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Der Hausarzt, der nicht zusperren kann

5 Min
Hausarzt Rainer Oblak
Rainer Oblak beginnt oft um fünf Uhr in der Früh, wenn die Pendler:innen kommen. Sein Tag endet nie vor 19 Uhr.
© Gregor Kuntscher

Weil sich kein Nachfolger finden lässt, ordiniert Rainer Oblak in Pinkafeld auch noch im Alter von 67 Jahren. Würde er sich zur Ruhe setzen, brauchen Tausende einen neuen Hausarzt. 


Im Minutentakt öffnet sich die Tür. Ständig kommen neue Patient:innen in die Ordination. Die Schlange vor der Sprechstundenhilfe wird länger und länger. Rainer Oblak ruft im Akkord die Namen auf. Er misst Pulse, hört Lungen ab, verschreibt Medikamente. Er hat ein offenes Ohr, spendet Trost, tratscht. Oblak ist seit mehr als 30 Jahren Hausarzt.

Er ist mehr als Mediziner. Oblak kennt seine Patient:innen, seit sie Kinder waren. Er betreut ganze Familien – vom Baby bis zum Uropa. Die Menschen vertrauen ihm. Er weiß, wenn jemand in der finanziellen Misere steckt, in der Arbeit nicht mehr kann. Oder einfach nur zum Reden kommt. Seine Ordination ist wichtig für das soziale Gefüge im Ort.

Oblak ist müde. Er ist 67 Jahre alt. Er hätte sich schon längst in die Pension verabschieden können. Die Füße hochlegen. Bücher lesen. Reisen. Doch Oblak will seine Patient:innen nicht im Stich lassen. Tausende Namen füllen seine Kartei. Er führt seit 1988 seine Ordination in Pinkafeld, einer Gemeinde mit knapp 6.000 Einwohner:innen im Südburgenland.

Ärzt:innen in der Region überrannt

Sperrt sie zu, brauchen tausende Menschen einen neuen Hausarzt oder eine neue Hausärztin. Doch auch die anderen Ärzt:innen in der Region sind überrannt. „Meine Ordination muss unbedingt besetzt werden“, sagt Oblak. Für die Menschen ist es ein Glück, dass der Arzt noch fit ist. Das Einzugsgebiet seiner Praxis ist groß. Sogar aus der Steiermark kommen Patient:innen. Dort sieht die Versorgung im niedergelassenen Bereich schlecht aus. 17 Kassenstellen für Allgemeinmediziner:innen sind im Bundesland vakant.

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In vielen Gemeinden fehlen Hausärzt:innen. Junge Mediziner:innen gehen in die Städte, ländliche Regionen sind nicht attraktiv. Kassenstellen bleiben unbesetzt, Ordinationen verwaist. In Zukunft könnte sich das Problem weiter verschärfen. Viele Allgemeinmediziner:innen gehen in Pension. Kassenstellen sind besonders betroffen. Sie hinterlassen eine gravierende Lücke in der Gesundheitsversorgung. Vor allem auf dem Land. Gleichzeitig wird der Bedarf an Hausärzt:innen steigen, weil die Bevölkerung zunehmend älter und betreuungsintensiver wird.

Das Burgenland ist am stärksten betroffen. Ein Viertel der 144 niedergelassenen Allgemeinmediziner:innen mit Kassenvertrag ist älter als 60 Jahre. 65,1 Jahre ist laut österreichischer Gesundheitskasse das durchschnittliche Alter bei der Vertragsniederlegung. Viele ordinieren im Pensionsalter weiter. So wie Rainer Oblak. 

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Mehrere Hundert Patient:innen durchlaufen die Ordination pro Tag. Oblak beginnt oft um fünf Uhr in der Früh, wenn die Pendler:innen kommen. Sein Tag endet nie vor 19 Uhr. Oblak gönnt sich eine Viertelstunde Mittagspause. Wochenenddienste macht Oblak keine mehr. Die Hausbesuche hat er reduziert. „Diesen Arbeitsaufwand tut sich niemand mehr an. Vor allem die Generation nach uns nicht“, sagt Oblak. Er kann es nachvollziehen, dass die junge Generation nicht nur arbeiten wolle. „Ich habe meine Kinder nicht großwerden gesehen.“ Oblak hat auf vieles verzichtet – zum Wohle der Patient:innen. „Diese Ordination nimmt niemand allein“, sagt er. Im Idealfall übernehmen zwei Ärzt:innen. Das ist sein Wunsch. Er deckt sich mit dem allgemeinen Trend, dass viele Mediziner:innen heute lieber im Team arbeiten als allein. Doch nur einen zu finden, ist bereits eine Herkulesaufgabe. 

Gesundheitsreform soll es richten

Oblak hatte einen Lehrpraktikanten, der sechs Monate in seiner Ordination arbeitete. Er wäre potenziell ein guter Nachfolger gewesen: gut ausgebildet, Gespür für die Menschen. „Er war nett zu den Patienten, gescheit, wirklich gut“, schwärmt Oblak. Der junge Mediziner wollte aber eher in der Sicherheit eines Krankenhauses arbeiten. Fixe Stelle, fixe Zeiten, weniger Bürokratie. Nun arbeitet er auf der Urologie in einer nahegelegenen Klinik. Oblak seufzt.

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Künftig soll alles besser werden, wenn es nach der türkis-grünen Regierung geht. Sie hat eine Gesundheitsreform auf den Weg gebracht. 300 Millionen Euro soll es für den niedergelassenen Bereich geben. Neue Kassenstellen. Bessere Arbeitsbedingungen. Die Primärversorgungszentren sollen ausgebaut werden. Für die Regierung sind sie das Zauberwort: die mutmaßlich effizientere Alternative zur klassischen Hausarztpraxis. Oblak widerspricht. „Der Sinn vom Hausarzt geht verloren. Ich kenne meine Patienten von der Wiege bis zur Bahre.“ In den Primärversorgungszentren laufe es ab wie in einer Spitalsambulanz, sagt Oblak. Als praktischer Arzt brauche es aber mehr. „Wenn meine Patienten reinkommen, weiß ich, was los ist. Das kann in diesen Zentren nicht abgedeckt werden“, sagt Oblak. Das nächste Gesundheitszentrum liegt in Friedberg, 15 Autominuten entfernt. 

Burgenland investiert Millionen

Das Problem der alternden Hausärzt:innen versucht das Burgenland mit finanziellen Mitteln in den Griff zu bekommen. Seit 2018 unterstützt das Land Neugründungen von Arztpraxen oder Übernahmen bestehender Kassenstellen mit bis zu 60.000 Euro. 42 Ordinationen wurden seither gefördert. Das Land investiert auch kräftig in die Ausbildung neuer Hausärzt:innen. Bis 2027 will das Land jährlich 55 Medizin-Studienplätze an der Danube Private University in Krems bezahlen. Im Gegenzug verpflichten sich die Absolvent:innen, nach dem Studium mindestens fünf Jahre im Burgenland als niedergelassene:r Hausarzt oder Hausärztin oder im Spital zu arbeiten. 5,5 Millionen Euro investiert das Land jedes Jahr. Oblak sieht das kritisch. „Das ist ein Versagen der Politik, wenn ich eine Privatuni brauche, die ich mit Steuergeld zahlen muss, damit ich genug Ärzte herausbringe.“

Die Ordination ist inzwischen voll. E-Cards werden gesteckt, Rezepte geschrieben. Oblak wünscht einer älteren Frau gute Besserung. Schon kommt der nächste Patient ins Behandlungszimmer. Zweieinhalb Jahre will Oblak seine Ordination noch führen. Zweieinhalb Jahre, um einen Nachfolger zu finden.