)
Geister auf den Straßen Bagdads? Vampire in der k. u. k. Monarchie? Ein Riese, der amerikanische Soldaten in Afghanistan angreift? Wie Kriegstraumata und Verschwörungserzählungen zusammenhängen.
Es soll sich im Jahr 2002 ereignet haben, in der frühen Phase des US-amerikanischen Krieges in Afghanistan. Laut der Erzählung verschlug es eine US-Patrouille in eine abgelegene Bergregion der südlich gelegenen Provinz Kandahar. An einem Höhleneingang fanden die Soldat:innen Hinweise auf vermisste Kamerad:innen: Verstreute Militärausrüstung und menschliche Überreste. Dann tauchte eine riesige Gestalt mit rotem Haar, sechs Fingern und zwei Zahnreihen auf und griff die Soldaten an. Das mit einem Speer bewaffnete Monster war zwischen vier und fünf Meter groß und tötete einen Soldaten, bevor es mittels eines dreißigsekündigen Kugelhagels niedergestreckt wurde. Zum Schluss wurde der leblose Körper des Monsters per Helikopter in einem Lastnetz ausgeflogen und an einen unbekannten Ort gebracht. Sämtliche Augenzeugen des Geschehens mussten Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben.
- Für dich interessant: Srebrenica: „Dann haben sie ihr Ziel erreicht: Völkermord“
So und nicht anders lautet die Geschichte des „Riesen von Kandahar“, die im letzten Jahrzehnt vor allem über YouTube und bestimmte Internetforen verbreitet wurde. Zuletzt erhielt sie abermals große Aufmerksamkeit dank des US-Podcasters Joe Rogan, der scheinbar zu den größten Anhängern der Riesengeschichte gehört. Sie klingt wie eine Erzählung aus Fantasy und Science-Fiction. Einer der vermeintlichen Hauptzeugen, der diese Geschichte ins Leben gerufen hat, ist ein Mann namens „Mr. K.“, der behauptet, als US-Soldat in Afghanistan gedient zu haben. Das Problem: Das Militärmärchen wurde ernster genommen, als viele meinen möchten. Mehrere seriöse Medien beschäftigten sich mit dem afghanischen Riesen und entkräfteten diese Geschichte (logischerweise), doch nichtsdestotrotz boomt das militärisch-paranormale Subgenre weiter – und zieht sich auch durch viele der gegenwärtigen Konflikte.
Exemplarisch hierfür ist etwa der YouTube-Kanal „Wartime Stories“, der mittlerweile fast eine Million Abonnent:innen hat. Unter anderem widmet dieser sich diversen Kriegsgeschichten mit aufwendiger Animation und Erzählung. Meist geht es um die vermeintlich paranormalen Begegnungen von US-Soldat:innen, die in Südasien oder im Nahen Osten stationiert gewesen sind. Verfluchte Hochhäuser mit Dschinns, islamische Feuerwesen, untote Frauen, die durch keine Gewehrsalve getötet werden können, oder eben afghanische Riesen oder Geister. Eine Episode behandelt etwa nicht den Riesen von Kandahar, sondern einen anderen Riesen aus der nordöstlichen Provinz Kunar, der plötzlich auf der Wärmebildkamera eines Schützen auftauchte. Eine andere Gruselgeschichte beschreibt ein Feldlager, das nachts von den Geistern getöteter Soldat:innen heimgesucht wurde.
Der einzige Fakt: Krieg traumatisiert und ist belastend
Derartiger Content stößt nicht nur auf Resonanz, sondern wird auch oft von vermeintlichen Augenzeugen oder Betroffenen bestätigt. In den Kommentarspalten auf YouTube lassen sich etwa viele angebliche Veteran:innen finden, die während ihrer Einsätze ähnliche Dinge erlebt haben wollen. „Auch ich war in dieser Wüste und wir wussten alle, dass wir beobachtet werden – und zwar nicht von Menschen“, schreibt einer der User. Oder: „Die Einheimischen wussten Bescheid und hatten viele Geschichten über diese Wesen.“ „Geh nicht in diese Berge, dort hausen Riesen!“, soll ein afghanischer Händler einem US-Soldaten in der Provinz Ghazni gesagt haben.
Tatsächlich ist es so, dass in vielen der betroffenen Länder der Glaube an paranormale Wesen zum Alltag gehört. In Afghanistan gibt es ganze Ortschaften, die gemieden werden, weil dort angeblich Dschinns leben. Und es gibt auch Gräber, etwa von diversen Heiligen, die die Körpergröße eines durchschnittlichen Menschen um ein Vielfaches überragen.
Wer als Außenstehende:r – nichts anderes sind Soldaten in ihnen unbekannten Ländern und Regionen – mit dieser lokalen Folklore konfrontiert wird und gleichzeitig tagtäglich die brutale Gewalt des Krieges erfährt und dabei auch Kamerad:innen verliert, versucht womöglich im Laufe der Zeit, anderweitige Erklärungen für das Geschehene und die eigenen Traumata zu finden.
Wir wissen, dass Schlafentzug und Übermüdung zu den stärksten Faktoren bei Halluzinationen gehören und dass in Situationen wie Isolation, etwa auf einem einsamen Wachposten, oder in einer extrem monotonen Umgebung das Gehirn beginnt, bei mangelndem Input Reize zu „erfinden“, um das menschliche Bedürfnis nach Stimulation zu befriedigen. Ebenso klar ist auch, dass Erschöpfung und dauerhafter Kalorienmangel zu einer physischen Auszehrung führen, die die kognitiven Funktionen des Gehirns schwächt.
Für rationale Beobachter:innen sind dies oft die einzigen Erklärungsmöglichkeiten für die paranormale Parallelwelt, in die viele Soldat:innen abgedriftet zu sein scheinen.
„Ich glaube, dass fremde Mächte hinter diesen Konflikten stecken“
Carter* sieht das anders. Der ehemalige US-Soldat und Militäranalyst hat sich bereit erklärt, anonym mit der WZ zu sprechen. Er glaubt nicht an jede Spukgeschichte, doch gleichzeitig ist er davon überzeugt, dass paranormale Kräfte viele der gegenwärtigen Konflikte steuern. Wen er damit konkret meint? Dschinns, Dämonen oder die Nephilim, biblische, riesenhafte Wesen, bei denen es sich unterschiedlichen Theorien zufolge entweder um die Kinder von gefallenen Engeln und Menschen oder um die Nachkommen von Seth, dem Sohn von Adam und Eva, handeln soll.
„Ja, die Nephilim sind absolut real. Da gibt es für mich keine Diskussion“, erklärt Carter und fügt hinzu, dass der Glaube an diese Wesen bei vielen Veteranen weit verbreitet sein soll. Was irgendwelche Wesen aus der Bibel mit der aktuellen Weltpolitik zu tun haben sollen, erklärt er gleich darauf: „Sie sind an den aktuellen Kriegen in Nahost beteiligt und auf allen Seiten vertreten: Iran, Israel und natürlich nutzt sie auch unsere Regierung in Washington.“
Dann kommt Carter auch – wie könnte es anders sein? – auf den Fall Epstein zu sprechen. Seit dieser der Öffentlichkeit bekannt ist, würden mehr Menschen verstehen, wie sehr die mächtigsten Menschen der Welt mit Dämonen und anderen paranormalen Wesen verstrickt seien. Fakt ist, dass Verschwörungstheorien, wie sie auch Carter erzählt, seit der weitreichenden Veröffentlichung der Epstein-Files einen starken Aufschwung erleben. Viele dieser Erzählungen sind explizit antisemitisch. „Ganz gleich, welcher Spielart von Verschwörungstheorie man auch anhängt: In den Akten findet man etwas dazu“, meint etwa der US-amerikanische Autor und Journalist Mike Rothschild, der sich unter anderem mit antisemitischen Verschwörungserzählungen und der extremen Rechten beschäftigt. „Eines der Probleme, vor denen wir stehen, ist, dass es so unglaublich viele Informationen gibt, aber keinen Filter dafür.“
Für Carter und viele andere Anhänger:innen derartiger Geschichten scheint all dies allerdings keine Rolle zu spielen. Sie sind überzeugt von ihrer Weltanschauung – und werden erst hellhörig, sobald man ihnen etwas gibt, was diese womöglich bestätigt, etwa eine Anekdote über das mutmaßliche Grab von Seth, jenem Sohn Adams, der auch im Islam als Prophet gilt. Ich habe den Ort nahe der Stadt Balkh im Norden Afghanistans vor einigen Jahren aufgesucht. Die vermeintliche Grabesstätte gilt als Heiligenschrein und ist mehrere Meter groß. Auch Seth muss also allem Anschein nach ein Riese gewesen sein. Doch selbst in der Region bezweifeln viele Menschen diese Geschichte. Anders sieht es bei Carter aus. „Ich habe erst später verstanden, dass wir nicht in den Irak und in Afghanistan einmarschiert sind, weil es uns um Bodenschätze oder gar um Demokratie ging, sondern um alte Technologien und paranormale Kräfte. Diese Länder sind sehr alt und vieles, was sich dort befindet, war unseren Regierungen verborgen“, so Carters Resümee.
Wie man Ammenmärchen wirklich entgegentritt
Ein besonders gutes Beispiel für die Dekonstruktion derartiger Geschichten lässt sich in der k. u. k. Monarchie des 18. Jahrhunderts finden. Konkret geht es hier um den Fall des serbischen Bauern Peter Plogojowitz, der 1725 im damaligen Königreich Serbien unter habsburgischer Verwaltung verstarb. Nachdem innerhalb weniger Tage mehrere Dorfbewohner verstarben, die zuvor von „nächtlichen Erscheinungen“ berichtet hatten, geriet die Gemeinschaft in Panik und forderte die Exhumierung des Toten. Der zuständige kaiserliche Kameralprovisor war gezwungen, der Öffnung des Grabes beizuwohnen und berichtete den Wiener Behörden von einem Leichnam, der „nicht verwest“ wirkte, was damals als klassisches Anzeichen für einen Vampir gedeutet wurde. Entsprechend dem lokalen Brauch wurde der Körper gepfählt und verbrannt, um den vermeintlichen Spuk zu beenden.
Der Wiener Hof reagierte auf solche Ereignisse jedoch mit zunehmender wissenschaftlicher Skepsis, die maßgeblich durch den kaiserlichen Leibarzt Gerard van Swieten geprägt wurde. In seinem berühmten Gutachten von 1755 erklärte er die beobachteten Phänomene, etwa vermeintlich nachgewachsene Haare oder frisches Blut an den Lippen, als natürliche Resultate des Verwesungsprozesses und interpretierte die Wahrnehmungen der Dorfbewohner:innen als stressbedingte Fehlleistungen des Gehirns. Aufgrund dieser rationalen Einordnung erließ Kaiserin Maria Theresia ein striktes Verbot derartiger Grabschändungen. Damit markierte dieser Fall den entscheidenden Wendepunkt, an dem die aufgeklärte Verwaltung der Monarchie dem „Vampirismus“ den Status eines offiziellen Phänomens absprach und ihn als ein Resultat von Aberglauben und mangelnder medizinischer Bildung entlarvte.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Gesprächspartner
* Der Ex-Soldat Carter möchte anonym bleiben.
Daten und Fakten
- Der falsche Vampir: Der Fall des serbischen Bauern Peter Plogojowitz aus dem Jahr 1725 ist einer der am besten dokumentierten historischen Belege für die Vampir-Hysterie der Frühen Neuzeit, da er nicht nur in mündlichen Überlieferungen existiert, sondern als offizielles Aktenstück im Wiener Hofarchiv erhalten blieb. Der Bericht des kaiserlichen Verwaltungsbeamten Frombald hält detailliert fest, wie die Dorfgemeinschaft den Verstorbenen nach einer Reihe mysteriöser Todesfälle als „Wiedergänger“ identifizierte und ihn unter staatlicher Aufsicht exhumierte, pfählte und verbrannte. Dieses Ereignis diente dem kaiserlichen Leibarzt Gerard van Swieten Jahre später als zentrales Fallbeispiel für sein Gutachten, in dem er die vermeintlichen Anzeichen von Vampirismus als natürliche Verwesungsprozesse entlarvte. Heute gilt der Fall als Paradebeispiel für die kulturgeschichtliche Schnittstelle zwischen forensischer Pathologie und der aufklärerischen Bestrebung des Habsburger Staates, anhand derer irrationaler Aberglaube durch bürokratische und wissenschaftliche Rationalität unterbunden wurde.
- Der „Riese von Kandahar“: Die Erzählung vom sogenannten „Riesen von Kandahar“ ist eine moderne urbane Legende, die Anfang der 2000er-Jahre innerhalb der US-Militärkreise in Afghanistan aufkam und später durch das Internet globale Verbreitung fand. Der Mythos besagt, dass eine US-Spezialeinheit während einer Suchmission in einer Höhle in der Provinz Kandahar auf ein über vier Meter großes, rothaariges und menschenähnliches Wesen mit sechs Fingern an jeder Hand stieß, das einen der US-Soldaten tötete, bevor es selbst niedergeschossen wurde. Diese Geschichte wird in Internetforen und sozialen Medien oft mit dem biblischen Bericht über die Nephilim verknüpft, wobei Verschwörungstheoretiker:innen behaupten, die US-Regierung habe die Leiche in einem geheimen Transport per Flugzeug in die USA gebracht, um den Fund zu vertuschen. Trotz der hartnäckigen Verbreitung der Geschichte gibt es keine physischen Beweise, seriöse Zeugenaussagen von tatsächlichen Armeeangehörigen oder offizielle Dokumente, die die Existenz einer solchen Kreatur stützen; die Erzählung wird von Expert:innen daher als klassische „Soldaten-Folklore“ eingestuft, die in Stress- und Isolationssituationen in Konfliktgebieten entsteht, um das Unbekannte und Gefährliche der Umgebung in eine greifbare, mythische Form zu gießen.
- Dschinn (arabisch: Jinn): Hierbei handelt es sich um unsichtbare Wesen aus der vorislamischen arabischen Mythologie und dem islamischen Glauben, die im Gegensatz zu Engeln, die aus Licht erschaffen wurden, aus „rauchlosem Feuer“ bestehen. Sie besitzen freien Willen, können Gutes oder Böses tun und sind wie Menschen in der Lage, sich fortzupflanzen, zu essen und zu sterben. In der Folklore und im Alltag vieler muslimisch geprägter Gesellschaften, besonders in Regionen wie Zentralasien oder der arabischen Welt, werden Dschinn oft als Bewohner:innen von verlassenen Orten, Ruinen oder der Wüste betrachtet, die bei Missachtung ihrer Lebensräume in das menschliche Leben eingreifen können. Während die Theologie sie als eine parallele Schöpfung zur Prüfung des Menschen einordnet, fungieren sie in der populären Erzählkultur oft als Erklärung für Unerklärliches, etwa psychische Krankheiten, plötzliche Unglücke oder unheimliche Vorkommnisse in der Natur, wobei sie bis heute eine präsente Rolle in der Erzähltradition und im volksreligiösen Verständnis muslimischer Regionen spielen.
- Nephilim: Die Nephilim werden in der hebräischen Bibel als legendäre, riesenhafte Wesen beschrieben, die als Nachkommen der „Gottessöhne“ und der „Töchter der Menschen“ gelten. Während die biblische Überlieferung sie knapp als „Helden der Vorzeit“ charakterisiert, hat sich um sie eine komplexe mythologische Deutungsgeschichte entwickelt: von frühen jüdischen Apokryphen wie dem Buch Henoch, die sie als hybride, korrumpierende Mischwesen interpretieren, bis hin zu modernen pseudowissenschaftlichen Theorien der Präastronautik, die in ihnen außerirdische Besucher:innen sehen. In der heutigen Forschung werden die Nephilim vor allem als ein symbolisches Motiv für eine chaotische, von Gewalt geprägte Urzeit betrachtet, in der die Grenzen zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre in der Vorstellung der antiken Kulturen auf gefährliche Weise verschwammen.
- Schreinkultur in Afghanistan: Die afghanische Schreinkultur, lokal als Ziarat bekannt, umfasst die Verehrung heiliger Stätten, die meist die Grabmäler von Sufi-Heiligen, islamischen Gelehrten oder lokalen Märtyrern beherbergen. Diese Orte dienen als Zentren für den volksreligiösen Glauben, an denen Gläubige Hilfe für persönliche Nöte – wie Krankheit, Kinderlosigkeit oder schwierige Lebensentscheidungen – durch Gebete und rituelle Handlungen suchen. Die Schreine sind oft mit bunten Gebetsfahnen und Votivgaben geschmückt, die die tiefe spirituelle Bindung der Bevölkerung widerspiegeln. Obwohl die offizielle theologische Lehre die Verehrung von Gräbern oft kritisch betrachtet, ist die Ziarat ein fester Bestandteil der afghanischen Identität und sozialen Struktur, da sie einen Raum bietet, in dem sich historische Erinnerung, mystische Spiritualität und der alltägliche Wunsch nach göttlichem Beistand in einer oft von Konflikten gezeichneten Umgebung verbinden.
- Antisemitismus und die Epstein-Verschwörungsmythen: Die Veröffentlichung der „Epstein-Files“ ab Anfang 2026 hat – statt der Forderung nach juristischer Aufarbeitung der Taten Jeffrey Epsteins – in sozialen Medien eine massive Welle antisemitischer Verschwörungsmythen ausgelöst. Anstatt die reale Gewalt gegen die Opfer in den Mittelpunkt zu stellen, nutzen Akteure die schiere Datenmenge wie einen Steinbruch, aus dem sie vermeintliche Belege ziehen, um vorgefertigte, judenfeindliche Narrative zu legitimieren. Dabei werden selektive Dokumentenschnipsel aus dem Kontext gerissen, um uralte Stereotype über eine „jüdische Weltverschwörung“, „jüdische Kontrolle“ von Politik und Medien oder vermeintlich rituelle Verbrechen zu verbreiten. Expert:innen warnen, dass diese Instrumentalisierung nicht nur die eigentlichen Täter:innen schützt, sondern den Antisemitismus im digitalen Raum gezielt algorithmisch verstärkt und normalisiert.
Quellen
- Jewish Federation of Louisville: Latest Epstein files release unleashes wave of antisemitic conspiracy theories on social media
)
)
)
)