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Kurzer Sprint mit langem Anlauf: Ohne es zu wissen, schrieb der Franzose Lucien Laurent am 13. Juli 1930 Geschichte.
Der Angriff begann mit einem hohen Zuspiel von rechts durch den Franzosen Ernest Libérati, Stürmer Lucien Laurent zog in die Mitte und knallte den Ball direkt aus der Luft mit dem rechten Fuß ins Netz. Unhaltbar. Der mexikanische Tormann Oscar Bonfiglio war chancenlos.
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So ist die Entstehung des allerersten Tors, das je bei einer Fußball-WM gefallen ist, überliefert. Wir schreiben den 13. Juli 1930, Schauplatz ist das Estadio Pocitos in Montevideo/Uruguay und es ist die 19. Minute des Auftaktspiels Frankreich gegen Mexiko. Das Wetter ist schlecht, auf der Südhalbkugel herrscht Winter, das Spiel findet bei Schneefall statt.
Nicht ungefährliche Anreise
Der erste Torschütze einer Fußball-WM hatte allerdings einen viel weiteren und ereignisreicheren Weg hinter sich als den kurzen Sprint vor das gegnerische Gehäuse. Mehr als zwei Wochen dauerte damals die Anreise aus Frankreich. Laurent, hauptberuflich Arbeiter in einer Peugeot-Fabrik, war mit seinen französischen Teamkollegen, der rumänischen und der belgischen Mannschaft sowie den FIFA-Funktionären auf dem Linienschiff Conte Verde Richtung Montevideo unterwegs.
Aus sportlicher Sicht nicht unriskante Wochen, hat doch der jugoslawische Tormann Milovan Jakšić, der mit seiner Mannschaft auf der SS Florida anreiste, auf hoher See beachtliche 16 Kilo zugenommen. Die Verpflegung war gut und die Überfahrt ein ungewöhnliches, spannendes Ereignis. Ein Ausbrechen aus dem Alltag. Der französische Innenverteidiger Augustin Chantrel etwa nutzte die Gelegenheit für ein Abenteuer: Er wurde auf der Conte Verde inflagranti mit einer verheirateten Argentinierin erwischt. Chantrel musste, so die Erzählungen seiner Teamkollegen, der Dame versprechen, sie nach ihrer Scheidung zu ehelichen, bekam es dann aber mit der Angst zu tun und nahm nach der Landung in Montevideo Reißaus.
Laurent – er wurde 97 Jahre alt und ist 2005 gestorben – erinnerte sich später, dass es an Bord des Ozeandampfers keinerlei Besprechungen gegeben habe, wie die bevorstehenden Spiele taktisch anzugehen wären. Um fit zu bleiben, sei man auf dem Deck herumgelaufen. Unter Deck wurden Muskeln gedehnt, die Athleten sprinteten die Stufen hinauf- und hinunter und stemmten Gewichte. Training mit Bällen gab es auch, diese gingen aber einer nach dem anderen über Bord und verschwanden im Ozean.
Eine andere Fußballwelt
Die Fußball-Begeisterung war 1930 enorm, doch war die Welt eine andere. In Europa hatten die Spieler häufig einen Brotberuf, trainiert wurde in der kargen Freizeit. Dass auf anderen Kontinenten ebenfalls gekickt wurde, hatte man zunächst kaum auf dem Radar. Dabei war Südamerika in der Entwicklung teilweise schon viel weiter. Der Profisport etablierte sich dort schneller als in Deutschland, es gab früher südamerikanische Cupbewerbe als europäische. Die erste Copa América fand 1916 statt, die erste offizielle EM erst 1960.
Immerhin war Fußball eine olympische Disziplin, bei den Spielen 1924 in Paris und 1928 in Amsterdam errang Uruguay die Goldmedaille. Also war es logisch, dass die erste WM dort ausgetragen wurde. Es nahmen nur vier Mannschaften aus Europa teil: Frankreich, Belgien, Rumänien und Jugoslawien, und diese mussten zum Teil mühsam überredet werden.
Das Projekt „Fußball-WM“, vorangetrieben vom damaligen FIFA-Präsidenten Jules Rimet, wurde skeptisch beäugt. Nationen wie Deutschland, Österreich oder England war die Überfahrt zu langwierig, das Event zu unattraktiv, auch wenn das in der Zwischenkriegszeit wohlhabende Uruguay sich bereit erklärt hatte, Fahrt und Unterkunft für alle zu bezahlen. Ein wichtiger Punkt, denn in Europa sorgte die 1929 ausgebrochene Große Depression für leere Kassen. Fraglich war auch immer, ob die Spieler von ihren Chefs Urlaub bekamen. Qualifikationsrunden gab es keine, alle Teams, die sich anmeldeten, nahmen teil.
Referee mit Sakko und Krawatte
Die Regeln auf dem Spielfeld waren in groben Zügen so wie heute, vieles andere jedoch nicht: Beim Finale Uruguay gegen Argentinien setzte der besorgte Schiedsrichter (seine Zunft war schon damals bei den Fans nicht populär) durch, dass Securities die Zuschauer:innen vor dem Betreten des Stadions nach Waffen durchsuchten – insgesamt 1.500 Pistolen wurden eingesammelt.
Die Bälle waren nicht einheitlich, die Mannschaften wollten jeweils mit ihrem eigenen spielen, was zu Streit führte. Beim Match Frankreich gegen Argentinien konnte der Schiedsrichter 90 Minuten nicht abwarten, er pfiff die Partie schon in der 81. Minute ab, just in dem Moment, als ein angreifender Franzose allein auf das gegnerische Tor zulief, um den 1:0-Rückstand auszugleichen. Das Chaos war perfekt, da half es auch nichts, dass der Referee damals sehr schick gekleidet war und mit Hemd, Sakko, einer Krawatte und Knickerbocker-Hose seinen Dienst verrichtete.
Lucien Laurent war an jenem 13. Juli 1930 jedenfalls nicht klar, dass er mit seinem Goal soeben Geschichte geschrieben hatte. Natürlich habe er sich gefreut, sagte er später, seine Teamkollegen hätten ihm nach dem Schuss erfreut die Hand geschüttelt – dann sei das Match aber gleich weitergegangen. Gewonnen hat die erste WM übrigens Uruguay.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Die FIFA wurde am 21. Mai 1904 in Paris von dem Niederländer Carl Anton Wilhelm Hirschmann und dem Franzosen Robert Guérin gegründet. Seit 1930 finden Weltmeisterschaften im 4-Jahres-Rhythmus statt. Heuer, 2026, ist es wieder so weit. Gastgeberländer sind die USA, Kanada und Mexiko.
- Während der Fußball-WM 1930 in Uruguay diente das Estadio Pocitos als Ausweichplatz für das noch nicht fertiggestellte Estadio Centenario. Zwei Spiele der Vorrunde wurden hier ausgetragen, dabei erzielte der Franzose Lucien Laurent gegen Mexiko den ersten Treffer der WM-Geschichte. Das Stadion wurde 1940 abgerissen und musste Wohnungen Platz machen.
- Bei der ersten Fußball-WM 1930 gab es offiziell keine Preisgelder. Es nahmen 13 Nationen teil, in erster Linie südamerikanische.
- Bei dem WM-Finale 1930 kamen zwei verschieden Fußbälle zum Einsatz, da sich die Finalisten Argentinien und Uruguay nicht auf einen Ball einigen konnten. Die erste Hälfte wurde mit dem von Argentinien bevorzugten Typus, die zweite mit dem von Uruguay favorisierten Sportgerät gekickt. Die Bälle waren aus unterschiedlich großen Lederstücken zusammengenäht.
- Profifußball wurde in Europa in den 20er- und 30er-Jahren aus unterschiedlichen Gründen oft noch kritisch gesehen und galt fallweise als unehrenhaft, wie im Buch „Mehr als ein Spiel“ von Horak und Maderthaner nachzulesen ist.
- Österreich war Anfang der 30er-Jahre eine Fußball-Großmacht; Spieler wie Matthias Sindelar haben bis heute Kultstatus, ebenso das überaus erfolgreiche „Wunderteam“.
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