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Der Preis des Frau-Seins

5 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine feministische Kolumne zu einem aktuellen politischen Thema für die WZ.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine feministische Kolumne zu einem aktuellen politischen Thema für die WZ.
© Illustration: WZ

Mit Claudia Goldin hat erst zum dritten Mal eine Frau den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Ihr Forschungsschwerpunkt ist - ausgerechnet - der Gender Pay Gap. Der liegt in Österreich immer noch bei 18,8 Prozent.


Gute Nachrichten gibt es dieser Tage selten. Deshalb möchte ich euch eine dieser seltenen guten Nachrichten, die etwas untergegangen ist zwischen all den schlechten Nachrichten, nicht vorenthalten: Der Wirtschaftsnobelpreis ging an eine Frau.

Das ist, leider, eine durchaus bemerkenswerte Neuigkeit, da Claudia Goldin erst die dritte Frau überhaupt ist, der diese Ehre zuteilwurde. Vor ihr durften sich Elinor Ostrom im Jahr 2009 und Esther Duflo im Jahr 2019 über die hohe und hochdotierte Auszeichnung freuen. Oder, andersrum: von den bisher 93 Preisträger:innen waren 90 männlich, das sind nach meiner bescheidenen Rechnung knapp 97 Prozent, aber rechnet lieber selbst nach, eine Wirtschaftsnobelpreisträgerin wird aus mir nämlich keine mehr.

Claudia Goldin, und das ist die zweite gute Nachricht, erhielt ihren Nobelpreis zudem für ein explizit feministisches Thema. Ihr Forschungsschwerpunkt ist nämlich der sogenannte Gender Pay Gap, also die Lohnschere zwischen Männern und Frauen. Diese Lohnschere im Übrigen liegt in Österreich aktuell bei 18,8 Prozent.

Ohne Sarkasmus schafft man es als Frau nicht

Und weil ich heute so in Stimmung für gute Nachrichten bin: Der Gender Pay Gap verbesserte sich damit im Vergleich zum Vorjahr um enthusiasmierende 0,1 Prozent. Ohne Sarkasmus schafft man es nicht als Frau. Wartet, noch eine gute Nachricht: Österreich ist damit EU-weit fast Erster (Gratulation), nur in Estland ist die Lohnschere noch höher bei 20,5 Prozent. EU-weit übrigens 12,7 Prozent. Wie viele Jahrhunderte wir bei diesem Tempo brauchen, um geschlechtsbezogene Diskriminierungsfreiheit in Sachen Bezahlung zu erreichen, kann eine Wirtschaftsnobelpreisträgerin sicher errechnen, ich traue mich leider nicht mal, es zu ergooglen.

Aber zurück zu Claudia Goldin. Die beschäftigte sich in ihrer Forschung allgemein mit der Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und konkret mit der Frage, warum Frauen schlechter bezahlt werden. Zunächst lässt sich feststellen, dass, ab der Geburt des ersten Kindes, Frauen in heterosexuellen Paarbeziehungen schlechter verdienen, während der Lohn von Männern steigt. Sie nennt das „motherhood penalty“ auf der einen und „fatherhood premium“ auf der anderen Seite, also Bestrafung für Mutterschaft und Belohnung für Vaterschaft. Beides ergibt sich dadurch, dass Frauen den Großteil der unbezahlten Arbeit zu Hause übernehmen, den Großteil der pflegenden und fürsorgenden Arbeit, der Arbeit im Haushalt und in der Kinderbetreuung.

Frauen halten Männer den Rücken frei

In einer Gesellschaft, die es immer noch als Selbstverständlichkeit erachtet, dass Frauen unbezahlte Reproduktionsarbeit leisten, ist es gewissermaßen ein sich daraus ergebender Automatismus, dass diese Verantwortung, oder besser: das Verantwortlich-gemacht-Werden, dazu führt, dass sie weniger Zeit für Erwerbsarbeit haben. Bei Vätern hingegen ist es genau umgekehrt: Die investieren ab der Geburt ihres ersten Kindes mehr Zeit in ihre Erwerbsarbeit, da sie wiederum wie selbstverständlich als „Familienernährer“ fungieren, und deshalb eben auch selbstverständlich mehr erwerbsarbeiten, Überstunden machen und so weniger Zeit für unbezahlte Arbeit zuhause haben.

Die Frau, die zuhause unbezahlt arbeitet, schafft mit dieser unbezahlten Arbeit das Fundament für die bezahlte Arbeit des Mannes. Die Reduktion der Erwerbsarbeit von Frauen, wenn das erste Kind kommt, hat nicht nur den Effekt, dass Frauen sich um ihr Kind kümmern können, sondern hält auch den Vätern den Rücken für mehr Erwerbsarbeit frei. Dies führt für Männer zu mehr Einkommen aber auch zu mehr Karrierechancen, die zu wiederum noch mehr Einkommen führen, fatherhood premium eben. Diese Lücke schließt sich allerdings nie: Auch wenn Frauen nach Karenz und Babypause wieder einsteigen, gleicht sich das Einkommen von Männern und Frauen nie wieder an.

Frauen erhalten 40,55 Prozent weniger Pension als Männer

Das hat auch in Österreich drastische Konsequenzen, denn dieser Gap summiert sich über die gesamte Erwerbslaufbahn von Frauen und am Ende dieser Laufbahn erhalten Frauen aktuell 40,55 Prozent weniger Pension als Männer. Ich wiederhole diese Zahl, da sie unglaublich scheint (sie ist aber leider wahr, ihr könnt das gern nachkontrollieren): Frauen in Österreich erhalten 40,55 Prozent weniger Pension als Männer. Das ist beinahe die Hälfte. Man muss keine Wirtschaftsnobelpreisträgerin sein, um zu verstehen, dass das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist.

Schlicht und einfach Diskriminierung

Ach ja, bevor ich es vergesse: Falls ihr euch jetzt denkt, „Naja, dann sollen Frauen halt keine Kinder kriegen, selber schuld!“: In Goldins Forschung gibt es neben der „motherhood penalty“ und dem „fatherhood premium“ noch eine dritte Komponente, die dazu führt, dass Frauen weniger verdienen. Sie nennt das „the price of being female“, also der Preis des Weiblich-Seins. Und das ist genau das, wonach es klingt: Es gibt einen Anteil des Gender Pay Gaps, der nicht in Elternschaft und ungleicher Verteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit begründbar ist, sondern schlicht und ergreifend in ökonomischer Diskriminierung auf Grund des Geschlechts, also darin, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer. Einfach so. Weil sie Frauen sind. Eine Frau zu sein, kostet nämlich auch dann einiges, wenn man keine Mutter ist (und leider nicht nur Nerven, sondern auch Geld), Mutter-Sein aber eben umso mehr (Nerven und Geld).

Dass eine Frau, die sich in ihrer Forschung genau dieses Themas annimmt, einen Nobelpreis erhält, ist eine gute Nachricht. Eine noch bessere wäre, wenn politische Entscheidungsträger:innen ihre politischen Entscheidungen an ebendiesen wissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichten und entsprechende Maßnahmen setzen würden.

Ist ja jetzt nicht so, dass wir in diesem Land keine feministischen Ökonominnen hätten, denen man mal zuhören könnte. Ist ja jetzt nicht so, dass es nicht auch hierzulande seit den 1970ern Feministinnen gibt, die einen ganzen Katalog an Vorschlägen hätten, wie man die ökonomische Diskriminierung von Frauen abbauen könnte. Ist ja jetzt nicht so, als hätten wir keine Frauenministerin.


Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.