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Der Beruf prägt dich. Zum Glück.

10 Min
Beruf und Persönlichkeit - Aufmacher
© Bildquelle: Midjourney

Work-Life-Balance ist nicht alles im Leben. Wie die Berufstätigkeit die Persönlichkeit prägt.


Eine Rede halten? Bitte nicht! Schon in der Schule war sie bei Präsentationen nervös. Andere überzeugen? Schwierig. Immer, wenn sie ihre Gedanken vor mehr als zwei Personen darlegen wollte, sprach sie hastig und verlor den roten Faden.

So blickt Meli auf sich selbst zurück. Heute zieht die 28-Jährige bei einer Unternehmensberatung mit Sitz in Wien lukrative Projekte an Land. Besonders das Sprechtraining, das ihr die Firma ermöglicht hatte, sei tough gewesen. Doch irgendwann habe sie ihre Scheu vor dem Auftritt vor Publikum überwinden müssen, „weil ich mein erstes Projekt zu präsentieren hatte. Daran hat kein Weg vorbeigeführt”, sagt Meli zur WZ. Nach wie vor bereite sie sich gewissenhaft auf ihre Vorträge vor, „das hilft”, und Notizen auf kleinen Karten würden den roten Faden im Blick halten. „Ich habe mich schon verändert. Ich glaube, ich bin insgesamt mutiger geworden”, fasst die junge Frau zusammen.

Mehr Schneid, mehr Geduld, sich einem Team verpflichten: Berufstätigkeit ist mehr als nur ein Job. Tatsächlich würden Arbeitnehmer:innen von Tag eins an einem neuen Arbeitsplatz bis zum Zeitpunkt des Austritts aus dieser Organisation „dort eine ganz eigene Lebensweise mit Rhythmen, Belohnungssystemen, Beziehungen, Anforderungen und Potenzialen, denen sie sich verpflichten” erleben, analysieren John Van Maanen und Edgar H. Schein vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in einer Studie mit dem Titel „Toward a Theory of Organizational Socialization”, die als grundlegendes Werk im Fachgebiet Organisationspsychologie gilt. Freilich hätten Organisationen unterschiedliche Stile, mit denen sie ihr Wertesystem vermitteln, von kaum merklich bis dramatisch. Somit bestünde Erfolg im Job auch im Verstehen von Zwischentönen. Doch „die Sozialwissenschaften kennen keine Arbeitssituation, die die Mitarbeiter gänzlich unbeeindruckt lässt”, schreiben Van Maanen and Schein.

Auch „Dienst nach Vorschrift" prägt den Charakter

Selbst wer im Job eine ruhige Kugel schieben will, mache bestimmte Erfahrungen – in diesem Fall die von Dienst nach Vorschrift, die sich zum Beispiel von engagierter Kreativität unterscheide. Unter „organisationeller Sozialisierung” verstehen die Wissenschafter die Rolle, die man lernt zu übernehmen, um dem Job gerecht zu werden, egal, ob dieser von schnell aufeinanderfolgenden Aktivitäten mit viel Eigenverantwortung, intensiver Vorbereitung mit Ausbildungsphasen, einer Lehrlingszeit oder ausführenden, repetitiven Tätigkeiten geprägt ist. „Wenn man die Idee des lebenslangen Lernens ernst nimmt, kann die gesamte Karriere eines Menschen als Sozialisierungsprozess charakterisiert werden”, heißt es bei Van Maanen and Schein.

Es besteht also kein Zweifel: Der Beruf prägt die Persönlichkeit. Das geht so weit, dass etwa im Arztberuf ganz klare Werte und Haltungen vermittelt werden, die laut dem Hippokratischen Eid mit dieser Berufung einherzugehen haben. Schon in der Ausbildung bekommen Medizin-Student:innen vermittelt, mit welchem Selbstverständnis sie ihrer Arbeit nachzugehen haben, berichtet die kanadische Medizinforscherin Heather Frost von der kanadischen University of British Columbia.

In der Arbeit sind die Aufgaben eindeutiger definiert als im Privatleben.
Eva Asselmann

Persönlichkeit und Charakter beziehen sich auf die Art und Weise, wie wir mit Herausforderungen, Möglichkeiten, Risiken und Chancen des Lebens umgehen, sowie auf die Wertehaltungen, die wir haben und an den Tag legen. Wie stark der Beruf die Persönlichkeitsbildung beeinflussen kann, hat auch die deutsche Psychologin Jule Specht untersucht. Demnach kann die Arbeit uns sogar intensiver prägen als familiäre Ereignisse. „Viele Eltern sagen, dass die Geburt eines Kindes ihr Leben grundlegend verändert hat. Unsere Ergebnisse zeigen, dass aber die Persönlichkeit an sich durch die Geburt weniger stark reift als im Beruf”, erklärt die Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Wochenzeitung Die Zeit.

Eine These dazu ist, dass die Lebensphase der jungen Elternschaft sich in erster Linie um das Baby dreht und weniger um individuelles Befinden, Persönlichkeitsentwicklung oder gar Selbstverwirklichung. Eine zweite Theorie ist, dass das Großziehen eines Babys an Verantwortung, Fürsorge und Liebe gebunden ist, die eine andere Funktion im Leben haben als die Erwartungen, die in der Regel am Arbeitsplatz zu erfüllen sind. Schneide deinem Kunden auf eine Weise die Haare, dass er an seinem Aussehen Freude hat. Assistiere dem Zahnarzt. Verkaufe die Produkte der Firma nach Zentral- und Südosteuropa. Programmiere die neue Firmen-Website. Hilf im Sekretariat aus. Wickle die Lohnverrechnung ab. Bediene die Gäste unseres Restaurants auf höchstem Niveau. An konkret definierten Aufgaben können wir wachsen, zumal wir uns ausdenken müssen, wie wir sie am besten lösen – also ihnen entsprechen – können.

Pünktlich, fleißig, zuverlässig

Jule Specht und ihre Kollegin Eva Asselmann wollten wissen, ob und inwiefern Berufseinsteiger:innen sich verändern, wenn sie zu arbeiten beginnen. Hierfür werteten sie Informationen zu den „Big Five” aus. Dieses in der Psychologie wichtigste Modell, Persönlichkeitsunterschiede zu beschreiben und zu kategorisieren, kennt fünf grundlegende Merkmale, mit denen sich ein großer Anteil von Unterschieden zwischen Menschen beschreiben lässt: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität.

Die Big Five bzw. das Fünf-Faktoren Modell, ein Modell der Persönlichkeitspsychologie.
© Illustration: WZ

Für ihre Studie nutzen die Forscherinnen Daten aus dem Sozio-Oekonomischen Panel (SOEP) in Deutschland. Die Wiederholungsbefragung bei Personen aus Privathaushalten in unserem Nachbarland wird seit 1984 jährlich bei 20.000 bis 30.000 Menschen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass junge Erwachsene in den ersten Jahren nach dem Berufseinstieg im Schnitt etwas gewissenhafter, verträglicher und extravertierter wurden. Laut den Psychologinnen lässt sich der Befund dadurch erklären, dass einen die Arbeit häufig mit klaren Rollenanforderungen konfrontiert: So könnte die Anforderung, pünktlich, fleißig und zuverlässig zu sein, zu mehr Gewissenhaftigkeit beitragen. Oder wenn ein professionelles, freundliches und zuvorkommendes Verhalten gefragt sei, könnte dies der Verträglichkeit zugutekommen. Soziale Interaktionen am Arbeitsplatz, etwa Kundengespräche, Vorträge oder Diskussionen im Kollegenkreis, könnten wiederum zu extravertiertem Verhalten beitragen.

„Der Beruf kann die Persönlichkeit durchaus formen, weil wir viel Zeit in Situationen verbringen, in denen wir gewisse Verhaltensweisen an den Tag legen sollten”, sagt Eva Asselmann, Professorin für Differentielle Persönlichkeitspsychologie der Health and Medical University in Potsdam. „Bei der Arbeit sind die Aufgaben tendenziell eindeutiger definiert als im Privaten, man ist häufiger an Vorgaben gebunden. Abweichungen entsprechen nicht dem, was von Vorgesetzten erwartet wird.”

Pünktlich, fleißig, zuverlässig - und diszipliniert genug, um das alles zu bringen? Klingt nicht nach der Generation Z, zumindest nicht aus Sicht der Autorin dieser Zeilen. Sie hat als „Kind der 1980er” gelernt, viel für den Job zu geben und berufliche Chancen bestmöglich zu nutzen, in der Hoffnung, dass sich daraus weitere Gelegenheiten für sie ergeben würden.

Die Generation der zwischen 1995 und 2012 Geborenen ist da schon ein anderes Kaliber. „Erst das Vergnügen, dann die Arbeit“, „Lieber arbeitslos als unglücklich im Job“ oder „Gähneration Z: Träumen vom Mittagsschlaf“ lauten einige mediale Schlagzeilen zu den anspruchsvollen unter 29-Jährigen, die sich für den Job eben nicht auf die Schienen werfen würden.

Der Beruf muss zur Persönlichkeit passen, nicht umgekehrt.
Ranstad Work Monitor

Der Beruf muss zur Persönlichkeit passen, nicht umgekehrt, heißt es über die zwischen 1995 und 2012 Geborenen. „Die Sozialisierung innerhalb der Organisation wird von Generation Z aktiv abgelehnt. Sie sucht sich Arbeitgeber:innen, die ihren Werten entsprechen. Wo das nicht mehr der Fall ist, suchen sie sich einen neuen Job”, sagt Elvira Welzig, Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) in Wien und Master of Science im Fach Organisationspsychologie.

Diesen Befund bestätigt eine Ausgabe des Randstad Workmonitor (2022). Der in den Niederlanden gegründete Personaldienstleister hat 500 Personen unterschiedlichen Alters zu ihrer Lebenseinstellung befragt und herausgefunden, dass ein erfülltes Leben vor allem für Junge an erster Stelle steht. 40 Prozent der 18- bis 24-Jährigen und 38 Prozent der 25- bis 34-Jährigen sagten, sie wären lieber arbeitslos als unglücklich im Job. 41 respektive 40 Prozent gaben an, bereits einen Job gekündigt zu haben, weil er nicht zu ihrem Lebensstil gepasst hätte. 49 Prozent der jüngeren und 46 Prozent der älteren Gruppe gaben an, dass sie nicht für eine Organisation arbeiten würden, deren Werte nicht auf derselben Linie wie ihre eigenen seien. Fast genauso viele wollen keine Arbeitgeber, die kein diverses und inklusives Umfeld bieten.

Auf den richtigen Job kommt es an

Jedoch lassen sich die vielfältigen privaten Interessen der 20- bis 29-Jährigen keineswegs mit einer schlechten Arbeitsmoral gleichsetzen, berichten die Autor:innen der Umfrage. Zwar haben ein erfüllendes Arbeitsumfeld und Work-Life-Balance sowohl für Gen Z als auch die Millenials Priorität, aber für drei Viertel dieser beiden Gruppen ist die Arbeit ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Entscheidend ist allerdings für viele Junge, den richtigen Job zu haben, der ihren Vorstellungen entspricht. Somit stellt Gen Z den Arbeitsmarkt mit ihren klaren Bedingungen vor Herausforderungen.

Aber wachsen wir nicht gerade an den Herausforderungen, die an uns gestellt werden? Zumindest will Meli, die eingangs genannte Unternehmensberaterin, es so erlebt haben. Sie berichtet von einem Gefühl des persönlichen Wachstums, indem es ihr gelang, einer Aufgabe gerecht zu werden, die ihr keineswegs leicht von der Hand geht, wodurch sie das Gefühl habe, „mutiger” geworden zu sein, und damit ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erleben.

„Wir wachsen an Herausforderungen”

„Natürlich wachsen wir an Herausforderungen. Aber es ist fraglich, ob wir heute, im Zeitalter der Digitalisierung, des Klimawandels und der Künstlichen Intelligenz, noch an den denselben Herausforderungen wachsen können wie vor 20, 30 oder 40 Jahren”, sagt Mariam Amir-Ahmadi, Direktorin für den Bereich Leadership Culture bei den Unternehmensberatung Accenture. „Früher hätten Arbeitnehmer:innen sich nicht getraut, im Job offen auszusprechen, dass etwas anderes als die Arbeit auch noch wichtig ist. Die jetzige Generation tut das aber und räumt offen ein, dass sie auch an anderen Dingen wachsen will als am Beruf.”

Viele der Menschen, die zwischen 1995 und 2012 geboren wurden, wollen am liebsten nicht fünf, sondern nur drei oder vier Tage arbeiten. „Im Bereich der Wissenschaft lässt sich auch in 30 Stunden etwas absolut Sinnvolles machen, das als inhaltliche wie persönliche Weiterentwicklung erlebt wird”, weiß Welzig von der LBG, die auch ein Karriere-Center für den Nachwuchs in ihren Forschungsinstituten betreibt. Weniger Zeit in der Arbeit habe mit der Ernsthaftigkeit, mit der gearbeitet wird, nichts zu tun.

Abwägen und vergleichen statt starten

Wenn denn die Entscheidung für eine bestimmte Arbeit einmal getroffen ist. Gen Z ist damit aufgewachsen, praktisch alle Informationen im Internet zu finden. Influencer beim Schminken und Ankleiden, zum Thema Sport, Musikgeschmack oder Humor sind dauerhaft greifbar, ebenso wie Gesprächs- und Beratungsangebote, Psycho-Tests, Praktika und Weiterbildungen aller Art. Da lässt sich schon viel Zeit mit Abwägen und Vergleichen verbringen. Und irgendwann stellt sich bei 1.000 Optionen die Frage: Was tun?

Laut einer Studie des Rheingold-Instituts in Köln wird die Berufswahl von der Gen Z als große Richtungsentscheidung wahrgenommen. Unter-29-Jährige ahnen, wie zentral der Beruf für das eigene Leben ist. „Früher war es allerdings stärker akzeptiert, dass sich der Charakter in bestimmte Verhältnisse hinein entwickelt mit den Möglichkeiten, die man hatte. Hier oder da ging eine Tür auf, man freute sich über eine neue Möglichkeit und ging den Schritt in der Bereitschaft, abzuwarten, was sich tut, in dem Gedanken, dass, wenn man sich anstrengt, sich vielleicht noch andere Türen auftun würden”, sagt Sebastian Buggert vom Rheingold-Institut. „Der Beruf war ein Weg, den man gegangen ist. Heute will man alles durchzahnen, alles abwägen, weil man im Internet alles auf einmal sehen und sich erzählen lassen kann. Viele junge Menschen wollen nicht nur Traum-Jobs, sondern auch ein Traum-Leben finden, in dem alles gut zusammenpasst.”

Es ist eine politische Generation, der ein Engagement für eine größere Sache viel bringt.
Hannah, 29

Alles ein bisschen viel für Mensch und Arbeitgeber. Denn selten lässt sich im Vorhinein genau sagen, ob ein Baustein in einem idealen Gesamtgebäude tatsächlich passt. Persönlichkeitsentwicklung sei „ein psychologischer Prozess, in dem Idealvorstellungen gebrochen werden durch die Realität. Dieser Prozess setzt ein, wenn man ins Arbeiten kommt”, sagt Buggert. Im Tun entwickelt sich Haltung. Der Psychologe empfiehlt, zu entscheiden, einen Anfang zu wagen, etwas auszuprobieren und die Vorstellung an der Realität zu testen.

Auch ob die gewünschte Work-Life-Balance realistisch ist, zeigt erst die Praxis. Obwohl immer mehr Stellen auch als Teilzeitpositionen ausgeschrieben werden, können und wollen viele Menschen nach wie vor nicht auf höhere Einkommen aus einer Vollzeitbeschäftigung verzichten. Das zeigt eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Marketagent. Jede:r zweite Arbeitnehmer:in könne es sich nicht leisten, weniger zu arbeiten. Die Hälfte der Befragten gab an, mit einer Vollzeitbeschäftigung sicherstellen zu wollen, später eine ausreichend hohe Pension zu haben. Für die Studie wurden 1.025 erwerbsfähige Personen in Österreich befragt.

„Mein Job ist nicht mein ganzes Leben”

Arbeit hat verschiedene Komponenten und Facetten. „Eine Funktion ist natürlich, Geld zu verdienen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Eine wichtige andere Facette der Arbeit ist aber auch, dass sie dem Alltag Struktur verleiht und uns das Gefühl gibt, etwas Sinnstiftendes zu tun“, sagt Eva Asselmann. „Im Idealfall haben wir bei der Arbeit gewisse Aufgaben, Ambitionen und Ziele, die wir erreichen möchten, und darauf arbeiten wir hin.” Das Gefühl, etwas erreichen zu können, etwas Bedeutungsvolles zu tun und einen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten, könne uns Menschen ein Gefühl von Sinn geben. Und auch dadurch entwickelt sich die eigene Persönlichkeit.

„Mein Job gefällt mir gut, aber er ist nicht mein ganzes Leben. Ich mache ihn auch, um Geld zu verdienen. Und ich würde sagen, dass ich aus privaten Erfahrungen mehr für meine persönliche Entwicklung herausgezogen habe als aus dem Beruf”, sagt der 25-jährige Jan zur WZ. Die 29-jährige Hannah wiederum meint über sich und ihre Generation: „Viele junge Menschen, die etwa nur 25 Stunden arbeiten, sind sehr aktiv im Privatleben. Es ist eine politische Generation, der ein Engagement für eine größere Sache viel bringt. Sich für den Beruf zu opfern, lohnt sich nur, wenn man die Stelle nicht in zwei Jahren wieder verliert, etwa weil das Unternehmen Leute abbaut oder die Anforderungen sich geändert haben.”


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