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Der Käfer, der (k)ein Nazi ist

6 Min
Der Hitler-Käfer: Die zuständige Kommission sieht es nicht als ihre Aufgabe, diesen Namen zu ändern.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Wiki Commons

Warum es noch immer Hitler-Käfer und Mussolini-Falter gibt und sich das auch nicht so bald ändern wird.


    • Wissenschaftliche Tiernamen wie Anophthalmus hitleri bleiben unverändert, da die ICZN Stabilität in der Nomenklatur priorisiert.
    • In der Botanik können diskriminierende Namen geändert werden; ein Ethik-Komitee entscheidet über neue Bezeichnungen.
    • Viele Tier- und Pflanzennamen sind Eponyme oder Toponyme und können problematisch oder umstritten sein.
    • 1937 wurde der Käfer Anophthalmus hitleri benannt und heißt noch immer so.
    • Rund 20 % aller Tiernamen sind Eponyme, etwa 300.000 Arten betroffen.
    • 2024 wurde ein Ethik-Komitee für botanische Namen auf dem Kongress in Madrid gegründet.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Er ist braun und blind und lebt in den Höhlen Sloweniens: Der Hitler-Käfer (Anophthalmus hitleri) wurde 1937 entdeckt und benannt – und er heißt auch heute noch so. Genauso, wie der Mussolini-Falter (Hypopta mussolinii) nach wie vor den Namen jenes Diktators trägt, der ab 1925 an der Spitze des faschistischen Regimes in Italien stand, und auch die Pflanzengattung Hibbertia weiterhin an den britischen Sklaverei-Befürworter George Hibbert erinnert.

Denn: Anders als zum Beispiel Straßen- oder Ortsnamen können die wissenschaftlichen Namen in der Zoologie nicht geändert werden, sobald sie einmal feststehen. Die internationale Stelle, die regelt, wie die Namen vergeben werden, sieht das nicht als ihre Aufgabe. „Unser Hauptanliegen ist, für Stabilität in der Nomenklatur zu sorgen“, sagt Thomas Pape, Präsident der Internationalen Kommission für Zoologische Nomenklatur (ICZN). Würden sich die bereits bestehenden wissenschaftlichen Namen der Tiere ändern, würde das bei Publikationen, die sich auf diese beziehen, oder bei der Beschreibung neu entdeckter Arten, die mit diesen verglichen werden, für Verwirrung sorgen, meint er zur WZ.


Das Empfinden, ob ein Name gut oder schlecht ist, ist meist subjektiv.
Thomas Pape, Präsident der Internationalen Kommission für Zoologische Nomenklatur

Wird eine neue Art entdeckt, gehe es der ICZN auch nicht um den Namen selbst, den die Entdecker:innen frei wählen können, sondern darum, dass dieser formal korrekt aus einem Gattungs- und Artnamen besteht. „Das Empfinden, ob ein Name gut oder schlecht ist, ist meist subjektiv“, so Pape zur WZ, „und ich glaube nicht, dass es unsere Aufgabe als Kommission ist, darüber zu entscheiden.“ Abgesehen davon sei auch noch kein einziger Antrag mit dem Wunsch, einen problematischen Namen zu ändern, bei der ICZN eingegangen.

Kaffernbüffel zutiefst rassistisch

„Es geht ja nicht nur um derart ,prominente‘ Bezeichnungen wie hitleri oder mussolinii, sondern viele sind subtiler, weil deren frühere Bedeutung heute nicht mehr allen bekannt ist“, ergänzt Francisco Welter-Schultes, Mitglied der ICZN. Der Kaffernbüffel (Syncerus caffer) etwa trage eine zutiefst rassistische Bedeutung in sich: Das Wort Caffer wurde früher als Beleidigung für einige Völker Südafrikas benutzt (vor allem die Xhosa). „Aber wenn wir einmal damit anfangen, einen Namen zu ändern, kommen andere, die das beantragen, und das will die ICZN absolut nicht“, sagt er.

Rund 20 Prozent aller Tiernamen sind einer Schätzung der ICZN zufolge sogenannte Eponyme: Sie beinhalten Namen konkreter Personen. Von den etwa 1,5 Millionen wissenschaftlich beschriebenen Arten weltweit sind somit rund 300.000 betroffen. Dazu kommen die Toponyme, die sich auf einen Ort oder ein topografisches Merkmal wie ein Gewässer beziehen. Diese machen etwa zehn Prozent der Namen aus – also 150.000. Auch diese können problematisch werden, wenn es zum Beispiel zu Streitigkeiten über Ländergrenzen kommt. Die Bezeichnung Turanana cytis kurdistana etwa für einen kleinen blauen Schmetterling, der in der Türkei entdeckt wurde, stößt den Machthabern des Landes sauer auf: Die Türkei erkennt weder ein unabhängiges Kurdistan als Staat an, noch akzeptiert sie es als geografische Einheit. In Summe könnten „mehrere hunderttausend anerkannte wissenschaftliche Namen potenziell angefochten werden“, schreibt die ICZN.

Für „Adolf Hitler als Ausdruck meiner Verehrung“

Natürlich sind nicht alle Eponyme heikel. „Nach mir sind auch schon Viecher benannt“, sagt Welter-Schultes. Welche denn? „Ich arbeite in der Schneckenforschung“, meint er dazu. Namen von Wissenschaftler:innen werden für gewöhnlich vergeben, um diese zu ehren.


Anophthalmus hitleri
Der braune, blinde Höhlenkäfer Anophthalmus hitleri soll heute am Schwarzmarkt begehrt sein.
© By Michael Munich - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13245104

Und warum heißt ein brauner, blinder Höhlenkäfer wie Hitler? Auch bei ihm dürfte ursprüngliche diese Absicht dahintergesteckt sein – wenn auch der österreichische Forscher Oscar Scheibel, der den Käfer 1937 benannt hat, nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 –1945) offenbar zurückgerudert ist. „In der Szene geistert die Geschichte herum, Scheibel habe nach dem Krieg behauptet, die Benennung nach Hitler hätte eine vorsichtshalber versteckte negative Bedeutung gehabt. [...] Die Originalbeschreibung aus den Entomologischen Blättern des Jahres 1937 lässt allerdings kaum Interpretationsspielraum zu. Im letzten Satz heißt es: ,Dem Herrn Reichskanzler Adolf Hitler als Ausdruck meiner Verehrung zugeeignet.‘ Deutlicher geht es kaum“, schreibt der deutsche Biologe Michael Ohl in seinem Buch Die Kunst der Benennung. Heute soll der Käfer am Schwarzmarkt begehrt sein.

Zumindest eine weitere Art sei ebenfalls nach Adolf Hitler benannt worden, sagt Ohl im Gespräch mit der WZ: Roechlingia hitleri, ein ausgestorbenes Insekt, das der deutsche Geologe und Paläontologe Paul Guthörl 1934 beschrieben hat.

Ob diese Benennung positiv oder negativ gemeint war, ist nicht überliefert – Tatsache ist, dass Eponyme tatsächlich auch verwendet wurden, um Menschen in Misskredit zu bringen, sagt Ohl. Oder, um sich über sie lustig zu machen: Die Motte Neopalpa donaldtrumpi, deren Schuppen auf dem Kopf auffällig gelb sind und an ein Toupet erinnern, ist nach dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump benannt.


Neopalpa_donaldtrumpi
Die Schuppen, die die Motte Neopalpa donaldtrumpi auf dem Kopf trägt, erinnern an ein blondes Toupet.
© Vazrick Nazari / Wiki Commons / ZooKeys 646: 79–94. DOI:10.3897/zookeys.646.11411., CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=55209830

Ein „Schweinekraut“ gegen den Kritiker

Ein stinkendes, klebriges Beispiel aus der Pflanzenwelt ist Sigesbeckia: eine einjährige, krautige Pflanze mit gelben Blüten, deren Blätter, Knospen, Stängel und Samenstände dicht mit klebrigen Drüsenhaaren besetzt sind und die nach Schweinen riecht. In der chinesischen Kräuterkunde wird sie deshalb scherzhaft als „Schweinekraut“ bezeichnet. Heute hat sie zwar als beliebtes Heilkraut gegen Schmerzen und Entzündungen ihren Ruf gerettet, doch als der schwedische Naturforscher Carl von Linné sie 1753 benannte, wollte er seinen Kollegen und Kritiker Johann Georg Siegesbeck verspotten. Linné gilt als der Begründer der biologischen Taxonomie und damit der sogenannten binären Nomenklatur, durch die alle Pflanzen und Tiere einen Gattungs- und einen Artnamen bekommen.

Und dennoch ist in der Botanik einiges anders, was die Namensgebung betrifft. Vor zwei Jahren haben mehr als 200 Pflanzen, Pilze und Algen einen neuen Namen erhalten, weil die ursprünglichen Bezeichnungen diskriminierend waren. Es ging um das rassistisch konnotierte Wort caffer. Bei Erythrina caffra etwa, dem afrikanischen Küstenkorallenbaum, wurde caffra durch affra ersetzt – der neue wissenschaftliche Name lautet nun Erythrina affra.

Ethik-Komitee für die Botanik

Warum das möglich war? Botaniker:innen haben diesen Schritt 2024 auf dem Internationalen Botanischen Kongress in Madrid beschlossen. Außerdem wurde ein Ethik-Komitee ins Leben gerufen, das nun über die Namen neu entdeckter Pflanzen, Pilze und Algen entscheidet. Diese Änderungen wurden im offiziellen Regelwerk zur Nomenklatur in der Botanik verankert.

Ein Komitee wie dieses schlägt Ohl auch für die ICZN vor, damit in der Zoologie künftig ebenfalls sensibler mit Benennungen umgegangen wird. „Anders als in der Botanik sieht unser Kodex keine Namensänderung aus ethischen Gründen vor – das würde eine grundlegende Änderung der Regeln für die Zoologische Nomenklatur erfordern und somit mehr Zeit in Anspruch nehmen“, sagt dazu ICZN-Präsident Pape. „Diese müssten zunächst im Bulletin für Zoologische Nomenklatur auf der Website der Kommission veröffentlicht und mindestens zwölf Monate vor der Abstimmung mindestens zwei geeigneten Fachzeitschriften zur Veröffentlichung vorgelegt werden. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch, dass die Kommission – zumindest derzeit – keine Änderungen befürwortet, die eine Namensänderung aus ethischen Gründen ermöglichen würden.“

Theoretisch wäre es somit möglich, dass selbst heute noch ein Tier nach Hitler benannt wird, resümiert Ohl: „Dem müsste man doch endlich einen Riegel vorschieben.“


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Infos und Quellen

Gesprächspartner

Daten und Fakten

  • Der Hitler-Käfer (Anophthalmus hitleri) wurde 1937 von dem österreichischen Entomologen (Insektenforscher) Oscar Scheibel beschrieben. Der Laufkäfer kommt ausschließlich in Höhlen Sloweniens vor, kann bis zu 5,5 Millimeter lang werden, ist rötlichbraun gefärbt und auf der Oberseite leicht behaart. Er hat keine Augen. Anophthalmus hitleri ernährt sich von kleinen Insekten und Würmern und lebt räuberisch. (Oscar Scheibel: Ein neuer Anophthalmus aus Jugoslawien)
  • Der Mussolini-Falter (Hypopta mussolinii ) wurde 1927 vom italienischen Entomologen Emilio Turati nach dem faschistischen Diktator Benito Mussolini benannt. Damals war Libyen von Italien besetzt, und Turati wollte das Regime ehren. Nachträglich wurde dieser Name als Synonym für Mormogystia reibellii klassifiziert, weshalb nun beide Namen kursieren. Bei dem Falter handelt es sich um einen Nachtfalter, der im tropischen Afrika vorkommt. Er hat eine Flügelspannweite von 27 bis 31 Millimeter, die Grundfarbe auf den Vorderflügeln ist ockerfarben mit weiß-silberfarbenen Mustern, und der Kopf ist hellgelb. (ResearchGate, Grokipedia)

Mussolini-Falter
Der Mussolini-Falter wurde nach jenem Diktator benannt, der ab 1925 an der Spitze des faschistischen Regimes in Italien stand.
© Door Borth R, Ivinskis P, Saldaitis A, Yakovlev R - Cossidae of the Socotra Archipelago (Yemen) doi:10.3897/zookeys.122.1213, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16098714
  • Der Kaffernbüffel (Syncerus caffer), auch Schwarzbüffel, Afrikanischer Büffel oder Steppenbüffel genannt, wurde 1779 von dem schwedischen Naturforscher Anders Sparrman beschrieben und ist ein sehr großer Vertreter aus der Familie der Hornträger, die in weiten Teilen des östlichen und südlichen Afrikas vorkommt. Dort bewohnt er offene Savannenlandschaften und bewaldete Flussgebiete des Tief- und Hochlands. Charakteristisch sind der robuste Körperbau und die großen, abwärts geschwungenen Hörner, die auf großen Hornbasen auf der Stirn sitzen. (Animalia – Online Animals Encyclopedia)
  • Hibbertia, auch als Guinea-Blume bekannt, ist eine Gattung von Blütenpflanzen. Sie ist nach George Hibbert benannt, der von 1757 bis 1837 unter anderem in London lebte und als Kaufmann in Westindien gegen die Abschaffung des Sklavenhandels war, auf dem sein Reichtum und seine Macht beruhten. (Ozbreed, London Museum)
  • Turanana cytis kurdistana ist eine Unterart des Persian odd-spot blue, eines blauen Schmetterlings. Sie kommt nur in der Umgebung von Hakkari vor, einer türkischen Stadt im Südosten Anatoliens. (Erstbeschreibung)
  • Sigesbeckia ist eine einjährige Pflanze aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Die Gattung umfasst mehrere Arten. In der traditionellen Medizin werden am häufigsten Sigesbeckia orientalis, Sigesbeckia pubescens und Sigesbeckia glabrescens verwendet. Botaniker der Royal Botanic Gardens, Kew, betrachten pubescens jedoch nicht als eigenständige Art, sondern als Unterart von Sigesbeckia orientalis. Die Pflanze besitzt zahlreiche medizinische Eigenschaften, vor allem bei Erkrankungen des Bewegungsapparates. Studien belegen aber auch positive Auswirkungen auf das Immunsystem und den Blutdruck. Sie findet in der traditionellen Medizin vieler Länder weltweit Verwendung und wurde erstmals 659 n. Chr. in China erwähnt. Ihr chinesischer Pinyin-Name lautet Xi Xian Cao. In der traditionellen chinesischen Medizin wird Sigesbeckia zur „Vertreibung von Wind und Feuchtigkeit und zur Stärkung der Sehnen“ sowie bei schmerzhaften Blockaden durch Wind, Hitze und Feuchtigkeit verwendet. In Europa ist die Pflanze allgemein als St. Paulskraut bekannt. (Sigesbeckia.com)

Sigesbeckia orientalis
Sigesbeckia orientalis ist eine krautige Pflanze, die nach Schweinen riecht.
© By Allthingsnative - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=99276660
  • Nach Francisco Welter-Schultes von der Georg-August-Universität in Göttingen wurde 2014 die fossile Süßwasserschneckenart Pseudamnicola welterschultesi benannt. Sie lebte vor rund 11 bis 15 Millionen Jahren im sogenannten Pannonischen Becken im heutigen Südosteuropa in Brackwasser- und Süßwasserseen im Bereich des ausgetrockneten Paratethys-Meeres. (Erstbeschreibung)
  • Neopalpa donaldtrumpi ist eine Schmetterlingsart aus der Familie der Palpenmotten (Gelechiidae). Sie wurde im Riverside County, dem Imperial County in Südkalifornien sowie in der Mitte der Baja California in Mexiko nachgewiesen. (Erstbeschreibung)
  • Die Internationale Kommission für Zoologische Nomenklatur (ICZN) berät und vertritt die zoologische Gemeinschaft in Fragen der korrekten Verwendung wissenschaftlicher Tiernamen. Sie erstellt und verbreitet Informationen zur korrekten Verwendung dieser Namen. Die ICZN ist verantwortlich für die Herausgabe des Internationalen Codes der Zoologischen Nomenklatur – eines Regelwerks für die Benennung von Tieren und für die Lösung nomenklatorischer Probleme. (ICZN)

Quellen

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