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Das Gefährliche am Schweigen der NS-Täter

6 Min
Immer seltener können NS-Täter:innen heute noch vor Gericht gestellt werden.
© Collage: WZ, Bildquellen: Adobe Stock, Bundesarchiv, Bild 192-044 / CC-BY-SA 3.0

Seit 1945 lehnen alle NS-Angeklagten ihre Verantwortung an den Verbrechen des Dritten Reiches ab. Das sendet eine gefährliche Botschaft.


Es gilt das Jugendstrafrecht - auch wenn der Mann schon 98 Jahre alt ist: Der Vorwurf der deutschen Staatsanwaltschaft lautet, der Beschuldigte habe als SS-Mann im KZ Sachsenhausen Dienst getan und Beihilfe zum Mord in 3.300 Fällen geleistet. Er war damals volljährig, aber noch nicht 21 Jahre alt. Ob der Hochbetagte tatsächlich vor Gericht erscheinen muss, ist unklar. Ein Gutachten besagt, dass er zumindest zum Teil verhandlungsfähig ist. Erst im Vorjahr wurden ein 101-jähriger ehemaliger Wachmann im KZ Sachsenhausen und eine Frau, 97 Jahre alt, die im KZ Stutthof als Sekretärin gearbeitet hat, verurteilt. Demnach haben sich beide der Beihilfe zum Mord in tausenden Fällen schuldig gemacht.

Wichtiges Signal

Die Reaktion dieser Angeklagten ist stets die gleiche: keine Schuld, keine Scham, kein Eingeständnis einer persönlichen Verantwortung. Der 101 Jahre alte Mann bestritt bis zuletzt, überhaupt in Sachsenhausen Wachmann gewesen zu sein. Die ehemalige KZ-Sekretärin hatte versucht, sich dem Prozess durch Flucht aus ihrem Pflegeheim zu entziehen. Beide legten gegen ihre Verurteilung Berufung ein. Laut Anklage ist es aber unmöglich, dass sie von der systematischen Vernichtung von Häftlingen in Sachsenhausen und Stutthof nichts mitbekommen haben.

In Deutschland wird die Frage diskutiert, ob es etwas bringt, alte, zum Teil beschränkt verhandlungsfähige Menschen vor Gericht zu stellen. Man solle diese Leute doch in Ruhe lassen, heißt es. Nein, entgegnen die Ankläger, die Prozesse sind notwendig. Schon allein deshalb, um die Opfer des NS-Terrors zu würdigen, die als Zeugen vor Gericht von den Schrecken der KZ berichten können, und damit ein wichtiges Signal an nachfolgende Generationen senden. Und es ist wichtig, zu zeigen, dass das offizielle Deutschland heute zu den Verbrechen nicht schweigt.

Belastung wird delegiert

Sozialpsycholog:innen weisen darauf hin, dass das Schweigen, Leugnen, Nicht-Erinnern-Können der NS-Angeklagten bis zum heutigen Tag stellvertretend für das Verhalten einer ganzen Generation steht. Jener Generation, in der die Allermeisten als Täter, Mitläufer oder Dulder an den Nazi-Verbrechen beteiligt waren. Damit sind Schwierigkeiten für die Kinder, die Enkel:innen und unter Umständen auch für die Urenkel:innen der NS-Tätergeneration verbunden, die lange überhaupt nicht als solche erkannt wurden.

Die deutsche Forscherin Angela Moré geht in ihren Untersuchungen davon aus, dass die, die in die Nazi-Verbrechen unmittelbar verstrickt waren, mit ihrer Weigerung, sich trauernd mit der Vergangenheit zu beschäftigen, die ungelöste Problematik über unterbewusste Prozesse weiterreichen wie eine heiße Kartoffel. In seinem Buch „Totem und Tabu“ beschreibt der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, dass die älteren Generationen das, was sie vor den Nachkommen, aber auch vor sich selbst, verbergen wollen, in verschlüsselten Botschaften an Kinder und Kindeskinder weitergeben.

Die Überzeugung vom überlegenen Deutschen wird weitergegeben
Jan Lohl, Soziologe

Die Last, die die Kinder, Enkel:innen und Urenkel:innen dann unter Umständen zu schultern haben, ist enorm: Das kann sogar so weit gehen, dass sie an Schuldgefühlen und Trauer zerbrechen, wobei sie sich nicht erklären können, woher diese stammen. Sie leiden unter psychischen Konflikten, die man eigentlich bei den Tätern vermuten würde.

Tätern war Zivilisationsbruch bewusst

Aber was ging in den NS-Täter:innen vor, als sie ihre Verbrechen begingen? Wie tickten diese Menschen damals? Die jüngsten Forschungen zeigen, dass den Täter:innen und denen, die die Nazi-Zeit bewusst miterlebt haben, völlig klar war, dass es unerhörte Verbrechen sind, an denen sie sich beteiligten oder gegen die sie zumindest nichts unternahmen. Es war ihnen völlig klar, dass es sich beim Holocaust um einen bisher noch nie dagewesenen Zivilisationsbruch handelt und dass das, was hier geschieht, nicht „normal“ ist. Gleichzeitig waren viele davon überzeugt, dass der „Kampf gegen das Weltjudentum“ diese Grausamkeiten notwendig mache. Als sich 1942/43 abzeichnete, dass der Krieg für Deutschland verloren gehen könnte, kam bei den Täter:innen die Angst vor der unausweichlichen Sühne, vor der Ahndung der begangenen Verbrechen auf. Die ersten Nazis begannen schon damals damit, die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen.

Einfallstor für Rechtsextremismus

Verwischen, vergessen, rechtfertigen: Kompliz:innen haben diese alten Nazis bis heute in den zahllosen jungen Rechtsextremen, die den Holocaust leugnen oder die Verbrechen der Großväter und Großmütter als „ehrenhaft“, „gut“ oder „unvermeidbar“ verteidigen.

Jan Lohl, Professor für Soziologie in Hannover, hat in seinem Buch „Gefühlserbschaft und Rechtsextremismus“ untersucht, wie die Generation der Nazi-Täter:innen, der Mitläufer:innen und der Dulder:innen dem heutigen Rechtsextremismus Tür und Tor öffnet. Was diese Generation nicht gemacht hat, so Lohl, ist, die Überzeugung vom „überlegenen deutschen Volk“, den überheblichen Glauben an die „deutsche Herrenrasse“ abzulegen. Um diese absurde Idee loszuwerden, hätte es einer intensiven Trauerarbeit bedurft, die die Generation des Zweiten Weltkriegs nach 1945 nicht geleistet hat. Dieses Aufarbeiten der Schuld wurde laut Lohl verhindert, indem die Großväter und Großmütter so getan hätten, als wären sie im Dritten Reich gar nicht dabei gewesen. Damit steht die Vorstellung von der „arischen Überlegenheit“ ungebrochen im Raum und wird übernommen. Viele Junge sind nun überzeugt, im Auftrag ihrer Vorfahren die Demütigung der Niederlage tilgen und die deutsche Großartigkeit wiederherstellen zu müssen. Diese für die wenigsten erkennbaren „Gefühlserbschaften“ sind es, die laut Lohl so viele Jüngere in die Arme rechter und rechtsextremer Organisationen treibt und für paranoide Ideologien anfällig macht.

Wichtig ist , dass Zeitzeug:innen die Möglichkeit bekommen, bei den letzten NS-Prozessen von den Schrecken der KZ zu berichten. Die letzten Überlebenden, die sich noch erinnern können, waren damals Kinder. Bald wird es niemanden geben, der von den Schrecken berichten kann. Zu hoffen ist, dass die Verbrechen trotzdem aufgearbeitet und die Weitergabe der Verletzungen an die jeweils nächste Generation endlich gestoppt werden können.


Infos und Quellen

Quellen

Auf die Thematik aufmerksam wurde WZ-Redakteur Michael Schmölzer durch einen Text der deutschen Wissenschaftlerin Angela Moré, den er beim Stöbern im Internet gefunden hat: „Die psychologische Bedeutung der Schuldabwehr von NS-Tätern und ihre implizite Botschaft an die nachfolgenden Generationen.“ Die Übertragung von Schuld von einer auf die nächste Generation ist hier sehr gut beschrieben. Zudem legt sie überzeugend dar, dass sich die NS-Täter zum Zeitpunkt ihrer Taten sehr wohl bewusst waren, dass ihr Handel nicht „normal“ ist und einen Zivilisationsbruch darstellt.

Das Buch von Jan Lohl: „Gefühlsbotschaften und Rechtsextremismus“, Psychosozial-Verlag 2010, zeigt auf, wie die Weigerung der NS-Täter:innen, nach 1945 ihre Taten zu bereuen, Trauer zu empfinden und ihre Schuld anzuerkennen dazu geführt hat, dass junge Rechtsextreme heute viele Anknüpfungspunkte vorfinden und in unmenschlichen, paranoiden Ideologien gedanklich eine Heimat finden.

Grundlage für das Thema ist der Klassiker von Alexander und Margarethe Mitscherlich, „Die Unfähigkeit zu trauern“, Verlag Piper 2007.

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