VideoSyrische Regierungstruppen haben die autonomen kurdischen Gebiete angegriffen. Die WZ hat mit Kurd:innen in Rojava und Wien gesprochen.
Ein Meer aus rot, weiß, grün, in jeder Fahnenmitte eine Sonne. Es ist Donnerstagabend in der Wiener Innenstadt und vor der Oper am Karlsplatz wehen kurdische Banner. Dutzende Menschen sind gekommen, trotz der Kälte. Ein kleiner Junge hat sich die Flagge wie ein Cape umgebunden, eine junge Frau schiebt, dick eingepackt in Anorak und Mütze, einen Kinderwagen. „Free, free Rojava“, „free, free Kurdistan!“ Es geht in Richtung türkische Botschaft.
- Kennst du schon?: „Wir haben das Gefühl zu schreien, ohne dass jemand zuhört“
Die kurdische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, bekannt unter dem Namen Rojava, wird seit Wochen von Truppen der syrischen Regierung angegriffen. Der Grund? Interimspräsident Syrien Ahmed Al-Scharaa will alle Gebiete Syriens unter die Kontrolle der Regierung in Damaskus, also der syrischen Zentralregierung, stellen.
Einige der von den Kurd:innen verwalteten Regionen haben sie bereits eingenommen, die kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mussten sich immer weiter zurückziehen. Die SDF hatten jahrelang gemeinsam mit der von den USA geführten internationalen Koalition gegen den IS gekämpft.
Derzeit gilt ein Waffenstillstand, beide Seiten werfen sich allerdings bereits Verstöße dagegen vor. Al-Scharaa hat den Kurd:innen eine vier-Tages-Frist gesetzt, um einen Plan zu erarbeiten, wie weitere kurdische Institutionen in den Staatsapparat integriert werden können. Samstagabend endet die Frist.
Ausschlaggebend für den jüngsten Vormarsch der Regierungstruppen war vor allem eine Neuausrichtung der US-Interessen. Hatten die USA unter Ex-Diktator Baschar al-Assad noch auf die SDF als Bodentruppe gesetzt, sieht Präsident Donald Trump inzwischen im neuen Staatschef Ahmed al-Scharaa einen strategischen Partner.
„Es geht hier nicht nur um Kurd:innen“
„Wir erleben eine akute Bedrohung unserer Existenz. In Rojava steht die demokratische Selbstverwaltung unter massivem militärischem, politischem und wirtschaftlichem Druck“, sagt Arî Milan, Vertreter der Demokratischen Selbstverwaltung der Region Nord- und Ostsyrien in Österreich, gegenüber der WZ. „Angriffe durch die dschihadistische Übergangsregierung in Damaskus, koordiniert mit der Türkei, treffen gezielt zivile Infrastruktur, Wohngebiete und Verteidigungsstrukturen Rojavas. Vertreibungen, Entführungen, Schändung von Leichnamen, Versklavung und schwere Menschenrechtsverletzungen sind dokumentiert.“ Besonders alarmiere Milan, dass diese Eskalation trotz der Bereitschaft Seitens der Kurd:innen zu politischem Dialog erfolgt sei.
Die Welt muss dringend etwas unternehmen.Heval Haco, kurdischer Sänger aus Wien
Die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal stimmt dem zu: „Es geht hier nicht nur um Kurd:innen. Es geht darum, in welcher Welt wir leben wollen: Wollen wir Kräfte stärken, die für Freiheit, Menschlichkeit und Selbstbestimmung eintreten, nicht nur für sich, oder jene stützen, die den Pfad der Gewalt und der Unterdrückung fortführen.“ Schon im März vergangenen Jahres haben dschihadistische Milizen, die der neuen syrischen Regierung nahestehen, hunderte Zivilist:innen der alawitischen Minderheit ermordet. Wenige Monate später wurden mehr als 1.000 Drus:innen getötet, hunderte verschleppt und über 33 Dörfer im Süden Syriens zerstört.
Tekkal fügt hinzu: „Der größte Schmerz für Kurd:innen ist gerade der Verrat – das Gefühl, im entscheidenden Moment allein gelassen zu werden.“
„Wir leben in ständiger Angst“
Selin ist Kurdin und lebt in Qamischli, einer Stadt in der autonomen Region Rojava. Um ihre Identität zu schützen, schreiben wir hier nicht ihren echten Namen. „Die Situation ist katastrophal“, schildert sie der WZ. „Die Straßen, Schulen und öffentlichen Gebäude sind überfüllt mit unseren Vertriebenen aus den Stadtteilen Scheich Maksud und Achrafieh in Aleppo.“ Diese Viertel werden mehrheitlich von Kurd:innen bewohnt. Viele von ihnen seien bereits das vierte oder fünfte Mal gezwungen worden, ihre Häuser zu verlassen, erzählt Selin.
Sie arbeitet im Gesundheitsbereich und ist momentan von einem andauernden Gefühl der Gefahr begleitet: „In den letzten Tagen wurden mehrere medizinische Hilfseinrichtungen in den Provinzen Hasaka und Raqqa angegriffen, geplündert und niedergebrannt.“ Die Sicherheitslage sei extrem angespannt: „Alle leben in ständiger Angst und rechnen jederzeit mit einem möglichen Angriff durch die Kräfte der syrischen und türkischen Regierungen und deren verbündete Milizen sowie durch IS-Zellen.“
Heval Haco, ein in Wien lebender kurdischer Sänger, hat große Sorge um seine Familie vor Ort, wie er der WZ erzählt: „Meinen Verwandten geht es psychisch sehr schlecht, sie versuchen einfach nur zu überleben. Viele wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Die Welt muss dringend etwas unternehmen.“
Humanitäre Krise in Kobane
In der nordsyrische Stadt Kobane spitzt sich die humanitäre Lage dramatisch zu: „Unsere Menschen dort sind abgeschnitten von Nahrung, Strom, Wasser und den grundlegendsten Lebensnotwendigkeiten”, berichtet Selin. Zahlreiche Familien aus umliegenden Dörfern seien in den vergangenen Tagen nach Kobane geflohen und leben unter belagerungsähnlichen Zuständen, sagte auch der Direktor der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel-Rahman, der DPA. Die Organisation warnte vor einer akuten Versorgungskrise und der Gefahr von Krankheitsausbrüchen bei Kindern.
Kobane wird überwiegend von kurdisch geführten Kräften kontrolliert, insbesondere von der SDF. Die Stadt galt dabei als Zeichen des Widerstands, da sie 2014 und 2015 gegen die Terrormiliz verteidigt wurde, was einen wichtigen Wendepunkt markierte. Heute kämpft die Stadt nach Einschätzung vieler Bewohner:innen erneut ums Überleben.
„Die Stadt Kobane, die einst für sich selbst und für die ganze Welt dem Terror des sogenannten IS widerstand, ist heute erneut bedroht – diesmal durch einen Terror in Krawatte, der sich diplomatisch legitimiert gibt“, sagt Arî Milan. „Dies wirft schwerwiegende moralische Fragen zur Glaubwürdigkeit westlicher Demokratie- und Menschenrechtspolitik auf.“
IS-Gefahr wächst
In den bisher kurdisch kontrollierten Gebieten liegen auch mehrere Lager und Gefängnisse für IS-Kämpfer und deren Angehörige, die von den SDF bewacht und verwaltet wurden. Nun mussten sie im Zuge der Offensive unter anderem vom al-Hol-Camp abziehen – dem mit 50.000 Menschen größten Lager.
Bekannt sind die IS-Camps auch in Österreich. Bis vor kurzem warteten hier noch die zwei ehemaligen österreichischen IS-Anhängerinnen auf ihre Rückführung: Maria G. und Evelyn T.
Eine kurdische Quelle, die zuvor für die Verwaltung des Lagers zuständig war, berichtete der DPA, dass einige Bewohner geflohen seien – wie viele ist nicht klar. Auch aus einem Gefängnis für IS-Kämpfer konnten laut DPA einige Insassen entkommen. Das syrische Außenministerium bestätigt die Ausbrüche, gibt allerdings an, dass die meisten der Gefangenen mittlerweile wieder eingefangen worden seien.
Die Entkommenen schaffen laut Kurd:innen ein akutes Sicherheitsrisiko. „Die Betroffenen benötigen nur kurze Zeit, um sich neu zu organisieren, was nicht nur die Stabilität der Region, sondern auch die europäische und internationale Sicherheit ernsthaft gefährdet“, warnt Arî Milan.
Wir wollen unsere Sprache frei sprechen und unsere Feiertage feiern könnenSelin, Kurdin aus Rojava
Die USA haben nach eigenen Angaben eine „Mission zur Verlegung“ von zunächst 150 IS-Kämpfern in den Irak gestartet, um eine dauerhafte sichere Inhaftierung zu gewährleisten. Insgesamt könnten nach Angaben bis zu 7.000 IS-Häftlinge aus Syrien in irakisch kontrollierte Einrichtungen verlegt werden.
In Österreich wird derweil weiter demonstriert. Für Samstag, den 23.1. haben kurdische Organisationen zur Großdemo gerufen. Selin aus Rojava sagt: „Wir wünschen uns nichts sehnlicher, als in Frieden zu leben. Wir wollen, dass das Lächeln in die Gesichter unserer Kinder zurückkehrt. Wir wollen unsere Muttersprache frei sprechen und unsere nationalen Feiertage ohne Angst feiern können.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Arî Milan, Vertreter der Demokratischen Selbstverwaltung der Region Nord- und Ostsyrien in Österreich
- Düzen Tekkal, Journalistin, Menschenrechtsaktivistin und Filmemacherin jesidisch-kurdischer Herkunft
- Selin, lebt und arbeitet in Qamischli, einer Stadt in der autonomen Region Rojava in Syrien
- Heval Haco, in Wien lebender kurdischer Sänger
Daten und Fakten
- Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, auch Autonome Administration Nord- und Ostsyrien und Westkurdistan, bekannt unter dem kurdischen Namen Rojava, ist ein de facto autonomes Gebiet in der Region Rojava im Nordosten von Syrien. Bekannt ist Rojava für Basisdemokratie, Frauenrechte und ethnische Vielfalt.
- Der Rat der kurdischen Gesellschaft in Österreich (FEYKOM) und dessen Studierendenverband (YXK/JXK) kritisieren die Angriffe auf Rojava in einem offenen Brief scharf.
- Die Kurd:innen sind eines der größten Völker ohne eigenen Staat. Insgesamt wird ihre Zahl auf um die 35 Millionen Menschen geschätzt. Sie leben vor allem in Ländern wie der Türkei, dem Iran, dem Irak und in Syrien.
- Die Drus:innen sind eine religiöse Minderheit im Nahen Osten. Weltweit gibt es rund eine Million Drus:innen, die vor allem in ländlichen Dörfern und in den Bergen von Syrien, dem Libanon und Israel leben. Sie haben sich vor Jahrhunderten vom schiitischen Islam abgespaltet. Für Islamist:innen gilt dieser „Abfall vom Glauben“ als todeswürdiges Vergehen.
- Alawit:innen sind ebenfalls eine religiöse Minderheit im Nahen Osten, vor allem in Syrien. Sie gehören zum schiitischen Islam, unterscheiden sich aber in Glaubenspraxis und Ritualen deutlich von schiitischen Gläubigen. Ihre Lehre integriert islamische, christliche und lokale Traditionen.
- Die nun führende Oppositionsbewegung in Syrien HTS ( Hay'at Tahrir al-Sham) entstand aus der ehemaligen Al-Nusra-Front, die eng mit Al-Qaida verbunden war. Sie hat sich zu einer der wichtigsten militant-islamistischen Gruppen in der Region entwickelt. In der Vergangenheit griff sie immer wieder zu gewaltsamen Mitteln, um ihre politischen Maßnahmen durchzusetzen.
- Interimspräsident der Arabischen Republik Syrien, Ahmed al-Scharaa, führte einst die islamistische und als Terrororganisation eingestufte Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die aus der Al-Qaida-nahen Al-Nusra-Front hervorging und Assads Sturz vorantrieb.
- Die Türkei hat mehrere militärische Operationen im Nordosten Syriens durchgeführt, vor allem gegen die YPG und die SDF, die sie als Ableger der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) betrachtet. Die PKK wird sowohl von der Türkei als auch von der EU und den USA als terroristische Organisation eingestuft.
- Die YPG (Yekîneyên Parastina Gel), was auf kurdisch „Volksverteidigungseinheiten“ bedeutet, ist eine kurdische Miliz, die ursprünglich in Syrien gegründet wurde, um die kurdischen Gebiete im Nordosten des Landes gegen verschiedene Bedrohungen zu verteidigen. Die YPG sind hauptsächlich aus Kurd:innen zusammengesetzt, insbesondere aus der kurdischen Bevölkerung in der Region Rojava.
- Die SDF (Syrische Demokratische Kräfte) sind eine kurdisch-arabische Miliz. Die SDF wurde 2015 als militärisches Bündnis gegründet, das hauptsächlich aus kurdischen Kräften besteht, aber auch arabische und andere ethnische Gruppen integriert. Die Hauptstreitkraft innerhalb der SDF ist die YPG (Volksverteidigungseinheiten), eine kurdische Miliz, die insbesondere im Nordosten Syriens aktiv ist.
- Die SNA (Syrische Nationale Armee) ist eine von der Türkei unterstützte bewaffnete Gruppe, die im syrischen Bürgerkrieg aktiv war. Sie wurde 2017 gegründet und besteht hauptsächlich aus verschiedenen oppositionellen Milizen und Gruppierungen, die bisher gegen das syrische Regime von Baschar al-Assad kämpften.
Quellen
- Amnesty International: Syrien: Massaker an alawitischen Zivilist*innen müssen als Kriegsverbrechen untersucht werden
- Österreichische Nachrichtenagentur
- Deutsche Nachrichtenagentur
Das Thema in der WZ
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