Zum Hauptinhalt springen

Das moralische Dilemma der Geiselbefreiung

5 Min
Eine Collage bestehend aus 2 Pfeilen die das Thema Geiselaustausch darstellen soll mit IDF Soldaten im Hintergrund.
Verhandlungen dürften erste Geiselfreilassungen im Gaza-Krieg ermöglichen. Israel zahlt dafür den Preis einer befristeten Waffenruhe und einer Freilassung palästinensischer Gefangener.
© Collage: WZ, Bildquelle: Unsplash

Gewaltsame Befreiungsaktionen riskieren das Leben der Geiseln. Verhandlungslösungen heben den Geiselnehmer auf Augenhöhe. Man kann es nur falsch machen. Eine Analyse. 


Jeder Geiselbefreiung, egal, auf welche Weise sie geschieht, geht ein moralisches Dilemma voraus: die Frage nach Verhandlungen oder dem Einsatz von Gewalt. Im konkreten Fall hat der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu einer Verhandlungslösung zugestimmt – einer, die ein Pokerspiel bleibt mit Menschenleben als Einsatz.

Die Fakten, soweit sie bisher vom Weißen Haus bekannt gegeben wurden: Insgesamt hat die Hamas bei ihrem Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 rund 240 Menschen verschleppt. Nachdem Israel zuerst auf der Freilassung aller Frauen und Kinder bestanden hatte, konnte offenbar von Ägypten, Katar und den USA ein Deal eingefädelt werden: Die Hamas lässt 30 Kinder, 8 Mütter sowie 12 ältere Frauen frei – im Austausch gegen 150 palästinensische Gefangene in Israel. Während des Austauschs kommt es zu einer viertägigen Waffenruhe, während der Israel medizinische und humanitäre Hilfe in den Gazastreifen im Umfang von 300 Lkw pro Tag passieren lässt; inkludiert ist dabei der dringend benötigte Treibstoff für die Versorgung der Aggregate der Krankenhäuser. 

Geiselfreilassung gegen Waffenruhe

Der Deal sieht außerdem vor, dass die Waffenruhe für jeweils weitere zehn freigelassene Geiseln um einen Tag verlängert wird. Netanjahu hat zugestimmt, dass Israel während der Waffenruhe keinerlei militärische Aktionen setzt, wohl aber weiterhin geheimdienstliche Erkundungen durchführen wird. Nach Ende der Waffenruhe, das hat Netanjahu ebenfalls bekräftigt, werde der Krieg, den er der Hamas erklärt hat, in unverminderter Härte fortgesetzt. 

Der Deal, so begrüßenswert er im Sinn der Rettung von Menschenleben ist, steht beispielhaft für die Probleme bei Geiselbefreiungen: Nichts zu unternehmen, ist keine Option; in diesem Fall wären die Geiseln mit ziemlicher Sicherheit tot. Zumindest ist davon auszugehen, dass so lang Geiseln getötet werden, bis eine Reaktion einsetzt, wie auch immer diese aussieht. 

Gewalt oder Verhandlung

Ohnedies hat Netanjahu die Befreiung der Geiseln als höchstes Ziel festgesetzt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, diesen Knoten zu lösen: entweder eine gewaltsame Befreiungsaktion oder eine Verhandlungslösung bzw. -teillösung. Versteht man den Krieg gegen die Hamas nicht zuletzt als gewaltsame Aktion zur Geiselbefreiung, so hat sich gezeigt, dass er bisher wenig zielführend war. 

Damit steht Netanjahu vor dem grundlegenden Problem, wie mit der weitestgehend international gültigen Doktrin umzugehen ist, dass man mit Geiselnehmern nicht verhandelt. Der Hintergrund dafür ist einerseits, dass Zugeständnisse zu weiteren Geiselnahmen ermutigen. Andererseits – und das ist im konkreten Fall noch wichtiger – gestattet man dem Gegner die Augenhöhe.

Eine Fortsetzung des Krieges ohne Verhandlungen über die Geiseln wäre einem Todesurteil für die Verschleppten gleichgekommen: Würden sie nicht militärischen Aktionen als sogenannte Kollateralschäden zum Opfer fallen, würde die Hamas zweifelsohne nicht zögern, sie als Teil eines letzten Fanals zu töten.

Sympathien gewinnen - Sympathien verspielen

Da in der Gegenwart alle Kriege auch medial stattfinden, hätten beide Seiten Schwierigkeiten bekommen, Sympathien zu gewinnen: Israel hätte der Wahrnehmung wenig entgegenzusetzen gehabt, gnadenlos zur Opferung der eigenen Bevölkerung bereit zu sein, Hauptsache, man könne möglichst viele Palästinenser:innen töten. Die Hamas wiederum schneidet, trotz der Gräueltaten des 7. Oktobers, mittlerweile wieder relativ gut ab, weil viele Menschen Israels strategisch wenig zielführende Flächenbombardements mit Tausenden zivilen Opfern als pure Racheaktion verstehen und instinktiv differenzieren: Zwar lehnen sie die Terrorakte der Hamas ab, ebenso jedoch einen Krieg, der in der Hauptsache Unschuldige trifft.

Mit einer Tötung der Geiseln allerdings hätte die Hamas den palästinensischen Interessen einen Bärendienst erwiesen, denn ihre westlichen Sympathisanten, die sich für eine Beendigung der misslichen Lage der Palästinenser:innen im Gazastreifen und im Westjordanland einsetzen, könnten auf Jahre bis Jahrzehnte hinaus einen solchen Mord an Geiseln kaum wegerklären.

Nur nicht die Hamas anerkennen!

Allerdings hätte eine Verhandlung Israels mit der Hamas eine indirekte Anerkennung der Hamas als Verhandlungspartner Israels bedeutet. Nun werden Netanyahu zwar inoffizielle Kontakte zur Hamas nachgesagt: Schließlich war er es, der die sich im Rahmen des Arabischen Frühlings bürgerlich gebende Hamas als Gegenentwurf zu den als links bis linksextrem wahrgenommenen Palästinenser-Organisationen PLO und Fatah stärkte; das böse Erwachen folgte am 8. Dezember 1987 mit der Ersten Intifada gegen die israelische Militärpräsenz im Gazastreifen. 

Da die Charta der Hamas allerdings nach wie vor die Vernichtung Israels beinhaltet, kann kein offizieller Vertreter Israels mit der Hamas verhandeln. Es war daher nicht nur ein kluger, sondern der einzig mögliche Schachzug, dass die Verhandlungen über ein Zusammenspiel Dritter laufen, wobei Ägypten und Katar als arabische Staaten die palästinensische und die USA die der israelischen Seite gewinnen konnten. Das ermöglichte es Netanjahu, in der Knesset erfolgreich für den Deal zu werben. 

Nur Sieger - vorerst...

Vorerst scheint der Deal nur Sieger zu kennen: Ägypten, Katar und die USA, die sich als Achse der Befreiung möglicherweise auch für zukünftige Verhandlungen über einen Palästinenserstaat in Stellung bringen konnten, wobei speziell der katarische Hauptverhandlungsführer Mohammed al-Khulaifi, Staatsminister im Außenministerium in Doha, eine entscheidende Rolle gespielt haben dürfte; der Hamas-Führer Jahia Sinwar, der aus einer Position der militärischen Unterlegenheit dem weit überlegenen israelischen Gegner Bedingungen diktieren konnte; und Benjamin Netanjahu, der bewiesen hat, dass die Rettung der Geiseln, ganz, wie er es verkündet hatte, tatsächlich sein höchstes Ziel ist, sogar um den Preis der bisher abgelehnten Waffenruhe und der Freilassung palästinensischer Gefangener. 

Doch so schön, wie sie unreflektiert klingt, ist die Sache nicht. Denn es stellt sich die Frage, wie es nach Ende der Waffenruhe weitergeht – und zwar gerade auch für die dann in der Gewalt der Hamas verbliebenen Geiseln. Dass nämlich die Hamas angesichts der Erklärung Israels, den Krieg in unverminderter Härte fortzusetzen, alle Geiseln freilässt, ist in höchstem Maß unwahrscheinlich. Ebenso stellt sich die Frage, ob nach einer Fortsetzung der Kampfhandlungen weitere Deals möglich sein werden.

Ein Anfang oder nur Wunschdenken?

So bleiben die wenigen Tage der Waffenruhe als Hoffnungsfunken auf einen Wendepunkt, zu dem freilich beide Seiten bereit sein müssten. Die Wahrscheinlichkeit dafür, so bitter das Eingeständnis fällt, ist gering. Dennoch hat al-Khulaifi in der FAZ dahingehende Hoffnungen geäußert. Nur Wunschdenken?

„Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“, ist eine talmudische Weisheit. Im Koran heißt es: „Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet.“ 

Moralische Entscheidungen sind mitunter am schmerzhaftesten. Vorerst bleiben vier Tage, um darüber nachzudenken.