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Den Krankenkassen gehen die Ärzt:innen aus

4 Min
Eine Collage bestehend aus Ordinations- und Krankenhausbildern.
Auf einen Kassenarzt oder eine Kassenärztin kommen immer mehr Patient:innen. Die Gründe dafür sind vielfältig.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

In Österreich sind 179 Kassenstellen für Allgemeinmedizin unbesetzt. Was läuft hier schief?


Die Menschenschlange verläuft zur Tür hinaus, den Gang entlang, die Treppe hinunter, bis zum Eingang des Gemeindebaus. Maria M. erhascht einen Blick ins Wartezimmer. Es ist gesteckt voll. Sie seufzt. Ihre zwei Kinder konnte sie bei der Nachbarin unterbringen. Ihr Hausarzt, ein paar Gassen weiter, ist in Pension gegangen. Die Praxis ist seither unbesetzt. Zwei Hausärzt:innen hat sie davor durchtelefoniert. Patient:innenaufnahmestopp hieß es dort. Jetzt steht sie an. Ihr Kopf pocht, ihr Hals schmerzt, einen Wahlarzt oder eine Wahlärztin kann sie sich nicht leisten. 

Kassenärzt:innen gibt es von Jahr zu Jahr weniger, Wahlärzt:innen dagegen mehr. Die Schere klafft immer weiter auseinander. Hatten in Wien im Jahr 2016 noch 16 Prozent aller Ärzt:innen einen Kassenvertrag, waren es im Vorjahr nur noch 14 Prozent. Auch in den anderen Bundesländern ist der Anteil an Ärzt:innen zurückgegangen. Am niedrigsten ist er bei den Hausärzt:innen in Wien. Dort stehen 712 Kassenärzt:innen 886 privaten Allgemeinmediziner:innen ohne Kassenvertrag gegenüber. Damit ist ein Arzt oder eine Ärztin für 2.600 Patient:innen zuständig. Das erklärt die Menschenschlange. Das müsste nicht so sein. 

Wie kann eine flächendeckende Hausarzt-Struktur auf Kasse gelingen? 

Die Regierung muss handeln. Das will sie auch. Am 22. November 2023 wurde „die größte Strukturreform seit Jahrzehnten“ im Nationalrat eingebracht. Mitte Dezember soll sie beschlossen werden. Die Regierung will mehr Geld in das Gesundheitssystem stecken. Der größte Brocken fließt in den Spitalsbereich, ein kleinerer – 300 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr – soll den niedergelassenen Bereich verbessern. Mehr Kassenstellen, mehr Primärversorgungszentren, mehr Gruppenpraxen, flexiblere Kassenverträge: Das sind die Eckpfeiler. Die Reform soll am 1. Jänner in Kraft treten. 

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Doch reicht das? Wird dadurch der Anteil an Kassenärzt:innen erhöht?

„Nein“, sagt Edgar Wutscher, ÖAK-Vizepräsident und Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte. „Natürlich muss eine flächendeckende Hausarzt-Struktur weiter gelingen“, sagt er, aber dafür müsse noch viel mehr getan werden, als Geld in das System zu pumpen. Den fehlenden Nachwuchs könne man mit Geld nicht wettmachen, sagt Allgemeinmediziner Richard Barta. Wir haben eine echte Mangelsituation. Wir finden keine Ärzt:innen.

Bessere Arbeitsbedingungen

Wutscher tritt für attraktivere Kassenverträge ein. „Die Medizin der Zukunft ist weiblich“, sagt er. Insofern brauche es gute Angebote für Ärztinnen, die etwa nur Teilzeit arbeiten wollen. Der früher weitgehend männliche Hausarzt, der rund um die Uhr und auch am Wochenende seine Patient:innen besucht hat, ist Geschichte. Das zeigt auch die Statistik. 

Die meisten männlichen Ärzte steuern auf die Pension zu. Die meisten Ärztinnen sind im Durchschnitt Mitte 40. Bei den Jüngeren unter 40 Jahren kommen mehr Ärztinnen als Ärzte nach.

Mehr Gesundheitszentren 

Für Gesundheitsexpertin Maria M. Hofmarcher muss das „partriarchale Versorgungsystem“ aufgebrochen werden. Österreich sei hier sehr konservativ. Die Arbeitsteilung der Berufe gehöre – so wie bereits in anderen Ländern üblich – modernisiert. „Eine öffentlich adäquate Gesundheitsversorgung ist keine Angelegenheit der Ärzte allein“, sagt sie. „Wir müssen endlich beginnen, andere Gesundheitsberufe mit Respekt zu behandeln, und für eine gute niederschwellige Versorgung vor allem für bedürftige Menschen sorgen.“ Dazu gehöre etwa die Physiotherapie, die Psychotherapie oder die Pflege. „Nicht jeder braucht immer einen Arzt, eine Ärztin.“ Die neuen Gesundheitszentren sind für die Ökonomin eine gute Möglichkeit, um aus der alten Arbeitsteilung zwischen den Gesundheitsberufen herauszukommen. 

Weniger Bürokratie 

Ein weiterer großer Brocken ist das Honorarsystem. Dieses muss laut ÖAK-Vize Wutscher weiterentwickelt werden. Immer weniger Erlöse bei steigender Leistung stünden für einen Hausarzt oder eine Hausärztin auf der Tagesordnung. Das sei kein Leistungsanreiz. Auch die Zeit für ein Patient:innengespräch sollte honoriert werden. Unser Leistungskatalog ist antik“, sagt Richard Barta, Kassen-Hausarzt in Salzburg. Ich bekomme für ein EKG mehr Geld als für das Gespräch mit meinen Patient:innen. Reden dient aber auch dazu, Krankheiten zu verhindern. Das Einsparungspotenzial ist hier groß. Dazu kommt die ausufernde Bürokratie im Kassenbereich. „Viele sagen dann ‚Das tu ich mir nicht mehr an’ und werden Wahlarzt“, sagt Wutscher. „Wahlärzte müssen sich nicht in das enge Korsett der ÖGK pressen.“

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Wahlarzt oder Wahlärztin scheint bislang unter den Ärzt:innen die bessere Wahl zu sein. Immerhin gibt es in ganz Österreich mehr Wahlärzt:innen als Kassenärzt:innen im niedergelassenen Bereich. Bekommt ein Kassen-Hausarzt oder eine Kassen-Hausärztin für einen Patient:innenbesuch 30 Euro, so erhält der Wahl-Hausarzt oder die Wahl-Hausärztin 100 Euro. Der Kassenarzt oder die Kassenärztin hat danach noch viel Bürokratie zu bewältigen. Der Wahlarzt oder die Wahlärztin nicht.

Es gibt aber auch gute Gründe, die für den Kassenarzt oder die Kassenärztin sprechen. Ärzt:innen, die sich für einen Kassenvertrag entschieden haben, sagen, dass die Tätigkeit für das Gemeinwohl und eine sichere Arbeitsstelle bei ihnen im Vordergrund stünden. „Der Kassenarzt geht nicht in Konkurs“, sagt eine Ärztin. „Den angehenden jungen Ärzt:innen ist es egal, ob Kassenarzt oder Wahlarzt“, erzählt Wutscher. „Sie wollen sich in erster Linie um ihre Patienten kümmern, genügend Zeit für sie haben und adäquat dafür bezahlt werden“, sagt er. 

Patientin Maria K. ist es nicht egal, ob Kassen- oder Wahlarzt oder -ärztin. Sie und ihre Kinder sind auf eine gute Versorgung auf Kasse angewiesen. Nach Stunden sitzt sie einem Hausarzt gegenüber. Nach fünf Minuten ist sie wieder draußen. Er untersuchte sie, stellte eine Diagnose – und ein Rezept aus. Für ein Gespräch hatte er keine Zeit.