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1683 und das Märchen von der Rettung des Abendlandes

5 Min
WZ-Redakteur Michael Schmölzer blickt alle zwei Wochen zurück und zeigt auf, warum Historisches auch heute relevant ist.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Wiki Commons.

Die Ereignisse der Zweiten Türkenbelagerung Wiens werden bis heute politisch missbraucht und falsch dargestellt.


    • Die Belagerung Wiens 1683 wurde politisch instrumentalisiert und entspricht nicht dem Mythos der "Rettung des Abendlandes".
    • Viele Fürsten handelten aus Eigeninteresse, nicht aus christlichem Idealismus; finanzielle und machtpolitische Motive dominierten.
    • Das Ereignis wurde von Politikern wie Dominik Nepp und Heinz-Christian Strache populistisch und ausländerfeindlich genutzt.
    • 1683: Osmanische Armee (50.000–80.000 Soldaten) belagerte Wien
    • Polnischer König Sobieski führte das Entsatzheer an
    • Französische Diplomatie unterstützte die Osmanen gegen die Habsburger
    • Zahl 1683 gilt heute als rechtsextremes Erkennungszeichen
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

1683 rückte der osmanische Großwesir Kara Mustafa mit einer riesigen Armee an, um Wien zu erobern und dem Islam zum Sieg über die „Ungläubigen“ zu verhelfen. Der Stephansdom sollte eine Moschee werden, die Bewohner:innen Wiens waren knapp davor, von den gefürchteten Janitscharen niedergemetzelt zu werden. Die Türken belagerten wochenlang die Stadt und hätten sie fast erobert, wenn nicht ein vom polnischen König Sobieski geführtes, christliches Entsatzheer (Befreiungsheer) in letzter Sekunde die Hänge des Kahlenbergs hinuntergestürmt wäre und die Türken in die Flucht geschlagen hätte.

So lautet die Geschichte, wie sie im Bewusstsein der meisten Wiener:innen verankert ist. Eine Geschichte, in der Wien als Bollwerk gegen eine muslimische Übermacht hervortritt, die Wiener:innen tapfer den drohenden Untergang abwehren und zu guter Letzt das Abendland gerettet werden kann.

Die Story stimmt nicht. Das Problem ist aber, dass das Ereignis in den letzten mehr als 300 Jahren wie kaum ein anderes politisch instrumentalisiert und verfälscht wurde. Das begann bei Kaiser Leopold I., dem damals amtierenden Habsburger, der aus Gründen der persönlichen Ehre verschiedene unangenehme Tatsachen nicht verbreitet wissen wollte. Und endet bei der heutigen FPÖ und den rechtsextremen Identitären, die das historisches Ereignis im populistisch-ausländerfeindlichen Sinn umdeuten.

Europäisches Machtspiel

In den letzten Jahrzehnten haben sich kritische Geister wie der Autor Stephan Vajda in seinem Buch „Die Belagerung“ daran gemacht, den Mythos, der das Jahr 1683 umgibt, zu dekonstruieren. Mit Erfolg.

So ging es damals gar nicht um die Rettung des Abendlandes. Vielmehr wollten die Franzosen unter ihrem berühmten Sonnenkönig Ludwig XIV. die Habsburger-Vorherrschaft in Mitteleuropa brechen; der absolutistische Monarch versuchte, seinen Gegenspieler in die Zange zu nehmen. Von Westen her sollte die französische Armee bereit stehen, während von Osten die osmanischen Heerscharen aufmarschierten. Die Franzosen arbeiteten jahrelang mit viel Ausdauer und diplomatischem Geschick daran, die Türken gegen das gegnerische Habsburger-Imperium zu mobilisieren. Schließlich waren sie erfolgreich. Der unberechenbare, herrisch-eigensinnige Großwesir Kara Mustafa zog mit einer Armee von 50.000 bis 80.000 Berufssoldaten gegen den Kaiser los. Es ist kein Zufall, dass der Oberkommandeur der (schwachen) osmanischen Artillerie vor Wien ein zum Islam konvertierter Franzose war und die Belagerung nach französischen Militärplänen ablief. So startete 1683 das Abendland eine Attacke gegen das Abendland.

Kein christlicher Idealismus

Mit der Verteidigung des Christentums gegen den Islam vor den Toren Wiens war es auch nicht weit her. Die meisten Fürsten, die mit ihren Truppen das vom polnischen König Johann III. Sobieski geführte siegreiche Entsatzheer verstärkten, hatten ganz andere Motive. Sie waren entweder mit Frankreich verfeindet und wollten den Einfluss des selbstherrlichen Sonnenkönigs limitieren. Oder sie waren von persönlicher Profitgier getrieben, verlangten von Kaiser Leopold I., der in Passau saß und in einer verzweifelten Lage war, enorme Geldsummen und wollten erhebliche Gebietsabtretungen erreichen.

Der Salzburger Erzbischof Maximilian Gandolf Graf von Kuenburg war einer der wenigen, denen es tatsächlich darum ging, die „Gottlosen“ zu bekämpfen. Er stellte jedoch lediglich ein bescheidenes Kontingent von 1.000 Soldaten. Der mächtige Fürstprimas von Ungarn hingegen, ein gewisser György Szelepcsenyi, Erzbischof von Esztergom, versagte moralisch als Verteidiger der Christenheit komplett: Er hatte die Ehre, den teuren Abwehrkampf der Wiener zu finanzieren. Allerdings nicht freiwillig. Szelepcsenyi versteckte sein riesiges Vermögen in Wien, wo es ein Bischof namens Leopold Graf Kollonitsch aufstöberte, beschlagnahmte und den Verteidigern zur Verfügung stellte. Mit den Geldmitteln, die ursprünglich in der Stadtkassa waren, hätte Wien den teuren Kampf keine zwei Wochen führen können.

Szelepcsenyi, der sich bei Herannahen der Osmanen in Richtung Westen abgesetzt hatte, wollte, vor vollendete Tatsachen gestellt, seine Rolle als Schlüsselfigur im Kampf gegen den Islam nicht annehmen. Er war nicht stolz, einen entscheidenden Beitrag zur Abwehr der osmanischen Gefahr geleistet zu haben. Ganz im Gegenteil. Nachdem die Osmanen besiegt waren, fühlte er sich beraubt, spie Gift und Galle und verlangte vom Kaiser, von Wien und von Kollonitsch eine Rückerstattung seines Vermögens, das er selbst gierig zusammengeraubt hatte.

Besser ein Sultan als ein Kaiser?

Zu alldem kommt, dass die Wiener nicht so heldenhaft und die Osmanen nicht so verhasst waren, wie es die herkömmliche Geschichtsschreibung glauben machen will. So gibt es deutliche Hinweise, dass die Bürger:innen der Stadt gegen Ende der Belagerung nicht mehr an ein Happy End glaubten und an der militärischen Führung unter Ernst Rüdiger Graf Starhemberg vorbei die Übergabe der Stadt an die Osmanen, also die Kapitulation, vorbereiteten. Das war unrühmlich und wurde später unter den Tisch gekehrt.

Die heranrückenden Osmanen waren bei den kaiserlichen Untertan:innen gefürchtet, oft zu Recht. Wenn sich eine Stadt nicht ergab und von den Angreifern gestürmt wurde, kam es zu regelrechten Massakern – wie etwa in Hainburg. Auf der anderen Seite hatte es für christlich-österreichische Bauern große Vorteile, sich dem Sultan gleich zu unterwerfen. Der ließ dann Gnade walten. Und die Osmanen kannten im Bereich der Landwirtschaft, anders als die Habsburger, keine Leibeigenschaft und keine Zwangsarbeit. Auch verlangten sie niedrigere Steuern und waren in politischen und religiösen Dingen tolerant. Daher kam es vor, dass erzkatholische Gemeinden in weiterer Umgebung Wiens schon lange vor Auftauchen der Osmanen Delegationen ausschickten und sich unter den Schutz des Sultans stellten. Das sind Episoden, an die man sich nach 1683 nur ungern erinnerte.

„Faschistische Janitscharen“ und andere Stilblüten

Das historische Ereignis von 1683 wurde später von den verschiedensten Politikern ausgenutzt und instrumentalisiert. Ein Urahn des Wiener Militärführers von 1683 etwa war 1933 Bundesführer der faschistischen Heimwehr. Er hieß exakt wie sein tapferer Vorfahre: Ernst Rüdiger von Starhemberg. Die Lehre aus der Belagerung lautete für ihn anno 1933, als das 250.Jubiläum gefeiert wurde, dass es zu allen Zeiten eine Organisation wie die Heimwehr brauche, die „unbeirrt durch parteipolitische Zänkereien hinter ihren Führern steht“. Die mit der Heimwehr verfeindeten Sozialdemokraten kaperten im Gedenkjahr 1933 ebenfalls die historischen Ereignisse und machten gegen „die faschistischen Janitscharen des Kapitalismus“ mobil.

Im Jahr 2020 postete der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp auf Instagram ein Bild, auf dem er ein Plakat in den Händen hält. Darauf steht geschrieben: „Egal ob 1529, 1683 oder 2020 – Wien darf nicht Istanbul werden!“ Unvergessen ist das „Türken-Comic“ der FPÖ aus dem Jahr 2010, das ebenfalls die Zweite Wiener Türkenbelagerung behandelt. In einer Schlüsselszene wird eine Figur in Ritterrüstung, die Parteichef Heinz-Christian Strache ähnlichsieht, dargestellt. Diese Figur fordert einen blonden Wiener Buben auf, den türkischen Angreifern – namentlich „Mustafa“ – mittels Steinschleuder eine „aufzubrennen“. Die Zahl 1683 gilt zudem heute – auch in Form von Tätowierungen – als Erkennungszeichen für rechtsextreme Gesinnung.

Beispiele, die zeigen, wie aus tatsächlichen historischen Ereignissen absurde Schlüsse gezogen werden. Und, dass das Märchen vom geretteten Abendland wohl noch länger sinnbefreit und wahllos als politische Munition verwendet werden wird.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Die Zweite Türkenbelagerung (auch Zweite Osmanische Belagerung) im Jahr 1683 war nach der Belagerung von 1529 der zweite erfolglose Versuch des Osmanischen Reichs, Wien zu erobern. Die Belagerung begann am 14. Juli und endete am 12. September mit dem Entsatz des polnischen Herres unter König Johann III. Sobieski.
  • Janitscharen waren vom 14. bis zum 19. Jahrhundert die Elite-Infanterie des Osmanischen Reiches und Leibgarde des Sultans. Die meist aus christlichen Familien zwangsrekrutierten Soldaten wurden zu loyalen Muslimen erzogen. Als disziplinierte Feuerwaffennutzer waren sie entscheidend für die osmanische Expansion.

Quellen

Das Thema in der WZ

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