Zum Hauptinhalt springen

Der Krieg - ein Chamäleon

5 Min
Wie haben sich Kriege verändert?
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Es gibt keine modernen Kriege, sagt der Militärhistoriker Erwin A. Schmidl. Was sich verändert, sind die Waffen. Und welche Rolle spielt die Guerrilla?


„Wir sind im Krieg“, sagte der israelische Präsident Benjamin Netanjahu nach dem Angriff der radikalislamischen Hamas auf Israel. Wladimir Putin hingegen nennt sein Vorgehen gegen die Ukraine beharrlich eine „Militäraktion“. Welcher Krieg ist ein Krieg? Hat sich der Krieg verändert und gibt es den modernen Krieg? Zeit, dass die WZ mit einem Experten spricht: Erwin A. Schmidl ist Militärhistoriker und Professor an der Universität Innsbruck.

WZ | Edwin Baumgartner

Wann ist ein Krieg ein Krieg?

Erwin A. Schmidl

Das ist Geschmackssache. In den USA hat man die Benennung auf der Basis von Zahlen versucht und gesagt, dass alles über 1000 Tote ein Krieg ist. Aber das halte ich für wenig hilfreich. Krieg ist, wenn Staaten einen Konflikt unter Einsatz militärischer Strukturen mit Waffengewalt austragen. Aber es gibt keine eindeutige Definition.

WZ | Edwin Baumgartner

Schlagwort asymmetrische Kriege, also Kriege zwischen Gegnern mit unterschiedlich starker Bewaffnung, unterschiedlicher Truppenstärke und eventuell unterschiedlicher Zielsetzung, kurz und ins Unreine gesagt: David gegen Goliath: Das sind die „neuen Kriege“. Oder liege ich da falsch?

Erwin A. Schmidl

Ich halte wenig von dem Modell der „neuen Kriege“. Es ändern sich die Techniken mit der Entwicklung, aber dadurch nicht die Kriege an sich. Wie schon Clausewitz sagte: „Der Krieg ist ein Chamäleon.“ Was sich in den vergangenen 200 bis 300 Jahren sukzessive geändert hat, ist die Reichweite und die Geschwindigkeit der Nachrichten über Kriege. Ich halte auch nichts vom Schlagwort der „asymmetrischen Kriegführung“, das ist ein Modebegriff der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Jede Kriegführung versucht die Symmetrie zu verschieben, und auch Partisanen sind militärisch organisiert.

WZ | Edwin Baumgartner

Am Beispiel Ukraine…

Erwin A. Schmidl

Genau das Beispiel Ukraine zeigt, dass das Modell der neuen Kriege wenig hilfreich ist. Die technischen Mittel wie Drohnen und Satellitenaufklärung haben dazu geführt, dass wir vom gläsernen Schlachtfeld sprechen, aber das Muster – zwei Staaten gegeneinander – ist alles andere als neu.

WZ | Edwin Baumgartner

Worauf ich mit dem Begriff „neuer Krieg“ hinauswollte: Von der Schlacht von Waterloo zu einem Flächenbombardement hat sich eine Entwicklung vollzogen, nicht zuletzt was die Involvierung der Zivilbevölkerung betrifft.

Erwin A. Schmidl

Die Zivilbevölkerung war im Kriegsfall immer involviert: Denken Sie nur an die Belagerungen und den Beschuss von Städten. Das hat massenhaft Opfer verursacht. Es haben sich die technischen Möglichkeiten in die Dritte Dimension erweitert, nach oben mit Flugzeugen und Drohnen, nach unten, etwa mit U-Booten. Es gibt eine schrittweise Entwicklung, eine Evolution des Krieges. Die Grundziele jedoch bleiben die gleichen, und ebenso bleibt die Involvierung der Zivilbevölkerung die gleiche. In der Regel werden zivile Opfer von der schwächeren Seite provoziert, um eine Solidarisierung zu erreichen.

WZ | Edwin Baumgartner

Apropos schwächere Seite: Die Guerilla – wenn ich als historisches Beispiel etwa Andreas Hofer gegen Napoleon nenne – kann als Krieg der armen Leute verstanden werden…

Erwin A. Schmidl

Der Begriff „Guerilla“ geht teilweise auf die Napoleonischen Kriege zurück, auf seine Kriege auf der Iberischen Halbinsel und den Widerstand, in Tirol nur zum Teil, aber das Phänomen gab es schon immer, zumal dort, wo zahlenmäßig und technisch unterlegene Kriegsparteien auf technisch und materiell überlegene Gegner trafen. Insofern ist die Guerilla tatsächlich der „Krieg der armen Leute“, aber in gewisser Weise auch eine intelligentere Form der Kriegführung, die den Gegner dort zu treffen sucht, wo er am verwundbarsten ist.

WZ | Edwin Baumgartner

Worauf stützt sich die Guerilla?

Erwin A. Schmidl

Die Vorbedingung ist die freiwillige oder erzwungene Unterstützung durch die Bevölkerung im Land. Mao Zedong nannte es „Fisch im Wasser“. Daraus resultiert die Doktrin der USA, im Gegenzug die „hearts and minds“ zu gewinnen. Was man dabei nicht übersehen darf, ist allerdings, dass die Guerilla mit gewaltigem eigenen Leid verbunden ist. Man neigt dazu, den Sieg des Vietkong über die USA zu romantisieren, aber man übersieht, was das an Leid gekostet hat.

WZ | Edwin Baumgartner

Womit wir bei der Facette des Terrors wären…

Erwin A. Schmidl

Terror, das Verbreiten von Schrecken, war immer schon ein Element, den Gegner zu ängstigen und dadurch zu schwächen – dafür gibt es Beispiele etwa aus den Kriegen der Osmanen in Europa. Daher ist der Terror natürlich auch ein Element der Guerrilla – und zwar auf beiden Seiten. Er ist in gewisser Weise ein Zeichen der Hilflosigkeit.

WZ | Edwin Baumgartner

Derzeit versucht Israel in Gaza der Hamas mit Bombardements beizukommen, und Wladimir Putin lässt über Städten der Ukraine Bomben abwerfen. Ist das überhaupt strategisch sinnvoll?

Erwin A. Schmidl

Da muss man zwischen gezielt und weniger gezielt unterscheiden. Militärische Wirkung haben zunächst einmal gezielte Schläge, ganz gleich, ob diese durch Artillerie, Bomben aus Flugzeugen oder Raketen erfolgen. Sogenannte Kollateralschäden, also etwa zivile Opfer, sollen zwar die Moral des Gegners untergraben, erreichen meist aber das Gegenteil. So ging etwa die Erwartung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, die Deutschen, mangels perfektionierter Zielgeräte, durch Flächenbombardements zu zermürben, nicht auf. Wie Sanktionen, wirken derartige Maßnahmen letztlich eher systemstabilisierend. Im aktuellen Fall sehen wir ja, dass die Bombardements in Gaza sowohl unter der lokalen Bevölkerung wie weltweit eher Sympathien für die Hamas befördern.

WZ | Edwin Baumgartner

Wann ist die Bodenoffensive unumgänglich?

Erwin A. Schmidl

Bei einer Bodenoffensive stellt sich immer die Frage nach den Zielen, dem Aufwand und den Kosten, wobei unter Kosten weniger die finanziellen gemeint sind als die Opferzahlen vor allem in Hinblick auf die öffentliche Meinung weltweit, nicht nur in Europa und in den USA. Aber, was konkret Gaza betrifft: Natürlich gilt es hier, den Druck der öffentlichen Meinung auf die eigene Regierung miteinzubeziehen, „etwas“ zu tun.

WZ | Edwin Baumgartner

Wie kommen die Kriegsparteien aus einem Krieg wieder heraus?

Erwin A. Schmidl

Grundsätzlich gibt es zwei Optionen. Die erste ist: Eine Seite vernichtet den Gegner, das heißt: sein Kampfpotenzial. Das haben wir in Bergkarabach erlebt, dass eine Seite aufgeben muss. Die zweite Option ist, dass beide Seiten erkennen, dass sie durch eine Fortsetzung des Krieges nichts gewinnen können. Allerdings steht die Propaganda im Weg, die vor und im Krieg den Gegner entmenschlicht und zum Dämon stilisiert hat. Das macht es schwierig, wieder aufeinander zuzugehen.

WZ | Edwin Baumgartner

Wo hat das funktioniert?

Erwin A. Schmidl

Beispiele für lange anhaltende Friedenschlüsse gibt es genug. Heute kann sich niemand mehr vorstellen, dass Deutschland und Frankreich gegeneinander Krieg führen. Bis vor rund 80 Jahren waren das die Erbfeinde. Aber je größer die Verletzungen während des Krieges sind, desto schwieriger wird es mit dem Friedensschluss. Wobei ein formaler Friedensschluss nicht unbedingt notwendig ist: Zwischen Nord- und Südkorea etwa herrscht ein Waffenstillstand, ebenso auf Zypern. Andererseits zeigt die Lage in Südosteuropa, wie schwer es oft trotz der formalen Friedensschlüsse ist.


Infos und Quellen

Genese

Nach dem Überfall auf Israel erklärte der israelische Präsident Benjamin Netanjahu: „Wir sind im Krieg“ mit der Hamas. Eine Bodenoffensive steht derzeit im Raum. Doch wie kann Krieg heute aussehen und was ist der „moderne Krieg“? Edwin Baumgartner stellte diese Fragen dem Militärhistoriker Erwin A. Schmidl von der Universität Innsbruck.

Gesprächspartner

Erwin A. Schmidl ist Militärhistoriker und Dozent an der Universität Innsbruck. Er hat an der Universität Wien Geschichte, Völkerkunde und Kunstgeschichte studiert, 1981 als Dr. phil. sub auspiciis praesidentis promoviert und sich 2001 in Innsbruck habilitiert. 1981 ist er als Referent und Referatsleiter in das Heeresgeschichtliche Museum Wien eingetreten, wo er zuletzt interimistischer Leiter der Militärwissenschaftlichen bzw. Militärgeschichtlichen Forschungsabteilung war. 1991/92 war er der UN-Abteilung des Außenministeriums zugeteilt, 1994 UN-Beobachter in Südafrika, 1994-95 Leiter des Hauptreferats Publikationswesen am Heeresgeschichtlichen Museum, 1995/96 Senior Fellow am U.S. Institute of Peace in Washington D.C., 1996-2001 im Militärwissenschaftlichen Büro, zuletzt Leiter der Forschungsabteilung. Seit 2001 ist er Leiter des Fachbereichs Zeitgeschichte am Institut für Strategie und Sicherheitspolitik der Landesverteidigungsakademie Wien, das er seit 2012 interimistisch leitet.

Daten und Fakten

  • Carl Philipp Gottlieb (von) Clausewitz (1780-1831) war ein preußischer Generalmajor, Heeresreformer, Militärwissenschaftler und -ethiker. In seinem unvollendet gebliebenen Hauptwerk „Vom Kriege“ befasst er sich mit Theorien über Strategie, Taktik und Philosophie. Seine Überlegungen werden bis heute an den Militärakademien westlicher Staaten gelehrt. Teilweise haben sie auch Eingang in das Marketing gefunden.

  • In der Schlacht bei Waterloo (Belgien) wurde am 18. Juni 1815 Napoleon Bonaparte von den alliierten Truppen Großbritanniens und Preußens besiegt. Es war die letzte Schlacht Napoleons.

  • Unter „Guerilla“ (auch „Guerrilla“ geschrieben, Verkleinerungsform von „Guerra“, spanisch für Krieg) versteht man in der Regel den Kampf aufständischer Einheiten gegen eine Besatzungsmacht oder gegen die eigene Regierung. Charakteristisch für die Guerilla ist der Versuch, die waffentechnische und zahlenmäßige Unterlegenheit durch Taktik wettmachen zu wollen.

  • Mao Zedong (1893-1976) war ein chinesischer marxistisch-leninistischer Revolutionstheoretiker. Er war Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas sowie diktatorisch regierender Präsident der Volksrepublik China. Mao führte die Kommunisten im Chinesischen Bürgerkrieg.

  • Der Vietkong war die „Nationale Front für die Befreiung Südvietnams“. Der Vietkong war eine Guerillaorganisation, die während des Kriegs zwischen Nord- und Südvietnam (1955 bis 1975) in Südvietnam einen bewaffneten Widerstand gegen die Regierung und die sie unterstützenden Streitkräfte der Vereinigten Staaten führte. Der Vietkong wurde wurde 1960 gegründet und 1977 offiziell aufgelöst.

  • Bergkarabach ist eine Region im Südosten des Kleinen Kaukasus. Die Region ist zwischen Armenien und Aserbaidschan umstritten. Im September 2023 eroberte Aserbaidschan Bergkarabach vollständig, was zur Flucht der Armenier führte.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien