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Depressionen: wie ein Tamagotchi

6 Min
10,6 % der Bevölkerung in Österreich haben schon einmal die Diagnose Depression erhalten.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Getty Images.

Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Laura erzählt, wie sie mit ihnen leben lernt.


An schlechten Tagen stellt Laura* sich vor, sie sei ein Tamagotchi, ein digitales Haustier, das Kinder der 1990er auf eiförmigen kleinen Geräten pflegten. Dann zeigen Herzen auf einem kleinen Computer an, welche Bedürfnisse sie hat: Hunger? Pieps – eine Mahlzeit muss her. Sauberkeit? Pieps – Zeit für eine Dusche. Müde? Pieps, pieps – ab ins Bett.

Lange tat Laura sich schwer damit, ihre Bedürfnisse zu erkennen. Heute ist das anders.

Die 31-Jährige ist Redakteurin bei einer Radiostation – und lebt mit wiederkehrenden Depressionen.

Game Over

Die erste Episode ihrer Depression traf Laura mit Anfang 20, mitten in einer Phase, in der eigentlich alles gut lief, wie sie sagt. Sie befand sich gerade im Studium, wohnte in einer WG, schrieb an einer wissenschaftlichen Arbeit, drehte einen Film – alles Dinge, die ihr Freude machten.

„Von einem Tag auf den anderen ging plötzlich gar nichts mehr“, erinnert sich Laura im Gespräch mit der Wiener Zeitung. „Ich lag in meinem Bett, sah ein Foto von meinem Papa und mir an, und dann war plötzlich Game Over.“

Laura weint damals unkontrolliert, sie hyperventiliert und hat den Eindruck, sich nicht mehr bewegen zu können. Jedes Mal, wenn sie ihren Arm heben möchte, jedes Mal, wenn sie einen Schritt machen möchte, scheint ihr Gehirn ihren Extremitäten gesonderte Befehle schicken zu müssen. Über Tage hinweg hält der Zustand an. Als ihr Mitbewohner in der Küche einen Witz erzählt, muss Laura plötzlich weinen. Fluchtartig verlässt sie das Zimmer, versteht selbst nicht, was in sie gefahren ist. Eine Mitbewohnerin hingegen scheint es besser zu verstehen: Sie bringt ihr Tee, legt sich neben sie ins Bett, massiert ihre Hand. Damit Laura wieder ins Tun kommt und in Gesellschaft ist, schlägt sie ihr vor, gemeinsam einen Salat zuzubereiten. Wie einem kleinen Kind erklärt sie ihr, wie sie die Paprika schneiden soll. Laura fühlt sich gesehen, unterstützt und verstanden. Nach einigen Tagen legt sich der Ausnahmezustand.

Fragt man Laura heute nach dem Auslöser der Episode, vermutet sie Überforderung: „Ich habe mich nach weniger Verantwortung gesehnt.“ Doch es dauert noch einige Jahre, bis sie in therapeutischer Behandlung weitere Erklärungen findet. „Die Not war noch nicht groß genug.“

Mit Mitte 20 zieht Laura für ihr Masterstudium in eine andere Stadt, die sie der Wiener Zeitung nicht nennen möchte. Laura fühlt sich einsam. In der fremden Stadt kennt sie niemanden, sie sehnt sich nach ihren Eltern. Die Depressionen kommen wieder. Laura findet eine Psychotherapeutin, die Behandlungskosten übernimmt die Krankenkasse. Bei ihrer neuen Therapeutin fühlt sich die Studentin verstanden. Laura erkennt zunehmend, wie das Zusammenleben mit ihren Eltern sie geprägt hat – der Vater viel abwesend, die Mutter oft überfordert, selbst häufig depressiv. Die Redakteurin lernt, dass man sich im Leben auf nichts verlassen kann. Das schürt viele Ängste.

Als die Corona-Pandemie Einzug hält, sehnt sich Laura nach Geborgenheit. Sie zieht zurück in ihre Heimatstadt.

Energie wird frei

Vor einem Jahr, mit 30 Jahren, gerade ein Volontariat absolviert und nun arbeitslos gemeldet, trifft Laura eine Entscheidung: Sie möchte die Zeit zwischen zwei Jobs nutzen und ihren immer wiederkehrenden Depressionen die Stirn bieten.

Sie startet einen Aufenthalt in einer psychoanalytischen Klinik. Drei Monate ist sie dort stationär untergebracht. Tagsüber macht sie Einzeltherapie und Gruppentherapie, Bewegungstherapie, Musiktherapie und Kunsttherapie … Die psychoanalytische Arbeit ist fordernd, aber wichtig: Sie zeigt Laura, dass sie selbst für ihr Leben verantwortlich ist. Im Zentrum steht die Frage, wohin ihre Energie eigentlich fließt. Irgendwie, das erzählt sie, hat sie nämlich immer das Gefühl, weniger davon zur Verfügung zu haben als alle anderen. „Ich muss immer voll aufpassen, dass mir die Luft nicht ausgeht.“

Die Antwort auf das Rätsel findet Laura in ihren Ängsten: Weil sie stets fürchtet, Beziehungen könnten bei Belastung wegbrechen, vermeidet Laura alle zwischenmenschlichen Konflikte. Das lernt sie in der Gruppentherapie: „Da musste ich ein paar Mal in die direkte Konfrontation. Da habe ich meine Angst richtig gespürt: ‚Ich sterbe jetzt‘”, dachte sie da, nur um wenige Augenblicke später zu lernen: „Nein. Ich lebe noch.”

Als Laura beginnt, Konflikten ins Auge zu sehen, wundert sie sich über all die Energie, die sie plötzlich hat.

Verantwortung übernehmen

Noch etwas bringt Laura aus der Klinik mit: Das Wissen darum, aus mehreren Anteilen zu bestehen. Da ist der Teenager-Anteil, der einfach mal „auf gar nichts Bock“ hat und „einfach chillen“ will. Es gibt den kindlichen Anteil, der sich überfordert fühlt und am liebsten möchte, dass „Mama oder Papa“ kommen und alles regeln. Und es gibt den erwachsenen Anteil, der die Verantwortung übernimmt – etwas, was Laura lange nicht sehen wollte. „Früher war es für mich eine schmerzhafte Erfahrung, für mich selbst erwachsen sein zu müssen. Jetzt ist es leichter, richtig gut zu mir zu sein, mir selbst zu geben, was ich brauche.”

Doch um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, muss Laura sie erst einmal kennen. Das zu schaffen, hat sie in der Klinik geübt: Vor allem das Malen von Bildern und Übungen, in denen schweigend Nähe und Distanz erprobt wurden, haben ihr geholfen. Erst neulich habe sie gehört, wie jemand in diesem Zusammenhang von einem Tamagotchi sprach. Wie auf dem kleinen Bildschirm müsse man nachschauen: Sind denn alle Grundbedürfnisse erfüllt?

Heute sorgt Lauras erwachsener Anteil meist dafür, dass das so ist: die regelmäßigen Mahlzeiten, der notwendige Schlaf. Und er sorgt für die zwei essenziellen Dinge, die sie täglich braucht: einmal täglich spazieren gehen und mit zumindest einem echten Menschen sprechen. Das ist Lauras Tamagotchi-Prinzip: Ist einmal die Grundversorgung erfüllt, geht es ihr besser. Dann entsteht auch Raum, sich anderen Bedürfnissen zuzuwenden.

*Name geändert


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

Depressionen zählen weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Daten der österreichischen Gesundheitsbefragung (ATHIS) der Statistik Austria zeigen, dass 10,6 % der Bevölkerung in Österreich schon einmal die Diagnose Depression erhalten haben. Die Kernsymptome umfassen eine anhaltend gedrückte Stimmung, den Verlust von Interessen und Freude sowie eine Verminderung des Antriebs. Begleitend treten häufig körperliche Anzeichen wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten auf. Bei vielen Betroffenen tritt die Erkrankung in wiederkehrenden Phasen auf (rezidivierende depressive Störung), so die WHO.

Betroffene können sich in Wien unter anderem an folgende Anlaufstellen wenden:

  • Sozialpsychiatrischer Notdienst der Psychosozialen Dienste Wien: rund um die Uhr erreichbar unter 01 31330
  • Telefonseelsorge: rund um die Uhr österreichweit erreichbar unter 142
  • Sorgenhotline der Psychosozialen Dienste Wien: täglich von 08:00 und 20:00 Uhr erreichbar unter (+43) 1 4000 5 3000
  • Notfall­psycho­logischer Dienst Österreich: montags bis freitags zwischen 09:00 und 17:00 erreichbar unter 0699 18855400
  • Ambulanzen der psychiatrischen Krankenhäuser: Zuständig für Diagnostik, Behandlung und tagesklinische Angebote bei schweren Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen (z. B. AKH Wien, Klinik Hietzing).
  • Hausärzt:innen (Allgemeinmediziner:innen): dienen als erste Anlaufstelle zur Abklärung körperlicher Ursachen und zur Überweisung zu Fachärzt:innen (Psychiater:innen) oder Therapeut:innen.
  • Psychotherapeut:innensuche: Für die Vermittlung von Therapieplätzen können die psychotherapeutischen Ambulanzen der Krankenkassen oder der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) online kontaktiert werden.

Quellen

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