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Der Mann, der immer kann

9 Min
Immer noch ein Tabu: Wenn der Mann weniger Lust auf Sex hat als seine Partnerin.
© Collage: WZ, Bildquelle: Unsplash & Adobe Stock

Männer müssen stark und dominant sein, keine Schwäche zeigen, nicht über ihre Gefühle reden - und vor allem immer Lust auf Sex haben. Warum Libidoverlust bei Männern immer noch Tabuthema ist.


Ein echter Mann muss nicht nur mindestens drei Mal die Woche ans römische Reich denken und keinen Schmerz kennen. Ein echter Mann hat auch immer Lust auf Sex. Was aber, wenn der Mann weniger Lust auf Sex hat als seine Partnerin? Wie passt das mit dem Männer- und Frauenbild zusammen, das uns jahrelang antrainiert wurde und bis heute in Film, Literatur und in den Sozialen Medien verbreitet wird?

Libido, Lust und Sex sind Tabuthemen – und weiblich besetzt. Das zeigt schon die Recherche zu diesem Artikel. Auf einen Aufruf nach Interviews haben sich zwölf Frauen gemeldet und ein Mann. Dieser Mann heißt Felix.

Wie essen, wenn man keinen Hunger hat?
Felix

Felix führte fünf Jahre lang eine heterosexuelle Beziehung, in der seine Freundin einen höheren Sexdrive hatte als er. Manchmal, wenn er merkte, dass seine Partnerin gern Sex gehabt hätte, überwand er sich dazu. „Es hat sich ein bisschen so angefühlt, als würde ich essen ohne Hunger zu haben. Es fühlt sich danach gut an, was im Magen zu haben. Notwendig war es nicht.“ In anderen Momenten spürte er Druck. Er entwickelte eine Abwehrreaktion. „Wahrscheinlich, weil es mir unangenehm war, darüber zu reden“, sagt er. Die Konflikte haben ihn viel Selbstvertrauen gekostet. Als seine Freundin Sexualtherapie als Lösung vorschlug, „sank mein Selbstvertrauen auf null“.

Bei Gesprächen über Lust fühlte er sich unwohl. „Ich glaub, es war unangenehm darüber zu reden, weil es sich in Gesprächen wie ein Defizit angefühlt hat“, sagt Felix. Dieses Ungleichgewicht wird in unserer Gesellschaft oft angesprochen – allerdings nur, wenn die Frau keine Lust hat. Als Jugendlicher hat Felix „hundertprozentig geglaubt, dass der Mann von Natur aus mehr Sexdrive hat“. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er gegenüber Freunden und Kollegen das Bild des willigen Mannes geben musste, weil das von ihm erwartet wurde.

Schweigen im Freundeskreis

Der Gedanke, dass bei Männerabenden plötzlich über Sexdrive und Libido gesprochen wird, ist für ihn undenkbar. Im Freundeskreis von Christie ist es genau umgekehrt. Die Libido ist Tischgespräch. Ihre ersten sexuellen Erfahrungen machte die heute 23-Jährige im Freundeskreis, als sie sich gemeinsam Pornos angeschaut haben. Darin war klar zu sehen: Männer haben immer Lust auf Sex. Als es in ihrer ersten Beziehung anders kommt, und sie selbst die Rolle der treibenden Kraft einnimmt, verunsicherte sie das. Das Gefühl kennt auch die 27-jährige Kasia. Lust nahm für sie einen höheren Stellenwert ein als für ihren Partner.

Anfang der 2000er Jahre fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass Sexualität als Teil der Gesamtgesundheit definiert wird. Sexualität wird also schon seit mindestens 20 Jahren enttabuisiert. Die Frage der Lust aber nicht. Sexualtherapeut:innen bestätigen das.
Claudia Wille-Helbich – medizinische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt auf Sexualtherapie – betont, dass es laut Definition der WHO nicht darum geht, dass man möglichst häufigen, guten Sex hat, sondern, dass Sexualität in einer Partnerschaft besprochen wird. „Ich kann auch gesund sein, wenn ich mit meinem Partner oder meiner Partnerin beschließe, dass Sexualität für uns nicht wichtig ist“, sagt sie. „Ist jedoch die Kluft zwischen meinem Sex-Verlangen und dem meines Partners groß, wird es schwierig auf einen grünen Zweig zu kommen.“

Eine Kluft, an der auch die Beziehung von Felix scheiterte.

Man kann nicht wütend auf jemanden sein, nur weil er keine Lust auf Sex hat.
Kasia

Lange, kräftige Haare, aufrechte Haltung, selbstbestimmter Gang: Kasia strahlt Stärke und Selbstbewusstsein aus. In ihren Beziehungen wurden diese Charakterzüge auf die Probe gestellt. Sie führte schon mehrere heterosexuelle Beziehungen, in denen ihre sexuelle Lust um einiges stärker war als die ihres Partners. Durch ihre sehr aufgeklärte, offene Familie, bei der Sexualität gerne und oft Tischgespräch war, hatte sie selbst kein Problem Sexualität in ihren Beziehungen zu thematisieren. Etwas, was ihre Partner überforderte. Kasia wurde immer wütender auf die Situation, nicht auf den Partner, „denn man kann nun mal nicht wütend auf jemanden sein, nur weil dieser keine Lust auf Sex hat.“

Stimmen in ihr wurden immer lauter. „Stimmt etwas nicht mit mir?“ Sie redet von Scham. Sie redet aber auch von der ständigen Hoffnung: „Wenn ich mir schöne Unterwäsche kaufe und einen romantischen Urlaub mit lustvollen Tanzkabaretts buche, will er vielleicht doch.“ Sie begann an ihrem Äußeren zu zweifeln, Kasia war frustriert.

Die weibliche Libido ist komplex

Sind die Beispiele Ausnahmen? Haben Männer einen höheren Sexdrive als Frauen? „Nein, das ist nicht so. Es gibt jedoch zwei ganz wesentliche Dinge, die dieses Thema so komplex machen.“, erklärt Wille-Helbich. Erstens ist die männliche Lust durch den konstanten Testosteronspiegel, den Männer haben, im Laufe des Monats relativ gleichbleibend. Die weibliche Libido ist hingegen grundlegend komplexer und richtet sich nach dem Zyklus. Frauen haben rund um den Eisprung mehr Lust auf Sex, in den Wochen davor aber ein anderes Lustempfinden, nämlich tendenziell mehr Verlangen auf aufregenden Sex als in der zweiten Hälfte. Zweitens sind Männer visuell simpler zu stimulieren, sprich sobald sie etwas sexuell anspricht, steigt die Lust und sie gehen in einen Erregungsmodus. „Wäre das nicht so, wäre die Menschheit übrigens schon längst ausgestorben“, sagt Wille-Helbich.

Toxische Männlichkeit als Grundlage

Es ist kein Geheimnis, dass Männer sich durch bestimmte Kriterien, die nach wie vor als typisch männlich gelten, definieren. Männer müssen die starke Schulter zeigen, der Fels in der Brandung sein, dominant sein, keine Schwäche zeigen und nicht über ihre Gefühle reden. Buben werden von Kindesalter zum potenten Mann erzogen. Sie sollen ihren Mann stehen und es später im Bett bringen. Bei solchen stereotypischen Verhaltensweisen spricht man von toxischer Männlichkeit. Dieses Klischee setzt eine Grundbasis dafür, dass Männer sich in ihrer Männlichkeit verunsichern lassen, wenn ihre Libido sinkt. Hier spielen, auch wenn es unbewusst passiert, Scham und Selbstzweifel eine große Rolle. „Es gibt wenige Männer, die sich nicht verunsichert fühlen, wenn plötzlich die Frau das Ruder übernimmt und mehr Verlangen nach Sex hat. Sie haben dann das Gefühl, sei seien nicht der richtige Mann, um die Begierde der Frau zu stillen.“, sagt Wille-Helbich.

Wenn der Mann seinen Penis in die Scheide der Frau schiebt.
Kinderbuch "Woher die kleinen Kinder kommen"

Der Konflikt beginnt in der Kindheit. Wird in der Volksschule über den menschlichen Körper unterrichtet, heißt es oft, Männer haben „da unten was“; Frauen hingegen haben „da unten nichts“. Als Frau zeigt man das nicht, das gehört sich nicht, das ist nicht lady like. Auch Masturbation bleibt, bis heute, Männerthema.

Ein Auszug aus dem kindergerechten Aufklärungsbuch Wieso? Weshalb? Warum? Woher die kleinen Kinder kommen? (aus dem Jahr 2001) lässt vermuten, dass die sexuelle Pflicht ganz klar beim Mann liegt, er hat die Aufgabe, zu funktionieren, was genau bei der Frau passiert, ist eigentlich gar nicht relevant. „Wenn Erwachsene sich lieben, möchten sie sich körperlich so nah wie möglich sein. Dabei sind sie gern nackt und streicheln und küssen sich. Oft bekommen sie dann Lust miteinander zu schlafen. So nennt man es, wenn der Mann seinen Penis, der groß und steif geworden ist, in die Scheide der Frau schiebt.“

„Wir reden über Zeugung und Verhütung. Was aber ist Sexualität und wie empfinde ich was? Darüber redet kein Mensch und deshalb wird es auch ungesund“, bestätigt Expertin Wille-Helbich.

Rollenbilder aus Pornos

Ursachen für eine niedrige Libido können unentdeckte Fetische, hormonelle Störungen, Erektionsstörungen, Stress oder Schmerz beim Verkehr sein. Ein Problem, das in den vergangenen Jahren gewachsen ist und voraussichtlich weiter ansteigen wird, ist die Abhängigkeit von Pornografie. Heutzutage wachsen Jugendliche vermehrt mit Pornografie auf, schauen sich Rollenbilder von Pornos ab und sehen, dass Männer Frauen wie Maschinen zu „befriedigen“ haben. Es wird schwierig, gerade in den ersten Berührungspunkten mit Sexualität diesen Bildern gerecht zu werden, geschweige denn zu hinterfragen, ob Man(n) das überhaupt möchte.

In Therapiestunden fällt Sexualtherapeutin Bettina Brückelmayer auf, dass betroffene Frauen Fehler bei sich selbst suchen, beginnen ihren Körper zu perfektionieren. Männer hingegen wollen sich den Mangel nach Lust erst spät eingestehen, oft dauert diese Erkenntnis mehrere Sitzungen.

Psychotherapeutin Sarah Fohler empfiehlt Klienten sich mit grundlegenden Fragen auseinanderzusetzen: „Was heißt für mich Männlichkeit? Was haben mir meine Eltern vorgelebt? Was finde ich selbst männlich?“ Psychosexuelle Erziehung ist der springende Punkt. In ihr sind die grundlegenden Probleme verankert. „Diese Fragen zu reflektieren kann enorm helfen und vielleicht verhindern, dass sich Libidoverlust zu einer Erektionsstörung entwickelt.“

Selbstbestimmtheit statt Aufklärungsgespräch

Sexualität hat viel mit Proaktivität, Körpergefühl und Wohlfühlen zu tun. Als Eltern kann man durch ehrliche Kommunikation früh damit beginnen, ein offenes Klima zu schaffen, auch in Bezug auf Selbstbestimmtheit und offene Bedürfnismitteilung. Werte, die auch im nicht-sexuellen Bezug vermittelt werden können. Aufklärung beginnt mit Denkanstößen wie: Wie fühle ich mich damit, wenn mir jemand nahekommt? Wo sind meine Grenzen? Was mag ich und was nicht?
„Das findet aber zu wenig statt. 95 Prozent meiner Klient:innen wurden nicht richtig aufgeklärt. Auch wenn ich jetzt Eltern in Paartherapie frage, ob sie mit ihren Kindern darüber reden, sagen sie: Nein, die wissen ja schon alles. Ich sag dann: die wissen gar nichts, die haben höchstens Bilder gesehen und wissen nicht, was sie damit anfangen sollen.“

Zurückweisung ist unisex frustrierend

Zurückweisung ist frustierend. Sie wird für jedes Geschlecht als Kränkung empfunden. Claudia Wille-Helbich erzählt von Klientinnen, die diese Kränkung kompensieren können. Männer gehen mit der Zurückweisung anders um. Sie entwickeln eine Art Schamgefühl, wollen es mit sich selbst ausmachen. Werden Themen gesellschaftlich tabuisiert, werden sie das auch in zwischenmenschlichen und romantischen Beziehungen, was zu groben Problemen in weiteren Beziehungen führen kann.

Felix und Kasia hat es geholfen, sich darüber im Klaren zu werden, dass Sex nicht nur der sexuelle Akt ist, sondern auch eine intime Umarmung, Berührungen, das Gefühl der Nähe und Begierde.

Sexuelle Stereotype brechen auf

So wie Kasia besuchen deutlich mehr junge Leute, oft sogar vor ihrem ersten Mal Sexual-therapeut:innen, um nicht dieselben Fehler wie die vorige Generation zu machen. Tendenziell setzen sich junge Menschen stärker mit dem Thema Sex auseinander um Stereotypen zu lösen, um ihren Beziehungen Druck zu nehmen. Der Wunsch, dass sich stereotypische Bilder von Geschlechtern lösen, ist präsent, immerhin hat sich seit dem römischen Reich schon einiges getan.


Infos und Quellen

Genese

Mehrere Freundinnen von WZ-Autorin Nora Schäffler haben ihr, oft nach einer Trennung, erzählt, dass ihr Partner weniger Lust auf Sex hatte als sie. Als Schäffler sie fragte, warum sie das nicht früher erzählt haben, meinten sie, das wäre "ja total komisch, als Frau mehr Lust zu haben." Schäffler ging daraufhin der Frage nach, warum männliche Libido ein Tabuthema ist und ob das so bleiben muss.

Gesprächspartner:innen

  • Claudia Wille-Helbich, medizinische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt auf Paar- & Sexualtherapie

  • Sarah Fohler, Sexualtherapeutin

  • Bettina Brückelmayer, Sexualtherapeutin

  • Betroffene: Kasia, Christie, Felix, Laura (ihre Namen wurden von der Redaktion geändert)

Quellen

Das Thema in anderen Medien