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Das Millionengrab am Cobenzl

8 Min
Szene-Gastronom Bernhard Schlacher sollte das Cobenzl wieder zum Erfolg führen. Doch er scheiterte.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, Picturedesk

Die Stadt Wien baut das Schloss Cobenzl mit privaten Partnern zur pompösen Event-Location um. Dann springen Pächter und Investor ab. Nun muss die Stadt Millionen zahlen. Die Geschichte eines ewigen Misserfolgs.


Alle sind gekommen. Alle sind begeistert. Stadträtin Ulli Sima überschlägt sich vor Lob. Kollege Jürgen Czernohorszky stimmt ein. Bürgermeister Michael Ludwig schnippelt ein Band durch. Bernd Schlacher nippt am Weinglas. Der Gastro-Star ist zufrieden. Die Eröffnung seiner Weitsicht – einer pompösen Eventlocation am städtischen Wiener Cobenzl – läuft wie am Schnürchen. Dompfarrer Toni Faber gibt seinen Segen. Die Korken knallen. Die Gläser klirren. Es ist ein grauer Tag im Herbst 2022. Mit strahlenden Gesichtern genießen die Promis die Aussicht auf die wolkenbehangene Stadt.

18 Monate später ist das Strahlen aus den Gesichtern verschwunden. Die verantwortlichen Politiker:innen haben Sorgenfalten auf der Stirn. Kaum war das Eröffnungsfest verklungen, sprangen Schlacher und sein Investor ab. Sie haben den Bau des Luxus-Ensembles finanziert. Nun muss die Stadt das Geld zurückzahlen. Es geht um viele Millionen Euro.

Wie konnte es so weit kommen? Wieso scheitert ein so erfolgreicher Gastronom wie Bernd Schlacher an einem der schönsten Plätze der Stadt? War der verschwenderische Ausbau ein Fehler? Oder die Partnerschaft der Stadt mit einem privaten Investor? Die WZ und der Falter haben sich durch Pachtverträge, Ausschreibungen, Beschlüsse gearbeitet und mit einem Dutzend Beteiligten gesprochen, um Antworten zu finden.

Die Geschichte des Finanzdebakels beginnt mit einem Neustart. Es ist der 7. November 2019. Am Cobenzl klicken die Auslöser. Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) posiert mit Spaten vor einem Plakat. „Wir bauen für Sie das neue Café und Restaurant Schloss Cobenzl”, steht über dem Rendering des Architekturentwurfs. Der Spatenstich soll eine glänzende Zukunft einläuten.

Die schwere Vergangenheit ist vergessen: Über Jahre prozessierte die Stadt einen Vorpächter aus dem Schloss. Zu schmuddelig, zu verschlissen war ihr das altmodische – aber beliebte – Ausflugslokal. Jetzt kann sie das ein Hektar große Areal endlich umbauen. Dafür kooperiert die Stadtverwaltung mit privaten Geldgebern. Ein Public-Private-Partnership soll einen modernen Mix aus Event-Location und gehobener Ausflugs-Gastronomie auf den Cobenzl bringen – für die Wienerinnen und Wiener, wie die Verantwortlichen immer wieder betonen. Dass der Umbau die Wienerinnen und Wiener viele Millionen Euro kosten wird, ahnt beim Spatenstich noch niemand.

Der Mann, der das Geld bringen soll

Neben Sima lehnt auch Martin Rohla an einem Spaten. Rohla ist der Mann, der das Geld bringen soll. Er hat die Gastroketten Swing Kitchen und Habibi & Hawara aufgebaut. Zwei Jahre vor dem Spatenstich hat er den Zuschlag als Betreiber und Pächter von Schloss Cobenzl erhalten. Auch Frank Albert ist mit an Bord. Der deutsche Unternehmer hat die Immobilienfirma Supernova gegründet. Bekannt wurde Albert durch die Übernahme der bankrotten Heimwerkerkette Baumax. Im Vorjahr kaufte er die Möbelkette Kika/Leiner um kolportierte 350 Millionen Euro von Rene Benkos Signa. Albert wird ein gutes Gespür für lukrative Geschäfte nachgesagt. An der Weitsicht Cobenzl Immobilienentwicklungs GmbH ist er mit 30 Prozent beteiligt.

Den Unternehmern schwebt Großes vor: Hochzeitsparadies, Co-Working-Space, Hotel, Kulturbühne, Höhenstraßenmuseum, Restaurant. Klotzen statt kleckern. „Wir wollen den Wienern einen sehr vermissten Lieblingsort wiedergeben”, sagt Rohla vor Journalist:innen. Ambitionierte Pläne.

Sie platzen ein Jahr später. Rohla steigt aus. Die Corona-Pandemie durchkreuzt sein Geschäftsmodell. Der Business-Plan geht nicht auf. Hotel, Co-Working-Space, Kulturbühne werden verworfen. Die Stadt sucht händeringend einen neuen Pächter.

Hohes Risiko für Stadt

Und wird bei Bernd Schlacher fündig. Der zögert erst. „Die Stadt hat mich ein paarmal gefragt”, sagt er gegenüber WZ und Falter. Schlussendlich springt er kurzfristig ein. Auch Investor Albert glaubt noch an das Projekt und bleibt. Schlacher gilt als erfahrener, vor allem aber erfolgreicher Gastronom. Zu seinem Unternehmen Motto Group gehören das „Motto am Fluss“ am Donaukanal und das „Hotel Motto“ auf der Mariahilfer Straße. In seiner Bäckerei verkauft er „Motto Brot“. Seine Cateringfirma ist exklusiver Partner der Hofburg. Was Schlacher angreift, funktioniert.

Eine Luftaufnahme vom Schloss Cobenzl.
20 Millionen Euro verschlang der Umbau des Cobenzl-Areals.
© Fotocredit: WZ

Im Wiener Rathaus atmet man auf. Endlich übernimmt ein Profi das Lokal. Schlacher soll den Karren aus dem Dreck ziehen. Am Cobenzl kehrt Ruhe ein. Die MA 49 (Forst- und Landwirtschaftsbetriebe), die das Areal verwaltet, bietet ihm einen attraktiven Pachtvertrag – mit hohem Risiko für die öffentliche Hand. Der Gastronom sollte die Pacht ursprünglich für 30 Jahre bekommen, als Sicherheit für die getätigten Investitionen. Die Stadt verzichtete sogar auf ihr ordentliches Kündigungsrecht bis Ende 2051. Sollte der Vertrag dennoch früher enden, muss die Stadt Schlacher die Investitionskosten ersetzen. Doch noch sind alle guter Dinge.

Im November 2022 eröffnet Schlachers Weitsicht Cobenzl. Rathaus-Prominenz pilgert zum Cobenzl. Kellner servieren Weißwein. Glückliche Stadträte und ein glücklicher Bürgermeister blicken in Fernsehkameras. „Es ist großartig geworden", sagt Michael Ludwig.

Kritik an kostspieligem Projekt

Im Schloss wurde edles Parkett verlegt, Kronleuchter erhellen den Kuppelsaal. Hinter imposanter Glasfassade geben sich die Wohlhabenden das Ja-Wort. Sechs Veranstaltungsräume in drei Gebäuden und ein Restaurant für insgesamt über 1.000 Gäste bietet die Weitsicht. Sie spielt alle Stücke. Der Entwurf stammt vom Wiener Architekturbüro Mostlikely Architecture und seinem Berliner Partner Realarchitektur. Mostlikely gewann auch die Wettbewerbe für die Umgestaltung der Sunken City auf der Donauinsel und der neuen Markthalle am Naschmarkt – beide waren, wie auch der Umbau am Cobenzl, im politischen Verantwortungsbereich von Stadträtin Sima.

Wir haben mit Architekten über die Pläne gesprochen. Viele sehen sie kritisch. „Die Grundlage des Architekturwettbewerbs war übertrieben. Man wollte, dass dort unter anderem eine Tiefgarage errichtet wird, damit immer vier Veranstaltungen parallel laufen können, dass mehrere hundert Menschen nebeneinander feiern“, sagt Architekt Lukas Groh, der mit einem Partner auch einen Entwurf einreichte. Doch die Tiefgarage wurde nie gebaut.

„Das Rondell ist ein zu aufwendiges Projekt und zu protzig geworden“, sagt die Architektin Judith Eiblmayr, die Teil der Ausschreibungs-Jury war. „Die Betreiber haben auf Nobel-Gastronomie gemacht. Doch man muss jeden hereinlassen, auch wenn man in Wanderschuhen daherkommt.“ Schicke Architektur, die auf ein Upgrading der Gäste abzielt, sei nicht demokratisch.

Das Rondell ist ein zu aufwendiges Projekt und zu protzig geworden.
Architektin Judith Eiblmayr

Schicke Architektur braucht ein gut betuchtes Publikum, um ihre Baukosten reinzuspielen. 20 Millionen kostet das neue Ensemble. Zahlen wollen es die privaten Partner. Eine der treibenden Kräfte hinter dem Public-Private-Partnership ist Andreas Januskovecz. Als Forstdirektor und Leiter der MA 49 ist er für die Pachtverträge am Cobenzl verantwortlich. Januskovecz sitzt in der Jury des Wettbewerbs. Er spricht sich von Beginn an für eine Modernisierung aus – ohne die öffentliche Hand zu belasten. „Die Stadt wird dort nicht investieren“, sagt Januskovecz 2017 zum Falter.

Doch es kommt anders. Die Stadt muss schon bald Geld zuschießen. 2019 sichert sie vertraglich zu, 1,8 Millionen Euro beizusteuern. Im August 2020 erhöht sie ihr Investment nochmals um 2,5 Millionen Euro. WZ und Falter liegen die beiden Beschlüsse des Wiener Gemeinderates vor. Sie wurden einstimmig angenommen. Insgesamt kommen also 4,3 Millionen von den Steuerzahlern. Dabei sollte es bei weitem nicht bleiben.

Die Stadt muss Millionen überweisen

Denn das Worst-Case-Szenario tritt ein. Schlacher und Albert kündigen den Pachtvertrag nur fünf Monate nach der Eröffnung; ein Jahr später – im heurigen Februar – sperrt die Weitsicht zu. Das Lokal war nicht rentabel. „Wenn bei einem so hohen Investment die Zinsen von zwei auf 5,5 Prozent steigen, kann man in der Gastronomie nichts verdienen”, sagt Schlacher zu WZ und Falter. Zu wenige Wiener:innen kamen für einen Aperol Spritz um sieben Euro den Berg herauf. Bezahlen werden sie trotzdem.

Schlacher und Albert wollen ihr Geld zurück – die restlichen 16 Millionen Euro. Sie stehen ihnen – laut Pachtvertrag – zu. Wie viel die Stadt tatsächlich überweisen muss, klärt derzeit ein Sachverständiger. Das Gutachten ist noch nicht fertig, heißt es von der zuständigen MA 49.

Schlacher und sein Investor rechnen mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag. „Den Betrag, den wir für unsere Investitionen zurückbekommen, haben wir noch nicht festgelegt – es wird aber nüchtern betrachtet der Betrag sein, den wir investiert haben, abzüglich der Abschreibung”, sagt Jürgen Unger, Geschäftsführer der Weitsicht Cobenzl Immobilienentwicklungs GmbH zu WZ und Falter.

Systemgastronomie soll den Cobenzl retten

Das Public-Private-Partnership war keine Lösung für den Cobenzl. Es hinterließ ein Luxus-Ensemble auf öffentlichem Grund – einen protzigen Investorentraum, von Steuerzahler:innen finanziert. Stadträtin Sima hat aus dem Desaster gelernt. Zuletzt gab sie sich kritisch gegenüber Kooperationen mit privaten Investoren.

Seit drei Wochen hat der Cobenzl seine Tore wieder geöffnet. Still und leise übernahm die DoN Group das Architekturjuwel. Das größte private Catering-Unternehmen des Landes bewirtet die Fahrgäste der ÖBB, sitzt in Flughäfen und Bahnhöfen, managt die Franchise-Kette Vapiano. An den Investitionen für den Neubau beteiligt sich die Firma nicht. Wie hoch die Pacht ist, will uns weder die DoN Group noch die Stadt sagen. „Wir haben Stillschweigen vereinbart“, sagt Forstdirektor Januskovecz.

Ob die DoN Group den Wiener:innen den Cobenzl schmackhaft machen kann? „Die Nachfrage ist enorm, über 150 Buchungsanfragen sind seit der Wiedereröffnung bei uns eingegangen”, sagt eine Sprecherin der Gruppe. Rauschendes Promi-Fest gab es diesmal keines. Eine dünne Aussendung ging an die Medien. Als wäre der Stadt der Verschleiß ihrer Pächter:innen peinlich.


Infos und Quellen

Diese Geschichte hat die WZ gemeinsam mit dem Falter recherchiert. Den Bericht von Soraya Pechtl lesen findest du hier.

Genese

Das Lokal und Areal am Wiener Cobenzl gehören seit über hundert Jahren der Stadt – und damit all ihren Bürger:innen. In den vergangenen Jahrzehnten war es immer wieder in den Medien. Es ging um Verwahrlosung, Rechtsstreitigkeiten, Pächterwechsel. Zuletzt poppte die Meldung auf, dass die öffentliche Hand privaten Investoren viele Millionen zurückzahlen muss. WZ und Falter wollten den Fall noch einmal rekonstruieren. Schließlich geht es um das Geld von uns allen.

Gesprächspartner:innen

  • Martin Rohla, Geschäftsführer Goodshares GmbH

  • Jürgen Unger, Geschäftsführer Weitsicht Cobenzl Immobilienentwicklungs GmbH

  • Bernhard Schlacher, Geschäftsführer Motto Holding GmbH

  • Martin Ruzicka und Georg Demmer, Zwischennutzung „Luftschloss Cobenzl“

  • Büro von Jürgen Czernohorszky, Amtsführender Stadtrat für Klima, Umwelt, Demokratie und Personal

  • Stadt Wien: Klima, Forst- und Landwirtschaftsbetrieb MA 49

  • Andreas Januskovecz, Forstdirektor, Leiter MA 49

  • Angelika Leitner-Suritsch, Marketing DoN Group

  • Judith Eiblmayr, Architektin, Mitglied der Preisjury

  • Stadt Wien, MA 21B Stadtteilplanung und Flächenwidmung

  • Daniel Resch (ÖVP), Bezirksvorsteher Döbling

  • Gerhard Hertenberger, Initiative Denkmalschutz

  • Lukas Groh, Groh Wagner Architekten

  • Gastronom:innen in Wien

Daten und Fakten

Cobenzl-Chronologie

  • Ursprünglich gehörte das Areal am Reisenberg den Jesuiten, die hier eine Villa besaßen.

  • 1776 wurde das einstige Schloss Cobenzl von Johann Philipp Graf Cobenzl rund 500 Meter weiter oberhalb des jetzigen Cobenzl-Ensembles erbaut.

  • Die Allgemeine Holländisch-Österreichische Baugesellschaft ließ das Schloss 1869-1899 zu einem Schlosshotel umbauen. Es wurde 1966 abgerissen.

  • Die Stadt Wien unter Bürgermeister Karl Lueger kaufte 1907 das Areal – in etwa so groß wie der heutige Bezirk Mariahilf – , in deren Eigentum es bis heute ist.

  • 1910 verpachtete die Stadt das Cobenzl an Julius Kühn und Ludwig Täuber, die einen Cafe-Pavillon und eine Gastwirtschaft errichteten.

  • 1934 wurde der Bau der Höhenstraße beschlossen. Die ersten Busse verkehrten zum Cobenzl und es wurde zu einem beliebten Naherholungsziel für die Wiener:innen. Das Schloss wurde modernisiert und die Familie Hübner übernahm das Lokal.

  • Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schlosshotel verwüstet und 1945 als Flüchtlingslager verwendet.

  • In den 1950er-Jahren wurde das bis heute bekannte Rondell-Café gebaut. Es war bis 2017 in Betrieb.

  • 1972 endete die Pächterschaft der Hübners und das Schloss stand leer und verwahrloste.

  • 1980 brannte der südliche Trakt des Restaurants ab.

  • 1982 wurde das Cobenzl von Olaf Auer übernommen. Er errichtete ein kleines Schloss an der Stelle des abgebrannten Traktes und eröffnete das „Auer Schloss Restaurant Cobenzl“.

  • 2012 kündigte die Stadt den Pachtvertrag mit Auer auf. Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) wollte das „in die Jahre gekommene Restaurant“ renovieren.

  • Am 14. März 2017 wurde das Gelände zwangsgeräumt. Auer betrieb das Schloss 37 Jahre.

  • Vom Frühjahr 2017 bis Herbst 2018 war die Agentur Luftschloss Cobenzl Zwischenpächter der Liegenschaft. Sie betrieben das Café und machten Veranstaltungen im Schloss.

  • Im November 2017 wurde öffentlich, dass der Unternehmer Martin Rohla neuer Pächter und Betreiber des Cobenzl wird. Er hätte das Gebäude ab Sommer 2020 nach einer Renovierung übernehmen sollen.

  • Im September 2019 genehmigt der Gemeinderat Wien den Pachtvertrag mit der Weitsicht Cobenzl Immobilienentwicklungs Gmbh.

  • Im November 2019 erfolgte der Spatenstich für die Renovierung.

  • Rohla stieg wegen Unsicherheiten aufgrund der Corona-Krise 2020 aus. Am 1. Dezember 2020 wurde der Gastronom Bernd Schlacher als neuer Pächter präsentiert.

  • Am 19. April 2021 war Baustart für das neue Projekt.

  • Im Herbst 2022 wurden in der „Weitsicht Cobenzl“ die ersten Gäste begrüßt.

  • Im Frühjahr 2023 kündigt Schlacher überraschend den Vertrag – wegen „schlechter wirtschaftlicher Lage und Inflation“.

  • 22. Dezember 2023: Die Pacht wird von der Stadt neu ausgeschrieben.

  • Am 27. März eröffnet das Cobenzl erneut: Neuer Pächter ist die DoN Group von Josef Donhauser, die unter anderem auch das Catering in den ÖBB-Zügen macht.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien