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Das Grauen an der Grenze

5 Min
Ein Foto eines Waldes der von Stacheldraht überdeckt ist.
In den Wäldern an der Grenze zwischen Polen und Belarus spielten sich 2021 dramatische Szenen ab.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

An der Grenze zwischen Polen und Belarus wurden 2021 Tausende Migrant:innen zum Spielball des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko, viele starben. „Zielona Granica“, der neue Spielfilm von Agnieszka Holland, zeichnet die Krise nach.


Wald, nichts als Wald. Wenn man nach Białowieża fährt, auf einer Straße inmitten des gleichnamigen Urwalds, dem ältesten und größten Europas, sieht man nichts als die jahrhundertealten Bäume, die bis zu 50 Meter hoch in den Himmel ragen. Nur mit viel Glück verirrt sich einer der rund 800 Żubroń-Bisons, die hier leben, auf die fast schnurgerade Straße.

Białowieża ist ein Paradies, seit vielen Jahrzehnten als Erholungs- und Naturschutzgebiet beliebt, weit über die Grenzen Polens hinaus. Seit einiger Zeit bleiben Touristen aber zunehmend aus, stattdessen sieht man viel Militär. Durch den riesigen Wald verläuft nämlich die Grenze zu Belarus, eine EU-Außengrenze. Die bis vor kurzem regierende Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) ließ sie zur Festung ausbauen. Mit einem 5,5 Meter hohen Zaun, Stacheldraht, Drohnen und Überwachungskameras. Und mit tausenden Soldaten.

Der Grund? Ab Juli 2021 brachte das belarussische Regime gezielt Migrant:innen aus Nahost an die Grenze, um Polen und die EU unter Druck zu setzen. Polens damalige nationalkonservative Regierung spielte das zynische Spiel mit. Und so konnten die gezielt zur Grenze verbrachten Menschen weder vor noch zurück, wurden immer wieder von einer auf die andere Seite getrieben. Immer wieder versuchten sie die Flucht nach Polen, wo sie in den meisten Fällen aber statt eines Asylverfahrens ein prompter Pushback erwartete.

Volle Härte gegen Flüchtlinge

In der Hochphase der Krise, von September 2021 bis Juli 2022, ließ die polnische Regierung den Ausnahmezustand verhängen. Journalist:innen und Hilfsorganisationen mussten mehrere Kilometer Abstand zur Grenze halten, sodass Grenzschützer:innen unbeobachtet und mit aller Härte vorgehen konnten. Heimlich gemachte Videos aus dieser Zeit zeigen Geflüchtete als bloße Verschubmasse, eingepfercht auf einem schmalen Streifen im Niemandsland zwischen den beiden Ländern. Pushbacks in beide Richtungen waren an der Tagesordnung. Vor allem aus dieser Zeit stammen die mindestens 50 Toten und mehr als 300 Vermissten, die NGOs im Grenzgebiet dokumentierten.

„Zielona Granica“ (deutsch: Die grüne Grenze) zeichnet ein eindringliches Bild dieser Zeit. Das neue Werk der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“) erzählt die fiktive Fluchtgeschichte einer syrischen Familie, voller Hoffnung auf eine sichere Einreise nach Europa – eben nicht über das tödliche Mittelmeer. Die aber bald merken musste, dass sie vom belarussischen Regime getäuscht wurde, wie so viele andere auch.

In Kürze startet der Spielfilm, am Filmfestival von Venedig uraufgeführt und mit dem Spezialpreis der Jury prämiert, in der Schweiz. Darin bekommen jene eine Stimme, die sonst keine haben: die Betroffenen selbst. Der Film handelt aber auch von Aktivist:innen, die die Geflüchteten im nächtlichen Wald mit Kleidung, Medikamenten und Lebensmitteln versorgen, dabei aber selbst kriminalisiert werden. Von teilnahmslosen, Anwohner:innen und von solchen, die helfen. Und von Grenzschützer:innen, die mit ihrer eigenen Arbeit hadern.

Fiktiv und doch real

Protagonist:innen und die ineinander verschränkten Handlungsstränge des dokumentarisch anmutenden Films sind frei erfunden. Die Handlung dürfte der Realität aber sehr nahekommen. Die drei Kilometer breite Sperrzone, die die Regierung über Monate ausrief, habe die Recherche erschwert, sagt Holland: „Es ist unmöglich zu sagen, was genau in dieser Zeit am Zaun passiert ist.“ Sie behalf sich, indem sie intensive und zahlreiche Gespräche mit Geflüchteten, Grenzschützer:innen, Anwohner:innen und Lokaljournalist:innen führte. Auch mit Flüchtlingshelfer:innen von der Hilfsorganisation Grupa Granica, die bis heute im Grenzgebiet tätig ist, auf Abruf und 24 Stunden am Tag. Denn noch immer harren Geflüchtete in den Wäldern aus, wenn auch weniger als zum Höhepunkt der Krise. „Wir behandeln Menschen mit Verstauchungen, Brüchen und Hundebissen. Männer, Frauen und Kinder, die erschöpft und dehydriert sind oder schwere körperliche Verletzungen haben“, meldete Ärzte ohne Grenzen vor kurzem.

Die Brutalität der Grenzschützer, das Ausgeliefertsein in der ebenso brutalen Natur und die Hoffnungslosigkeit der Situation zeigt der Film in aller Deutlichkeit. Am Ende des Films kontrastieren Bilder von einer anderen Grenze, es ist die ukrainische, was die Polen wenige Monate später gezeigt haben: überwältigende Hilfsbereitschaft, Hunderttausenden Kriegsflüchtlingen gegenüber. Ein plakativer, dennoch starker Kontrast.

Regisseurin Holland wird zum Feindbild

Zielona Granica kam in einer sehr aufgeheizten Zeit in die polnischen Kinos, wenige Wochen vor der Parlamentswahl im Oktober. Schnell wurde er zum erfolgreichsten polnischen Film des Jahres, wiewohl er massiv angefeindet wurde. Regierungspolitiker und staatliche Medien attackierten Holland, beschimpften sie als „Verräterin“ und „Staatsfeind“. „Im Dritten Reich haben die Deutschen Propagandafilme gemacht, die Polen als Banditen und Mörder darstellten. Heute haben sie dafür Agnieszka Holland“, sagte etwa Ex-Justizminister Zbigniew Ziobro. Eine Anspielung darauf, dass ZDF und Arte den Film kofinanzierten.

Das Ausmaß des Gegenwinds erstaunte sogar Holland selbst, die diesbezüglich schon einiges gewohnt war. „Wir haben mit ihrem Zorn gerechnet. Sie haben Angst, weil sie wissen, dass wir die Wahrheit sagen.“ Tatsächlich war der PiS sehr daran gelegen, das Thema Migration im Wahlkampf möglichst groß zu spielen. Für rund 40 Prozent der Wähler:innen war laut einer repräsentativen Umfrage der Grenzzaun eines der wichtigsten Wahlkampfthemen – bei den Wählern der PiS gar 60 Prozent. Die massive Berichterstattung im Staatsfunk TVP trug dazu maßgeblich dazu bei, ebenso eine populistische und suggestiv formulierte Volksbefragung.

Die Angstmache nutzte der PiS am Ende nichts, jedenfalls nicht genug. Die Partei blieb zwar die stimmenstärkste, verlor aber acht Prozent und fand keinen Regierungspartner mehr. Nun regiert eine neue Koalition, angeführt von Donald Tusks liberal-konservativer Bürgerplattform (PO). Das strenge Grenzregime solle entschärft werden, kündigte die neue Regierung an. Konkreteres wurde noch nicht bekannt.

Regisseurin Holland selbst ist nicht optimistisch: „Ich mache mir keine Illusionen, dass sich grundlegend etwas ändern wird, nur weil statt Rechtsnationalen jetzt Liberalkonservative an der Macht sind“, sagte sie gegenüber EPD Film. Die Situation an der Grenze werde verdrängt, die EU spreche zwar von Menschenrechten, schaue aber weg. Die meisten Bürger hätten gar keine Ahnung, was sich dort im Urwald abspielt, so Holland. „Auch deswegen haben wir den Film gemacht.“