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Das Ende einer Bewegung, die nie eine war: P. Diddy & MeToo

5 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Vergangene Woche ging in New York der wohl größte MeToo-Prozess der Popgeschichte zu Ende und mit ihm die MeToo-Ära bevor sie wirklich begonnen hat.



Wer nach der Wahl Trumps, einem zivilrechtlich verurteiltem Sexualstraftäter zum US-Präsidenten, noch nicht verstanden hat, dass wir in einer, freundlich gesagt, Post-MeToo-Ära angekommen sind, hat es spätestens jetzt verstanden. P. Diddy, der bürgerlich Sean Combs heißt und sich kürzlich noch den Namen „Love“ verpasst hat (nein, das ist kein Scherz, er meint das ernst), wurde in drei von fünf Anklagepunkten freigesprochen.

Zahlreiche Vorwürfe

Die Vorwürfe gegen den Hip Hop-Mogul waren vielfältig, massiv und erschütternd. Er soll über 20 Jahre lang Menschen, vorrangig Frauen, geschlagen, eingesperrt, vergewaltigt, bedroht und erpresst haben. Sean Combs wurde außerdem des Menschenhandels beschuldigt. Videos, Fotos und Textnachrichten belegen viele der Vorwürfe. Eines dieser Videos bekam sogar die breite Öffentlichkeit zu Gesicht: Jenes nämlich, das zeigt, wie er seine Exfreundin Cassie Ventura auf dem Flur eines Hotelzimmers auf Brutalste verprügelt. Auch häusliche Gewalt fand sich also wenig überraschend in der langen Liste an Vorwürfen gegen Sean Combs. Diese allerdings wurden nicht einmal von der Verteidigung bestritten. Alle anderen schon.

Freisprüche

P. Diddy wurde letzten Endes in nur zwei Anklagepunkten schuldig gesprochen: für den „Transport zur Prostitution“ in zwei Fällen. In den drei härtesten Anklagepunkten, nämlich Menschenhandel in zwei Fällen und der Verschwörung zur organisierten Kriminalität wurde er freigesprochen. Besser hätte es für „Love“ also kaum laufen können.

Vor dem Gerichtssaal tanzten und jubelten seine Unterstützer – und rieben sich zur Feier mit Babyöl ein. Solltest du den Prozess nicht mitverfolgt haben und dir deshalb die symbolische Bedeutung des Babyöls nicht klar sein: P. Diddy verwendete es für seine „Freak Offs“, 1000 Flaschen wurden bei der Hausdurchsuchung letzten Oktober sichergestellt. Freak-Offs waren „Sex-Parties“ bei denen er, so der Vorwurf, Frauen zum Sex, zu allerlei erniedrigenden Sexualpraktiken und auch zum Sex mit anderen, unter anderem, männlichen Prostituierten, gezwungen haben soll. Sie dauerten oft mehrere Tage und es sollen zahlreiche Drogen konsumiert worden sein. Einer der Vorwürfe gegen ihn war, dass Frauen im Rahmen dieser Freak-Offs mit Rohypnol oder GHB/Liquid Ecstasy gestrecktes Babyöl untergejubelt worden sei – eine Droge, die auch als K.O.-Mittel verwendet wird um Opfer gefügig oder bewusstlos zu machen. Es ist ein Mittel, das notorisch schwer nachweisbar ist, da es im Körper innerhalb weniger Stunden vollständig abgebaut wird.

„Die Dämmerung der MeToo-Bewegung“

Und nun also wurde Sean Combs in drei von fünf Punkten frei gesprochen und der allgemeine Tenor lautet, der Ausgang des Prozesses markiere das Ende von MeToo – „Die Dämmerung der Metoo-Bewegung“, wie es im Inside Austria Podcast von Standard und Spiegel formuliert wurde. Möglicherweise ist dieser Befund aber sogar noch zu optimistisch. Vielleicht geht die MeToo-Era mit dem Prozess gegen P. Diddy nicht zu Ende, sondern hat nie so wirklich begonnen. Denn MeToo war immer schon eher eine atmosphärische Angelegenheit als eine tatsächliche Bewegung. Das ist ein Grundproblem der digitalen Ära. Die sogenannte Gegenwart mutet sehr schnell sehr progressiv an in der eigenen Bubble. Sie mutet auch sehr schnell sehr progressiv an, wenn man seinen Blick primär auf Populärkultur und ihre Proponentinnen richtet statt auf reale politische und ökonomische Machtverhältnisse. Dort, wo es um tatsächliche Macht geht schreitet der Rechtsruck unberührt von woken Hollywood-Stars und Influencerinnen auf Instagram voran. Auch der Feminismus, oder einige seiner postmodernen Strömungen, ist gerade damit konfrontiert, dass er, nachdem er sich die letzten Jahre hauptsächlich auf Repräsentations-, Identitäts-, Symbol- und Sprachpolitik konzentrierte, nun auch nicht mehr an Fortschritt kriegt als exakt das – popkulturelle und sprachliche Repräsentation nämlich – , und dass die Verteilung von Macht und Geld unabhängig davon stattfindet, ob und wie diejenigen, die sie verteilen, gendern, und wer wie in Remakes von Disney-Filmen vorkommt.

Truthiness und truth

Auch Metoo blieb abseits von atmosphärischen und diskursiven Veränderungen großteils wirkungslos. Denn zwischen einem Gefühl des feministischen Aufbruchs und tatsächlichen gesetzlichen Verbesserungen für Opfer und der tatsächlichen Verfolgung von Sexualstraftaten, vor allem jener mächtiger und reicher Männer, lag immer schon ein riesiger Graben. Die wenigsten Vorwürfe der letzten Jahre führten zu einer Strafverfolgung, noch weniger zu Verurteilungen.

In derselben Woche, in der P. Diddy in drei von fünf Punkten freigesprochen wurden berichteten Medien, dass bei Rammstein-Konzerten erneut Frauen für Aftershow-Partys angeworben worden sein sollen. Die Vorwürfe gegen die Band und ihren Frontmann führten nie zu einem Prozess, da die mutmaßlichen Opfer zwar mit Medien, nicht aber mit Ermittlungsbehörden sprechen wollten. Der rechtskräftig verurteilte Gewalttäter Chris Brown spielt gerade eine Stadiontour. Und Brad Pitt, dem von Angelina Jolie und ihren gemeinsamen Kindern gewalttätige Übergriffe vorgeworfen wurde, promotet seinen neuesten Film. Dabei scheint das mediale Interesse mehr seinem jugendlich operierten Gesicht zu gelten als den Gewaltvorwürfen.

Trump ist weiterhin US-Präsident. Männliche Gewalt gegen Frauen war immer schon weitgehend straf- und konsequenzenlos und sie ist es nach wie vor.

Dass MeToo eine feministische Revolution darstellen würde oder dargestellt hat, war immer schon mehr „truthiness“ als „truth“.


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