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Der Downfall von Lizzo – eine Fall-Studie

4 Min
Warum ist Lizzo komplett unten durch?
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner, Bildquelle: Getty Images

Skinny Culture, fehlender Optimismus im Pop und problematische Anschuldigungen: dieser einzigartige Cancel-Cocktail machte Lizzo von „that bitch“ zum Pop-Flop.


„I just took a DNA test, turns out I’m a 100% that bitch“: Mit Zeilen wie diesen räumte Musikerin Lizzo vor nicht allzu vielen Jahren das Musikbusiness von hinten auf, gewann Grammys und toppte die Charts. Songs wie „Truth Hurts“, „About Damn Time“ oder „Good as Hell“ waren der Inbegriff des 2010er-Optimismus: Empowernde Worthülsen, Body Positivity und „Ich-bin-die-Geilste“-Affirmationen beherrschten unsere Social-Media-Feeds und mit dem Auftauchen von Lizzo auch unsere Playlists.

Nicht nur ihre Musik, sondern auch ihr Body machte Lizzo so spannend, relatable und sympathisch: Sie war ganz eindeutig mehrgewichtig – bezeichnete sich selbst als „fett“ – und feierte genau das. Sie dachte nicht daran, an diesem Umstand etwas zu ändern, trug genauso wie jedes andere Pop-Girl Glitzer-Bodysuits und postete Bikini-Bilder.

Skinny Culture statt Body Positivity

2026 sieht die Sache ein bisschen anders aus. Dass Artists nach einem großen Hype erstmal beweisen müssen, dass sie an ihren Erfolg anschließen können, und dass genau das nicht immer klappt, ist erstmal normal. Im Fall von Lizzo gestaltet sich das Ganze extremer: Sie ist komplett unten durch. Sowohl menschlich als auch musikalisch hat Lizzo es nicht geschafft, ihre Versprechen einzuhalten. Das ist zum Teil ihre Schuld, liegt aber auch daran, dass die Pop-Welt nicht mehr dieselbe ist wie damals, als sich Lizzo und ihre Flöte in unsere Leben getwerkt haben.

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Beginnen wir mit den Faktoren, die weniger mit Lizzo selbst zu tun haben: Welche Popmusik wir lieben, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Während in den 2010ern noch fröhliche Songs wie die von Lizzo angesagt waren, ist Pop heute viel trauriger. Das zeigt eine Analyse, die feststellen konnte, dass die Lyrics der Songs, die es in den letzten 25 Jahren in die Billboard Top 100 geschafft haben, im Lauf der Zeit immer ängstlicher und trauriger wurden.

Noch stärker hat sich verändert, welche Körper wir heute popkulturell feiern. Zu Lizzos Blütezeit war es undenkbar, dass wir je wieder hier landen könnten, aber here we are: Ozempic, Skinny Culture und Protein-Madness haben den Body-Optimismus aus dem Mainstream verdrängt. Auch Lizzo hat seit 2019 stark abgenommen – und wurde von ihren Fans dafür kritisiert. Meinte sie es mit ihrer body-positiven Message vielleicht doch nicht so ernst? Eine Frage, die uns zu dem Punkt bringt, an dem Lizzo ihre Fans vor den Kopf gestoßen hat.

Kunst und Künstler:in trennen? Nicht bei Lizzo

Lizzo stellte schnell klar, dass Frauen mit ihren Körpern machen dürfen, was sie wollen, und erklärte, dass sie nicht wegen ihres Gewichts, sondern ihrer mentalen und körperlichen Gesundheit mehr Sport gemacht und somit abgenommen habe. Und obwohl diese Argumente mehr als legitim sind, wurde Lizzo den Stempel der Heuchlerin nicht mehr so ganz los.

Das war in erster Linie nicht ihrem Gewichtsverlust geschuldet, sondern Anschuldigungen von drei ehemaligen Backgroundtänzerinnen und einer Kostümdesignerin. Sie warfen Lizzo (unter anderem sexuelle) Belästigung und Diskriminierung vor. Lizzo, die ihre Karriere darauf aufgebaut hatte, über Liebe und Selbstakzeptanz zu singen, stand plötzlich als Mobberin da, die ihre Mitarbeiter:innen unter anderem gefatshamed haben soll. Die Fatshaming-Vorwürfe wurden mittlerweile fallen gelassen, die Anklage ist grundsätzlich aber weiterhin aufrecht.

Was Lizzos Downfall so einzigartig macht, ist auch die Tatsache, dass große Skandale Streams und somit Karrieren nur selten schaden. Das zeigte eine Studie unter Beteiligung der WU Wien: Weil Fans sehr gerne zwischen Kunst und Künstler:in unterscheiden, bleibt Social-Media-Empörung meist nicht mehr als genau das. Nicht so bei Lizzo: Ihre Musik hat es aktuell mehr als schwer und ihr neues Album „Bitch“ floppt auf einem nur selten gesehenen Level.

Darüber, warum sie in dieser Hinsicht die Ausnahme darstellt, lässt sich nur mutmaßen. Weil sie eine Schwarze Frau ist, die sich weniger erlauben darf als männliche Kollegen, die oftmals mit weitaus schwerwiegenderen Vorwürfen konfrontiert sind? Weil ihr angebliches Fehlverhalten in direkter Verbindung mit ihrem Markenkern steht? Oder weil sie ihre Kunst zu sehr an den schnell vergänglichen Zeitgeist geknüpft hat? Mehrere Dinge können gleichzeitig wahr sein. Ob Lizzos DNA-Test immer noch “a 100% that bitch” ergibt? Ich wage es zu bezweifeln.

Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.


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