Swift ist ihre Lieblingsmusikerin, Wien eine Reise wert, die Tickets zur weltweiten „The Eras Tour“ waren schnell gekauft. Doch Anfang August 2024 hieß das Ziel dann nicht Ernst-Happel-Stadion sondern Corneliusgasse.
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Die Konzerte der US-Musikerin werden abgesagt: „Aufgrund der Bestätigung durch Regierungsbeamte über einen geplanten Terroranschlag im Ernst-Happel-Stadion haben wir keine andere Wahl, als die drei geplanten Shows zur Sicherheit aller abzusagen“, steht auf der Website des Veranstalters Barracuda Music. Seinen Hochzeitssong bekommt das Pärchen trotzdem vorgesungen – zwar nicht von Taylor Swift, sondern einem Haufen anderer Swifties in der Corneliusgasse. Ein Schritt vor, einer zurück, dann drehen. „I keep waiting for you, but you never come.“
Der Anfang vom Ende der Wiener Taylor-Swift-Konzerte ist ein Großeinsatz in Ternitz am 07. August 2024, einen Tag vor der ersten Show. Die Gemeinde liegt im niederösterreichischen Industrieviertel. 15.000 Einwohner:innen, Pfarrkirche, Raiffeisenbank. Beran A. wohnt dort, damals 19 Jahre alt. Am Vormittag wird er festgenommen. Er soll beabsichtigt haben, mit seinem Auto in die Menschenmenge vor dem Stadium zu rasen und Fans der US-Musikerin mit Bomben und Stichwaffen zu attackieren. „Sein Plan war, möglichst viele Menschen zu töten“, sagt der Leiter der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN), Omar Haijawi-Pirchner. In einer Zeugenvernehmung, über die das Nachrichtenmagazin profil berichtete, soll A. wenige Tage vor seiner Festnahme einen Freund gefragt haben, woher man eine Zündschnur bekommen könne. „Warum?“ „Du wirst davon hören!“
Es ist nicht die einzige Festnahme an diesem Tag. Eine Autostunde entfernt klicken am Nachmittag ebenfalls die Handschellen. Luca K. (18) wird beim Ernst-Happel-Stadion verhaftet. K. arbeitet seit kurzem bei einer Gerüstbaufirma, die die Bühne für die „The Eras Tour“ aufbauen soll. Sowohl Beran A. als auch Luca K. wird vorgeworfen, mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) sympathisiert zu haben. K. ist mittlerweile erstinstanzlich zu einer zweijährigen unbedingten Haftstrafe wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation verurteilt worden. Er hatte Propagandamaterial des IS geteilt und dem Attentäter von Wien gehuldigt, der im November 2020 vier Menschen tötete. Die zunächst unterstellte Beteiligung an den vermeintlichen Anschlagsplänen seines Freundes Beran A. wurde am Ende doch nicht Teil der Anklage. Laut Staatsanwaltschaft mangelte es dafür an Beweisen. Das Urteil ist noch nicht rechtkräftig.
Were you sent by someone who wanted me dead?Swifties nach der Konzertabsage in der Wiener Corneliusgasse
Beran A. sitzt indessen immer noch in Untersuchungshaft und wartet auf seine Anklage. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt nach wie vor wegen Terror-Verdachts. Sein Umfeld offenbarte ein Netzwerk von IS-Sympathisanten. Ein vermeidlicher 15-jähriger, syrischer Komplize von ihm muss sich momentan in Deutschland vor Gericht verantworten. Er soll A. unter anderem dabei geholfen haben, eine Bombenanleitungen aus dem Arabischen zu übersetzen. Mit einem Urteil ist Ende August zu rechnen. Neben Luca K. wurde außerdem ein 19-jähriger Iraker wegen des Verbreitens von IS-Propaganda verurteilt, wie K. konnte auch ihm kein Mitwirken an der Anschlagsplanung nachgewiesen werden. Am Mittwochmorgen, fast genau ein Jahr nach den abgesagten Taylor-Swift-Konzerten, kam es zur Festnahme eines weiteren Österreichers (20), wie „Der Standard“ und „Puls24“ berichten. Ihm wird Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung sowie ein Verstoß gegen das Waffengesetz und mutmaßliche Kindesmissbrauchsdarstellungen vorgeworfen. Der Beschuldigte und Beran A. sollen sich zwar gekannt haben, einen Zusammenhang zu den Anschlagsplänen gebe es jedoch nicht.
Die Debatte rund um die Messenger-Überwachung in Österreich wurde indes immer lauter. Im Juli 2025 hat der Nationalrat mit Stimmen von ÖVP, SPÖ und teilweise den NEOS beschlossen, dass der DSN zukünftig unter bestimmten Voraussetzungen Nachrichten von Gefährder:innen auslesen darf.
Taylor Swift äußerte sich nach der Konzertabsage vorerst nicht. Die Bühne im Ernst-Happel-Stadion wurde abgebaut, die Merchandise-Stände zugesperrt. „Welcome To The Eras Tour“ sagte in Wien niemand. In der Corneliusgasse (ein Song von Taylor Swift heißt „Cornelia Street“) und am Stephansplatz versammelten sich derweil Swifties aus der ganzen Welt, um gemeinsam das Beste aus der Situation zu machen. Wir kennen die Bilder. Pailletten, Rüschenkleider, Anrainer:innen, die Wasserflaschen aus ihren Fenstern verteilen. Die Straße wurde zur „The Eras Tour“ und der Song „The Smallest Man Who Ever Lived“ zur Hymne eines Wochenendes, das sich alle ganz anders vorgestellt haben. „Were you sent by someone who wanted me dead?”
Von Begeisterung und Zynismus
In Wien gab es zwar keinen Taylor Swift-Auftritt, aber dafür eine Erinnerung, warum Popmusik so viel Spaß macht. Die singenden Swifties in der Innenstadt waren ein kleiner Sieg der ehrlichen Begeisterung in einem Zeitalter von grenzenlosem Zynismus. Sie haben dafür gesorgt, dass das, was am Ende von der Absage übriggeblieben ist, ein Baum voller Freundschaftsarmbänder ist. Ein Wochenende voller neuer Freundinnen. Absolute Lebensfreude. Solidarität. Ein Schritt vor, einer zurück, dann drehen. Eine „Swiftie- Gedenktafel“, die am Samstag in der Corneliusgasse angebracht werden soll, wird daran auch in Zukunft erinnern.
Zwei Wochen, nachdem die Anschlagspläne öffentlich wurden, meldete sich Taylor Swift erstmals via Instagram zu Wort: „Der Grund für die Absagen hat mich mit einem neuen Gefühl der Angst und einer enormen Menge an Schuldgefühlen erfüllt, weil so viele Leute geplant hatten, zu diesen Shows zu kommen.“ Aus Sicherheitsgründen habe sie mit einem Statement gewartet, bis der europäische Teil ihrer Tour sicher vorbei war.
Am 8. Dezember 2024 endete ihre „The Eras Tour“ in Vancouver. Sie dauerte fast zwei Jahre, umfasste 149 Shows und spielte Schätzungen zufolge zwei Milliarden US-Dollar ein. Seitdem ist es still um die Künstlerin geworden. Nur vergangenen Mai machte sie kurz auf sich aufmerksam, als sie verkündete, endlich die Rechte an ihren ersten sechs Studioalben zurückgekauft zu haben. Swift gehörten bis dahin zwar die Texte und Kompositionen ihrer Songs, nicht aber die originalen Tonaufnahmen. Ihr damaliges Label „Big Machine“ verkaufte die Lizenzen ohne Rücksprache an eine Holding des Musikmanagers Scooter Braun, der sie später abermals an eine Investmentfirma abtrat. „Alle Musik, die ich je gemacht habe … gehört jetzt … mir“, heißt es auf nun auf Swifts Website. „Zu sagen, dass damit mein größter Traum wahr geworden ist, drückt es nur zurückhaltend aus.“
Gut finden das anhaltende Schweigen nicht alle. Swift hat in den vergangenen zwei amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen die Demokraten unterstützt. Die Republikaner hat das besonders geärgert, kommt Swift doch eigentlich aus dem traditionellen Country-Genre – mit Jesus und Farm und allem Drumherum. Swift hat sich in der Vergangenheit nur selten politisch geäußert. Wenn, dann ausgewählt und vor allem zu Frauen- und LGBTQ-Themen. Es dürfte also niemanden so wirklich verwundert haben, dass sie zu den Protesten in Los Angeles gegen Donald Trumps Migrationspolitik und den Razzien der US-Einwanderungsbehörde ICE still geblieben ist. Dass sie parallel dazu aber mit der bekannten Republikanerin Brittany Mahomes abhängt, die Frau eines NFL-Spielers und Teamkollegen ihres Freundes Travis Kelce, und Fotos von ihr mit zwei Podcastern, die offen für Donald Trump kampagnisiert haben, aufgetaucht sind, stößt vielen Swifties sauer auf. Eine klare Abgrenzung zu „Make America great again“ gibt es momentan deshalb vor allem durch Donald Trump selbst. Der postet erst vor kurzem auf seinem Sozialen Netzwerk „Truth Social“, dass er Swift als „woke singer“ hasse und „NO LONGER HOT“ finde.
In Wien treffen sich die Swifties dieses Wochenende wieder in der Corneliusgasse. Ein Jahr nach den Konzertabsagen wollen sie den Spirit von damals unter dem Motto „Swienna Revival“ wieder aufleben.
In diesem Sinne: Ein Schritt vor, einer zurück, dann drehen.
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Infos und Quellen
Genese
Vor einem Jahr hat unsere Autorin Eva Sager die Packung pinker, selbstklebender Strasssteine wieder aus ihrer Bauchtasche herausgeholt. Die Taylor Swift-Konzerte am 08., 09. und 10. August 2024 wurden wegen Terrorgefahr abgesagt – Zeit für einen Rückblick.
Quellen
- Der Standard: Neue Festnahme rund um mutmaßlichen Swift-Terroristen Beran A.
- Puls 24: Neue Festnahme im Umfeld des Taylor-Swift-Anschlagsplaners
- New York Magazine: Trump Drags Taylor Swift Into His Creepy Sydney Sweeney Take
- ORF: Taylor Swift kauft Rechte an ihren ersten sechs Alben
- profil: Anschlag auf Taylor-Swift-Konzerte: Die Terroristen aus Ternitz
- BMI: Festnahme von zwei Terrorverdächtigen
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Das Thema in anderen Medien
- Der Standard: Ein Jahr nach den Konzertabsagen: Wiener Swifties zwischen Rückzug und Revival
- Falter: Swiftworld
- profil: Ikone Taylor Swift: Eine Supernova von nebenan
- Zeit Magazin: Keine neue Ära
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