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Der Wiener Institution sollte es in den 260 Jahren ihrer Existenz mehrmals an den Kragen gehen. Sie hat sich jedoch bis heute immer behaupten können.
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Der riesige Kölner Tivoli-Park war in den 70er-Jahren schon kurz nach seiner Eröffnung bankrott. Der Lunapark in Berlin schlitterte ebenfalls in die Pleite und wurde demontiert. Ähnliche Vergnügungsstätten in Ungarn, Belgien und Spanien sind spurlos verschwunden. Und Coney Island, das legendäre Vergnügungsviertel in New York, wo zahlreiche Unternehmer ihre Attraktionen anboten, ist längst nicht mehr das, was es einmal war: Heute ist ein Teil des Areals als Lunapark abgeriegelt, der Zutritt ist nicht gratis, es gibt an den Eingängen strenge Sicherheitskontrollen. Aus dem wilden Durcheinander wurde ein geregelter, konzernbetriebener Funfair.
Den Wiener:innen blieb das erspart. Vor 260 Jahren von Kaiser Joseph II. für alle geöffnet, hat der Prater seine Identität bewahrt. Dabei war der Vergnügungspark nicht unumstritten: So war etwa die katholische Kirche anfangs dagegen, dass sich die Menschen zu jeder Uhrzeit im Grünen mit Bier und Kegeln vergnügen konnten, anstatt in die Heilige Messe zu gehen. Der Maiaufmarsch der Arbeiter:innen in der Prater Hauptallee machte Ende des 19. Jahrhunderts noch vielen Bürger:innen Angst. Sie befürchteten Ausschreitungen, die proletarische Machtdemonstration war ihnen zuwider. Trotzdem: Die Praterlandschaft ist seit April 1766 für alle frei zugänglich und in gewissem Sinn urwüchsig geblieben. Der Wurstelprater ist nicht zu einem umzäunten Unterhaltungsbetrieb verkommen, wo man einen fixen Eintritt zahlt und nur austauschbare Hochschaubahnen vorgesetzt bekommt. Im Vergnügungspark hat man bis heute „eine Hetz“ auch mit alten Attraktionen wie dem Spiegelkabinett, der Geisterbahn, einer simplen Rutsche.
Selbst der „Kasperl“ musste ein Nazi sein
Dass es heute so ist, ist keinesfalls selbstverständlich: Einen ersten Großangriff auf den Prater starteten die Nationalsozialisten nach dem „Anschluss“ 1938. Den braunen Machthabern war der Ort, den der Psychoanalytiker Helmuth Figdor kürzlich in einem essayistischen Vortrag als „subversiv“ bezeichnet hat, in höchstem Maß unsympathisch. Zu bunt war er den neuen autoritären Herren und zu divers, scheinbar keiner Ordnungsmacht gehorchend.
Zuerst wurden jüdische Praterunternehmer:innen enteignet und vertrieben. Alle „undeutschen“ Bezeichnungen wie der Name des Wirtshauses „Zum englischen Reiter“ mussten verschwinden. Der „Kasperl“ wurde zensuriert und hatte den Kindern nunmehr die NS-Ideologie näherzubringen. Die beliebten Schießbuden wurden teilweise zu Maschinengewehrständen umfunktioniert und Einheiten der Hitlerjugend machten Jagd auf die „Prater-Schlurfs“: auf unangepasste Jugendliche, denen die Haare in den Nacken hingen und die in Lokalen an der Hauptallee Jazz hörten und zu Songs wie „Tiger Rag“ tanzten.
Als im April 1945 Wien zum Schlachtfeld wurde, verschwand der Wurstelprater fast komplett vom Erdboden. Die deutsche Wehrmacht errichtete dort Schützen- und Splittergräben, um die Stadt gegen die vorrückende Rote Armee zu verteidigen. Im unverbauten Terrain erfolgte der Hauptangriff der Sowjets, es kam zu heftigen Kämpfen, große Teile des Grünen Praters wurden von Bomben und Granaten gleichsam umgepflügt. Der Wurstelprater brannte komplett ab, auch das Riesenrad war nur noch eine Ruine.
Das, sollte man meinen, war das Ende. War es aber nicht. Die überlebenden Praterunternehmer:innen starteten den Wiederaufbau, nach und nach kehrten Fahrgeschäfte und Imbissbuden zurück. Der verwüstete Grüne Prater wurde vom Stadtgartenamt wieder aufgeforstet. In der Nachkriegszeit lief das Geschäft wieder an.
Acht Kinos in der Zwischenkriegszeit
Trotzdem erreichte der Prater die Bedeutung, die er Ende des 19. Jahrhunderts hatte, nach 1945 nicht mehr. Er rückte im übertragenen Sinn vom Zentrum an die Peripherie der Stadt, wie es der Historiker und Kurator im Wien Museum Werner Michael Schwarz formuliert. „Ende des 19. Jahrhunderts, als Wien einen massenhaften Zuzug erlebte, die Bevölkerungszahl explodierte, konnte man im Prater lernen, wie Großstadt funktioniert“, so Schwarz im Gespräch mit der WZ. „Dort war die Möglichkeit, in die Metropole hineinzuwachsen“ – auch wenn man kein oder nur wenig Geld hatte. Im Prater seien Errungenschaften der Technik vorgestellt und getestet worden: Luftschiffe und Flugzeuge hoben ab. Menschen, die noch nie ein Auto gelenkt hatten, konnten das dort in einem der Fahrgeschäfte erstmals tun; man konnte ausprobieren, wie eine Rolltreppe funktioniert. Die Wiener:innen kamen dort erstmals mit Bewegtbildern in Kontakt, später mit Kinofilmen. Acht Kinos gab es in der Zwischenkriegszeit im Prater, zum Teil mit weit über 1.000 Sitzplätzen. Auch die Restaurants hatten teils gigantische Ausmaße.
In den Jahrzehnten nach 1945 konnten sich die Menschen Urlaube und Fernreisen leisten, und waren nicht mehr darauf angewiesen, sich die Welt in Panoramabahnen anzusehen. Der Prater war kein attraktiver Standort für Kinos mehr, auch weil die Menschen immer öfter vor ihren privaten TV-Geräten saßen.
Der Prater war in der Krise, ging aber nicht unter. „Andere Vergnügungsparks mussten aus verschiedenen Gründen schließen, der Prater ist irgendwie übergeblieben“, formuliert es Schwarz. Woanders seien Vergnügungsparks Stadterweiterungsprojekten zum Opfer gefallen; in Wien, wo die Bevölkerungszahl nach 1945 abnahm, nicht.
Der letzte „Anschlag“ auf den bestehenden Prater erfolgte Anfang der Nullerjahre, als das Areal im Vorfeld der Fußball-EM 2008 als Hotspot „attraktiviert“ werden sollte und der französische Themenparkexperte Emmanuel Mongon einen „Masterplan“ erstellte. Darin war vorgesehen, das Pratergelände einzuzäunen und Eintritt zu verlangen. Dazu sollte der Prater in thematische Zonen geteilt werden und eine Seilbahn die Messe mit dem Riesenrad verbinden. Daraus wurde nichts, lediglich der Eingangsbereich des Praters wurde umgestaltet und mit einer Nostalgie-Kulisse versehen. Den zahlreich in den Prater strömenden TouristInnen gefällt es.
Emotionale Verbindung als Schutzschild
Stellt sich die Frage, warum gerade der Wiener Prater überleben und seine ursprüngliche Identität bewahren konnte.
Der vielleicht wichtigste Grund sei eine „intensive emotionale Verbindung“, der Wiener:innen mit dem Vergnügungspark, sagt Historiker Schwarz: „Es sind so viele Geschichten mit ihm verbunden, so viele Kindheitserinnerungen.“
Dazu kommen die alten Praterfamilien, die schon seit vielen Generationen die Fahrgeschäfte besitzen. „Die führen vieles als Tradition einfach weiter“, weiß Schwarz, da gehe es nicht immer nur um Profit. Zum Teil wohnen diese Familien direkt im Wurstelprater, haben dort ihre Häuser, schicken ihre Kinder in die umliegenden Kindergärten und Schulen. Oft kann man beobachten, wie diese alteingesessenen Unternehmer:innen eigenhändig an ihren Fahrgeschäften werken und Reparaturen durchführen. Sie haben als Eigentümer:innen bei Entscheidungen, die den Prater betreffen, einiges an Gewicht. Und sie wollen, wie offenbar die Mehrheit der Wiener:innen, dass sich der Prater zwar verändert, aber trotzdem das bleibt, was er gewesen ist.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
Dr. Helmuth Figdor, Psychoanalytiker
Univ. Doz. Dr. Werner Michael Schwarz, Kurator im Wien Museum
Mag. Susanne Winkler, Kuratorin im Wien Museum
Quellen
Werner Michael Schwarz und Susanne Winkler (Hg.): Der Wiener Prater. Labor der Moderne. Birkhäuser-Verlag 2024
Wienerisches Diarium, Ausgabe vom 9. April 1766
Daten&Fakten
Der Vergnügungspark Dyrehavsbakken am Stadtrand von Kopenhagen ist der älteste Vergnügungspark der Welt. Sein Ursprung liegt im Jahr 1583. Der ursprüngliche Charakter des Vergnügungsparks ist bis heute erhalten geblieben, noch immer wird er von vielen kleinen Geschäftsleuten betrieben.
Als Joseph II. den Wiener Prater 1766 für die Allgemeinheit öffnete, wurde das im „Wienerischen Diarium“, so hieß die WZ damals, kundgetan.
Von den zahlreichen Buden und Fahrgeschäften blieben nach dem Praterbrand im April 1945, der durch Kämpfe um Wien im Zuge des Zweiten Weltkriegs ausgelöst wurde, gerade einmal 18 Objekte erhalten.
Das Areal des Wurstelpraters ist heute im Eigentum der Stadt Wien, die die Prater Wien GmbH mit der Verwaltung und Entwicklung des Wurstelpraters beauftragt hat.
Das Thema in der WZ
Besuch im Prater, ein zeitloses Vergnügen
Das Thema in anderen Medien
ORF: Wurstelprater feiert sein 260-jähriges Bestehen
Presse: Umgestaltungspläne des Praters
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