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Dark PR boomt. Was hat es damit auf sich und wie viele fragwürdige Akteure profitieren davon, während die Existenzen der Schwächeren zerstört werden?
Wer wissen will, wer jemand ist, googelt. Die erste Seite der Suchergebnisse ist so etwas wie die Leumundsauskunft unserer Zeit geworden – für Arbeitgeber, Banken, Redaktionen. Was dort steht, gilt für viele als Wahrheit. Doch diese Wahrheit ist zu einem großen Geschäft geworden.
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Das Geschäft damit nennt sich beschönigend „Online Reputation Management“. Der treffendere Begriff lautet „Dark PR“: bezahlte Kommunikation, die nicht überzeugen, sondern verschwinden lassen soll – oder Gegner beschmutzen, ohne dass der Auftraggeber je in Erscheinung tritt. Konkret kann das wie folgt aussehen: Ein Oligarch, dessen korrupte Geschäfte von Journalist:innen aufgedeckt worden sind, bezahlt einen hohen Betrag, um die Google-Suche mit seinem Namen manipulieren zu lassen.
Wie das Löschen funktioniert, zeigte 2023 die Recherche „Story Killers“ von Forbidden Stories. Rund 50.000 interne Dokumente der spanischen Firma Eliminalia mit dem Werbeslogan „Wir löschen Ihre Vergangenheit“ landeten bei über 100 Journalist:innen. Knapp 1.500 Kunden in mehr als 50 Ländern, darunter verurteilte Drogenhändler, Geldwäscher und Krypto-Betrüger, zahlten allein 2020 und 2021 rund 2,7 Millionen Euro. Der Stückpreis laut einem geleakten Vertrag: 2.500 Euro pro gelöschtem Link.
7.000 neue Löschanträge – pro Tag
Die Methode ist simpel. Eliminalia kopierte kritische Artikel auf eigene Fake-Seiten, datierte sie zurück und meldete anschließend das Original als Urheberrechtsverletzung, etwa mit erfundenen Firmen, deren Adressen zu einem Nudelrestaurant in Kansas oder zum Rathaus von Los Angeles führten. Über 600 solcher Fake-Portale betrieb die Firma. Missbraucht wurde dafür ein US-Gesetz von 1998, das eigentlich Disney vor Raubkopien schützen sollte. Die Lumen-Datenbank in Harvard, die solche Löschanträge dokumentiert, zählt inzwischen mehr als 25 Millionen. Täglich kommen bis zu 7.000 hinzu.
Löschen ist allerdings nur die eine Hälfte des Geschäfts. Die andere ist das Beschmutzen. Die Genfer Detektei Alp Services kassierte zwischen 2017 und 2020 mindestens 5,7 Millionen Euro aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Rechnungen gingen laut den geleakten Unterlagen, die Mediapart, das EIC-Netzwerk sowie das renommierte US-Magazin The New Yorker 2023 als „Abu Dhabi Secrets“ auswerteten, an den Staatschef und Autokraten Mohammed bin Zayed persönlich, abgewickelt über eine Tarnfirma in Abu Dhabi. Die Gegenleistung: Alp soll den emiratischen Diensten die Namen von über 1.000 Menschen und 400 Organisationen aus 18 europäischen Ländern geliefert haben und etikettierte sie als Muslimbruderschaft. Bezahlt wurde pro Kopf, zehntausende Euro je Zielperson.
Getroffen hat es unter anderem eine belgische Ministerin, eine französische Sängerin, deren Karriere durch die Kampagne zerstört wurde, sowie Wissenschaftler:innen und Hilfsorganisationen, die sich plötzlich in Terrorlisten wiederfanden. Die Spuren solcher Etikettierungen reichen bis zur „Operation Luxor“ in Österreich, jener rechtswidrigen Razzia gegen dutzende Muslim:innen, die bis dato keine einzige Anklage hervorbrachte.
Die Kunden: Oligarchen, Kriminelle und korrupte Politiker:innen aus aller Welt
Wer heute selbst „einkaufen“ und von Dark PR profitieren will, wird in Dubai fündig. Dort wirbt eine ganze Industrie offen damit, „negative Artikel und Nachrichtenbeiträge“ aus dem Netz zu entfernen, Ergebnis binnen 30 bis 45 Tagen, Erfolgsgarantie inklusive: „Wenn wir Ihren Inhalt nicht entfernen können, zahlen Sie nichts.“ Krisenpakete bei viralen Negativschlagzeilen kosten laut Branchenangaben 10.000 bis 25.000 Dollar. Pro Monat.
Dass ausgerechnet die Vereinigten Arabischen Emirate, die die europaweite Schmutzkampagne rundum Alp Services finanzierte, zugleich als Standort der Reinwaschindustrie floriert, scheint kein Zufall zu sein, sondern ein glasklares, skrupelloses Geschäftsmodell: mit der einen Hand beschmutzen, mit der anderen säubern, an beidem verdienen.
Am Ende trifft Dark PR nicht die Großen. Der Spiegel und die Washington Post können sich wehren, wenn ein gefälschter Löschantrag eintrudelt. Ein kleiner Lokaljournalist, dessen Korruptionsrecherche der Hostingprovider nach einer Fake-Beschwerde vom Netz nimmt, kann es nicht. Und die Muslimin in Brüssel oder Wien, deren Name in einem Dossier für einen Geheimdienst landet, erfährt davon womöglich nicht einmal etwas. Wahrheit ist im Netz keine Frage der Belege mehr, sondern des Budgets. Wer arm ist, hat eine Vergangenheit. Wer reich ist, kauft sich eine neue.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Dark PR bezeichnet bezahlte Kommunikation, die im Verborgenen arbeitet: Statt offen zu werben oder zu überzeugen, werden unliebsame Inhalte aus dem Netz entfernt, aus Google-Ergebnissen verdrängt oder Gegner gezielt diskreditiert, ohne dass der Auftraggeber erkennbar wird.
- Zu den Werkzeugen gehören gefälschte Urheberrechtsbeschwerden (DMCA), missbrauchte Datenschutzanträge (DSGVO), Fake-News-Seiten, gekaufte Artikel und Einschüchterungsklagen (SLAPPs).
- Die Harvard-Datenbank Lumen dokumentiert Löschanträge an Google und Hostingprovider – inzwischen über 25 Millionen.
- Forbidden Stories: „The Gravediggers“ (Funktionsweise gefälschter DMCA-Anträge)
- Lumen Database (Harvard Berkman Klein Center)
- Alp Services und „Abu Dhabi Secrets“: Genfer Privatdetektei, gegründet 1989 von Mario Brero. Kassierte zwischen 2017 und 2020 mindestens 5,7 Millionen Euro aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, abgewickelt über die Tarnfirma Ariaf Studies and Research; die Rechnungen gingen laut den geleakten Unterlagen an VAE-Staatschef Mohammed bin Zayed persönlich. Alp übermittelte den emiratischen Diensten die Namen von über 1.000 Personen und 400 Organisationen aus 18 europäischen Ländern und etikettierte sie als Muslimbruderschaft, unter ihnen auch Österreicher:innen. Schweizer und französische Staatsanwaltschaften ermitteln; die Bundesanwaltschaft verdächtigt Brero und seine Geschäftspartnerin Muriel Cavin, sechs Straftaten begangen zu haben. Aufgedeckt wurde all das vom Journalist:innen-Netzwerk „European Investigative Collaborations“, dem französischem Medium „Media Part“ sowie vom US-Magazin „The New Yorker“.
Das Thema in anderen Medien
- EIC-Netzwerk, Projektseite „Abu Dhabi Secrets“ (alle Veröffentlichungen der 13 beteiligten Medien, darunter Der Spiegel)
- Recherche von The New Yorker, bekannt für ihre wasserdichte Faktencheck-Abteilung
- „Abu Dhabi Secrets“ in österreichischen Medien
- Story Killers (2023): Recherche von Forbidden Stories mit über 100 Journalist:innen aus 30 Redaktionen, basierend auf rund 50.000 geleakten Dokumenten der spanischen Löschfirma Eliminalia – knapp 1.500 Kunden in über 50 Ländern, 2.500 Euro pro entferntem Link.
- Washington Post: Eliminalia Fake News Misinformation
- OCCRP: Eliminalia: A Reputation Laundromat for Criminals
- Rest of World (Kundenverträge und Preise): Exposed documents reveal how the powerful clean up their digital past using a reputation laundering firm
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