Zum Hauptinhalt springen

Der Bürgerkrieg 1934 und wiederkehrende Alpträume 

10 Min
Eine Collage die den Zusammenstoß des Bundesheeres mit den Schutzbündlern visualisiert.
Ein politischer Riss, der ÖVP und SPÖ bis heute trennt: die Februarkämpfe 1934.
© Illustration: WZ, Bildquelle: APA Picturedesk

Hunderte Tote und die Zertrümmerung der Demokratie haben in Österreich vor allem auf Seiten der Sozialdemokratie ein Trauma hinterlassen.


Am 12. Februar 1934 gingen die zwei großen politischen Lager in Österreich mit Waffengewalt aufeinander los. Drei Tage tobte ein Bürgerkrieg. Es gab hunderte Tote. Ein Aufstand bewaffneter sozialdemokratischer Arbeiter:innen wurde von einer klerikalfaschistischen Regierung niedergeschlagen, die Demokratie der Ersten Republik war damit endgültig zerschlagen. Seither ist viel Zeit vergangen, der einstige Konflikt zwischen Sozialdemokrat:innen und Christlichsozialen wurde von den tiefgreifenderen Ereignissen der NS-Diktatur überlagert. Es gab danach lange Phasen friedlicher Kooperation der beiden Lager und der wechselseitigen Versicherung, einander nie wieder mit Kanonen zu Leibe zu rücken.

Doch die alte Wunde ist nicht verheilt. 2000, im Jahr der schwarz-blauen Machtübernahme, als die ÖVP trotz anderslautender Ankündigung mit der FPÖ koalierte, war die Angst vor der autoritären Wende plötzlich wieder da: Die Menschen waren nun jedoch mit Trillerpfeifen statt mit Gewehren bewaffnet. Dem Historiker und Leiter des Instituts für historische Sozialforschung Florian Wenninger zufolge war eine Situation entstanden, die dafür sorgte, dass ursprünglich sozialdemokratische Erinnerungen an den Februar 1934 durch Aneignung zum Teil eines zivilgesellschaftlichen Erlebens wurden. Der Kampf fand auf der Straße statt und er war friedlich. Und trotzdem weicht das Unbehagen auch im Jahr 2024 nicht. Die SPÖ-nahe frühere Topmanagerin Wilhelmine Goldmann schreibt in ihrem neuen Buch „Rote Banditen“ von einem verstörenden, ab der Zwischenkriegszeit durchgängigen und heute „aus der Zeit gefallenen“ Hass der „Bürgerlichen“ auf die Sozialdemokratie.

Erwin Lanc, Zeitzeuge des Aufstands

Einer der allerletzten Zeitzeugen, die miterlebten, wie dieser Hass 1934 in Waffengewalt umschlug, ist Erwin Lanc. Er war Verkehrsminister und Innenminister in der SPÖ-Alleinregierung unter Bruno Kreisky, später Außenminister. Als der Bürgerkrieg ausbrach, war Lanc knapp vier Jahre alt und wohnte in einer Zinskaserne im 12. Wiener Gemeindebezirk mit Blick auf den Haydnpark. „Dort hat sich eine Infanteriekompanie gesammelt und auf die Attacke auf den Reumannhof vorbereitet, wo sich Arbeiter verschanzt hielten“, kann sich Lanc im Gespräch mit der WZ erinnern. Der Anführer der angreifenden Kompanie stürmte mit gezücktem Säbel voran, „das hat er mit dem Leben bezahlt“, so Lanc. „Als einziger.“

Nach dem Ende der Kämpfe habe es Protestaktionen gegeben, unter anderem sei am Gaudenzdorfer Gürtel ein Plakat mit der Aufschrift „Nieder mit der Diktaturregierung“ angebracht worden. Ein Gemeindeangestellter, „ein kleiner Dicker, der seinen Job unbedingt behalten wollte, hat alle an der Aktion Beteiligten bei der Polizei angegeben“, erzählt Lanc. Auch sein Vater musste für 20 Tage in Haft. „Da ist dann der Familienrat zusammengekommen und hat jeden Kreuzer zusammengelegt“, um den Vater freizukaufen. „2.000 Schilling“ habe das gekostet, damals enorm viel Geld. Doch man wollte nicht riskieren, dass der Vater, „ein pazifistischer Sozialist, der nicht beim bewaffneten Schutzbund war“, in das Anhaltelager Wöllersdorf gebracht wird. Da wäre er völlig unerreichbar für die Familie gewesen.

„Niemand hat sich später beim anderen entschuldigt“ 

Lanc selbst trat gleich nach dem Zweiten Weltkrieg der Sozialistischen Jugend bei. Andere, bereits damals bedeutende Sozialisten, kehrten aus dem Krieg zurück. „Leute wie Otto Probst und Josef Staribacher (beide waren im KZ und später Minister, Anm.) haben nach 1945 nicht vergessen, wie sich der schwarze und später der braune Faschismus geriert haben“, sagt Lanc. Und: „Niemand auf beiden Seiten hat sich dafür entschuldigt, dass er zu den Waffen gegriffen hat.“ Der Bürgerkrieg 1934 war in den Anfangstagen der Zweiten Republik Thema, „aber man wollte die alten Gräben keinesfalls vertiefen.“ Das Grundgefühl damals sei gewesen: „Es schmerzt, aber es ist vorbei.“ Immerhin gab es 1945 andere, viel drängendere Probleme. Österreich lag in Trümmern, es gab nichts zu essen, das Land musste aufgebaut werden. Damals hieß es anpacken, man konnte sich nicht mit offenen Rechnungen befassen.

„Raab hat den Faschisten-Eid geschworen“ 

Wobei die unseligen Verstrickungen allen bewusst waren. Klar war, „dass Raab den Korneuburger Faschisten-Eid geschworen hat, Figl hat ihn gedeckt,“, so Lanc. „Der hat damals nicht geschworen.“ Beim Korneuburger Eid handelt es sich um ein Ereignis aus 1930, bei dem Teile der christlichsozialen Heimwehren der Demokratie und dem Parteienstaat abschworen. Später wurde Julius Raab zum ÖVP-„Staatsvertragskanzler“, Leopold Figl war ÖVP-Kanzler bis 1953 und dann Außenminister.

Der Historiker Florian Wenninger konstatiert ebenfalls ein beiderseitiges Stillhalteabkommen: „Nach 1945 wurde niemand für die Ereignisse von 1934 zur Rechenschaft gezogen.“ Die ÖVP wahrte Distanz zu Engelbert Dollfuß` austrofaschistischem Nachfolger Kurt Schuschnigg, der in den USA lebte. Es wurde innerhalb der ÖVP kein Heimwehr-Personal für Toppositionen rekrutiert. Die Sozialdemokraten wiederum verzichteten darauf, ein Tribunal für die damals Verantwortlichen zu fordern. „Der Konflikt loderte auf niedriger Flamme.“ 

Ein neuer sozialdemokratischer Mythos entsteht 

Wenninger hat sich intensiv mit dem Februar 1934 und den daraus folgenden sozialdemokratischen Befindlichkeiten beschäftigt. Das Ereignis sei nach dem Zweiten Weltkrieg von der Spitze der Sozialdemokratie zu einem „neuen Mythos“ umfunktioniert worden. Die alte Partei, die SDAP, sei geschlagen worden, „also musste eine neue Erzählung her.“ Auch wenn nur drei bis fünf Prozent aller Sozialdemokraten an den Februarereignissen 1934 direkt beteiligt gewesen seien, habe der Aufstand in den Jahren nach 1945 „starke Bindekraft“ gehabt. 

Das dominante Gefühl in der SPÖ sei gewesen, „dass einem Unrecht widerfahren ist.“ „Das wurde weiterhin verwendet, um innerhalb der neuen SPÖ Identität zu schaffen.“ Damals, so Wenninger, sei es in den Wahlkämpfen um Mobilisierung gegangen. „Die Frage war, wie man die eigenen Leute an die Urne bringt.“ Das Mittel der Angst wirkte in den ersten zwei Jahrzehnten der Zweiten Republik ebenfalls motivierend. Es ging um die Schaffung von Loyalität „und die Februarerzählung zahlte in der damaligen Gesellschaft, in der es wenige Wechselwähler gab, voll darauf ein“, so Wenninger.

Dieses Szenario löste sich in den 70er-Jahren langsam auf. Einerseits kam eine neue Politiker-Generation ans Ruder, andererseits machte die SPÖ die Erfahrung, dass die ÖVP-Alleinregierung 1966 keine Rückkehr zur autoritären Vergangenheit zur Folge hatte. Ebenso wenig, wie die Ära der Kreisky-Alleinregierung 1970/71 bis 1983 dafür sorgte, dass das Proletariat eine Diktatur errichtete. Das hat auf beiden Seiten für Beruhigung gesorgt. In den 70er-Jahren traten die Zeitzeugen ab, in den 80er- und 90er-Jahren starben die, die dabei waren, langsam weg.

„Plötzlich waren die Ängste wieder da“

Dann kam das Jahr 2000, die Wende und die schwarz-blaue Regierung. „Und plötzlich waren die alten Ängste wieder da“, sagt Wenninger. Die Menschen gingen aus Angst vor autoritären Tendenzen auf die Straße und protestierten, „die alte SPÖ-Parteierinnerung hat eine zivilgesellschaftliche Aneignung erfahren“, sagt der Historiker. Unter ganz anderen Vorzeichen als 1934 versammelten sich die Menschen zu einem „Akt der Demokratieverteidigung“.

Auf Seiten der ÖVP geht es in der Frage häufig darum, ein Schuldeingeständnis für die Ereignisse 1934 zu vermeiden. So gibt es eine Kerngruppe in der ÖVP, etwa im Cartellverband CV − einer schwarzen Verbindung, der auch Dollfuß einst angehörte −, die aus Prinzip kein Entgegenkommen signalisiert. „Wobei diese Gruppe aufweicht“, sagt Wenninger. Viele Junge in der ÖVP könnten die Dollfuß-Nostalgie nicht nachvollziehen und sähen keinen Anlass, den Diktator und sein Regime zu verniedlichen. Ehemaligen ÖVP-Politikern wie Sebastian Kurz oder Gernot Blüml sei Dollfuß „herzlich egal“, sagt Wenninger. Er habe auch nie ÖVP-Prominenz am Dollfuß-Grab in Wien-Hietzing gesehen. 

Virulent ist immer noch der Streit, wie man die Ära 1934 bis 1938 benennt. Für die SPÖ und den Politologen Emmerich Talos ist es „Faschismus“, für die meisten in der ÖVP und für bürgerliche Historiker war es eine autoritäre Regierung. Periodisch werden in der politischen Debatte auch heute noch von SPÖ-Seite Aktionen der ÖVP als „faschistisch“ bezeichnet − eher unreflektierte Aktionen, Gefühlsausbrüche, die zum Ausdruck bringen sollen, „wie böse“ die jeweils gescholtene Aktion des politischen Gegners war.

„Ostentative Verachtung“ ist geblieben

Der Streit um 1934 beschränkt sich auf Akademiker:innen und einige politische Zirkel. Liegt die SPÖ-nahe ehemalige Topmanagerin Wilhelmine Goldmann also falsch, wenn sie in ihrem Buch „Rote Banditen“ von der Zwischenkriegszeit ausgehend einen durchgängigen bürgerlichen Hass auf die Sozialdemokratie bis heute identifiziert? Nein. Denn was es eindeutig immer noch gibt, und was die Ereignisse des Februar 1934 „überformt hat“, so Wenninger, ist „eine ostentative Verachtung“ gewisser konservativer Kreise gegenüber Menschen, die als Unterschicht wahrgenommen werden.

Als Beispiel dafür kann die mittlerweile berüchtigte „Burger-Rede“ von Karl Nehammer dienen, in der der Kanzler nicht versteht, warum nicht jedes Kind täglich eine warme Mahlzeit bekommt. Schließlich gäbe es ja billige Burger einer bekannten Fastfood-Kette. Im europäischen Kontext führt Wenninger den „Bullingdon Club“ an, eine exklusive Vereinigung reicher britischer Studenten in Oxford, die durch Alkoholexzesse und Vandalismus in Pubs und Restaurants − die durch Zücken der Brieftasche folgenlos bleiben − auffallen und die sich einen Spaß daraus machen, mit Geldscheinen zu wedeln und diese vor den Augen von Obdachlosen zu verbrennen. Der Tory-Ex-Premier und jetzige Außenminister David Cameron war Mitglied. Auch Ex-Premier Boris Johnson machte mit, hat sich aber von dem Club mittlerweile unmissverständlich distanziert.

Derartige Vereine gibt es in Österreich nicht. Die Vorstellung aber, dass es sich bei der bloßen Existenz einer politisch starken Arbeiterbewegung um eine unzulässige Anmaßung von „Rotem Gesindel“ handelt, ist nachweislich bis heute vorhanden. Und weil wir in Österreich sind, wo eine gemeinsame Basis wichtig ist, hat sich Niederösterreichs ÖVP-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner für diese ihre Wortwahl später auch entschuldigt.