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Der Kreisverkehr im Berg

7 Min
Die Autos verschwinden im Berg. Weniger werden sie deshalb nicht. Ganz im Gegenteil.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, Unsplash

Damit wir die Autos nicht sehen, wird in Feldkirch ein gigantisches Tunnelsystem in den Berg gesprengt. Weniger wird der Verkehr dadurch nicht.


Rumms macht es pünktlich um sieben Uhr früh. Wieder ein Stück Berg weg. Die Sprengungen, die riesige Löcher in den Hausberg reißen, sind in der ganzen Stadt zu hören – und zu spüren.

Feldkirch liegt im Westen von Österreich. Eine Stadt, die aufgrund ihrer geografischen Lage und der Handelswege schon im Mittelalter blühte. Heute sind diese Handelswege mehr Fluch als Segen.

Hier fahren alle mit dem Auto durch, die im Osten waren und in den Westen wollen – und umgekehrt. Auch der Pendlerverkehr ist enorm. Mehr als 15.000 Vorarlberger:innen arbeiten in Liechtenstein oder in der Ostschweiz. Das spürt die Hauptstraße. 40.000 Autos, 1.500 Lastwagen schlängeln sich täglich durch die Stadt. Die malerischen Hügel, die die Stadt säumen, täuschen: Feldkirch ist stark durch Stickoxid belastet.

Eine Spinne mit vier Beinen

Die Lösung: Löcher in einen der grünen Hügel sprengen. Konkret in den Feldkircher Hausberg, „Stadtschrofen“ genannt. Die vier Löcher sollen zu Tunnelästen mit einem Durchmesser von je 70 Metern werden. Ein unterirdischer Kreisverkehr, von seinen Gegner:innen verächtlich „Tunnelspinne“ genannt. Die Straßenlänge unter dem Schrofen beträgt knapp vier Kilometer. Die schlechte Luft soll so weit nach oben über den Berg geblasen werden, dass man sie unten gar nicht mehr mitkriegt. Problem gelöst.

Wir Menschen tendieren dazu, Unangenehmes aus dem Gesichtsfeld zu räumen.

Staub unter den Teppich, Gerümpel in den Schrank, Autos unter die Erde: Wir Menschen tendieren dazu, Unangenehmes aus dem Gesichtsfeld zu räumen. Das bedeutet nicht, dass die Probleme dadurch verschwinden, oft ist das Gegenteil der Fall: Wird die Quelle der Probleme nicht in Angriff genommen, können sie mit der Zeit auf das Vielfache der ursprünglichen Größe anschwellen.

„Infrastrukturprojekte steigern die Nachfrage“, formuliert es Markus Mailer. Er ist Universitätsprofessor in Innsbruck und Leiter des Bereichs Intelligente Verkehrssysteme. Was angeboten wird, wird nachgefragt. Und zwar verstärkt. Das sei beim Bau von Radwegen so, bei öffentlichen Verkehrsmitteln und eben auch bei Straßen. Der Satz „Wer Straßen baut, wird Verkehr ernten“ wird seit Jahrzehnten kolportiert. Zu Recht, findet Mailer. Denn die zweite, die dritte Spur als Entlastungsfahrbahn, die nächste Straße, um den Stau zu beseitigen, sei als Idee nicht neu. Aber es sei immer das Gleiche: „Anfangs kommen die Entlastungseffekte. Nachher haben wir das erhöhte Verkehrsaufkommen.“

Die vermeintliche Entlastung

In Vorarlberg wird der Stadttunnel als die Lösung der Verkehrsprobleme gepriesen. „Der Stadttunnel wird für Feldkirch die langersehnte Entlastung bringen“, heißt es auf der Webseite der Stadt. „Das bedeutet: mehr Platz für nachhaltige Mobilität und einen Gewinn an Lebensqualität.“

Autos fahren unterirdisch. Fahrräder fahren oberirdisch. Alles gut? Kurz- und mittelfristig wird tatsächlich alles gut scheinen. Die Langzeitwirkung wird ausgeblendet. Die tritt nicht in derselben Periode der politischen Verantwortung ein. Falls sich doch jemand erinnern will, dann „werden kausale Entwicklungen schlicht negiert, oder man gibt anderen Entwicklungen die Schuld“, sagt Mailer.

Der Verkehrsexperte führt auch ins Treffen, dass es „mutig wirkt“, so ein „großes Projekt in Angriff zu nehmen“, und damit signalisiert wird, dass Dinge ins Rollen gebracht werden. Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) hat schon 2019 den Stadttunnel in Feldkirch zur Koalitionsbedingung auf Landesebene gemacht. Ein saurer Apfel, in den die Grünen gebissen haben. Alternativstrategien zu so großen Projekten – wie ein stärkeres Busnetz oder Umleitungen auf die Autobahn an einer anderen Stelle als in der drittgrößten Stadt Vorarlbergs – wirken mit dem Sammelsurium an „Klein-Klein“ weniger attraktiv und visionär.

Außerdem: „Menschen sind in ihrem Verhalten gefangen“, sagt Mailer. Wer gewohnt ist, mit dem Auto zu fahren, wird nicht an Strategien gegen sich selbst arbeiten. Er wirft auch die Frage nach schützenswerten Interessen auf: „Die, die im Stau stehen, sind ja bekanntlich der Stau.“ Soll der motorisierte Individualverkehr wirklich entlastet werden? Pendeln mit dem Auto belohnt werden? In Zeiten, in denen die UNO gerade erst vor den Kipp-Punkten beim Klima gewarnt hat?

„Man kann sich aus einem Stau nicht herausbauen“

In eine ähnliche Kerbe schlägt Michael Schwendinger vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ): „Man kann sich aus einem Stau nicht herausbauen. Bei solchen Großprojekten für den Individualverkehr stellt sich die Frage, ob die heutzutage noch zeitgemäß sind.“ Auch wenn das Projekt an und für sich am Stand der Technik ist – wenn ein Verkehrsträger attraktiver wird, dann wird er häufiger genutzt. Das werden nun mal Verbrenner-Motoren sein, auch wenn der eine oder andere Vorarlberger oder Liechtensteiner Tesla darunter zu finden sein wird.

Bestes Beispiel für die gegenteiligen Effekte: Der Schmittentunnel in Zell am See, Salzburg. In den 1990ern wurde er gebaut und sollte die Hauptstraße in dem Touristenort entlasten. Die Entlastung war nur von kurzer Dauer, der Verkehrsschwarm hat sich den neuen Gegebenheiten angepasst. Früher waren es 16.000 Autos täglich auf der Straße. „Jetzt sind es täglich 16.000 im Tunnel und 16.000 auf der Straße“, beklagte zwanzig Jahre später der damalige Bürgermeister Pater Padourek (ÖVP). Der Verkehr hatte sich verdoppelt, das Budget wurde im Gegenzug erheblich erleichtert – um damals 700 Millionen Schilling (umgerechnet 51 Millionen Euro, heute inflationsbereinigt 92 Millionen Euro).

303 Millionen Euro

Die Sache mit dem Budget ist auch der Hebel, mit dem der Feldkircher Stadtrat Clemens Rauch von den Grünen versucht, jene zu überzeugen, die nicht den Öko-Standpunkt vertreten. Denn die vielen Löcher im Berg inklusive Entlüftungsstollen sind nicht billig. 303 Millionen Euro soll das Projekt kosten.

Die Stadt Feldkirch übernimmt zwölf Millionen Euro, der Bund über den Finanzausgleich 40 Millionen Euro und die Vorarlberger Energienetze drei Millionen Euro. Den Rest, knapp 250 Millionen Euro, trägt das Land Vorarlberg. Es ist Geld, das voraussichtlich an anderen Ecken fehlen wird. Diese Schätzung der 303 Millionen Euro ist aus dem Jahr 2022. Stadtrat Clemens Rauch bezweifelt gegenüber der WZ, dass die Summe realistisch ist. Erstens leben wir in Zeiten der Teuerung. Zweitens werde ein vergleichbares Projekt in der Schweiz (Stadttunnel Rapperswil-Jona) derzeit mit einer Milliarde Franken veranschlagt.

Ein Fossil

Das Problem an Infrastrukturprojekten: Sie sind nicht so wendig wie eine lebendige Spinne, sondern in der Planung eher so unbeweglich wie ein verkrustetes Fossil. Die Mikro-Bewegungen sind in der Planung fast unsichtbar für das Auge. Vielleicht nennt man die Untertunnelung deswegen auch „Generationenprojekt“ auf der eigenen Webseite. Der Tunnel durch den Stadtberg als Idee wurde in den 1990er Jahren geboren, damals, als etwa auch in Salzburg der Schmittentunnel gebaut wurde.

1998 hat das Infrastrukturministerium – damals unter Caspar Einem (SPÖ) – die Untertunnelung in Feldkirch als beste Lösung betrachtet, um den Verkehr zwischen Autobahn bis zum Grenzübergang nach Liechtenstein verschwinden zu lassen. 2015 hat auch die zweite Instanz des Bundesverwaltungsgerichts dem Bau des Tunnels grünes Licht gegeben. Jetzt wird viel drumherum gemacht, die Explosionen sind Teil des Erkundungsstollen. Von den Betreibern wird suggeriert, dass das Projekt praktisch schon abgeschlossen ist, meint Clemens Rauch. Dabei sei noch genügend Zeit, um den Tunnel zu stoppen. Noch ist nicht viel passiert, auch wenn es auf der dafür eingerichteten Webseite anders aussieht.

Die heiße Phase

Jetzt, nach der Vorplanung, beginnt die heiße Phase. Jetzt werden Nägel mit Köpfen gemacht. Nächstes Jahr soll mit dem Haupttunnel begonnen werden. 2030 soll der Tunnel in Betrieb gehen. Auch wenn es bis dahin wieder einiges an Demonstrationen geben wird – am 15. November wird anlässlich der Landtagssitzung den nächsten Sitzstreik ausgerufen, unter dem Motto „Klimanotstand heißt handeln! – Tunnelspinne stoppen!“

Mit den Gegner:innen hat man allerdings auf den Regierungsebenen leben gelernt. „Grundsätzliche und fundamentale Zweifler:innen kommen nicht ins Boot“, heißt es auf Anfrage. Für alle anderen interessierten Bürger:innen hat die Stadt Feldkirch einen eigenen Informationscontainer aufgestellt. Dort kann man sich montags bis samstags auf großen Bildschirmen Animationen ansehen, wie es denn einst sein wird: „Als besondere Highlights erwarten Sie ein multimedial bespieltes 3D-Modell und ein virtueller Tunnelflug.“ Damit erlebe man „den zukünftigen Stadttunnel Feldkirch schon heute hautnah“ – es scheint eine schöne, neue, saubere Welt, zu sein, wenn der Fließverkehr zivilisiert und einspurig in dem unterirdischen Kreisverkehr verteilt wird.


Infos und Quellen

Genese:

In Feldkirch sind immer wieder Erschütterungen zu spüren. Die Stadt wackelt aufgrund stattfindender Probebohrungen.

Der Stadttunnel Feldkirch ist das erste Straßenbauprojekt in Vorarlberg, für das eine Genehmigung nach dem UVP-Gesetz beantragt wurde. In einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) werden sämtliche Auswirkungen eines Projekts auf Menschen, Natur und Umwelt gesamtheitlich überprüft und bewertet. Diese Prüfung ist positiv ausgefallen: Im Juni 2019 gab der Bundesverwaltungsgerichtshof in zweiter Instanz grünes Licht.

Anvisierter Baubeginn ist 2024.

Gesprächspartner:innen

  • Clemens Rauch, Stadtrat für Umweltschutz und Abfallwirtschaft, Die Grünen, Feldkirch

  • Markus Mailer, Universitätsprofessor, Universität Innsbruck, Arbeitsbereich Infrastruktur

  • Michael Schwendinger, Verkehrsexperte, Verkehrsclub Österreich

  • Kommunikationsabteilung der Stadt Feldkirch

Quellen

Das Thema in anderen Medien