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Das Risiko von Long Covid steigt mit jeder Infektion

7 Min
Eine Collage einer sich schnäuzenden Person.
Manchmal ist Covid nur ein Schnupfen − die langfristigen Folgen können aber fatal sein.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Immer mehr Studien legen nahe, dass das Immunsystem nicht immer besser mit dem Virus umgeht, sondern mehr Langzeitfolgen drohen, je öfter wir an Covid erkranken.


Mehrere Monate lang konnte sich Susi* oft nur schwer konzentrieren, E-Mails musste sie mehrmals durchlesen, weil sie beim Texten so viele Flüchtigkeitsfehler machte. Miriam* hat öfter einmal Aussetzer: Sie biegt beim Autofahren auf jahrzehntelang gewohnten Strecken plötzlich falsch ab, verwechselt Namen, sitzt vor dem Computer und kann sich nicht erinnern, wo die Dateien liegen, die sie erst vor wenigen Stunden abgespeichert hat. Manuel* ist kurzatmig, den Weg zu seiner Wohnung im ersten Stock schafft er plötzlich nur noch mit dem Lift, nach einer Runde mit dem Staubsauger durch die Wohnung muss er sich hinlegen, selbst kochen ist ihm manchmal zu anstrengend. Magda* hat seit Monaten nicht mehr durchgeschlafen, entsprechend müde kämpft sie sich durch den Tag.

Verschiedenste Symptome

Was alle vier gemeinsam haben: Sie hatten mindestens einmal Covid. Und ihre Beschwerden sind erst danach aufgetreten. Was ihnen zu schaffen macht, hat einen Namen: Long Covid, auch als post-acute sequelae of Covid-19 bekannt. Mehr als zweihundert verschiedene Symptome, die verschiedene Organsysteme betreffen, sind mittlerweile als Langzeitfolgen von Corona-Infektionen dokumentiert. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Thrombosen zählen ebenso dazu wie Diabetes, Kurzatmigkeit oder Erschöpfungszustände, chronischer Husten, Muskelschwäche oder -schmerzen, Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme, Schlafstörungen oder psychische Probleme wie Depressionen oder Panikattacken. Besonders herausfordernd ist das Krankheitsbild der myalgischen Enzephalomyelitis/chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) mit einer abnormalen Aktivität-Erholungsreaktion (PEM) zusätzlich zu den oben beschriebenen Symptomen. Auch das Risiko, an Parkinson zu erkranken, könnte durch Covid erhöht werden. Die Probleme können jahrelang anhalten, in einigen Fällen werden sie als lebenslang prognostiziert.

Weltweit, so eine aktuelle Schätzung, dürften mindestens 65 Millionen Menschen an Long Covid leiden, und täglich werden es mehr. Denn auch wenn mit Fortschreiten der Pandemie das individuelle Risiko von Langzeitfolgen mit jeder Variante offenbar gesunken ist – der Anteil der Patient:innen an allen Infizierten mit Long Covid also geringer wurde –, ist die absolute Zahl der Infektionen gestiegen. Bloß werden sie mit dem Wegfall des Testregimes nicht mehr erfasst.

Nicht auf die leichte Schulter nehmen

Eine der bisher größten Studien dazu mit 276.840 Teilnehmer:innen in England, von denen die Hälfte zwischen März 2020 und März 2022 zumindest einmal Covid hatte, kam zu dem Schluss, dass 10,2 Prozent mehr als einen Monat, 7,5 Prozent mehr als drei Monate (ab da spricht man von Long Covid) und 5,2 Prozent mehr als ein Jahr anhaltende Symptome hatten. Beim Corona-Wildtyp erfüllten noch mehr als 20 Prozent die Kriterien für Long Covid, bei Alpha waren es rund 15 Prozent, bei Delta knapp 10 Prozent und bei Omikron nur noch etwas mehr als 5 Prozent. Allerdings dürften sich insgesamt wesentlich mehr Menschen mit Omikron angesteckt haben.

Fatal ist dabei, was eine kanadische Studie zutage gefördert hat: Mit jeder Infektion steigt offenbar das Risiko von Langzeitschäden: Von jenen Befragten, die laut eigenen Angaben einmal erkrankt waren, litten rund 15 Prozent an Long Covid; unter jenen mit drei oder mehr Infektionen waren es schon fast 40 Prozent.

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Dass man Long Covid nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, zeigt eine Umfrage unter schottischen Mitarbeiter:innen des britischen Gesundheitsdienstes: 17 Prozent der Befragten mit Long Covid konnten nicht in die Arbeit zurückkehren; bei den anderen gab es gehäufte Krankenstände, viele taten sich schwer an ihrem Arbeitsplatz oder mit ihren Arbeitszeiten, und etwa ein Drittel überlegte, den Job aufzugeben. Zur eingeschränkten Lebensqualität kam auch noch psychische Belastung bei jenen, denen ihre Erkrankung nicht einmal von Ärzt:innen geglaubt wurde.

Kathryn Hoffmann, Leiterin der Abteilung für Primary Care Medicine der Med-Uni Wien und Expertin für Long Covid, warnt davor, dass durch eine Corona-Infektion das Immunsystem für eine gewisse Zeit geschwächt werden kann und mit jeder Infektion mögliche Organschäden kumulieren; der Körper ist also anfälliger für andere Erkrankungen. Dies deckt sich mit den Erkenntnissen von Ziyad Al-Aly. Der klinische Epidemiologe an der Washington University in St. Louis hat festgestellt, dass das Coronavirus mitunter der Tropfen ist, der bei bestimmten Vorerkrankungen oder einer Anfälligkeit für gewisse Krankheiten das Fass zum Überlaufen bringt. Je mehr Infektionen, desto eher treten auch andere Erkrankungen auf, wie Nierenprobleme, Magen-Darm-Störungen oder Diabetes. Insbesondere das Gehirn wird oft geschädigt.

„Durchseuchung“ wäre der völlig falsche Weg

Die These, dass der Körper eine Covid-Infektion brauche, damit das Immunsystem beim nächsten Mal besser mit dem Virus umgehen könne, kann Al-Aly nicht bestätigen. Im Gegenteil hat er Hinweise darauf gefunden, dass es durch die erste Infektion oft dermaßen beeinträchtigt wird, dass es die zweite noch schlechter wegsteckt. Eine bewusste „Durchseuchung“ – also eine mutwillige Ansteckung mit Corona – wäre demnach der völlig falsche Weg.

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Einer, der die Problematik von Long Covid aus erster Hand kennt, ist der Wiener Neurologe Michael Stingl. In seiner auf ME/CFS spezialisierten Ordination musste er bereits im Jänner 2023 wegen des massiven Andrangs einen Aufnahmestopp für neue Patient:innen in diesem Bereich ausrufen, weil er mit der Nachbetreuung kaum noch nachkam. In seinen zahlreichen Facebook- und Twitter-Beiträgen spricht Stingl unter anderem von einem „ME/CFS-Versorgungsdebakel, inklusive traditionellem Kompetenz-Pingpong“. Long Covid sei hier „ein Vergrößerungsglas für Versäumnisse der letzten Jahrzehnte“.

Selbst manche Ärzt:innen nehmen Long Covid nicht ernst

Für das heurige Jahr hat Stingl zwei große Wünsche: „Dass das angekündigte Referenzzentrum für ME/CFS mehr wird als eine Floskel. Und dass die Verantwortungsträger in der Gesundheitspolitik endlich Verantwortung tragen und die Versorgung für ME/CFS und Long Covid verbessern.“ Am Wissen darüber mangelt es vier Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie sicher nicht, stellte doch Gesundheitsminister Johannes Rauch erst vor kurzem fest: „Man kann einfach nicht sagen, es existiert kein Long Covid oder ME/CFS ist eine Erkrankung, die quasi nur eine psychosomatische ist. Da sind die Betroffenen zu Recht verärgert, fühlen sich nicht ernst genommen und allein gelassen. Das ernst zu nehmen und da die entsprechenden Schritte zu setzen, das tun wir.“ Allerdings wurden im vergangenen Jahr Spezialambulanzen für Long Covid wegen „geringer Nachfrage“ geschlossen, was zu heftiger Kritik geführt hat. Barbara Huemer, Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, rechnete vor, dass allein in Österreich „120.000 bis 240.000 Menschen unter Langzeitfolgen der Infektion leiden“.

Vor allem die Verharmlosung von Long Covid stößt Stingl sauer auf. „Das sind keine trivialen Erkrankungen, sondern stark beeinträchtigende Probleme, und es wäre an der Zeit, dass sie endlich einen Platz in der medizinischen Ausbildung bekommen. Wenn man weiß, dass ME/CFS in vielen Fällen mit einem Verlust der Arbeitsfähigkeit verbunden ist, kann man nicht verstehen, warum es für viele Betroffene schwer bis unmöglich ist, Sozialleistungen zu bekommen.“

Impfung und Medikament dürften auch vor Long Covid schützen

Was bisher kaum beleuchtet wurde, sind die Gefahren für Kinder und Jugendliche. Die meist milden Verläufe würden den Schluss nahelegen, dass das Risiko von Langzeitfolgen relativ gering sei. Doch auch hier kommt es unter anderem zu ME/CFS oder Atembeschwerden in Folge von Corona-Infektionen.

Hoffnung macht eine rückblickende Studie, bei der mehr als eine Million Kinder und Jugendliche untersucht wurden. Diese zeigt, dass die Covid-Impfung auch Kinder teilweise vor Langzeitfolgen schützt: Geimpfte unter 18 Jahren hatten eine um 42 Prozent reduzierte Wahrscheinlichkeit für diagnostiziertes Long Covid, berichtet eine Arbeitsgruppe um Hanieh Razzaghi vom Children’s Hospital of Philadelphia, die elektronische Gesundheitsdaten aus 41 Quellen ausgewertet hat; dabei hat das Team auch Symptome berücksichtigt, die nicht formal als Long Covid diagnostiziert wurden, aber darauf hindeuten könnten. Bei Erwachsenen ist der Schutz vor Langzeitfolgen durch die Impfung schon länger belegt, auch wenn noch umstritten ist, in welchem Ausmaß. Ebenso umstritten ist, inwieweit das Covid-Medikament Paxlovid langfristig wirkt. Hier legen mehrere Studien nahe, dass es zumindest bis zu einem gewissen Grad vor Long Covid schützen kann.

Nicht zu vergessen der wichtigste Schutz vor Long Covid: Dieser besteht darin, eine Corona-Infektion grundsätzlich zu vermeiden, durch Lufthygiene, Maske und andere präventive Maßnahmen.

* Die Namen wurden geändert.