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Der rutschende Weinhang des Starwinzers

11 Min
An der südsteirischen Weinstraße klafft eine Wunde.
© Collage: WZ, Fotocredit: WZ

Für seinen Wein lässt Starwinzer Manfred Tement einen Wald roden. Doch der Weinhang rutscht ab. Gutachten hatten davor gewarnt. Die Behörde ignorierte sie.


Tausende Linien durchziehen die Hügel der Südsteiermark. Ein enges Raster aus Weinstöcken. Eine Zeile neben der anderen. Eine Riede neben der anderen. Geometrische Figuren, durchbrochen von Wäldern und Weilern. Ein Landstrich, geprägt von der Agrarkultur des Weinbaus. In dieser Landschaft klafft eine Wunde.

Ein Hangrutsch hat sie in den Graßnitzberg in der Gemeinde Straß geschlagen. Wie Spielzeug verschob er die Zeilen, entwurzelte Weinstöcke, verschüttete Spaliere. Mit dem Hang ist die Südsteirische Weinstraße abgesackt. Die Erdmassen nahmen die Fahrbahn mit in die Senke. Rot-weiße Absperrbänder flatterten im Wind. Die Straße war über Wochen gesperrt. Der Schaden geht in die Hunderttausende. Schuld soll die Rodung eines Waldes sein. Die Bezirkshauptmannschaft hat sie, entgegen der Warnungen ihrer eigenen Gutachter, genehmigt. Sie nahm den Hangrutsch in Kauf – zu Gunsten eines Einzelnen.

Der Promiwinzer

Im Zentrum der Geschichte steht Manfred Tement. Um den Mann ranken sich Legenden. Er ist eine vielschichtige Figur. Genialer Gaumen. Schillernder Winzer. Beinharter Geschäftsmann. Seine Karriere ist bemerkenswert. Als er den Rebgarten seiner Eltern Ende der 1970er-Jahre übernimmt, ist er drei Hektar groß. Heute besitzt die Familie über hundert Hektar Rebflächen. 600.000 Flaschen produziert sie im Jahr. Ihr Sauvignon Blanc ist weltberühmt. Im Weinkeller geben sich Promis die Klinke in die Hand. Thomas Muster, Alfred Gusenbauer, Andreas Gabalier sind getreue Tement-Trinker. Der kleine Winzer hat es zum Star der Branche gebracht – und ein Imperium aufgebaut, das seine Söhne Armin und Stefan heute führen.

Die südsteirische Weinstraße, ein Landstrich, geprägt von der Agrarkultur des Weinbaus.
Die südsteirische Weinstraße, ein Landstrich, geprägt von der Agrarkultur des Weinbaus.
© WZ

Sie haben Erfolg, Geld, Ruhm. Der Sender Servus TV drehte eine Doku über die Tements. Ihr nächstes Projekt sollte all das übertreffen.

Der Plan war verwegen. Auf imposanten Terrassen Lagenwein etablieren. Ein Hang am Graßnitzberg war dafür prädestiniert. Seit Jahren hatten sie ihn im Auge. Zwei Drittel der Flächen gehörten bereits Manfred Tement. Ein Drittel pachtete er vom Sozialwerk Bau-Holz, einem Verein der Gewerkschaft der Bau- und Holzarbeiter. Die Lage war ideal. Die Ausrichtung zur Sonne, die Neigung, der magere Boden, die Nähe zum Weingut – perfekt für den nächsten Tropfen aus dem Hause Tement. Das Problem: Der Hang war bewaldet. Ulmen, Buchen, Eschen, Nussbäume standen dem Winzer-Eifer im Weg. Sie mussten weg. Das ist in Österreich nicht so einfach.

Der Schutz des Waldes

Der Schutz des Waldes ist im Gesetzbuch verankert. Seine Rodung ist verboten. Doch es gibt Ausnahmen. Immer wieder werden Wälder geschlagen – für Straßen, Gleise, Mobilfunkmasten, die Infrastruktur des Landes. Die Forstbehörde muss das öffentliche Interesse an der Erhaltung gegen das öffentliche Interesse an der Rodung eines Waldes abwägen. Ist letzteres größer, erteilt die Bezirkshauptmannschaft (BH) die Rodungs-Genehmigung. An Tements neuem Sauvignon Blanc hat die Öffentlichkeit offensichtlich großes Interesse.

Denn im November 2019 genehmigte die BH Leibnitz, Tements 2,6 Hektar großen Wald am Graßnitzberg dauerhaft zu roden. Bagger fuhren auf. Was in achtzig Jahren gewachsen war, war in zwei Tagen Geschichte. Der Wald wich Weinterrassen. Das Prestigeprojekt nahm Gestalt an. Die Reben wurzelten in den kalkhaltigen Boden. Der Hügel ergrünte.

Das Trauma

Ein Jahr später – im Dezember 2020 – passierte die Katastrophe. Der Hang rutschte mitsamt den Terrassen. Die Landstraße darüber wurde instabil, eine Spur musste gesperrt werden. Die Grünen forderten eine Untersuchung. Bundesrat Andreas Lackner bezeichnete den Rodungsbescheid als „verantwortungslos und grenzüberschreitend”. Es war erst der Anfang. Im Dezember 2022 sackte der Hang erneut ab. Nach starken Regenfällen im Mai 2023 kapitulierte er endgültig. Erdmassen, Asphalt, Schotter rollten den Weingarten hinunter. Sie schlugen eine Schneise der Verwüstung. Der Traum wurde zum Trauma. Wovor viele gewarnt hatten, trat ein.

Der Hangrutsch hätte verhindert werden können. Warnungen gab es genug. Sie finden sich ausgerechnet in jenem Dokument, das ihn verursachte – dem Rodungsbescheid der BH Leibnitz vom 14.11.2019. In das 35 Seiten starke Papier flossen Stellungnahmen und Gutachten ein. Sie liegen der WZ vor.

Das warnende Gutachten

Eines dieser Gutachten stammt vom Juni 2019. Dietmar Forstner, Leiter des Forstfachreferates Leibnitz, hat es erstellt. Überraschenderweise spricht sich Forstner gegen eine Rodung aus. Er warnt dezidiert vor einem Hangrutsch. Der Wald habe „besondere Wirkungen im Bezug auf den Schutz vor Elementargefahren (Bodenerosion)”, heißt es in seinem Gutachten. Der Experte hat sich den Wald angesehen: Wie ist sein Boden beschaffen, wie steil ist der Hang?

Er ist sehr steil. 80 bis 100 Prozent Neigung. Die Wurzeln der Bäume halten den Boden zusammen. Der Fortbestand des Waldes sei notwendig. Für wie wahrscheinlich hielt Forstner Erosionsschäden? Hätte man den Wald nicht roden sollen? Das wollten wir von Forstner wissen. Der Leiter des Forstfachreferates will zu seinem Gutachten nichts sagen. Wir sollen uns direkt an die Bezirkshauptmannschaft wenden. Doch auch die Behörde schweigt und verweist auf ein offenes Verfahren.

Ich habe das Projekt hochkritisch gesehen.
Ute Pöllinger, Umweltanwältin

Der Forstfachreferent ist nicht der einzige, dem das Vorhaben Bauchschmerzen bereitet. „Ich habe das Projekt hochkritisch gesehen und es nur zähneknirschend akzeptiert”, sagt die steirische Umweltanwältin Ute Pöllinger. Dem Rodungsbescheid liegt ihre Stellungnahme bei. Das Vorhaben würde zu einer „nachhaltigen Beeinträchtigung des Landschaftscharakters und einer nachhaltigen Verunstaltung des Landschaftsbildes” führen, steht hier. Pöllinger hätte den Weingarten nicht bewilligt. Der Bezirksnaturschutzbeauftragte Wolfgang Neubauer pflichtete ihr bei. Negative Auswirkungen auf Landschaftsbild und Lebensraumfunktion hielt er für erwartbar.

Was die Expert:innen in ihren Berichten und Gutachten schrieben, war der Bevölkerung sonnenklar: Verschwindet der Wald, rutscht der Hang. Die Menschen kennen Grund und Boden. Sie haben ihn über Jahrzehnte bestellt. „Wenn die Wurzeln den schottrigen Boden nicht mehr zusammenhalten, wird er instabil”, sagt Gitta Rupp, selbst jahrelang Winzerin am Graßnitzberg. „Dafür brauche ich keine Wissenschaft. Wir haben nicht verstanden, warum die Behörde die Rodung der Waldfläche genehmigt hat.” Wolfgang Walther, grüner Gemeinderat in Straß, stimmt ein. „Es ist extrem steil hier. Was haben sie sich erwartet?”, fragt er.

Die kuriose Begründung

Manfred Tement selbst wischte 2019 alle Bedenken vom Tisch. „So einen Blödsinn habe ich noch nie gehört. Die Gefahr einer Rutschung besteht eher, wenn wir den Hang nicht sichern”, sagte er gegenüber der Kleinen Zeitung. Viele glaubten ihm. Das Wort des Starwinzers hat Gewicht am Graßnitzberg. Bis heute schauen viele Winzer:innen zu ihm auf. „Ich finde es gut, dass er dort Wein anbauen will”, sagt ein Weinbauer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Im Akkord schenkt er Weißburgunder aus. Hinter der schweren Holzschank schwärmt er von den Plänen der Tements. „Das Projekt ist geil. Wir sind eine Weingegend, keine Waldgegend”, sagt er und öffnet eine neue Flasche. „Ich hätte es genauso gemacht, hätte ich die Möglichkeit gehabt. Aber ich hätte die Genehmigung nie bekommen.”

So einen Blödsinn habe ich noch nie gehört.
Manfred Tement

Die Tements schon. Die Begründung der Bezirkshauptmannschaft ist kurios. „Die Rodung dient der Erhaltung einer leistungsfähigen Landwirtschaft, weil dadurch der Anteil an Eigenflächen erhöht wird. So kann langfristig der Betrieb erhalten werden“, heißt es in der Stellungnahme der Agrarbezirksbehörde des Landes Steiermark. Der kleine Wald musste also gefällt werden, um das über hundert Hektar große Weingut der Tements zu retten? Die Behörde will mit der WZ nicht über die Causa sprechen.

Schwiegervater und Bezirkshauptmann

Ihr widerspricht selbst Manfred Tement. „Es ging nicht darum, die Flächen zu vergrößern, sondern bessere Flächen zu haben. Wir haben im Gegenzug andere Lagen aufgelassen”, sagt er zur WZ. Es wäre ihm um den Wein gegangen, nicht ums Geschäft. „Wenn Sie den besten Wein der Welt machen wollen, würden Sie das auch machen. Wenn Sie mit den besten Weinen der Welt mithalten wollen, versuchen Sie alles.” Alles für den Wein.

Auch der BH war Tements neues Wein-Projekt wichtiger als der Wald. Ihre eigenen Gutachter:innen haben den Hangrutsch vorausgesehen. Ihre Zweifel sind im Rodungsbescheid dokumentiert.

Wein auf Terrassen ist in der Südsteiermark unüblich
Weinstöcke auf Terrassen sind in der Südsteiermark eigentlich nicht üblich.
© WZ

Unterfertigt hat ihn Josef Peheim, Bezirkshauptmann in Vertretung von Leibnitz. Peheims Vorgesetzter ist Manfred Walch. Walch ist dienstältester Bezirkshauptmann der Steiermark – und der Schwiegervater von Armin Tement, Manfred Tements Sohn. Armin und Monika – gebürtige Walch – gaben sich, laut der Ehrenhauser Nachlese, im Jahr 2014 das Ja-Wort. Trotz mehrmaliger Nachfrage äußerte sich Walch nicht gegenüber der WZ. Unsere Recherchen stießen auf keinen Hinweis einer direkten Beteiligung des Bezirkshauptmanns am Verfahren.

Der Nachgang

Die Causa beschäftigt bis heute die Behörden. Das Land Steiermark streitet mit Tements Anwalt, wer für den Schaden aufkommen muss. Es geht um mehr als eine halbe Million Euro. Wieder werden Gutachten erstellt. Wieder sprechen sie eine klare Sprache: Der Auslöser der Rutschung sei „eindeutig” im unterliegenden Hangbereich zu finden und „nicht im Bereich des Straßenkörpers der Landesstraße”, heißt es aus dem Büro des stellvertretenden Landeshauptmanns Anton Lang (SPÖ) gegenüber der WZ. Es zitiert aus einem aktuellen Gutachten, erstellt im Auftrag der Landesstraßenverwaltung. Wie es zu diesem Schluss kommt, wissen wir nicht. Das Gutachten bleibt unter Verschluss. „Rechtliche Schritte werden derzeit geprüft. Daher können derzeit keine weiteren inhaltlichen Begründungen veröffentlicht werden.”

Auch Manfred Tement lässt ein Gutachten erstellen. Es kommt zum gegenteiligen Ergebnis: Die Rutschung ging vom Straßenkörper aus, nicht vom angrenzenden Weingarten. Gegenüber der WZ weist er jede Schuld von sich. „Wir haben aufrechte Bewilligungen der Bezirkshauptmannschaft für die Rodung des Waldes und die Errichtung der Terrassen”, sagt er.

Wir haben die Südsteiermark entwickelt.
Manfred Tement

Die WZ wollte eine unabhängige Meinung und fragte bei Martin Mergili nach. Der Geograph an der Universität Graz ist auf Bodenerosionen spezialisiert. „Wenn man in ein System, also etwa einen Hang, eingreift, dann kann es passieren, dass das stabile System gestört wird”, sagt Mergili. Eine Rodung ist so ein Eingriff. „Bäume sind für die Stabilität wichtig. Durch ihre Wurzeln wird das Wasser aus dem Boden gesaugt”, sagt er. Grundsätzlich sei es aber schwierig, vorherzusagen, wo etwas passiert.

Passiert sei am Graßnitzberg immer wieder etwas. „Hangrutschungen sind in unserer Gegend normal”, sagt Manfred Tement. Die Expansion seiner Flächen sieht er nicht als Problem. Ganz im Gegenteil. Der Erfolg der Steiermark ist der Erfolg seines Weines. „Wir haben die Südsteiermark entwickelt”, sagt er.

Die Wunde in der Region

Ist Tement der Erfolg über den Kopf gewachsen? Die Leute am Graßnitzberg sind zwiegespalten. „Retter des steirischen Weins”, rufen die einen. „Größenwahnsinniger Kapitalist”, die anderen. Da ist sie wieder, die Wunde in der Region.

Sie zieht sich über Stammtische, durch Buschenschanken und Wohnzimmer. Sie beschäftigt Nachbar:innen, Winzer:innen, Gutachter:innen, die Politik. Es geht um mehr als einen rutschenden Weinhang. Es geht um die Frage, wie wir mit unserem Boden umgehen, wem er dient, wer ihn bestellt und über ihn bestimmt. Es geht um die Frage, was Vorrang hat, die Erhaltung einer Kulturlandschaft oder die Maximierung von Gewinn. Investor:innen haben sich längst in der Südsteiermark eingekauft. Sie stampfen Chalet-Dörfer und Luxushotels aus dem Boden, lassen sich bei der Weinlese im eigenen Weingut im Boulevard ablichten.

Das Sterben der kleinen Winzer:innen

Das Kapital verändert den Landstrich. Immer weniger Winzer:innen produzieren immer mehr Wein. Laut Statistik Austria gab es in der Steiermark im Jahr 2009 noch 2.478 Weinbaubetriebe, 2022 war es 1.888. Die kleinen Winzer:innen mit eigener Buschenschank sperren der Reihe nach zu. Sie braten keine Maronen mehr am Straßenrand, laden nicht mehr zur Weinlese ein, schenken keinen Wein mehr aus. Sie verpachten ihre wenigen Lagen, verkaufen sie an die großen Namen der Branche. Namen wie Tement.

Die Wunde ist Symptom der Entwicklung. Sie ist Teil der Landschaft geworden. Eingebettet in einem Raster aus Wein.


Infos und Quellen

Genese

Im Frühling machte eine Geschichte in Lokalmedien die Runde: Die Rodung eines Waldes soll für einen Hangrutsch an der südsteirischen Weinstraße verantwortlich sein. Der Hang gehört Starwinzer Manfred Tement. Michael Ortner und Matthias Winterer fanden die Geschichte spannend. Sie erzählt viel über unseren Umgang mit Grund und Boden. Ein Landkrimi mit toten Weinstöcken statt toten Menschen. Die Redakteure haben sich vor Ort ein Bild gemacht – und mit dem Menschen am Graßnitzberg gesprochen.

Gesprächspartner:innen

  • Manfred Tement

  • Lambert Schönleitner (Grüne), Abgeordneter zum steirischen Landtag

  • Wolfgang Walther (Grüne), Gemeinderat in Straß

  • Gitta Rupp, ehemalige Bio-Winzerin

  • Manfred Walch, Bezirkshauptmann Leibnitz

  • Dietmar Forstner, Leiter des Forstfachreferates der BH Leibnitz

  • Ute Pöllinger, Umweltanwältin Steiermark

  • Sprecher von Anton Lang (SPÖ), Landeshauptmann-Stellvertreter

  • Martin Mergili, Geograph an der Universität Graz

  • Winzer:innen

  • Anrainer:innen

Daten und Fakten

Wald hat einen hohen Stellenwert in Österreich. Er reinigt die Luft, er ist Rohstofflieferant, Erholungsgebiet und er schützt vor Lawinen und Hangrutschen. Deshalb ist Wald schützenswert. Er darf nicht gerodet werden. Rodung heißt, die Bäume werden mitsamt den Wurzeln entfernt. Es gibt aber eine Reihe von Ausnahmen. Wald darf zum Beispiel gerodet werden, wenn Straßen oder Mobilfunkmasten gebaut werden müssen. Ein Wald darf aber erst dann gerodet werden, wenn keine öffentlichen Interessen bestehen. Die Forstbehörde muss das öffentliche Interesse an der Erhaltung des Waldes gegen das öffentliche Interesse an der Rodung abwägen. (Forstgesetz 1975)

Das Waldstück am Grassnitzberg, das gerodet wurde, liegt im Landschaftsschutzgebiet Südweststeirisches Weinland. Dieses Gebiet wurde 2001 zum „Zweck der Erhaltung seiner besonderen landschaftlichen Schönheit und Eigenart, seiner seltenen Charakteristik und seines Erholungswertes zum Landschaftsschutzgebiet nach dem Steiermärkisches Naturschutzgesetz 1976 erklärt.”

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien